cloud versaut oekobilanz des vernetzten lesens

Vernetztes Lesen & die Umwelt: Cloud versaut Ökobilanz

Ist elektronisches Lesen ökologisch sinnvoller als die Lektüre von gedruckten Büchern? Vor ein paar Monaten habe ich mich in dieser Frage mal weit aus dem Fenster gelehnt – „JA“, war meine Antwort, die ich dem Kundenmagazin der BSR gab. Mal abgesehen vom CO2-Fussabdruck, den die Produktion eines E-Readers verursacht (25 Kilogramm laut Ökoinstitut Freiburg) schrieb ich dann auch noch: „Vom aktiven Energieverbrauch her bleibt die Weste weiß – kein anderes Endgerät verbraucht so wenig Strom wie ein Lesegerät mit E-Ink-Display“. Vielleicht hätte ich noch hinzufügen sollen: das gilt nur für überwiegend unvernetzte Reader.

Problem: der „virtuelle“ Stromverbrauch

Spätestens, wenn via WLAN oder 3G die Rechnerwolke ins Spiel kommt, fangen überall auf der Welt versteckte Stromzähler an zu rotieren. In seinem Report „The Cloud Begins with Coal“ hat Mark Mills von Digital Power Group jetzt ein besonders krasses Beispiel angeführt: ein iPhone kann bei regelmäßigem Gebrauch insgesamt mehr Strom verbrauchen als ein energieeffizienter Kühlschrank (361 Kilowattstunden pro Jahr beim iPhone gegenüber 322 KWH pro Jahr beim Kühlschrank). Grundlage dieser Berechnung war ein Downloadvolumen von 2,8 Gigabyte pro Woche – gerade bei Video & Musikdateien schnell erreicht. Das Problem ist nur, man bemerkt den „virtuellen“ Verbrauch nicht. „Wenn man sich ins Auto setzt und den Motor anwirft, verbraucht man nur den Sprit im eigenen Tank. Wenn man aber ein Smartphone nutzt, verbindet man sich mit Computern überall auf der Welt und startet auch sie. Das ist so, als würde man gleichzeitig auch alle anderen Autos auf einem Parkplatz anwerfen“, so Mills gegenüber dem Guardian.

Neue Anwendungen fressen mehr Ressourcen

Bei Firmen, die ihre IT in die Cloud verlagern, sieht die Rechnung etwas anders aus – in diesem Fall kann tatsächlich Energie gespart werden gegenüber Rechnern, die selbst betrieben werden. Doch das gilt wiederum nur, wenn sich das Nutzungsverhalten nicht ändert: „Macht man genau dasselbe in der Cloud, spart das Energie und ist günstiger. Was passiert ist aber: die Leute machen nicht dasselbe, sondern machen weitaus mehr, sie nutzen neue Anwendungen, was im Endeffekt zu einem höheren Energieverbrauch führt“, so Mills. Die Computernutzung sei in den letzten zehn Jahren 1000 mal effizienter geworden, der Webtraffic habe jedoch um das 10.000fache zugenommen. Mittlerweile soll die Computernetzwerke bereits zehn Prozent des weltweiten Stromverbrauchs fressen.

Wie soll man einen Kühlschrank weglesen?

Insofern wird’s auch bei elektronischen Lesen etwas schmutziger, als man es gerne hätte, insbesondere, wenn man E-Lese-Apps auf Smartphones oder Tablets nutzt. Je vernetzter das Lesen, desto brontosaurusmäßiger der ökologische Fussabdruck, vor allem, weil im Strom für die Rechnerfarmen noch sehr viele fossile Energien stecken (die o.a. Studie wurde übrigens von der US-Lobby für „Saubere Kohle“ in Auftrag gegeben – als ob das die Lösung wäre…). Den C02-Fussabdruck eines simplen E-Readers – der je nach Rechnung irgendwo zwischen 25 und 75 Kilogramm liegt, kann man noch „weglesen“, da mit jedem E-Book ungefähr ein Kilogramm C02-Emission eingespart wird. Doch wie realistisch ist die isolierte Betrachtungsweise? Viele User betreiben parallel mindestens zwei bis drei Mobilgeräte, bei denen neben der Produktion auch der Betrieb jede Menge Ressourcen frisst. Jahr für Jahr einen ganzen Kühlschrank weglesen, das wird selbst für Vielleser kaum erreichbar sein. Da ist es dann wohl doch besser, man bestellt per Telefon einen Print-Schmöker in der Buchhandlung um die Ecke und lässt ihn sich per Fahrradkurier liefern…

Abb.: Flickr/Ryan Smith Photography (cc)

Über Ansgar Warner

Ansgar Warner arbeitet als freier Autor im Medienbüro Mitte (Berlin). Neben diversen Brotarbeiten für Presse & Rundfunk bloggt er hier rund um's Thema Elektronisches Lesen. Die spannende (Vor-)Geschichte der elektronischen Bücher erzählt Ansgar in "Vom Buch zum Byte". Praktische Infos für Autoren, Verleger & alle E-Reading-Interessierten vermittelt das "e-book & e-reader abc".

Ein Gedanke zu „Vernetztes Lesen & die Umwelt: Cloud versaut Ökobilanz

  1. War hier nicht die Rede von elektronischem Lesen? Also ist doch der Vergleich eines E-Book-Readers oder regelmäßiger Zeitungslektüre auf einem Smartphone/Tablet mit einem iPhone zum Streamen von Musik und Videos ziemlich gewagt. Und weshalb soll die Bestellung eines Printbuches beim Buchhändler und dessen Lieferung per Fahrradkurier besser sein als eine logistisch gut organisierte Lieferung von Amazon via DHL etc. frei Haus. Der Buchhändler muss auch dezentral versorgt werden und der Fahrradkurier ist nicht klimaneutral, schon gar nicht, wenn er nur wegen eines einzigen Buches durch die Gegend radelt. Der schweißtreibende Job muss mit ausreichender Kalorienzufuhr über den Grundumsatz eines Büroarbeiters hinaus kompensiert werden, deren Herstellung in der Landwirtschaft recht hohe Klimagasemissionen verursacht. Was die Ökobilanz betrifft, darf man eben nicht isoliert einzelne Alternativen herauspicken, auch wenn die Versuchung dazu groß ist.

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