trend geht weg von drm

„Der Trend geht eindeutig weg von DRM“ – Interview mit Ralf Biesemeier (Readbox)

E-Books erstellen, liefern und vermarkten – das erledigen in vielen Fällen nicht die Verlage selbst, sondern spezialisierte Dienstleister. Readbox etwa ist auf diesem Geschäftsfeld schon seit fünf Jahren unterwegs, mittlerweile gehören zu den Kunden mehr als 170 Verlage mit insgesamt 11.500 Titeln. Darunter etwa Carlsen, Data Becker oder das E-Book-Imprint der FAZ. Am Beginn solcher Publishing-Projekte geht’s immer auch um das Thema DRM, und oft wird diese Option gewählt. Doch warum entscheiden sich immer noch so viele Verlage für den Einsatz einer Technik, die wenig benutzerfreundlich ist? Wie müssten zeitgemäße Publishing-Lösungen aussehen? E-Book-News sprach anlässlich des „Internationalen Tages gegen DRM“ mit Readbox-Geschäftsführer Ralf Biesemeier.

Welche Rolle spielt Readbox zwischen Content-Produzenten & den Lesern?

Ralf Biesemeier: Readbox ist ein Technologie-Dienstleister. Wir kümmern uns bei E-Books, E-Mags und Audiobooks um die gesamte Wertschöpfungskette, von der Produktion bis zur Distribution. Die gewachsene Rolle der Technologie wird von vielen Verlagen aber immer noch unterschätzt, deswegen ist ein wichtiger Bestandteil unserer Arbeit die Beratung: welches Produktportfolio soll entwickelt werden, was sind die Bedürfnisse der Nutzer, usw. 

Welche Rolle spielt Digitales Rechtemanagement aktuell bei der E-Book-Produktion?

RB: Momentan hat DRM im Alltagsgeschäft noch eine große Bedeutung. Wir möchten unseren Kunden alle Optionen bieten, um eine größtmögliche Reichweite bei der Distribution zu haben, die Möglichkeiten reichen technisch von von sozialem DRM bis zu hartem DRM. Manche Verlage bestehen von sich aus auf DRM, oft lassen die Verträge mit den Autoren oder die Lizenzen von Dritten da auch gar keine Wahl. 

Welche Position zu DRM vertritt Readbox gegenüber den Kunden?

RB: Wenn ein Verlag frei in der Entscheidung ist, dann lautet meine Empfehlung, auf DRM zu verzichten. Ich denke, viele Verlage täten gut daran, eine digitale Marketing-Philosophie zu entwickeln, statt sich nur auf den Bereich der Piraterie zu konzentrieren. Es geht doch eigentlich darum, zu verstehen, was der Leser will.

Diejenigen, die E-Books auf entsprechenden Warez-Seiten hochladen bzw. von dort herunterladen, bekommt man sowieso nicht als Kunden, insofern ist das auch kein „verlorenes“ Geschäft. Stattdessen sollte man sich um die potentiellen Käufer kümmern, diejenigen, die bereit sind, für E-Books Geld zu bezahlen. In Workshops mit unseren Verlagskunden entwickeln wir deswegen Konzepte, die in diese Richtung gehen, es geht darum, Produkte zu schaffen, die günstig und gut zu nutzen sind.

Leser ärgern sich über hohe E-Book-Preise. Was kann man beim Pricing besser machen?

RB: Viele Verlage orientieren sich bei den E-Book-Preisen an der Taschenbuch- oder Hardcoverversion, und ziehen einfach zehn Prozent ab. Für den E-Book-Käufer ist aber der Preis der Papierversion gar nicht relevant. 

Wir wissen durch Nutzerstudien: Die Freizeit findet im Internet-Zeitalter immer öfter zu Hause statt, die Leute gehen nicht mehr so oft in die Buchhandlungen. Es ist eher so, dass sich das E-Book vom E-Book ernährt – etwa durch Buchempfehlungen am Ende des Textes. Und dann wird ganz einfach das nächste E-Book online gekauft. 

Wir haben bei Readbox selbst die Erfahrung gemacht, dass ein einziger Titel aus einer Serie, der versuchsweise für 4,99 Euro angeboten wurde, den dreifachen Deckungsbetrag mehrerer Titel erzielen konnte, die für 8,99 Euro verkauft werden. 

Viele Self-Publishing-Autoren scheinen das ja längst begriffen zu haben – sie fahren erfolgreich mit der Kombination Niedriger Preis plus DRM-frei. Warum sind die Verlage nicht genauso clever?

RB: Das hat wohl auch mit einem Generationenproblem zu tun, bei den zumeist jüngeren Selfpublishing-Autoren herrscht ganz einfach eine andere „Denke“. Bei den klassischen Verlegern hat man es mit Männern zu tun, die oft noch an der Setzmaschine gelernt haben, die haben andere Vorstellungen. Früher lautete das Motto der Verleger: „Der Leser ist mir egal, mein Kunde ist der Buchhandel“. Das digitale Geschäft funktioniert aber anders.  

Kann soziales DRM dabei helfen, den Übergang in die neue Zeit zu erleichtern?

RB: Unserer Erfahrung nach wird DRM im Alltag kaum genutzt. Die Frage lautet in den meisten Fällen eher: hartes DRM oder gar kein DRM, also ganz oder gar nicht.

Welche Rolle wird DRM denn überhaupt in der Zukunft des E-Publishing spielen?

RB: Der Trend geht eindeutig weg von DRM. Viele Verlage verzichten schon jetzt teilweise oder ganz darauf. Man kann da eine typische Entwicklung beobachten: erst trauen sich wenige, die Early Adopter probieren es aus, berichten über ihre Erfahrungen auf Konferenzen und Branchentreffen, und dann springen immer mehr auf den Zug auf. Der genaue Zeithorizont ist aber schwer vorherzusagen, vielleicht dauert es noch zwei oder drei Jahre, vielleicht auch fünf Jahre.

Abb.: flickr/gregillustration.com (cc by-nc-nd 2.0)

Veröffentlicht von

Ansgar Warner

Ansgar Warner arbeitet als freier Autor im Medienbüro Mitte (Berlin). Neben diversen Brotarbeiten für Presse & Rundfunk bloggt er hier rund um's Thema Elektronisches Lesen. Die spannende (Vor-)Geschichte der elektronischen Bücher erzählt Ansgar in "Vom Buch zum Byte". Praktische Infos für Autoren, Verleger & alle E-Reading-Interessierten vermittelt das "e-book & e-reader abc".

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