Traum-Mann zu Besuch im Schoko-Laden: Lisa Torbergs „Sam’s Sweet & Spicy – Wintertraum“ [Leseprobe]

Können Träume wahr werden? Für Samantha läuft die Weihnachtszeit zunächst gar nicht gut an: gerade hat die Londoner Chocolatière ihre Großmutter Beth verloren, ihr Ex-Mann heiratet wieder, und ausgerechnet Samantha soll das Catering für die Hochzeitsfeier übernehmen. Dann betritt plötzlich auch noch ihr Traum-Mann die Schokoladenküche – in Gestalt eines Aushilfslieferanten. Und verschwindet wieder. Gibt es noch eine Chance, ihn wiederzusehen? Pünktlich zum vierten Advent präsentiert Lisa Torberg mit „Wintertraum“ den Auftakt zu ihrer neuen Serie „Sam’s Sweet & Spicy“ – inklusive leckerer Rezepte zum Nachkochen. Die zwischen der britischen Insel und Europas sonnigem Süden pendelnde Autorin ist nämlich begeisterte Hobbyköchin. E-Book-News serviert als Appetizer den Beginn von „Wintertraum“ – noch ein paar Häppchen mehr bietet die Leseprobe im Kindle-Shop.

Lisa Torberg: Sam’s Sweet & Spicy – Wintertraum

Kapitel 1

Montag, 1. Dezember

Das gelbliche Licht der altmodischen Laternen durchdrang die hereinbrechende Dämmerung und legte sich wie ein warmer Mantel über die Frith Street. Durch die Lichterketten in den Schaufenstern wirkten die kleinen Läden im Erdgeschoss der Ziegelbauten Sohos am ersten Dezembertag noch einladender, als sonst. Ein kleines Mädchen zog seine Mutter an der Hand über die kaum befahrene Einbahnstraße zu den dunkelrot umrahmten Fenstern eines Shops. Dann riss es sich los und klebte seine Nase, die von der Kälte so rot war, wie die der Rentiere des Weihnachtsmanns, an die Glasscheibe. Staunend betrachtete das winterlich vermummte Kind Santa Claus mit seinem Schlitten und ein verzaubert aussehendes Dorf aus bunt bemaltem Pappmaschee. Zwischen der weihnachtlichen Dekoration standen, auf ihren verschnörkelten gusseisernen Beinen, kleine runde Bistrotische mit marmornen Platten. Das Mädchen leckte sich über die Lippen und starrte auf die runden, länglichen und quadratischen Schokopralinen und die vielen bunt befüllten Glaskonserven, die dort ausgestellt waren. An den Wänden, auf den antik anmutenden cremeweiß bemalten Holzregalen waren unzählige bauchige, schlanke, birnenförmige und zylindrische Flaschen aufgestellt. An allen war mit einem goldfarbenen Band ein Kärtchen befestigt. Dazwischen standen überall goldene und rote Kerzen und von der Decke hingen Ketten, an denen kleine Engel festgemacht waren.

»Bitte Mummy, nur ein winziges Tütchen.« Der bettelnde Blick ihrer Tochter ging Marsha durch und durch. Sie wusste einfach nicht, wie sie Samantha entgegentreten sollte, nachdem das Schicksal ihrer nach den Eltern nun auch die Großmutter genommen hatte. Die Freundin war nach dem Begräbnis vor knapp zwei Wochen unerreichbar gewesen, ihr Sam’s Sweet & Spicy geschlossen. Mit glänzenden Augen blickte sie durch die Scheiben in den riesigen Raum. Hinter dem breiten Rundbogen, der den Verkaufsraum vom Küchenbereich nur optisch trennte, stand Samantha mit dem Rücken zu ihr an der marmornen Arbeitsplatte. Jetzt musste sie all die Köstlichkeiten alleine zubereiten, ohne die anregenden Gespräche mit ihrer Großmutter, die den Laden zwar schon vor Jahren auf die Enkelin überschrieben hatte, jedoch bis vor wenigen Monaten immer noch aktiv mitarbeitete. Granny Beth war seit Jahrzehnten die gute Seele der Straßen und Gassen rund um die Gartenanlagen von Soho Square gewesen. Mit unermüdlicher Energie und vollstem Einsatz hatte sie stets ein offenes Ohr für alle gehabt, Kinder betreut, wenn eine Mutter etwas zu erledigen hatte und Einwanderern bei Behördenwegen geholfen. Seit dem Tag, an dem ihre Tochter und der Schwiegersohn bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen waren, hatte sie sich mit Leib und Seele ihrer damals dreijährigen Enkelin ebenso gewidmet, wie dem kleinen Laden, in dem sie selbst gemachte Delikatessen verkaufte. Wie oft hatten Marsha und weitere Kinder aus der Nachbarschaft ihre Nachmittage hier verbracht. Granny Beth hatte ihnen bereits im Vorschulalter spielerisch das Lesen beigebracht, mit ihnen gekocht und gebacken, und später ihre Tränen getrocknet, wenn sie Liebeskummer hatten. Doch die kleine, rundliche Frau mit dem liebevollen Blick, die so herrlich nach Gewürzen duftete und stets ein Minzbonbon im Mund hatte, war seit dem letzten Sommer in nur wenigen Monaten zur Unkenntlichkeit abgemagert. Der Hirntumor, der als Grund ihrer jahrelang immer stärker werdenden Kopfschmerzen erst diagnostiziert worden war, als Sprachstörungen hinzukamen, war inoperabel gewesen. Bis zum letzten Moment hatte die knapp Siebzigjährige jede lebenserhaltende Therapie abgelehnt und darauf bestanden ihre letzten Wochen daheim zu verbringen. »Ich will in meinem Bett sterben«, hatte sie gesagt und mit Morphium ihre sicherlich unerträglichen Schmerzen bekämpft, ohne sich etwas von ihrem Leiden anmerken zu lassen. In der zweiten Novemberwoche war sie dann eines Nachts friedlich eingeschlafen. Hunderte von Personen hatten ihr das letzte Geleit auf den Kensal Green Friedhof gegeben, wo Marsha ihre Freundin Samantha zum letzten Mal gesehen hatte. Der kleine Laden mit der Schauküche, in der die Kunden die Herstellung der kulinarischen Köstlichkeiten miterleben konnten, war bis vor wenigen Tagen geschlossen gewesen, die Freundin telefonisch nicht erreichbar. Auch die Kurznachrichten waren unbeantwortet geblieben. Doch jetzt, am Tag nach dem ersten Adventsonntag, erstrahlte Sam’s Sweet & Spicy in vorweihnachtlichem Glanz.

Sie schrak aus ihren Überlegungen auf, als Emily heftig an dem Ärmel ihres Mantels zerrte. »Bitte Mummy, darf ich?« Mit einem tiefen Seufzer griff Marsha nach der Hand ihrer Tochter, ging auf die Ladentür zu und drückte sie auf. Der Klang der hellen Glocke, die das Eintreten der Kunden ankündigte, vermischte sich mit dem fröhlichen Lachen der Kleinen und der Stimme von Michael Bublé, die lautstark singend White Christmas ankündigte.

Als sie das Klingeln hörte, warf Samantha einen raschen Blick über die Schulter in den vorderen Bereich. »Kleinen Moment«, rief sie, wusch die Hände in dem riesigen schneeweiß emaillierten Waschbecken und trocknete sie an der dunkelroten Latzschürze ab. Mit einer ihr typischen Handbewegung beförderte sie eine rebellische Locke, die sich aus dem Pferdeschwanz gelöst hatte, hinters Ohr und trat durch den Rundbogen aus dem Küchenbereich in den Verkaufsraum.

Ihr Gesicht ist schmaler geworden, dachte Marsha und betrachtete die dunklen Schatten unter den Augen der Freundin. Mit einem zaghaften Lächeln traten die Frauen aufeinander zu und umarmten sich, ohne ein Wort zu sagen. Marshas Anspannung fiel von ihr ab. Es war wie immer – sie verstanden sich auch ohne Worte. Sanft löste sich Samantha aus der Umarmung und ging in die Knie, um mit dem kleinen Mädchen auf Augenhöhe zu sein. »Na Emily, was darf es denn sein?«

»Von jeder Art eine«, piepste die Kleine und sah fragend zu ihrer Mutter auf, die kopfschüttelnd antwortete. »Nein Liebes, wir wollen uns ja nicht mästen. Neun Stück. Drei für jeden von uns. Such sie dir aus.« Das Kind nahm eines der beiden ziselierten silbernen Schälchen mit der dazupassenden Gebäckzange von dem antiken Schreibsekretär und wendete sich dem nächsten Tischchen zu.

»Die Dekoration ist wunderschön. Ich bin froh, dass du dieses Jahr nicht darauf verzichtest«, sagte Marsha mit einem Blick auf den nahezu lebensgroßen Weihnachtsmann, dann setzte sie leise hinzu. »Du hast mir gefehlt, warst plötzlich verschwunden.«

Samantha runzelte die mit Sommersprossen übersäte Stupsnase und legte die Stirn in Falten. »War ich nicht. Ich wollte nur einfach allein sein und niemanden sehen.«
»Du warst hier?« Ungläubig starrte sie in das Gesicht der Freundin. »Und warum hast du dann nicht auf meine Anrufe und Nachrichten geantwortet?«
»Ich wollte einfach mit niemandem reden und außerdem hatte ich Granny versprochen, ihr Zimmer sofort auszuräumen. Du weißt ja, wie sie war. Sie sah nie nach hinten, immer nur nach vorne und das Glas halb voll, niemals fast leer. Wenige Stunden, bevor sie starb verlangte sich nach einer Schale heißer Orangenschokolade und zog mich auf den Bettrand, als ich sie ihr brachte. Dann nahm sie meine Hände fest in ihre und erzählte mir von dem Tag, an dem meine Eltern beerdigt wurden. Sie hatte tagelang geweint, mit dem Schicksal gehadert und sich innerlich mit Gott zerstritten. Grandpa, von dem sie schon viele Jahre getrennt war, dem sie jedoch freundschaftlich verbunden war, hatte mich zu sich und seiner zweiten Frau mitgenommen, damit ich nichts mitbekam. Weder von dem schrecklichen Unfall noch von der Verzweiflung meiner Großmutter. Der einzige Mensch, mit dem Granny in diesen Tagen sprach, war der alte Mr. Ridley.«

Marsha zog die Augenbrauen hoch. »Der Kohlenhändler? Der missmutige Mann, der uns Kinder immer nur ankeifte, wenn wir uns ihm auch nur auf wenige Meter näherten?«
»Genau der«, bestätigte Samantha nickend, während sie Emily beobachtete, die nachdenklich das Köpfchen schüttelte und sich nicht entscheiden konnte, welche der Nusspralinen sie nehmen sollte. »Na ja, er ist ja schon lange tot, deshalb hatten wir nie mehr über ihn gesprochen. Granny erzählte mir, dass er seine ganze Familie während des London Blitz im Zweiten Weltkrieg verloren hatte. Seine Frau, die Kinder und seine Eltern wurden unter den Trümmern des von der deutschen Luftwaffe total zerbombten Hauses begraben. Von dem Tag an wurde er unnahbar und wortkarg, ging nur seiner Arbeit nach und vermied nahezu jeden Kontakt zu seinen Mitmenschen. Meine Urgroßeltern hatten ihn in diesem Haus aufgenommen, das nicht komplett zerstört war, wie das Nachbarshaus. Da war es fast selbstverständlich, dass er der Patenonkel Grannys wurde, als sie zu Beginn des letzten Kriegsjahres zur Welt kam.«

»Wie bitte? Das glaube ich jetzt nicht. Und du wusstest das alles nicht?«, Marsha starrte die Freundin mit weit aufgerissenen Augen an.
»Woher denn? Der alte Ridley war doch schon mindestens achtzig, als wir beide in die Schule kamen. Und dann war er eben irgendwann nicht mehr da. Ich hatte auch nicht mehr an ihn gedacht, bis zu dem Abend an Grannys Sterbebett.« Sie seufzte auf, bevor sie leise weitersprach. »Als meine Eltern starben, war er der Einzige, der ihren Schmerz verstehen konnte, sagte sie. Sie verkroch sich in die Wohnung und ging nicht einmal hinunter in den Laden, um nach dem Rechten zu sehen. Ridley verschenkte die verderblichen Lebensmittel, kochte für sie, räumte das Schlafzimmer von Mum und Dad aus und ließ alles Brauchbare von der St Patrick’s Church abholen. Er wich nicht von ihrer Seite und sprach stundenlang mit ihr über Gott und die Welt, vor allem aber über ihre Verantwortung mir gegenüber. Am Tag nach der Beerdigung brachte mich Grandpa nach Hause und Granny Beth begann mit mir ein neues Leben. Weißt du Marsha, ich konnte die starken Schmerzen in ihren Augen sehen, doch sie wollte an dem Abend kein Morphium und sprach weiter. Für dich ist es leichter als für mich damals, sagte sie und strich mir dabei immer wieder über den Kopf. Wir können jetzt voneinander Abschied nehmen und über die wundervollen Jahre sprechen, die wir miteinander verbringen durften.« Samanthas grüne Augen füllten sich mit Tränen, als sie weitersprach. »Wir leben in der Gegenwart, nicht in der Vergangenheit, mein Liebes, sagte sie. Du musst mir versprechen, dass du es genauso machst, wie ich damals. Dann trank sie den letzten Schluck der mittlerweile fast kalten Schokolade aus der Tasse, legte sich zurück und schloss die Augen.«

»Mummy, schau mal.« Emily hielt das silberne Schälchen hoch. Marsha verknotete ihre Finger ineinander, um nicht vor Rührung zu weinen, und beugte sich zu ihrer Tochter hinunter.
»Fein mein Schatz.« Sie tat so, als ob sie die Pralinen abzählen müsste, und legte den Zeigefinger an die Lippen. »Weißt du was, nimm noch sechs Stück dazu. Dann bekommen unsere Gäste heute Abend auch welche.« Ihre Tochter wendete sich ab und nahm ihre Freundin in den Arm. »Du hast also gemacht, was dir Granny Beth aufgetragen hat?«, flüsterte sie ihr ins Ohr.

Samantha nickte so heftig, dass ihr Unterkiefer dabei gegen Marshas Schulter schlug. »Ja, aber nicht sofort. Bis zum Tag des Begräbnisses habe ich ununterbrochen geheult. Am Tag darauf holten dann ein paar Leute der Pfarrgemeinde St Patrick’s alles ab, auch die Möbel. Ich habe nur einige Erinnerungen behalten. Am nächsten Tag machte ich mich daran, das Zimmer in einem zarten Pfirsichton zu streichen und meinen Lesestuhl und den Schreibtisch hineinzustellen. Jetzt fehlen nur noch die bestellten Bücherregale, dann bekommen meine Bücher in Grannys Zimmer ein neues Zuhause.«
Marsha lachte auf, als sie an den Buchschatz ihrer Freundin dachte, den diese bereits im Kindergartenalter anzulegen begonnen hatte. »Wie viele Kartons stehen denn unter deinem Bett?«

Samanthas Augen blitzten schelmisch. »Gar keine mehr. Aber im neuen Lesezimmer dafür vierzehn und weitere sind im Keller.«

Lächelnd wendeten sich die beiden jungen Frauen Emily zu, die stolz ihre ausgewählten Pralinen präsentierte. Jede war ein kleines Kunstwerk für sich und anders verziert, mit Veilchenblättern, Blattgold, kandierten Orangenschalen, Mandelsplittern und mehrere mit Zuckerperlen in verschiedenen Farben. Das waren diejenigen, die Emily besonders liebte. Mit geübten Handgriffen legte Samantha mit der silbernen Zange jede Praline in ein goldenes Papierförmchen und verpackte sie in einer quadratischen Pappschachtel mit weihnachtlichen Motiven. Sie verschloss die Pralinenschachtel mit einem goldenen Band und dem Aufkleber Sam’s Sweet & Spicy und reichte sie dem freudestrahlenden Mädchen mit einer Verbeugung.
»Nicht alle auf einmal essen, Emily«, mahnte sie und küsste die Kleine auf beide Wangen. Dann zog sie Marsha an sich heran und umarmte sie. »Die gehen heute aufs Haus. Dafür musst du mir aber beim Christmas Pudding helfen.«
»So wie jedes Jahr?« Die Freundin strahlte über das ganze Gesicht. Es tat gut zu wissen, dass Samantha trotz des Verlustes ihrer Großmutter ihr normales Leben wieder aufnahm.
»Natürlich. Denn auch wenn Granny nicht mehr dabei sein kann, so werden ihr berühmtes Rezept und unsere Tradition weiterleben. Und das werden wir beide fortsetzen, auch wenn wir schon alt und schrumpelig sind.« Sie zwickte ihre Freundin in die Wange, um ihre Worte zu unterstreichen. »Dann wirst du zwar deine tolle Pfirsichhaut nicht mehr haben, aber immer noch deine beste Freundin.«
»Na das hoffe ich doch!«, erwiderte Marsha lachend. »Reicht ein Nachmittag oder sollen wir einen ganzen Tag einplanen?«
»Honey, ich glaube, einer wird nicht reichen. Seitdem ich heute Früh aufgemacht habe, sind schon vier Vorbestellungen eingetroffen und das ist erst der Anfang. Außerdem habe ich ab übermorgen für die nächsten zweieinhalb Wochen täglich ein oder zwei Cateringaufträge für Weihnachtsfeiern.«
»Schaffst du das denn alleine?«
Samantha schüttelte den Kopf, die störrische Locke flog nach vorne und kringelte sich unmittelbar neben dem Augenwinkel ein. Sie blinzelte irritiert und pustete sie nach oben. »Nein, ich habe bereits am Vormittag Himmel und Erde in Bewegung gesetzt. Zuerst brauche ich sofort jemanden, der mir bis Weihnachten täglich unter die Arme greift und zu Jahresbeginn werde ich einen Mitarbeiter fix anstellen. Am liebsten einen, der noch keine Ahnung von Kochen und Patisserie hat, dafür aber Passion mitbringt.«
»Einen jungen Auszubildenden?«
»Nein Marsha, jung muss er oder sie nicht sein, denn ob Mann oder Frau ist mir egal. Aber eben ein Mensch, der lernfreudig ist.« Das Klingeln von Marshas Handy unterbrach sie. Mit erschrockenem Gesichtsausdruck nahm die Freundin das Gespräch an.
»James, verzeih bitte. Ich habe erst jetzt gesehen, wie spät es ist.«
Sie hörte kurz zu. »Ja, danke. In zehn Minuten sind wir daheim.«
Rasch umarmte sie ihre Freundin, nahm Emily an der Hand und ging zur Tür. »Ich melde mich morgen bei dir, Samantha. Wir haben Gäste zum Abendessen, nur wenn ich mich nicht beeile, dann können sie den Braten roh essen.«

Schmunzelnd blickte Samantha ihrer Freundin nach, die im Laufschritt davonlief und Emily hinter sich herzog, wie einen störrischen Welpen. Die Kleine hielt die Pralinenschachtel fest in der anderen Hand und versuchte, sich dem Tempo ihrer Mutter anzupassen, was ihr nur stolpernd gelang. Erneut fiel ihr die rebellische rote Haarsträhne ins Gesicht, als sie den Kopf schüttelte. Es war erst kurz nach sechs Uhr und wie sie selbst war auch Marsha eine ausgezeichnete Köchin, was sie beide Granny Beth verdankten. So wie sie ihre Freundin kannte, war der Tisch bereits eingedeckt und alles vorbereitet. Im schlimmsten Falle musste sie den Braten in den Backofen schieben und die vorbereiteten Beilagen aufwärmen und würde immer noch rechtzeitig fertig sein, um mit perfektem Make-up und in dem zum Abend passenden Outfit, das ihre Traumfigur vorteilhaft betonte, James Klienten zu empfangen. Zweifellos, denn sie war die perfekte Ehefrau und Mutter. Der Anwalt James Niles, der aufstrebende Stern unter den auf Erbrecht spezialisierten Anwälten Londons, liebte es, wichtige Mandanten bei sich zu Hause zu empfangen. Natürlich nicht, um die Kosten für das Abendessen in einem Restaurant zu sparen, sondern da er es genoss, ihnen einen Einblick in sein Privatleben zu gewähren und seine beiden Frauen bewundert wurden, was auf ihn positiv abfärbte. Die bezaubernde siebenjährige Emily, von ihm liebevoll Goldlöckchen genannt, da sie Shirley Temple in Curly Top wie aus dem Gesicht geschnitten war, lauschte ruhig und aufmerksam den Gesprächen der Erwachsenen und fragte um Erlaubnis, bevor sie den Tisch verließ, um zu Bett gehen. Und natürlich Marsha, die nicht nur fantastisch aussah, sprachgewandt war und ihre beruflichen Ambitionen als Anwältin auf Eis gelegt hatte, um sich Mann und Kind zu widmen. Doch der wahre Beweggrund für diese Dinnereinladungen waren Marshas extravagante Menüs, die sie stets mit einem Augenmerk auf die Herkunft oder Vorlieben der Gäste kreierte. Natürlich nach Rücksprache mit James Sekretärin, dich ihr auch verriet, wie viel Löffel Zucker die Betreffenden in ihrem Tee oder Kaffee wünschten. Sicher würde es auch heute Abend wieder so sein, überlegte Samantha mit einem letzten Blick auf ihre Freundin, die um die Straßenecke verschwand.

Kurz dachte sie daran die Ladentür abzusperren, doch die Lieferung von McDermott stand noch aus. Hoffentlich war nichts passiert. Isaac, der fröhliche Jamaikaner mit den Rastalocken, kam auf seiner Lieferrunde stets zwischen drei und vier Uhr bei ihr vorbei. Und gerade heute, nach der mehrwöchigen Schließung, benötigte sie die bestellte Ware dringend, vor allem die Pistazienstreusel. Mit einer resoluten Geste zog sie an dem Haargummi, fuhr sich mit den Fingern durch die Haare und band einen straffen Pferdeschwanz. Dann erhöhte sie das Volumen an der Dockingstation ihres iPods, der ihre unendliche Playlist an Weihnachtsliedern abspielte, drehte im Verkaufsraum das Licht ab und trat in den Küchenbereich. Sie wusch sich die Hände, bevor sie zum Herd ging, um die Temperatur des Wasserbads zu kontrollieren, wo die restliche Pralinenmasse auf sie wartete. Perfekt, nicht zu weich und nicht zu hart. Flink versenkte sie ihre Finger in die geschmeidige dunkle Masse, rollte die nussige aromatisierte Schokolade zwischen ihren Handflächen zu einer Kugel und legte diese auf der weiß-grau melierten Marmorfläche zu den anderen. Bei dreihundert hatte sie aufgehört zu zählen. Während sie die soundsovielte Schokopraline formte, sang sie mit lauter Stimme John Lennons So this is Christmas mit und überhörte die Glocke an der Ladentür, als sich diese öffnete.

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Copyright Cover & Leseprobe: Lisa Torberg –
Publikation mit frdl. Genehmigung der Autorin.

Lisa Torberg,
Sam’s Sweet & Spicy – Wintertraum
E-Book (Kindle Shop) 2,99 Euro


Veröffentlicht von

Ansgar Warner

Ansgar Warner arbeitet als freier Autor im Medienbüro Mitte (Berlin). Neben diversen Brotarbeiten für Presse & Rundfunk bloggt er hier rund um's Thema Elektronisches Lesen. Die spannende (Vor-)Geschichte der elektronischen Bücher erzählt Ansgar in "Vom Buch zum Byte". Praktische Infos für Autoren, Verleger & alle E-Reading-Interessierten vermittelt das "e-book & e-reader abc".