Vergesst „Showrooming“: It’s the backlist, stupid!

Thalia geht auf Konfrontationskurs: mit einer gezielten Anzeigenkampagne nimmt die Buchhandelskette die Online-Konkurrenz aufs Korn. „Amazon war an 8 Bahnhöfen 30 Tage lang zu sehen. Thalia ist mit 300 Filialen und 5000 Mitarbeitern immer für sie da“. Wer hier nur Bahnhof versteht: Zuvor hatte Amazon tatsächlich wochenlang an Bahnsteigen großer Verkehrsknotenpunkte zum „Umsteigen“ vom gedruckten Buch auf’s Kindle Paperwhite geworben. Damit trafen Amazons PR-Profis offenbar nicht nur den Nerv der Kunden, sondern auch den des Thalia-Managements. Kein Wunder – Thalias strategischer Vorteil im Bereich Vor-Ort-Präsenz und Beratung ist nur die Kehrseite eines strategischen Nachteils. Das Filialnetz der zur Douglas-Gruppe gehörenden Kette verursacht so hohe Verluste, dass 2012 sogar von einem Verkauf gemunkelt wurde.

Große Buchhandlungen als Amazons „Showroom“?

Amazon dagegen kann als reiner Onliner seine Vorteile voll ausspielen – das Heer der eigenen Mitarbeiter in den Logistikzentren von Bad Hersfeld bis Leipzig ist hauptsächlich im Vertrieb beschäftigt, das Online-Portal selbst funktioniert vollautomatisch, inklusive algorithmisch vermittelter Buchempfehlungen. Ambivalent scheint zudem der zuletzt gemeldete Verkaufserfolg des Tolino-Readers in den Thalia-Filialen: die somit gewonnenen E-Leser shoppen zwar nicht bei der Konkurrenz, aber auch nicht mehr unbedingt vor Ort. Überhaupt scheint die Funktion der großen Buchhandlungen sich zu verändern: immer öfter verschaffen sich die Kunden dort nur einen Überblick, lesen einzelne Titel an, und bestellen dann bequem von zu Hause via Amazon. Bei einer Umfrage der britischen Booksellers-Association gaben kürzlich zwei Drittel der Kunden an, die Buchhandlungen nur als „Showroom“ zu nutzen.

Indie-Buchhändler haben bessere Karten

Genau da liegt das Dilemma: die meisten Menschen halten Buchhandlungen immer noch für den besten Ort, um Bücher zu entdecken. Der angenehmste Weg, um Bücher zu kaufen, ist in der Praxis aber auch in Deutschland oft Amazon, obwohl es – anders als etwa in Großbritannien – dank Buchpreisbindung keine Preisvorteile gibt. Dass Branchen ohne Preisbindung wie etwa der Elektronikfachhandel unter „Showrooming“ stärker leiden, kann nur ein schwacher Trost für die Buchbranche sein. Denn gerade bei großen Buchketten hält sich das „Schuldgefühl“ der Kunden offenbar in engen Grenzen, daran können auch „Buy Local“-Kampagnen nicht viel ändern. Bessere Karten hat dagegen der unabhängige Buchhandel – wenn es gelingt, mit einer individuellen Auswahl die jeweilige Zielgruppe zu erreichen (ein Best-Case-Szenario: Ocelot in Berlin-Mitte). Bestseller-Tische und Mainstream-Sortimente der großen Ketten dagegen signalisieren schon von weitem: was es hier gibt, findet man auch in jedem Online-Ranking. Insofern: Vergesst „Showrooming“. It’s the Backlist, stupid!

Abb.: Thalia

Veröffentlicht von

Ansgar Warner

Ansgar Warner arbeitet als freier Autor im Medienbüro Mitte (Berlin). Neben diversen Brotarbeiten für Presse & Rundfunk bloggt er hier rund um's Thema Elektronisches Lesen. Die spannende (Vor-)Geschichte der elektronischen Bücher erzählt Ansgar in "Vom Buch zum Byte". Praktische Infos für Autoren, Verleger & alle E-Reading-Interessierten vermittelt das "e-book & e-reader abc".