„Verlage müssen Story-Telling von der Games-Branche zurückerobern“ (Charlie Redmayne, HarperCollins UK)

Geschichten erzählen, das können sie, die Verleger (z.B. „Das haben wir schon immer so bzw. noch nie so gemacht“). Aber können sie eigentlich auch Storytelling? Dass man bei diesem Begriff mittlerweile eher an die Games-Branche denkt, stimmt schon nachdenklich. Charlie Redmayne, neuer Chef des britischen Zweigs von HarperCollins, las seiner Branche letzte Woche die Leviten: man habe sich von der digitalen Konkurrenz den Schneid abkaufen lassen, sowohl von App-Produzenten wie auch von Self-Publishern. „Verlage gehören in historischer Perspektive zu den innovationsfreudigsten und kreativsten Organisationen“, wird Redmayne vom Guardian zitiert. „Doch was die digitale Revolution betrifft, da sind wir wohl in punkto Innovation und Kreativität an einem toten Punkt angelangt. Wir dachten, wir haben doch E-Books produziert, und das ist alles, worum es geht.“

Jetzt müsse man den Spieß umdrehen – und sich auf die Gaming-Community und Tablets stürzen. „Da konkurrieren nun Leute mit uns, die wir vor 5 oder 10 Jahren noch nicht auf dem Radarschirm hatten. Meine Vorgängerin hat immer gesagt, dass Verleger zu digitalen Content-Entwicklern mutieren. Man hätte aber auch hinzufügen können: Digitale Content-Entwickler mutieren zu Verlegern“. Dazu muss man wissen: Bei HarperCollins war Redmayne schon mal Ende der Nuller Jahre für das Digitalgeschäft verantwortlich, bevor er dann von J K Rowling für den Launch der Pottermore-Plattform abgeworben wurde. Jetzt ist er wieder im Londoner Verlagshauptquartier gelandet, legt aber Wert auf die Feststellung, er sei kein „Geek“, sondern eher ein Büchermensch.

Viel zu tun gibt’s auf jeden Fall für Geeks wie auch Büchermenschen: HarperCollins ingesamt hat in den letzten 12 Monaten im Printbereich 6 Prozent Verluste eingefahren, dafür aber im Digitalgeschäft stark zugelegt – mehr als 20 Prozent des Umsatzes werden bereits mit E-Books & Co. generiert. Redmayne will als gewiefter Content-Profi stärker auf das Branding von Bestseller-Namen setzen: „In einer Welt, wo Amazon Jahr für Jahr hunderte Nachwuchstalente aus dem Hut zaubert, wird es immer schwieriger für neue Autoren, überhaupt entdeckt zu werden – wir müssen uns also überlegen, wie wir Marken aufbauen à la John Grisham oder James Patterson“.

Bücher – ob nun gedruckt oder elektronisch – würden aber trotz neuer Offensiven im Bereich Apps & Games auf jeden Fall den Kern des Geschäfts ausmachen, versicherte Redmayne zugleich. Solches „Storytelling“ dürfte wohl weitaus stärker als alles andere auf den Wandel der Gutenberg-Galaxis verweisen – noch vor ein paar Jahren hätte wohl ein Verlag aus der Riege der „Big Five“ (neben Hachette, Macmillan, Simon&Schuster sowie Penguin Random House ) das nicht so deutlich betonen müssen.

Abb.: Flickr/Epanastasi (cc)

Veröffentlicht von

Ansgar Warner

Ansgar Warner arbeitet als freier Autor im Medienbüro Mitte (Berlin). Neben diversen Brotarbeiten für Presse & Rundfunk bloggt er hier rund um's Thema Elektronisches Lesen. Die spannende (Vor-)Geschichte der elektronischen Bücher erzählt Ansgar in "Vom Buch zum Byte". Praktische Infos für Autoren, Verleger & alle E-Reading-Interessierten vermittelt das "e-book & e-reader abc".

Ein Gedanke zu „„Verlage müssen Story-Telling von der Games-Branche zurückerobern“ (Charlie Redmayne, HarperCollins UK)“

Kommentare sind geschlossen.