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Umstrittener E-Book-Deal: Nabokovs “Lolita” & viele weitere Klassiker exklusiv im Kindle-Store

23 Jul 2010 Ansgar Warner 0 Kommentare

Lolita e-book amazon kindle wylie.gifDieser E-Book-Deal erregt Proteste in der gesamten Branche: die Literatur-Agentur Wylies hat Amazon die Exklusivrechte für zwanzig moderne Klassiker übertragen. Zu den in Deutschland bekanntesten Titeln gehören neben Nabokovs “Lolita” auch Norman Mailers “Die Nackten und die Toten” wie auch Hunter S. Thompsons “Fear and Loathing in Las Vegas”. Für mindestens zwei Jahre sind diese Romane nun als E-Book ausschließlich im Kindle-Store erhältlich. Über die Kindle-App kommen Lolita & Co. zwar auch auf iPad, iPhone oder Blackberry, doch Besitzer alternativer E-Ink-Lesegeräte
haben das Nachsehen.

Der Literaturagent als Agent provocateur

Andrew Wylie ist nicht einfach nur Literaturagent, er gilt zurecht auch als eine Art Agent Provocateur. Manche nennen ihn halb spöttisch, halb ehrfurchtsvoll den “Schakal” oder kreiden ihm “Darth Vader”-Methoden an. Doch solche Reaktionen bringt der Beruf wohl ganz einfach mit sich – um erfolgreich zu sein, muss man der Konkurrenz große Namen abspenstig machen. Oft geht es dabei um ziemlich viel Geld. Als der literarische Headhunter in den Neunziger Jahren etwa Bestseller-Autor Martin Amis abwarb, soll im Zusammenhang mit dem Manuskript des Romans “Information” eine Summe von 500.000 Pfund im Spiel gewesen sein. Mittlerweile vertritt die in New York und London ansässige Agentur mehr als 700 Autoren bzw. deren Erben, darunter moderne Klassiker wie Saul Bellow, Norman Mailer oder Philip K. Dick. Wylie selbst hat für Loyalität genauso wenig übrig wie für Formalien: “There was no contract, just a handshake”, so John Updike einmal über seinen Weg zum legendären Literaturagenten.

Exklusiv-Verträge mit Amazon sind für Autoren immer ein gutes Geschäft

Ähnlich unbekümmert machte sich Wylie an sein aktuelles Projekt – die Gründung des Online-Verlages Odyssey Editions. Laut Mission Statement geht es dabei um eine “eBook publishing company designed to bring classic works of fiction and nonfiction to dedicated readers globally”. Doch ähnlich wie Odysseus den Zorn der Götter auf sich zog, hat sich Wylie mit Odyssey Editions den Unmut der gesamten Branche aufgehalst. Denn die modernen Klassiker erscheinen exklusiv bei Amazon – die Hausverlage der jeweiligen Autoren bleiben außen vor. Wylie macht sich für seinen Coup eine juristische Lücke zu Nutze, die bei Backlist-Titeln in den USA und Großbritannien schon des öfteren für Ärger gesorgt hat. In älteren Verträgen zwischen Verlegern und Autoren sind elektronische Versionen nicht ausdrücklich genannt – ein Umstand, der Amazon bereits zahlreiche Exklusiv-Verträge beschert hat. Für die Autoren ist das ein gutes Geschäft, sind doch bei Kindle-Editionen Umsatzbeteiligungen von mehr als 50 Prozent möglich.

Random House droht Wylie mit juristischen Konsequenzen

Viele der Autoren, die Wylie mit auf seine elektronische Odyssee nehmen möchte, sind in gedruckter Form bei Random House unter Vertrag. Kaum war die Nachricht über den E-Book-Deal in der Welt, hatte der Literaturagent bereits einen geharnischten Brief aus der Rechtsabteilung des Verlags auf dem Schreibtisch. Neben der Androhung juristischer Konsequenzen kam kurz darauf noch eine weitere Eskalationsstufe dazu – wenn Wylie nicht zurückziehe, werde man bis auf weiteres die Zusammenarbeit mit der Agentur einstellen, und zwar weltweit. Andere Verlage protestierten eher aus allgemeinen Erwägungen. Aus dem Hause Macmillan etwa war zu hören, der zwei-Jahres-Deal mit Amazon würde ausgerechnet dem bereits jetzt stärksten Player auf dem Markt zu gute kommen:
“Das ist ein ausgesprochen schlechtes Geschäft für alle, die daran glauben, dass die Verfügbarkeit von Büchern so breit wie möglich sein sollte”, zitiert der Guardian John Sargent, Macmillan-Chef für die USA. Tatsächlich könnte Wylies Odyssey-Projekt ein Präzendenzfall sein – jedoch nicht unbedingt für den Zugang zu elektronischer Literatur, sondern für ihren Marktwert. Zumindest bei prominenten Autoren werden die Verlage in Zukunft bessere E-Book-Konditionen bieten müssen.

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