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Print only plus Live-Performance: „Verknappung macht künstlerische Arbeit wertvoller“

21 Okt 2014

„Mordje Marx Moos“ von Silvia Holzinger & Peter Haas, das klingt fast so, als gäbe es einen neuen Stern am Himmel des Regio-Krimis. Was das Berliner Dokumentarfilmer-Paar zunächst im Film, nun auch im Buch zum Film erzählt, hat allerdings mit der Vorgeschichte und den Auswirkungen eines sehr realen Mordes zu tun. Bei der „Suche nach dem letzten Juden in meiner Familie“, so der Filmtitel, geht es um die Geschichte von Eduard Haas, den Großvater von Peter Haas, von den Nazis 1942 im KZ Buchenwald ums Leben gebracht. Buch und Film sind deutlich persönlicher als alles, was die beiden Filmemacher bisher angepackt haben – dem Prinzip der konsequenten Direktvermarktung, wie sie es in ihrem Ratgeber „Kann man denn davon leben“ beschrieben haben, folgen Holzinger & Haas aber auch jetzt. Mehr dazu im folgenden Interview, das ich mit Peter Haas anlässlich des Buch-Launchs in dieser Woche geführt habe.

E-Book-News: Seit einiger Zeit tourt ihr mit eurem neuen Film „Auf der Suche nach dem letzten Juden in meiner Familie“ (siehe Terminübersicht) durch Deutschland. Nun gibt es auch das Buch zum Film – was wird darin erzählt, wie unterscheidet es sich vom Doku-Film? Und wie kommt der ungewöhnliche Titel „Mordje Marx Moos“ zustande?

Peter Haas: Das Buch ist zum Film komplementär, hier liegt der Schwerpunkt auf den historischen Forschungen und unserer Recherchereise durch immerhin 7 Länder und 5 Jahre. Der Titel ist ein Spiel mit den Namen, die auch meine hätten sein können. Das wird aber schon in den ersten Kapiteln aufgeklärt.

Unsere Recherche umfasste irgendwann etwa 5.000 Aktenseiten und Bilder, die für den Film natürlich zu umfangreich waren. Daher mussten wir noch das Buch verfassen, damit unser Archiv Verwendung findet. Familienforschung kann sehr kompliziert sein, nicht nur wegen der vielen Funde und Versatzstücke, die wir in Archiven fanden, sondern auch wegen der eigenen Familie. Davon handelt unter anderem der Film.

„Mordje Marx Moos“ macht einen sehr professionellen Eindruck:  gut gemachtes Cover, Qualitätspapier, stabile Bindung, ansprechendes Layout. Ihr seid aber Self-Publisher. Wie habt ihr das hinbekommen?

Danke für die Blumen! Ja, diesmal haben wir versucht, alte Self-Publishing-Fehler zu vermeiden. Wir haben in ein professionelles Lektorat investiert, unsere Lektorin Heide Reinhäckel hat den gesamten Entstehungszeitraum des Buches begleitet und unsere Texte kapitelweise lektoriert. Das hat uns enorm weitergebracht. Stattdessen haben wir bei diesem Buch das Cover selbst layoutiert, wir konnten ein alternatives Filmplakat verwenden, da haben wir einiges eingespart. Natürlich gibt es einen professionellen Satz mit InDesign, auch hier haben wir uns verbessert. 

Bindung, englisch Broschur, das weiche Papier, das hat schon ein wenig gekostet, aber wir glauben, dass unser Buch diese Kosten wieder einspielt. Wir wollten unbedingt vermeiden, dass unser Buch in irgendeiner Weise „schlechter“ wirkt, als ein herkömmliches Verlagsprodukt. Aber schliesslich drucken wir in den gleichen Druckereien, wie Verlage, wir kooperieren mit den selben Lektoren, haben mit den gleichen Tools den Satz gemacht. Wie soll man ein Buch dann noch vom Verlagsbuch unterscheiden? Wir hatten sogar ein Korrektorat, heute keine Selbstverständlichkeit.

Ihr verkauft auch euer neues Buch konsequent über den Weg der Direkvermarktung, die Startauflage beträgt 1.000 Stück. Nun sagt sich Direct-to-Customer sehr leicht. Aber was bedeutet das konkret für euren Alltag? 

Wir haben eine gut organisierte Filmtour mit unserem Dokumentarfilm „Auf der Suche nach dem letzten Juden in meiner Familie“. Die Tour und die Aufmerksamkeit, die wir in den Kinos und Städten erhalten, die wir besuchen, ist die Trägerwelle für den Buchstart. Ausserdem verkaufen wir unsere Bücher im Rahmen unserer Veranstaltungen, das hat sich schon bewährt. Unser letztes Buch hat sich etwa 1.200 Mal verkaufen lassen, ca. 500 Print-Bücher, der Rest E-Books. Diesmal gibt es kein E-Book, wir werden sehen, wie es dem Vertrieb bekommt. Bei 250 – 300 abgesetzten Büchern sind wir break-even, das sollte zu machen sein.

Den Film gibt es nur live auf organisierten Vorführungen zu sehen, bei denen ihr auch anwesend seid, eine DVD kann man nicht kaufen. Das Buch schon, allerdings nur gedruckt. Dahinter scheinen ja ganz bewusste strategische Entscheidungen zu stecken – welche?

Eine DVD hätten wir gerne gemacht, aber die Protagonisten des Filmes waren damit nicht einverstanden. Daher brauchten wir etwas, was wir im Rahmen der Tournee verbreiten können. Das Buch ist auch inhaltlich komplementär zum Film: Es macht auf den Film neugierig. So gesehen versprechen wir uns von der Verbreitung des Buches einen gewissen Effekt für die Zukunft der Filmtournee. Im Internet und ganz allgemein setzen viele Filmemacher, Autoren und Künstler auf die Verfügbarkeit ihrer Arbeiten, möglichst auf allen Kanälen, auf allen Medien, vielfach umsonst.
Wir gehen bewusst einen anderen Weg: Wir verfolgen eine Strategie der gezielten Verknappung. Unseren Film sieht man nur, wenn man eine Veranstaltung besucht. Veranstaltungen gibt es nur, wenn wir entsprechend von Institutionen eingeladen werden, wir zeigen den Film zum Beispiel nicht auf Festivals. Film und anschließende Diskussion mit dem Publikum wird zu etwas ganz anderem als bloßer digitaler Content.
Unsere Veranstaltungen sind einmalige Performances, wenn keine Filmvorführungen veranstaltet werden, verschwindet der Film wieder und kann nicht gesehen werden. Der Film ist also nicht anders als die brüchige Erinnerung von der er erzählt. Wenn der Film wieder verschwunden ist, bleibt wenigstens das Buch. Wir wollen auch Lesungen veranstalten, um das Buch zu bewerben. In dieser Hinsicht sind wir ganz traditionell. Verknappung macht die künstlerische Arbeit wieder ein Stück wertvoller, das grundsätzliche Problem, aus dem Hintergrundrauschen herauszutreten und Aufmerksamkeit zu binden, bleibt in jedem Fall, leider auch uns.

Die Erfahrungen mit der Selbstvermarktung als Filmemacher habt ihr ja schon vor einiger Zeit in eurem Ratgeber „Kann man denn davon leben?“ in sehr griffige Thesen verwandelt – z.B. die vom „Slow Budget Funding“. Wie ordnet sich da ein so persönliches Projekt ein, das viel zusätzliche Arbeit erfordert, sich aber irgendwie auch rechnen muss?  

Das Buch bringt das Familienfilmprojekt erst zu einem Abschluss. Es vervollständigt diese Arbeit. Außerdem fügt es sich in unsere Offline-Strategie ein, unsere Filmtournee zu bewerben. Die Community, die wir mit unserem Film ansprechen, ist weniger online als die Leser von „Kann man denn davon leben?“. Jetzt erreichen wir tatsächlich mehr Menschen mit Postkarten, Filmplakaten, gedruckten Pressemappen und eben auch mit Büchern. Wir verschicken gern Rezensionsexemplare unseres Buches, damit wir die mediale Reichweite des Projektes erhöhen. Die zusätzliche Arbeit war schon gemacht worden, wir haben die beinahe 5-jährige Recherche hinter dem Film in dem Buch erzählt und verarbeitet. In einem Jahr sind wir klüger, ob unsere Pläne funktioniert haben oder nicht. Die Slow-Budget-Self-Funding Prinzipien entwickeln wir ständig weiter, einfach weil der Wertverlust geistiger, künstlerischer Arbeit so dramatisch ist. 


Silvia Holzinger & Peter Haas,
Mordje Marx Moos
Taschenbuch, 230 Seiten
14,90 Euro (Il Mare Film Edition)