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Tipp & Wisch statt Multi-Tap: Wie Swype das Schreiben auf Touch-Screen-Tastaturen verändert

19 Jul 2010

swype-statt-t9.gifMit Swype will US-Unternehmer Cliff Kushler das elektronische Schreiben auf Smartphones und Tablets revolutionieren. Ohne den Finger vom Display zu heben, sollen auf Touch-Screen-Tastaturen die Buchstaben eines Wortes im Zick-Zack-Kurs angesteuert werden. Bis zu 55 Worte pro Minute sind möglich. Die neue Technik scheint vielversprechend: Vor kurzem schaffte ein Schnellschreiber es mit Swype bereits ins Guinness-Buch der Rekorde.

Am Anfang war T9: Millionen Daumen können nicht irren

Elektronisches Lesen geht oft viel schneller als elektronisches Schreiben. Wer in den Neunziger Jahren eine SMS mit „Hallo“ beginnen wollte, musste für die sechs Buchstaben noch ingesamt zwölf Tasten drücken, nämlich: 44-2-555-555-666. Das sogenannte „Multi-Tap“ auf den Zifferntasten war nicht nur zeitraubend, sondern auf Dauer auch anstrengend. Insofern dürfen Milliarden Daumen einem Mann namens Cliff Kushler dankbar sein – zusammen mit einem Geschäftspartner entwickelte der US-Unternehmer nämlich T9, mit vollem Titel: „Text on 9 Keys„. Das Programm ermittelt automatisch das wahrscheinlich gewünschte Wort – bei der Tastenkombination „42556“ also etwa „Hallo“. Diese Technik wird auch „Predictive Text“ genannt – sie leistet schließlich eine Art „Wortvorhersage“. Im Zweifelsfall entscheidet das Programm nach der Worthäufigkeit. Mittlerweile sollen mehr als vier Milliarden Handy-Tastaturen weltweit die flinke Tastensprache verstehen. In Japan werden sogar schon Romane auf dem Handy geschrieben…

Swype zielt auf die virtuelle Tastaturen von Smartphones & Tablets

Im Zeitalter von Smartphone und Touch-Screen wird allerdings immer häufiger auf virtuellen Tastaturen getippt. Für die Schreibgeschwindigkeit bedeutet das nicht unbedingt einen Vorteil. Denn statt Zehn-Finger-Schreiben ist auf dem begrenzten Raum des Displays meist das alte Adler-Suchsystem gefragt, wenn man nicht sogar einen Stylus nutzt. “Wir haben den Desktop-Computer inklusive Keyboard und Maus so klein gemacht, dass er in die Hosentasche passt. Dadurch ist die Möglichkeit der Dateneingabe nun aber auch sehr eingeschränkt“, so Kushler gegenüber der New York Times. „Wenn wir einen besseren Weg dafür finden könnten, wäre das eine hervorragende Geschäftsidee“. Und tatsächlich hat sich Kushler jetzt etwas neues ausgedacht: Swype. Eine Kombination aus „Fingerwischen“ (Finger Swish) und Tippen (Type) soll zum T9 des Touch-Screen-Zeitalters werden.

Piranha-Keyboard: Mit Swype sollen bis zu 50 Worte pro Minute möglich sein

Dabei zieht der Nutzer für jedes Wort imaginäre Linien von Buchstabe zu Buchstabe auf der Tastatur, ohne den Finger abzusetzen. Verlässt der Schreibfinger das Touch-Screen, erscheint das fertige Wort auf dem Display. Doppelte Buchstaben werden durch einen kleinen Kringel erzeugt, Großbuchstaben durch einen Umweg in den Weißraum. Die Schreibgeschwindigkeit soll sich mit Swype drastisch steigern, 50 Worte pro Minute kann ein geübter Anwender angeblich schaffen, Kushler selbst will bis zu 55 Worte erreicht haben. Blickt man in das Guinness Buch der Rekorde, scheint da etwas dran zu sein. Im März 2010 wurde auf einem Samsung-Smartphone via Swype ein neuer Weltrekord für Text-Nachrichten aufgestellt – in nur 35 Sekunden tippte ein Mitarbeiter von Kushlers Unternehmen folgende Sätze ein: “The razor-toothed piranhas of the genera Serrasalmus and Pygocentrus are the most ferocious freshwater fish in the world. In reality they seldom attack a human.”

Tipp & Wisch lohnt sich nicht nur für Tablets, sondern auch für Internet-TV

Samsung machte den Rekordversuch auf dem Omnia II-Smartphone sogar zum Inhalt eines Werbespots, der genau so lange dauerte wie das Eintippen des Gewinner-Satzes. Der Off-Kommentar dazu lautet: „During this commercial you’ve been watching, we’ve just broken the Guiness World Record for texting on a mobile phone“. Der nächste Rekord wird vielleicht auf einem ganz anderen Gerät aufgestellt, denn bis Ende 2010 sollen mehr als fünfzig verschiedene Smartphone-Modelle weltweit mit Swype ausgestattet sein. Technische Hindernisse gibt es keine: Auf Windows-Mobile-Plattformen etwa nimmt das schlanke Programm gerade mal 500 bis 900 Kilobyte ein. Sinnvoll wäre die Wisch- und Tipp-Technik des T9-Erfinders aber wohl auch auf der neuen Generation von Tablet-PCs. Theoretisch haben zwar Neun-Zoll-Displays wie beim iPad genügend Platz für die Zehn-Finger-Methode, doch es fehlt das notwendige Tastengefühl zur Orientierung. Kushler arbeitet zur Zeit an einer Swype-Version für das iPhone OS, demnächst soll bei Apple ein Prototyp vorgeführt werden. Doch warum nur Tablets? Cliff Kushler denkt bei Tipp & wisch ebenso an das Internet-TV der Zukunft: “Swype könnte der de-Facto-Standard für die nächste Generation der Fernseher und Fernbedienungen werden.“