Tim O’Reilly: „Ohne epub-Format ist Amazons Kindle in drei Jahren weg vom Fenster“

Wer auf offene E-Book-Formate setzt, wird am Markt Erfolg haben. Wer die Nutzung elektronischer Bücher rigide beschränkt, wird dagegen scheitern. Diese Überzeugung vertritt der bekannte amerikanische Verleger Tim O’Reilly in einem Artikel für Forbes.com. Amazons Lesegerät Kindle prophezeit der vor allem mit Anwenderbüchern im Computer- und Websektor erfolgreiche O’Reilly deswegen ein schnelles Ende:

Wenn Amazon nicht einen offenen E-Book-Standard wie etwa epub aufgreift, mit dem die Leser ihr Buch auf verschiedenen Geräten lesen können, wird der Kindle in zwei oder drei Jahren verschwunden sein.

Amazon könnte es so gehen wie Bill Gates, der das Internet nach seinen Regeln beherrschen wollte

O’Reilly verweist dabei auf Microsofts gescheiterten Versuch, in den Neunziger Jahren mit dem Microsoft Network proprietäre Internet-Services anzubieten. Das sei gefloppt, geboomt habe statt dessen das freie World Wide Web. Daran hat der Internet-Pionier selbst mitgewirkt, u.a. mit seinem schon 1993 gestarteten Web-Portal Global Network Navigator. Schon ein Jahr später veröffentlichte er das wahrscheinlich erste elektronische Buch im Internet. Mittlerweile sind E-Books in offenen Formaten ein wichtiges Standbein von O’Reillys Verlag:

Wir bieten unsere Bücher als E-Book-Bundles an, die dem Leser die Wahl überlassen, ob er PDF möchte, epub, oder mobi, übrigens ein HTML-basierter Vorgänger des Kindle-E-Book-Formats, ohne DRM, aber Kindle-kompatibel.

Sony eBook Reader

So sieht die Dynamik des Marktes aus: auf Millionen iPhones werden schon freie E-Books gelesen

Während die Verkaufszahlen für den Kindle noch weit unter einer Million lägen, hätten in kurzer Zeit seit Sommer 2008 mehr als eine Million Benutzer auf ihrem iPhone die E-Book-Lesesoftware Stanza installiert, und hätten damit mehr als 5 Millionen E-Books downgeloadet, und zwar zum größten Teil Public Domain.
Auch O’Reilly setzt offenbar auf die Dynamik der Kombination iPhone, freie Formate und E-Book-Download, zusätzlich angefeuert durch niedrigere Verkaufspreise im Vergleich zum Print-Bereich:

Wir haben eines unsere Bücher, „iPhone: The Missing Manual“von David Pogue, als E-Book über den iPhone-Store angeboten. Nach sechs Wochen hatte diese Version die Print-Version von den Verkaufszahlen her überholt, obwohl diese auch schon der Topseller schlechthin war. Obwohl die iphone-Version nur 4,95 $ statt 24,95$ kostet, verkauft sich aber auch die Papierversion weiterhin sehr gut…

Auch Amazon verkauft E-Books deutlich billiger als Printversionen, offenbar mit dem strategischen Ziel, den Kindle am Markt als beherrschenden Standard durchzusetzen. Immer mehr Verlage setzen dagegen wie O’Reilly auf epub. Gleichermaßen viele Online-Stores: in Deutschland etwa bietet Buch.de neben E-Books im PDF-Format mittlerweile „EPubs optimiert für digitale Endgeräte“ an. Viele dieser E-Books kosten zwischen 10 bis 20 Prozent weniger als die Print-Versionen. Große Verlage mit Direktvertrieb, wie etwa der englischsprachige Penguin Books Online Store, verkaufen dagegen E-Books und Print generell zum selben Preis. Als eine der wenigen Ausnahmen hat dagegen Hachette UK angekündigt, deutliche Preisnachlässe bei E-Books zu gewähren.

Veröffentlicht von

Ansgar Warner

Ansgar Warner arbeitet als freier Autor im Medienbüro Mitte (Berlin). Neben diversen Brotarbeiten für Presse & Rundfunk bloggt er hier rund um's Thema Elektronisches Lesen. Die spannende (Vor-)Geschichte der elektronischen Bücher erzählt Ansgar in "Vom Buch zum Byte". Praktische Infos für Autoren, Verleger & alle E-Reading-Interessierten vermittelt das "e-book & e-reader abc".