Home » E-Book-Review

[book-review] Tödliche Umarmungen (Daniel Leisegang, Amazon: Das Buch als Beute)

15 Sep 2014

Mitten in der texanischen Wüste wird derzeit im Innern eines ausgehöhlten Berges eine riesige mechanische Uhr errichtet, getauft auf den Namen „The Clock of the Long Now“. Das Chronometer wird nur alle 365 Tage ticken, und hat einen Zeiger, der nicht Stunden anzeigt, sondern Jahrhunderte. Das Land drumherum gehört einem der reichsten Männer der Welt: Jeff Bezos. Wer wissen möchte, wie der Multimilliardär tickt, bekommt hoch oben in den Sierra Diablo Bergen einen wichtigen Hinweis: dieser Mann denkt in großen Etappen.

Das sollten wohl auch alle zur Kenntnis nehmen, die mit Amazon zu tun haben – denn auch das von Bezos 1994, also vor genau zwanzig Jahren gegründete Unternehmen hat einen sehr langen Atem. Gewinne werden nicht ausgewiesen, trotz kontinuierlich steigender Umsätze wird alles verfügbare Geld in die weitere Expansion investiert. Kindle Reader, Kindle Fire Tablet, Fire TV, Fire Phone, et cetera: Was mit dem Online-Versand mit Büchern, Gummistiefeln und Waschmaschinen begann, hat längst seine Fortsetzung in Geräten und Content gefunden.

Insofern ist Daniel Leisegangs kritische Amazon-Studie mit dem Untertitel „Das Buch als Beute“ nicht nur eine Engführung, sondern fast schon eine Art Missverständnis:
denn im Buchhandel ist Bezos eher zufällig gelandet, sein eigentliches Metier war bis Anfang der Neunziger Jahre der computergestützte Börsenhandel. Früh wurde er auf das boomende World Wide Web aufmerksam, und nutzte clever die immensen Wachstumsraten der Internet-Ökonomie für eigene Zwecke. Das Garagen-Startup Amazon.com nannte sich zwar keck „größte Buchhandlung der Welt“, hatte aber eigentlich nur den größten Katalog der Welt.

Pech für die Buchbranche, dass der Weg zum größten „Anything Store“ weltweit ausgerechnet über das Terrain der Gutenberg-Galaxis führen musste. Dort wie auch anderswo setzt der Konzern nun auf beschleunige Disintermediation: alle Zwischenhändler werden ausgeschaltet, nicht nur die Buchhändler, sondern perspektivisch auch die Verlage. Leisegangs Dossier, basierend vor allem auf der Auswertung von Presseartikeln, Internet-Quellen und aktuellen Amazon-Studien (Brad Stone & Richard L. Brandt) bringt diese Strategie auf den Punkt: es geht um die „tödliche Umarmung“.

Bei seinen kritischen Blicken auf Amazons tayloristisch ausdifferenzierte Lagerlogistik, auf gnadenlose Rabattierungs-Schlachten und infame Steuertricks wird aber auch deutlich: gerade in Deutschland – nach den USA zweitwichtigster Markt für den Online-Händler – wird das raubtierhafte Verhalten von Amazon durch flexible Gesetze, staatliche Subventionen und willige Vollstrecker der Dienstleistungs- und Zulieferindustrie effektiv unterstützt. Da ist die Frage: Fällt die Buchpreisbindung? fast schon nebensächlich, denn spätestens seit dem Boom des Self-Publishings und dem Start von eigenen Imprints geht der Pricing-Trend deutlich bergab.

Und auch vor Amazon war der von großen Ketten dominierte Buchhandel eigentlich schon jenseits von Gut und Böse: „Die Verlage werden von gleich zwei mächtigen Gegenspielern in die Zange genommen“, so Liesegang zu recht. Zugleich werden Lösungswege gezeigt – die Renaissance der inhabergeführten Buchhandlungen gehört dazu (siehe Stories in Hamburg, Ocelot in Berlin, „Buchladen Neusser Straße einzigundartig“ in Köln-Nippes), aber auch der Wandel von Verlagen zu „Edeldienstleistern für Autoren“. Nicht zuletzt ist aber wohl auch Druck auf die Politik notwendig, um den Quasi-Monopolisten stärker in die Schranken zu weisen.

Lässt man begriffliche Unschärfen (der Buchhandel an sich und das Buch per se sind durch Amazon nicht bedroht, wenn überhaupt, dann vom Medienwandel) und von schlecht informierten Journalisten übernommene technische Details (etwa zum Kindle-DRM, zu KDP und Createspace, etc.), ebenso das lieblose Word-Arial-14-Punkt-Layout der Printversion (da wirkt ein Wort wie „Kulturgut Buch“ dann doch irgendwie unrund) beseite, hat der Politologe und Redakteur der „Blätter für deutsche und internationale Politik“ einen gut lesbaren Überblick zu den Verästelungen des Systems Amazon im hiesigen Leseland vorgelegt.


Daniel Leisegang,
Amazon – Das Buch als Beute
Taschenbuch (128 S.) 12,80 Euro (z.B. via Amazon)
E-Book (epub/Kindle) Bisher nicht lieferbar