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„Was liest du gerade?“: Readmill will Soziales Lesen neu erfinden

18 Nov 2011

„Was liest du gerade?“: Im Strom der sozialen Medien sind längst auch schon die Lektüre-Erebnisse von E-Book-Nutzern eingemündet. Anbieter wie Amazon, Kobo oder textunes haben Social Reading-Elemente in ihre Lese-Apps integriert. Mit ihnen lassen sich Zitate, Markierungen oder Kommentare mit Freunden teilen. Der schwedische Startup-Unternehmer Henrik Berggren findet jedoch: Bücher haben mehr verdient als bloße Status-Updates bei Facebook und Twitter, und Leser brauchen einen festen Ort zum Gedankenaustausch. Berggrens Lösung heißt Readmill – eine offene Plattform, in der zukünftig alle Social Reading-Ströme zusammenfließen sollen. Zur Zeit läuft die geschlossene Beta-Testphase, in Kürze wird jedoch der offizielle Start erwartet.

Am Anfang stand ein vollgekritzeltes Ulysses-Exemplar

Am Anfang der Readmill-Story steht das gedruckte Wort – genauer gesagt eine Ausgabe von James Joyces ‚Ulysses‘. Berggren endeckte das mit Randglossen vollgekritzelte und Notizzetteln gespickte Exemplar bei einem Besuch der Flickr-Gründerin Caterina Fake. Daraus entstand eine Idee: „Start building a platform that makes it easy for people to share what they think about books, regardless if they are using a Kindle, iPad, Nook, smartphone or any other reading device.“ Das war 2010. Ein Jahr später ist Readmill nicht mehr nur ein Gedankenblitz, sondern ein veritables Startup mitten in Berlin, für Berggren und seinen Mitstreiter David Kjelkerud „the best European start-up hub right now“. Startkapital gibt’s mittlerweile auch zur Genüge – kürzlich gab Readmill bekannt, eine Investor-Finanzspritze von 300.000 Dollar erhalten zu haben.

Readmill-App für das iPad

Wie gut Readmill bereits funktioniert, konnten in den letzten Monaten bereits mehr als 10.000 Beta-Tester weltweit ausprobieren. Im Zentrum steht dabei Readmills eigene E-Reader-App für das iPad. Neben einer komfortablen Leseansicht bietet sie zahlreiche Socializing-Elemente – so lassen sich etwa interessante Passagen highlighten und mit der Readmill-Community teilen. Jedem Zitat wird auf der Readmill-Website eine eigene Unterseite zugeordnet. Dort wiederum können (Mit-)Leser ihre Kommentare hinterlassen. Transparent gemacht wird auf dem persönlichen Readmill-Profil aber auch, welche Bücher man gerade liest und wieweit man bereits gelesen hat. Immer wieder kommen neue Facetten hinzu – neuerdings experimentieren die Readmill-Macher mit einer Art Timeline namens „Bookreport“, auf der die Leseaktivitäten zeitlich und räumlich verortet werden. Ins Netz einspeisen lässt sich dank der Android-App ReadTracker sogar die Offline-Lektüre von Readmill-Lesern.

Bookmarks bleiben im Besitz der Leser

Der Erfolg des Berliner Startups wird wohl auch davon abhängen, ob Gatekeeper wie Amazon oder Apple die firmeneigenen Social-Reading-Kanäle in Richtung offener Plattformen wie Readmill öffnen. Bisher setzt das Readmill-Konzept E-Books ohne DRM voraus – somit beschäftigen sich die digitalen Lesezirkel oft mit Klassiker-Lektüre. Mit von der Partie sind aber auch Gegenwartsautoren wie etwa Cory Doctorow, die ihre Werke unter einer Creative Commons-Lizenz veröffentlichen. Über Dropbox werden solche DRM-freie epub-Dateien ganz einfach in die iPad-App importiert. Die Readmill-Macher haben sich erklärtermaßen die Prinzpien des Open Bookmark-Projekts zu eigen gemacht, wozu unter anderem die Forderung gehört, dass nicht nur E-Books, sondern auch Lesezeichen und Anmerkungen dem Leser gehören sollen und dort geteilt werden dürfen, wo man es wünscht. Bei kommerziellen E-Books sieht das zur Zeit leider völlig anders aus. “Wenn er sich ein E-Book kauft, lädt er es nicht etwa auf einen Kindle, sondern crackt es erst einmal: Er entfernt den Kopierschutz, mit kostenloser Software wie etwa Calibre“, konnte man über Berggren diese Woche in einer Spiegel-Reportage zum Thema Social Reading lesen.