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Der Traum vom Tablet: Media-Morphose von der Zeitung zum E-Newspaper begann schon 1994

14 Jan 2010

knight-ridder-tablet-e-newspaper-prototyp-roger-fidler-e-readerWas gut ist, setzt sich durch – manchmal dauert aber etwas länger. Was für den E-Reader gilt, lässt sich ebenso vom Tablet PC sagen. Fast hätte der Einstieg in das mobile Lesen schon Anfang der Neunziger Jahre geklappt – der amerikanische Medienkonzern Knight Ridder arbeitete damals an einem mobilen Touch-Screen-Tablet, das speziell zur Lektüre von E-Newspapern gedacht war. Das World Wide Web war noch weit weg vom Massenmarkt – stromsparende Farbdisplays allerdings auch. Hätte es nicht trotzdem klappen können?

The Tablet-Newspaper – eine Zukunftsvision aus dem Jahr 1994

Man stelle sich folgende Szene vor: Eine junge Frau sitzt auf einer Parkbank, in ihrer Hand ein mobiles Lesegerät, mindestens 10 Zoll Durchmesser. Sie liest die farbige Online-Ausgabe einer Tageszeitung, zum Anklicken einzelner Artikel nutzt sie einen Stylus. Am Rand des Gerätes kann man einen Namen lesen: „Tablet“. Dazu eine Stimme aus dem Off: „Tablet-PCs werden eine ganz neue Art von Computern sein. Sie werden weniger als ein Kilo wiegen. Sie werden tragbar sein und ihr Bildschirm wird eine Qualität haben, die mit gedrucktem Papier vergleichbar ist.“ Schnitt. Ein Mann in einem Gartenrestaurant, ebenfalls mit mobilem Lesegerät. Er liest einen Artikel aus dem Politikteil und klickt auf dem Touchscreen eine Europakarte an, und sofort startet eine Flash-Animation. Dann reicht er das Lesegerät seiner Frau. Diese blättert zum Sportteil weiter und schaut sich einen Videoclip vom letzten Baseball-Spiel ihrer Lieblingsmannschaft an. Dazu wieder die Stimme aus dem Off: „Tablet-PCs werden Text, Video und Audio zusammenbringen. Und sie werden am Ende dieses Jahrhunderts ein Teil unseres Alltags sein…“ Am Ende des Jahrhunderts? Richtig gehört, denn die Szene stammt aus einem Video des Jahres 1994: „The Tablet Newspaper – A Vision of the Future“.

Die „Media-Morphose“ der Zeitung im Zeitalter der Datenautobahn

Ausgegraben hat es Bryan Monroe für die Huffington Post. Der Frisurenmode nach sieht der Clip aus wie späte Achtziger. Doch die vorgeführte Technik ist verblüffend: Das 13 minütige Promotion-Filmchen zeigt eine mediale Zukunft, die es so noch gar nicht gegeben hat. Hinter dem ambitionierten Tablet-Projekt stand Roger Fidler, damals Chef des Information Design Lab in Boulder, Colorado. Für den Medienkonzern Knight Ridder arbeitete der Blattmacher und Computerspezialist an der Zukunft der Tageszeitung – und das hieß für ihn: es ging um den Übergang zum elektronischen Content, lesbar auf mobilen Geräten mit Farb-Bildschrim. Zu Knight Ridder gehörten damals gutlaufende Blätter wie der Miami Herald und zahlreiche TV- Stationen. Doch offenbar teilte man Fidlers Philosophie des Medienwandels: „Alle Medien werden sich in den nächsten 10 bis 15 Jahren transformieren, und zwar entlang der Fortentwicklung von Computern und digitaler Kommunikationstechnik“, prophezeit der Boulder-Lab-Chef in die Kamera, während im Hintergrund ein Macintosh-Layoutcomputer im Hochformat vor sich hin surrt. Vom Internet sprach man damals zwar noch nicht, doch führt Fidler schon Worte wie „Information Superhighway“ im Mund – nichts anderes als die „Datenautobahn“. Doch was würde die von Fidler als „Media-Morphose“ bezeichnete Wandlung für die Zeitungsbranche bedeuten?

“Jeder Mensch weiß, wie man eine Zeitung benutzt“

knight-ridder-roger-fidler-e-newspaper-e-reader-prototype-tabletIm Promo-Clip ähnelt die E-Paper-Version deutlich dem Layout einer gedruckten Zeitung. „Am Anfang kommt das neue oft noch im alten Gewand daher“, so Fidler vor der Kamera, „und ich glaube so wird es sein beim Übergang zwischen gedrucktem Papier und der digitalen Tageszeitung, digitalen Zeitschriften und Büchern.“ Beim Boulder-Lab setzte man deswegen auf eine möglichst intuitive Benutzung: „Man weiß ja schließlich, wie man eine Zeitung benutzt, wie man umblättert, sich einen Überblick verschafft, sich einzelne Rubriken näher anschaut. Mit Hilfe der Elektronik kann man all diese Dinge aber sogar noch einfacher machen.“ Tatsächlich sieht die Benutzung des drahtlos mit dem Datennetz verbundenen Prototypen äußerst komfortabel aus. Das Tablet von 1994nimmt sogar viele Elemente vorweg, die wir heute von den Nachrichtenportalen des Internets gewohnt sind, etwa die Zusammenstellung der Nachrichten nach persönlichen Interessen oder die Möglichkeit, einzelne Artikel weiterzuempfehlen. Andere Features erinnern sogar an Amazons Kindle – etwa die Text-To-Speech-Version, die sich beim Knight Ridder-Projekt aber sogar per Sprachsteuerung (!) aktivieren lässt. Hochdynamisch sind aber auch die Anzeigen – man kann sie ebenfalls anklicken und wird dann zu einer Art E-Shopping-Plattform weitergeleitet. Kein Wunder, dass sich Knight Ridder vom E-Paper-Tablet ein profitables Geschäft versprach.

Zurück in der Zukunft: Auf ein überzeugendes E-Newspaper warten die Leser immer noch

Realisiert wurde der Knight-Reader aus dem Knight-Ridder-Labor nie – schon 1995 kam das Aus. Direkter Auslöser war der Tod des Konzernchefs James Batten. Doch es gab auch andere Probleme: Man hatte zwar einige Verlage als Partner gewinnen können, am Ende machte Fidler & Co. aber ganz einfach die Gerätetechnik der Neunziger Jahre einen Strich durch die Rechnung – die Bildschirme waren noch zu schwer für schlanke Mobilgeräte, und sie verbrauchten noch zu viel Strom. Mit dem Boom des World Wide Webs wanderten die elektronischen Ausgaben der Zeitungen via Modem nun erstmal auf die Röhrenbildschirme der PC-Welt. Auch das hatte man bei Knight Ridder ironischerweise schon vorausgesehen – schon in den frühen Achtzigern hatte der Konzern mehr als 50 Millionen Dollar in ein Viewtron genanntes Videotext-System gesteckt – mit dem man auf dem Fernseher in grober Pixelauflösung nicht nur Homeshopping betreiben konnte, sondern auch Zeitungsmeldungen geliefert bekam. Die wirkliche Herausforderung der Media-Morphose konnte das WWW allerdings genauso wenig lösen wie vorher Viewtron: „Information kommt nicht einfach aus der Leitung wie Wasser aus dem Wasserhahn, es kommt immer auf die Form an, bei der Zeitung vor allem auf die Wiedererkennbarkeit“, wusste Roger Fidler schon vor fast zwanzig Jahren. Auf ein echtes E-Newspaper, das die gewohnte Zeitungseite in eine überzeugende interaktive Form bringt – und nicht nur als bloßes PDF reproduziert – warten die Leser immer noch. Insbesondere, was die großformatige Präsentation auf einem mobilen, farbigen Touch-Screen betrifft. Nochmal 20 Jahre wird man zumindest nicht warten müssen. Die vollwertige elektronische Zeitung wird in den nächsten Jahren kommen, so viel ist klar. Tablet PCs mit E-Paper-Qualität stehen kurz vor der Serienfertigung. E-Reader mit flexiblen Farb-Displays sind ebenfalls kurz vor dem Marktstart. Unklar ist lediglich, ob man am Ende von einem „Tablet“ sprechen wird, von einem „E-Reader“, oder ob man einfach „die Zeitung“ liest. Erst dann wäre die Mediamorphose wohl tatsächlich gelungen.

PS: Wer wissen möchte, was Roger Fidler von der heutigen E-Reader-Technik hält, sollte sich mal Roger Fidler’s E-Reader Buyer’s Guide anschauen.