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Unglaublicher Guido für die Westentasche: Spiegel-App bringt Nachrichtenmagazin auf’s iPhone

22 Feb 2010 Ansgar Warner 2 Kommentare

Spiegel-App-iPhone-iPod-Touch.gifDie Spiegel-App ist da – Samstag abend konnte man zum ersten Mal die aktuelle Ausgabe des Hamburger Nachrichtenmagazins auf iPhone oder iPod Touch laden. Die digitale Ausgabe ist zur Zeit noch deutlich günstiger zu haben als das gedruckte Magazin: Für 2,99 Euro kann man sie am virtuellen Kiosk shoppen – noch, denn ab April wird sie 3,99 Euro kosten.

“Der unglaubliche Guido” schrumpft auf dem iPhone auch optisch auf Westentaschenformat


“Der unglaubliche Guido” hebt ab – und das sogar mehrfach: parallel zur gedruckten Spiegel-Ausgabe startet der Superman im gelben Trikot im App Store durch. Den passenden Leitartikel “Herr Schrill gegen Frau Still” konnte man somit bereits am Samstag abend auf dem Display von iPhone und iPod Touch lesen. Deutschlands Vizekanzler werden darin gehörig die Flügel gestutzt. Auf dem iPhone ist allerdings auch der Spiegel insgesamt auf Westentaschenformat geschrumpft. Dem größten deutschen Nachrichtenmagazin geht es da wie jeder anderen Zeitschrift auch – passt man den Content an das mobile Medium an, bleibt rein optisch vom ursprünglichen Produkt nicht mehr viel übrig außer Text, Bedienungsmenüs und einzelnen Bildern. Schwierig ist es deswegen auch, sich auf dem kleinen Display von anderen Produkten abzuheben. Ein Grund, warum viele Verlage ihre Hoffnungen vor allem auf das iPad und überhaupt die neue Generation von Tablet-Computern setzen.

Spiegel-App-iPhone-E-Reader.gif

Die Spiegel-App hat den Sex-Appeal eines RSS-Readers


Bisher sind die Tablets jedoch kaum mehr als Vaporware – selbst in Deutschland dürften weitaus mehr “klassische” E-Reader mit E-Ink-Display in Benutzung sein als solche Multi-Media-Flachmänner. Drei Millionen iPhones und iPod Touch in deutschen Händen sind dagegen eine Zahl, die nicht zu vernachlässigen ist. So hatte sich im letzten Jahr auch der Spiegel zu einer App durchgerungen. Starten sollte sie bereits im Dezember 2009 – das angepeilte Ziel wurde jedoch deutlich verfehlt. Trotzdem scheint die erste Ausgabe immer noch mit heißer Nadel gestrickt worden zu sein – sie enthielt kaum Bilder, Infografiken fehlten vollständig, und viele regelmäßige Spiegel-Leser vermissten Rubriken wie die Hausmitteilung oder den Hohlspiegel auf der letzten Seite. Manch einer vermisste sogar die großformatigen Anzeigen. Stattdessen erwartete die “Early Adopter” eine äußerst reduzierte Leseumgebung, die fast wie ein RSS-Reader daherkommt.

In der Spiegel-App wird nicht gescrollt, sondern geblättert


Ein paar interessante Akzente setzt die Spiegel-App auf den zweiten Blick allerdings doch. Da ist zum einen die Leserichtung. Schon seit Anbeginn der elektronischen Lektüre gibt es da zwei ideologische Richtungen: die “Holy Scroller” und die “Sharks”. Erstere wollen einen Text vom Anfang bis zum Ende durchscrollen, die anderen lesen lieber eine Bildschirmseite und blättern dann um. Viele Nachrichten-Apps auf dem iPhone gehören zur ersten Kategorie, die Artikel selbst lassen sich vollständig scrollen. Im Verlagshaus an der Brandstwiete hat der Haifisch dagegen noch Zähne. In der Spiegel-App werden die Artikel nämlich geblättert. Von links nach rechts, oder rückwärts von rechts nach links. Auf animiertes Umblättern im eigentlichen Sinne wurde dabei verzichtet – es gibt weder virtuelles Rascheln noch 3D-Effekte. Stattdessen verschiebt man die Seiten ganz schlicht wie Schiebtüren in einem Haus aus Reispapier.

“Shuffle-Read”, oder: die technische Antwort auf das Schüttel-Girl der BILD-APP


Der G-Sensor kommt auch zum Einsatz. Der Spiegel hat traditionell ein gutes Sensorium für die Lage der Nation. Die Spiegel-App hat ein ganz besonderes Gefühl für die Lage des iPhones. Dreht man das Gadget in die Horizontale, wechselt man vom Text- in den Bildmodus. Die “Klickmonster” von Spiegel-Online werden zur seriös scrollbaren Bildergalerie. Soviel zur Politik der ruhigen Hand. Es geht aber auch mit etwas mehr Bewegung. Die Spiegel-App enthält nämlich zusätzlich noch eine technische Antwort auf das Schüttel-Girl der BILD-App. Zwar fallen hier keine Hüllen – dafür wird jedoch die Ordnung auf den Kopf gestellt: schüttelt man die Spiegel-App, wird ein zufälliger Artikel dargestellt. So ähnlich wie beim “Shuffle-Play” von MP3-Player oder CD-Spieler.

Bedingt einsatzbereit: Vom Preis her Premium, vom Content her abgespeckt


Die größte Überraschung ist wohl der Preis – denn mit den anvisierten 3,99 Euro ist die App ab April sogar noch 19 Cents teurer als das gedruckte Heft. Dafür bekommt man allerdings nicht nur die App selbst, sondern auch einen Zugang zur “normalen” E-Paper-Version. Nach dem Einloggen auf spiegel.de lässt sich das aktuelle Heft somit auch als PDF herunterladen, wahlweise auch nur einzelne Seiten. Etwas günstiger wird die Spiegel-App im Abo – sie kostet dann pro Ausgabe aber immer noch 3,65 Euro, also genau so viel, wie Abonnenten der Printausgabe bezahlen. Solch eine Preisgestaltung zeigt vor allem eins: Offenbar hat man beim Spiegel – wie auch in vielen anderen Verlagshäusern – große Angst vor der Kannibalisierung der Printauflagen. Woche für Woche verkauft etwa der Spiegel mehr als eine Millionen gedruckte Exemplare. Mit ihnen steht und fällt zur Zeit auch noch das Anzeigengeschäft – mehr als zwanzig ganzseitige Anzeigen etwa enthält das aktuelle Heft. Um ähnliche Werbeflächen im mobilen Medium bieten zu können, braucht man schon ein Tablet. Bis dahin wird die Spiegel-App wohl das bleiben, was sie jetzt ist: preislich gesehen ein Premium-Angebot, ansonsten aber eine zwar praktische, vom Layout her aber deutlich abgespeckte Version der Printausgabe.

2 Kommentare »

  • Fontblog » Fehlstart beim SPIEGEL-iPhone-App [Update] schrieb:

    [...] [Update] Andere über den neuen SPIEGEL-iPhone-Reader: Christian Jakubetz, JakBlog: »Schluder-Spiegel« Christoph Maier, Macomber’s Posterous: »Den iPhone-Spiegel werde ich häufig mal kaufen. Obwohl er so langweilig ist.« Harald Taglinger, Telepolis: »Spieglein, Spieglein im Gerät« Ansgar Warner, E-Book-News: Unglaublicher Guido für die Westentasche [...]

  • newstube.de schrieb:

    Spiegel-App bringt Nachrichtenmagazin auf’s iPhone…