Thomas Pynchon trifft National Geographic: „The Seers Catalogue“, eine interaktive Fiktion

seers-catalogueIst es eher ein E-Book? Oder doch ein Point-and-Click-Adventure? Schwer zu sagen — das etwas allgemeine Label „interactive fiction“ trifft das neueste Werk von Sean Michaels noch am besten. Oder in den Worten des Autors: „Part choose-your-own-adventure novel, part post-modernist literature, part eerie atmospheric web game“. Denn tatsächlich gibt’s „The Seers Catalogue“ nur online, und man mausklickt oder fingertippt sich durch die Storyline.

Der fiktive Seers-Katalog

Im Zentrum der Geschichte — realisiert in Zusammenarbeit mit dem „Banff Centre for Arts and Creativity“/Montreal — steht ein obskures Magazin, das wirklich nur vom Namen her an den „Sears Katalog“, so etwas wie die US-Version des Quelle-Katalogs, erinnert. „Wenn Thomas Pynchon den National Geographic herausgeben würde, dann könnte das so aussehen“, twitterte der Autor selbst dazu.

Aufstand gegen das Maß aller Dinge

Über die merkwürdigen Rubriken des Katalogs gelangt der Held der Geschichte zu seiner Mission — eine Geheimorganisation sucht Komplizen, um eine Serie von „bedeutsamen“ Einbrüchen fortsetzen zu können. Offenbar geht es um eine Verschwörung, die das metrische System durcheinanderbringen soll. Die Story entwickelt sich Satz für Satz in dunkelblauen, serifenloser Schrift auf anfangs hellblauem Hintergrund, ein bisschen so wie bei einem alten VC20-Textadventure.

Multimedia & Story-Multiverse

Hier und da werden jedoch auch Illustrationen und kleine Animationen eingeblendet, und im Hintergrund spielt eine sphärenartige Musik. Doch all das ist eher Beiwerk, im Vordergrund steht der Text mit seinen Abschweifungen, kleinen Loops und alternativen Plotlinien (Am Ende liest man nicht umsonst: „This is one way the story ends. There are others. Try again.“) . Damit steht „The Seers Catalogue“ in der Tradition der „klassischen“ Hypertext-Literatur der 1980er und 1990er Jahre, die mittels Software wie „Hypercard“ schon vor dem World Wide Web boomte.

Klassische Hyperfiction als Vorbild

Manchmal, wie bei der legendären Hyperfiction „Uncle Buddy’s Phantom Funhouse“ erhielt man mit den Disketten auch weitaus mehr als nur eine Ansammlung von Links: der Leser wurde mit einem Haufen analogen „Rohmaterial“ überschüttet, aus dem es die eigentliche Story herauszufiltern galt. Mit den in die Handlung eingebetteten Ausgaben des „Seers Catalogue“ in der Hyperfiction „The Seers Catalogue“ ist das ganz ähnlich. Sie führen ein gewisses Eigenleben und dienen zugleich immer wieder als Absprung-Punkte für die weitere Story…

(via The Verge)

Veröffentlicht von

Ansgar Warner

Ansgar Warner arbeitet als freier Autor im Medienbüro Mitte (Berlin). Neben diversen Brotarbeiten für Presse & Rundfunk bloggt er hier rund um's Thema Elektronisches Lesen. Die spannende (Vor-)Geschichte der elektronischen Bücher erzählt Ansgar in "Vom Buch zum Byte". Praktische Infos für Autoren, Verleger & alle E-Reading-Interessierten vermittelt das "e-book & e-reader abc".