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Und täglich grüßt der Siebenschläfer: „Visum fürs Paradies“ von Adrian Feder [Leseprobe]

6 Jun 2017 1 Kommentar

visum-fuers-paradies-intro13 Umzüge, 13 Neuanfänge. Doch diesmal scheint der 12jährige Liam — geboren am Siebenschläfer-Tag — tatsächlich Wurzeln zu schlagen. Dass er endlich seine Unnahbarkeit gegenüber den Mitmenschen aufgibt, hat viel mit der neuen Nachbarin Jennifer zu tun: schon bald sind beide unzertrennlich. Auch später wird er seine Jugendliebe nie vergessen können, selbst als mit Claire längst eine andere Frau in sein Leben getreten ist. Doch mit den Jahren halten ihn jene verschütteten Sehnsüchte fest, denen er auf den Grund gehen will. Um sich zwischen den beiden Frauen zu entscheiden, beschließt er, aus der Alltagswelt auszusteigen – und macht sich auf die Suche dem „Visum fürs Paradies“. Aber gibt es das überhaupt? Hier schon: Der Titel von Adrian Feders neuem Roman ist Programm – Liam bewegt sich an der Außengrenze der Wirklichkeit. „Ich liebe und schreibe Geschichten, die einen surrealen Hauch bieten“, so der Autor über sich selbst. Unsere Leseprobe führt ins erste Kapitel…


Adrian Feder, Visum fürs Paradies

1. Kapitel


Mein zwölfter Geburtstag fiel auf den 27. Juni 1997 – der Tag, an dem ich das dreizehnte Mal umzog und ein Privileg verlor. Jahr für Jahr wechselte ich die Klasse und meine Eltern schleppten mich durch halb Norddeutschland. Geriet ich in eine missliche Lage, wusste ich, dass mich nach zwölf Monaten ein Umzugswagen in eine neue Richtung fuhr. Ich musste mich nur im Beifahrersitz zurücklehnen und meinem Vater zuschauen, wie er das Lenkrad umher riss und auf unsere neue Heimat zusteuerte. Hier lag der Ursprung dafür, weshalb ich vom Leben eine einfältige Vorstellung besaß. Eine Vorstellung davon, dass meine Kindheit ohne nennenswerte Verstrickungen verlaufen würde: Ein Vorzug, den ich als Junge wertschätzte und eben als Privileg empfand.
Sage ich, dass mich niemand beim Namen nannte, übertreibe ich, aber in dieser Zeit gewöhnte ich mich daran, einfach nur »der Neue« zu sein. Wenn ich erstmals einen Klassenraum betrat, rief immer einer der Jungs: »Der Neuling ist da.« Im Falle, dass ich in ein Fettnäpfchen trat oder eine der örtlichen Begebenheiten mir fremd war, hörte ich: »Du bist doch neu. Das kannst du noch nicht wissen.«
Am ersten Schultag in der ersten Stunde der vierten Klasse verlor dieses Privileg an Kraft: Der Klassenlehrer blätterte die Namensliste durch und löste die Sturzgeburt meines Charakterfehlers aus.
»Deine Schwester unterrichtete ich schon damals. Fein, fein«, sagte er zum Mädchen, links neben mir. Mit seinem Bleistift zeigte er als Nächstes auf mich.
Ich schob den Stuhl zurück, stand auf und stellte mich pflichtbewusst vor: »Ich bin Liam.«
Die schlimmste Reaktion, die ich bisher erlebte, war gar keine Reaktion – das dachte ich. Wegen der Stille und den Augen des Lehrers, der die Liste anstarrte, ergänzte ich meinen Drei-Wörter-Satz: »Das ist die Abwandlung von Wilhelm, wie der Kaiser Wilhelm.«
Ohne es zu ahnen, lieferte ich die Vorlage dafür, dass ich für ein Jahr nicht der Neue heißen sollte, sondern »Kleiner Kaiser«. Rückblickend erwies sich dies als das geringere Übel.
Ich setzte mich hin, um den Kommentar abzuwarten (einige kicherten in den hinteren Reihen, was ich aber geflissentlich ignorierte). Der Lehrer übersprang mich und wanderte mit dem Stift zum Klassensprecher neben mir: »Deinen Vater kenne ich aus dem Kindergarten. Ja, ja.«
Der Unterschied zwischen den Äußerungen zu meinen Sitznachbarn und dem Schweigen, das mir galt, erschuf in mir ein Vakuum – als stürze ich in eine Kluft. Entweder aß ich tagsüber nichts oder saß geistesabwesend vor dem Fernseher. Vielleicht versuchte ich, dem Gefühl gerecht zu werden, wer ich war. Ein Gefühl, jemand zu sein, auf den es keine Reaktion gab.
Meine Erleichterung, von diesem Ort wegzuziehen, fiel damals schwächer aus, als ich es mir erhofft hatte. Die fünfte Klasse stellte einen Neuanfang dar, der von einem Rauschen begleitet wurde – ähnlich dem Rauschen eines Radios, das nach Empfang suchte. Behauptete irgendwer, ich führe das Leben eines Einsiedlers, würde mich das kränken. Das Schlimme daran ist nicht, dass es stimmte, sondern dass mich mein Leben nie störte und dass ich bin, was ich bin: ein Einsiedler.

Bezogen wir ein neues Haus, ließ ich alle Kisten und Kartons für sechs Monate im Zimmer stehen. Sah meine Mutter die leeren Regale, fragte sie besorgt nach dem Grund. Ich verkaufte es immer als Protest (getreu dem Motto: Ich habe fürs nächste Jahr gepackt). Im besagten Sommer 1997 sollte es nicht soweit kommen: Ich lernte Jennifer kennen.
Genauso wie ich erreichte sie bald das zwölfte Lebensjahr. Unsere beiden Grundstücke trennte exakt ein Kartoffelfeld und sie wohnte wortwörtlich einen Katzensprung von mir entfernt. Als Nachbarin besuchte sie uns öfters und half meinen Eltern, das Geschirr aus dem Zeitungspapier zu wickeln. Saßen wir in meinem Zimmer, strich sie sich die Haare hinters Ohr und begutachtete die leeren Regalflächen, auf denen sich allmählich Staub ansammelte. Sie wippte mit ihren Beinen und fragte: »Warum willst du hier nicht wohnen?«
»Ich bin am Siebenschläfertag geboren«, fing ich an.
Regnet es am Siebenschläfer, fallen sieben Wochen lang Regentropfen vom Himmel (so lautet eine Bauernregel). Genau an diesem Tag, an dem ich zur Welt kam, fasste meine Familie einen Entschluss, der sich zu einer Art familieneigenen Tradition entfaltete: Wir zogen um. Es brauchte einige Wochen und wir siedelten mit mir als Export von West-Berlin nach Niedersachsen. Als Siebenjähriger dachte ich, die Bauern irrten sich. Statt der sieben Wochen musste der Siebenschläfer sieben Jahre dauern.
»Niemand stellt sich gerne den Dingen des Lebens«, erklärte Jennifer. »Bestimmt konntest du es so leichter ertragen und daran ist nichts verwerflich. Rentner benutzen Gehhilfen und Kinder fahren mit Stützrädern.«
Trotz ihres Alters fühlte ich, als spräche ich mit einer Erwachsenen. Nachdem sie in mein Leben trat, geriet meine Weltordnung heillos durcheinander und ich verwarf meine These. Selbst jemand wie ich begriff eines Tages unwillkürlich: Etwas an meiner Denkweise stimmte nicht. Dass die Welt sich komplexer als eine Bauernregel verhielt, verstand ich früher schon. Mit Jennifer gelang es mir nicht länger, vor dieser Erkenntnis zu flüchten.

Mein neues Zuhause entpuppte sich als ein ehemaliger Bauernhof. Im einstigen Stall hingen an allen Ecken Spinnenweben herunter und in den Futterbahnen fanden wir vereinzelt Weizenkörner. Zur Terrasse hinaus lag eine Wiese, die von Löwenzahn und Gänseblümchen überzogen wurde. Direkt nebenan grenzte ein Fluss und der dichte Wald umrandete unser Grundstück, um vor fremden Blicken zu schützen. Der Fußboden in der Diele bestand aus echtem Nussbaum. Liefen Jennifer und ich über den Holzboden, knarrte er. Auch wenn die Anzahl an Räumen keinen Unterschied zum vorherigen Haus machte, gefiel es mir hier. Als Kind hatte ich einige Immobilien gesehen, weswegen ich mich in der Hinsicht gut auskannte.
Eines Tages lag ich im Garten auf einem dieser Liegestühle aus dem Baumarkt. Um alles in der Welt setzte ich mir das Ziel, in den letzten Ferientagen so viel Sonnenlicht wie möglich in mir aufzunehmen. Plötzlich prallte auf meine Füße frostklirrendes Wasser. Ich zuckte zusammen und in sämtlichen Knochen schüttelte sich jedes Stück Kalzium vor Kälte. Jennifer stand vor mir mit einer Gießkanne in der Hand, und beugte sich über mich.
»Was tust du da?«, motzte ich.
»Damit du Wurzeln schlägst.«

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Autorin & Copyright: Adrian Feder

Cover_Visum_fuers_paradies
Adrian Feder, Visum fürs Paradies
E-Book (Kindle Shop) 0,99 Euro

Ein Kommentar »

  • Kiesel schrieb:

    Begeistert von Anfang an, weiter lesen bis zum Schluss. Spannung, Liebe, Geist. Empfehlenswerte Roman.