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Tiny Tales: 300 abgeschlossene Twitter-Romane in einem Band

17 Jan 2012 Ansgar Warner 0 Kommentare

Twitter-Literatur hat ihren ganz besonderen Charme – denn bei nur 140 Zeichen muss man schnell auf den Punkt kommen. Doch das Textfenster des Microblogging-Dienstes eignet sich nicht nur für kryptische Kurzlyrik im Haiku-Stil. Schriftsteller wie etwa Rick Moody haben auch schon komplette Fortsetzungsromane Folge für Folge getwittert. Florian Meimberg dagegen bietet seinen Lesern auf @tiny-tales abgeschlossene Twitterromane in drei Sätzen. Tiny Tales sind bei den Twitterati längst Kult: fast zwanzigtausend Follower zählt das Twitter-Profil des hauptberuflichen Werbefilm-Regisseurs bereits. Ein Sammelband mit diesen “sehr kurzen Geschichten” ist jetzt im Fischer-Verlag als E-Bookerschienen, mit einem Vorwort von Sascha Lobo. Wie es sich gehört, hat auch das nur 140 Zeichen. Elektronisch oder auch gedruckt sind die Tiny Tales für 7,99 Euro zu haben.

“Du dachtest, ich sei tot? Think again, Sweetheart!”

Frosch, Brunnen, Platsch. So etwa läßt sich eines der berühmtesten japanischen Haikus von Matsuo Basho übersetzen. Mehr als Subjekt, Prädikat, Objekt braucht eine gute Geschichte eigentlich gar nicht. Alles andere ist nur schmückendes Beiwerk. Verglichen damit sind Florian Meimbergs Tiny Tales fast schon in epischer Breite erzählt. Denn immerhin bestehen sie in der Regel aus drei bis vier kompletten Sätzen. Etwa: Sam atmete schwer. Er starrte auf den Zettel. „Du darfst morgen auf keinen Fall in das Flugzeug steigen!“ stand dort. In seiner Handschrift. In den dürren Zeilen verbirgt sich der Plot eines kompletten Sci-Fi-Films. Wie ist es zu diesem Zeitparadox gekommen? Wird Sam die Warnung aus der Zukunft befolgen? Die eigentliche Handlung spielt sich im Kopf des Lesers ab. Auch Krimi-Plots lassen sich offenbar sehr gut in ein paar Dutzend Buchstaben gießen: „Du dachtest, ich sei tot? Think again, Sweetheart!“, höhnten die bunten Buchstaben. Keuchend starrte Marie auf die Kühlschrankmagnete. Auch hier ergänzen sich die Leerstellen perfekt zu einem schaurigen Thriller-Plot.

“Der Punkt am Satzende ist die Kugel für den Kopfschuss”

Schon diese Auswahl ist zugleich charakteristisch für den schwarzen Humor, dem die meisten von Meimbergs Pointen verpflichtet scheinen. In einem Kurzstrecken-Interview mit der WELT twitterte der Autor dazu: “Böses eignet sich besonders gut für drastische Fallhöhen in der Dramaturgie. Der Punkt am Satzende ist die Kugel für den Kopfschuss.” Zugleich scheint Meimberg bereits beruflich für die Poesie der Prägnanz vorgeprägt zu sein. Auch als Werbefilmer muss man schließlich eine Idee in wenigen Bildern fassen können. Marketingtechnisch wiederum lässt Twitter-Literatur erst recht keine Wünsche offen. Denn für massenhafte Verbreitung der sehr kurzen Geschichten ist ja bereits durch die wachsende Zahl der Follower gesorgt. In ihrem ureigenen Medium bewegen sich die Tiny Tales wie Frösche im Wasser. Doch auch thematisch geordnet im Print-Buch oder E-Book verfehlt das narrative Granulat seine Wirkung nicht. Vielleicht wären nicht einmal die vor jedes Kapitel gesetzten Grafiken nötig gewesen. Denn Sascha Lobo fragt im Vorwort zu Recht: “Aber was, wenn die wichtigste Zutat zu einer Geschichte gar nicht die Geschichte selbst wäre?” Nicht nur das beste Kino findet im Kopf statt.

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