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Vampirismus, aber kein Kannibalismus: Stephenie Meyers „Bree Tanner“ ist ein Bestseller – trotz kostenloser E-Book-Version

18 Jun 2010

stephenie-meyer-bree-tanner-biss-zum-sonnenstrahl-e-book-bestsellerBestseller bis(s) zum ersten Sonnenstrahl: Stephenie Meyers Story vom kurzen Leben der Bree Tanner ging alleine am ersten Verkaufstag mehr als 100.000 mal über den Ladentisch. Besonders erfolgreich ist die englischsprachige Version – obwohl es bis Anfang Juli noch eine kostenlose E-Book-Version im Internet gibt. Die Leser bevorzugen aber offenbar Print oder epub, denn in der ersten Woche zählte die Online-Version nur knapp 15.000 Leser.

Den Löwenanteil des Umsatzes sichern sich die Online-Buchhändler

„I wonder how you will feel about Bree“, schreibt Stephenie Meyer im Vorwort ihres neuen Vampir-Romans „Bis(s) zum ersten Sonnenstrahl“. Das hängt offenbar davon ab, wo und wie das Buch gelesen wird. In den USA wurde Bree Tanner alleine während der ersten 48 Stunden knapp 350.000 mal verkauft – den Löwenanteil davon sicherten sich allerdings Online-Buchhändler wie Amazon. „Biss zum ersten Sonnenstrahl“ schaffte es bis auf Platz Drei der Amazon-Print-Charts, und war auch im Kindle-Store Spitzenreiter. In Großbritannien gingen in der ersten Woche laut Bookseller.com mehr als 136.000 Bände über den Ladentisch, damit schlägt Stephenie Meyer sogar vormalige Verkaufsrekorde von Bestseller-Autoren wie Patricia Cornwell oder Stieg Larsson.

Branchenüblicher Beißreflex? Buchhändler beklagen sich über kostenlose E-Book-Version

An kleineren Buchhandlungen ging das Geschäft dagegen offenbar vorbei – wie Publisher’s Weekly berichtete, lag die Twilight-Saga-Auskopplung in den USA vielerorts wie Blei in den Regalen. Dass aus dem kurzen Leben der Bree Tanner solchermaßen ein sehr langes wird, führen manche Buchhändler unter anderem auf die kostenlose E-Book-Version im Internet zurück. Ein branchentypischer Beißreflex? Nun mag Meyer zwar mit Bree Tanner zum ersten Mal aus der Perspektive eines echten Vampirs erzählen, doch für die alte Kannibalisierungsthese scheint die Gratis-PR-Aktion nichts herzugeben. Eher zeigen sich hier Verschiebungen zwischen Online-Buchhändlern und großen Verkaufsketten einerseits und dem traditionellen Buchhandel andererseits. Besonders interessant dürfte aus dieser Perspektive die Umsatzentwicklung in Deutschland sein. Die deutsche Übersetzung startete parallel mit der Originalversion am 5. Juni – eine konkurrierende Gratis-Version im Internet gibt es hierzulande aber nicht.

Ob Bree Tanner oder Beedle Bard – für die Leser ist der Wiedererkennungwert bei Spin-Offs zu gering

Vielleicht war der Bree-Tanner-Hype auch einfach nicht mächtig genug – immerhin handelt es sich ja nicht um eine direkte Folge der Twilight-Sage, sondern um ein erzählerisches Nebengleis. Der Verkaufsrekord von „Breaking Dawn“ (Biss zum Ende der Nacht) von 2009 wurde bei weitem verfehlt – damals wurden mehr als eine Million Bände am ersten Tag abgesetzt. Ähnliche Erfahrungen musste Harry-Potter-Autorin J K Rowling mit dem Spin-Off „Tales of the Beedle Bard“ machen. Bestseller sind natürlich Bree Tanner genauso wie Beedle Bard – doch beide kamen sie zu einem Zeitpunkt, als die Autorinnen ihren Zenit bereits überschritten hatten. Stephenie Meyer reagierte darauf taktisch mit der kostenlosen E-Book-Version. J K Rowling dagegen hat sich selbst einer kommerziellen E-Book-Fassung bisher verweigert. Angesichts zurückgehender Print-Verkäufe hat nun aber auch die Harry-Potter-Autorin begonnen, elektronisches Blut zu lecken.