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Umblättern, Fotografieren, Umblättern: Lego Mindstorms-Roboter verulkt Kindle-Kopierschutz

9 Sep 2013 Ansgar Warner 2 Kommentare

Wir haben uns im Kindle-Zeitalter an Sätze gewöhnt wie: “Es gibt keinen 100prozentigen Kopierschutz”. Bester Beweis: fast jedes Buch zirkuliert frei im Netz, wenn man weiß, wo man suchen muss. Dank Peter Purgathofers Kopier-Roboter aus Lego Mindstorms und einer Macbook-Kamera (siehe das Video) wissen wir seit dem Wochenende aber auch: es gibt nicht mal einen 1prozentigen Kopierschutz – wenn man E-Books nämlich wie gedruckte Bücher behandelt, d.h. einfach Seite für Seite abfotografiert und via cloudbasierter OCR-Anwendung in Text zurückverwandelt. Fragt sich natürlich: warum sollte man ein elektronisches Buch auf so aufwändige Weise rippen?

Surrende Zahnräder, klackernde Bolzen

Der an der TU Wien lehrende Ingenieur bezeichnet seinen “DIY Kindle Scanner als ein “Gedankenexperiment”: wenn die surrenden Zahnräder und klackernden Bolzen abwechselnd den Umblätterknopf des Kindle-Readers drücken und dann die Space-Taste des Laptops, um ein Foto zu machen, wird zunächst mal auf denkbar einfache Weise der offizielle DRM-Schutz umgangen. Zugleich stellt sich ein Aha-Effekt ein: der Vorgang scheint genauso banal zu sein wie das alltägliche Kopieren von Buchseiten mit einem Fotokopierer, was ja in der Wissenschaft wie auch zum Privatgebrauch völlig legal ist.

“DIY Robot kämpft für das Recht auf Kopie”

Wobei man betonen sollte: Purgathofer hat im Web keine Bauanleitung veröffentlicht, und es wird auch niemand aufgefordert, das Experiment zu wiederholen. Stattdessen bezeichnet er sein Projekt als private Kunstaktion, mit dem auch nur ein einziges Buch eingescannt worden sei. Allerdings interessiert sich der TU-Prof explizit für die “gesellschaftlichen Spannungsfelder der Informatik” (siehe auch den Podcast “P.P. spricht mit…”) – wozu natürlich der Bereich Kopierschutz und das Recht auf Privatkopien gehört. Und genau in diesem Spannungsfeld bewegt sich der Kopier-Roboter: “Der DIY-Kindle-Scanner … kämpft gegen das Entziehen etablierter Rechte durch DRM”, heißt es im Vorspann des Videos.

Lizenz zum Lesen: Jeff Bezos ist schuld!

Im Video-Kommentar auf Vimeo wird noch konkreter aus einem offenen Brief von Amazon-CEO Jeff Bezos an die Author’s Guild [US-Autorenvereinigung] zitiert: ‘Wenn die Leute ein Buch kaufen, kaufen sie damit auch das Recht, dieses Buch weiterzuverkaufen, zu verleihen oder sogar weiterzugeben, wenn sie es wünschen. Jeder versteht das.” Das war 2002 – doch wenige Jahre später, so Purgathofer, habe das Unternehmen mit dem Kindle-Reader ein Gerät gebaut, “dass genau die zuvor von Bezos geäußerten Ideen verletzt”. Tatsächlich verkauft Amazon ja seit dem Kindle-Start (vor allem auch auf Druck der großen Verlage) nach eigener Auffassung keine elektronischen Bücher, sondern nur eingeschränkte Lese-Lizenzen.

DIY-Kindle-Scanner kopiert sogar legal

Andererseits simuliert das Kindle aber vom Einkauf selbst (“Buch KAUFEN”) bis zur Lektüre auf dem E-Paper-Display nichts anderes als ein herkömmliches Buch. Der Lego Mindstorms-Roboter macht diesen doppelten Widerspruch auf sehr schöne Weise sichtbar – in dem er die simulierten Buchseiten als tatsächliche Buchseiten “mißversteht” und wie ein fleißiger Student im Copyshop Seite für Seite vervielfältigt (was übrigens sogar legal sein müsste, denn nur “wirksame technische Maßnahmen” dürfen laut Urheberrechtsgesetz nicht umgangen werden). Menschliche Leser sind natürlich keine Roboter – ihnen sagt der gesunde Menschenverstand, dass ein bei Amazon, Thalia & Co. teuer bezahltes E-Book ein echtes Buch ist, das man besitzen kann, und eigentlich auch besitzen sollte. Fehlt leider nur der “Mindstorm” bei den Verlagen…

(via allthingsdigital & The Digital Reader)

2 Kommentare »

  • peter purgathofer schrieb:

    danke für diesen artikel. inmitten etlicher anderer artikel, die hauptsächlich us-quellen übersetzen, ist ihre reflexion ein wirklicher lichtblick, und damit jedenfalls mein lieblingsartikel über den DIY kindle scanner auf deutsch!

  • Ansgar Warner (author) schrieb:

    Na das freut mich, you are welcome. Habe mir auch Mühe gegeben, die österreichischen Quellen ins Deutsche zu übersetzen ;-)