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“90% aller Supportvorfälle bei E-Books sind DRM-bedingt” – Interview mit Beate Kuckertz & Dennis Schmolk (dotbooks)

23 Apr 2013 1 Kommentar

Dotbooks ist ein Verlag neuen Typs: beim Münchner Startup lautet die Devise nicht nur “E-Books first”, sondern auch: “100% DRM-frei”. Damit ist dotbooks Vorreiter der Branche – und zudem erfolgreich. Aus Anlass der Blogparade zum “Internationalen Tag gegen DRM” sprach E-Book-News mit Verlegerin Beate Kuckertz und Lektor Dennis Schmolk.

Konventionelle Verlage machen Bücher, und das heißt zunächst mal: gedruckte Bücher. Wenn man Glück hat, kommt parallel mit dem Buch ein E-Book heraus. Oft jedoch erst später, manchmal gar nicht. Bei dotbooks ist das anders, das sieht man ja schon am Namen. Wie kam die Idee zur Gründung?

Beate Kuckertz: Der Entschluss reifte während eines Sabbaticals, das ich nach über 20 Jahren in leitenden Positionen bei Konzernverlagen machte. Ich beschäftigte mich mit den Veränderungen des amerikanischen Buchmarktes und lernte, dass dort der Taschenbuchmarkt nach der Einführung von eReadern und der Akzeptanz von E-Books nahezu zusammengebrochen ist. Die deutschen Verlagsmühlen mahlen, wie ich aus eigener Erfahrung weiß, recht langsam. Da war der Schritt in die Selbstständigkeit und die Gründung von dotbooks naheliegend.

Verleger lieben “gute Bücher”, Leser lieben “gute Bücher”. Was macht eigentlich ein gutes E-Book aus – wie stark unterscheidet sich der Produktionsablauf vom gedruckten Buch?

Dennis Schmolk: Gute Inhalte haben nicht zwingend etwas mit ihrer Form zu tun. Buchinhalte lassen sich sowohl gedruckt als auch wunderbar digital transportieren. Das heute noch empfundene vermeintliche Gütesiegel „Druckausgabe“ wird immer weiter aufgeweicht. Unter anderem auch deshalb, weil viele gute Inhalte sind gedruckt auch gar nicht möglich, etwa wegen ihrer Länge (bzw. Kürze) oder der experimentellen Form, die die Produktion einer großen Auflage unrentabel macht.

BK: Ein gutes eBook ist eines mit gutem Buch-Content. Zumindest heute noch. Wir sind aber natürlich up to date und blicken schon über das, was heute möglich ist, hinaus. Die heutigen Reader und Dateiformate sind Reproduktionen des gedruckten Buches beziehungsweise verwenden den klassischen linear zu lesenden Satz. Aber digitales Lesen wird in Zukunft viel mehr sein, weil die Vernetzung der diversen Medien sehr viel leichter werden wird! In unserer alltäglichen Arbeit ist der Unterschied zu einem klassischen Publikumsverlag gar nicht so groß: Wir akquirieren gute Inhalte, lektorieren sie zur Publikationsreife und sorgen für eine gute Platzierung auf den Online-Plattformen. Wir gestalten Werbung und Marketing. Das, was der Leser letztlich kauft, ist gute Qualität mit Verlagskontrolle. Lediglich die Druckausgabe fehlt.

DS: Der größte Unterschied liegt darin, dass wir Inhalte anders aufbereiten müssen. Die Herstellungsabteilung wird zum Teil ins Lektorat gezogen: Wir müssen auf eine inhaltliche und eine logische formale Struktur achten, während das klassische Lektorat sich allein auf die Inhalte konzentrieren kann. Bei der Vorbereitung eines E-Book-Manuskripts ist es ebenso wichtig, korrekte Style Sheets für Überschriften zu verwenden wie Tippfehler auszumerzen.

Dotbooks hat von Anfang an erklärt, komplett auf DRM zu verzichten. Warum?

BK: Das war eine bewusste verlegerische und unternehmerische Entscheidung. Harter Kopierschutz ist nicht nur teuer und ineffizient, er ist in meinen Augen auch ein gewaltiger Hemmschuh bei der Marktentwicklung in Richtung Digitalisierung.

DS: Richtig, denn DRM ist eine Einstiegshürde, die gerade technisch weniger versierte Kunden abschreckt. Ich habe bei Innovation protoTYPE 2012 im M@rtha-Team mitgearbeitet, einem Projekt für eReading-Support, und unsere wesentliche Erkenntnis war: 90% aller Supportvorfälle sind DRM-bedingt. DRM beschränkt den ehrlichen Kunden in seiner Inhaltsnutzung. Und das kann bei einem gekauften Produkt nicht Sinn und Zweck sein. Der unehrliche Kunde dagegen hat niemals ein Problem, aus illegalen Quellen an das Produkt zu kommen oder einen Kopierschutz zu umgehen. Und mit hartem DRM zwingt man dann auch den legitimen Käufer, zu solchen Mitteln zu greifen oder ein halbgares Produkt zu genießen.

Was sagen eigentlich die Autoren und die Leser zu DRM-freien E-Books?

DS: Die Leser sagen gar nichts, und das ist gut so. Sie sagen nur etwas (und dann schreien sie), wenn sie halbe Produkte erwerben und dafür teuer bezahlen.

BK: Bei manchen Autoren und Agenten stießen wir zunächst auf Unverständnis: Was, ihr wollt meine Inhalte einfach so, völlig nackt, in den „Reißwolf Internet“ werfen? Aber mit unserer Aufklärung über Möglichkeiten und Probleme von DRM haben wir eine Erfolgsquote von bislang 100%. Uns ist noch kein guter Stoff entgangen, weil wir auf DRM verzichten.

DS: Im Gegenteil konnten wir immer wieder Vorbehalte abbauen: eBooks ohne DRM gehört die Zukunft.

DRM bedeutet immer zusätzlichen Aufwand, sowohl für den Verleger bei der Produktion eines Titels wie auch für den Leser bei der Benutzung. Welche Rolle beim Verzicht auf DRM spielt der Workflow, welche Rolle spielen finanzielle Fragen (Lizenzen, Software etc.)?

BK: Klar, die Software für DRM kostet Geld, und das wird auf jeden einzelnen Titel verrechnet. Die Frage ist, ob sich die Kosten für diese Investition jemals wieder einspielen – aber diese Frage können wir leider nicht beantworten, denn es fehlen Zahlen über die illegalen Downloads, die eine Gegenrechnung möglich machen würden.

DS: Der Workflow würde vermutlich kaum eingeschränkt, denn die verbreitetste Software ADE kommt ja erst nach bei der Herstellung oder Auslieferung zum Tragen, wird quasi aufgesattelt. Da die Herstellung von externen Dienstleistern besorgt wird, hätten wir vermutlich gar nichts damit zu tun. Es liefe so wir bei unseren Titeln, die über Amazon gekauft werden – dort besorgt ja auch das System den „Schutz“, also die Verschlüsselung der Inhalte. (Und leider gewährt Amazon nicht die Möglichkeit, darauf zu verzichten.)

So langsam scheint sich ja auch branchenweit etwas zu bewegen in Sachen DRM, es gibt immer mehr Experimente, nur die großen Verlage zögern noch. Welche Rolle könnte “weiches DRM” (z.B. digitales Wasserzeichen) auf dem Weg zum völligen Verzicht auf DRM spielen?

BK: Das ist aus Kundenperspektive sicherlich ein Fortschritt. Immerhin kann man mit einem „soft“ eingeschränkten Buch mehr anfangen als mit einem hart kopiergeschützten. Meiner Meinung nach ist aber auch ein Wasserzeichen unnötiger Aufwand – wer es umgehen will, kann es leicht umgehen. Allerdings schafft diese Technologie möglicherweise Akzeptanz, wo sie bislang fehlt – weicher Kopierschutz ist ein Fortschritt für den Kunden, und dennoch haben Urheber das Gefühl, es werde etwas zum „Schutz“ ihrer Inhalte getan. Der komplette Verzicht auf DRM kann dann der nächste Schritt sein.

Wie lange wird es eurer Meinung nach noch dauern, bis sich DRM-frei als Branchenstandard durchsetzt ähnlich wie das offene E-Book Format epub?

DS: Ich bin mir leider gar nicht sicher, dass künftig alle eBooks ohne DRM auskommen werden. Amazon und Apple etwa stülpen ihr DRM ja als Händler über die Dateien. Ohne Zutun der Urheber und Verwerter, und häufig unbemerkt vom Kunden. Diese Unternehmen sind auch der Grund, warum ich bezweifle, dass ePub wirklich als „Standard“ bezeichnet werden kann: Sie haben ihre eigenen Formate, und sie fahren ökonomisch betrachtet nicht schlecht damit. Ich denke, DRM wird ausgehebelt, sobald Verlage mehr auf Apps, auf Dienstleistungen, auf Event, auf Communities setzen – also nicht-kopierbare Services und Produkte bieten. Die braucht man logischerweise auch nicht zu „schützen“.

E-Book-News dankt für das Gespräch!

BK: Wir danken – diese Blogparade zum Welttag gegen DRM verdient Unterstützung!

DS: Und ich bin stolz auf uns, dass wir das Gespräch ohne einen einzigen Vergleich mit der Musikindustrie bestritten haben.

BK: Vorbilder sollte man ja auch weise wählen …

Abb.: Peter von Felbert (c)

Ein Kommentar »

  • Dennis Schmolk schrieb:

    Bei der Lektüre fällt mir auf, dass “Die Herstellungsabteilung wird zum Teil ins Lektorat gezogen: Wir müssen auf eine inhaltliche und eine logische formale Struktur achten, während das klassische Lektorat sich allein auf die Inhalte konzentrieren kann.” ziemlich verschwurbelt klingt. “Wir müssen uns im Lektorat nun auch mit technischen Machbarkeiten und ihrer Umsetzung beschäftigen.”, wäre knapper und treffender gewesen.