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“The day the Kindle died”: Amazon löscht kritisches E-Book zum Thema Bestseller-Ranking

5 Jan 2011 Ansgar Warner 3 Kommentare

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Neue Zensur-Vorwürfe gegenüber Amazon: das Unternehmen soll zeitweise einen E-Book-Ratgeber aus dem Programm genommen haben, der sich kritisch mit dem Amazon-Verkaufsrang auseinandersetzt. In „The Day the Kindle died“ beschreibt Thomas Hertog ausführlich, wie es ihm gelang, durch fleißiges Rezensieren, aber auch downloaden einen seiner Titel an die Spitze der betreffenden Bestseller-Kategorie zu bringen. Mittlerweile ist „The Day the Kindle died“ wieder im Kindle-Store aufgetaucht – allerdings ohne Kundenbewertungen.

In 45 Tagen zum Amazon-Bestseller

Zwei geradezu mystische Größen regieren den Erfolg von Internet-Autoren, zum einen Googles Page-Rank, zum anderen das Bestseller-Ranking im Amazon-Store. Die Einstufung von Websites durch die Methoden der „Search Engine Optimization“ (SEO) ist in gewissen Maßen beeinflussbar, was zu einer Flut von Experten-Tipps und ständig aktualisierten Ratgebern geführt hat. Der Weg zum Bestseller-Titel schien dagegen ebenso klar wie steinig: man muss möglichst viele Bücher verkaufen. Wie der US-Autor Thomas Hertog feststellen musste, gibt es jedoch auch Seitenwege, die weitaus schneller zum Erfolg führen. In nur 45 Tagen gelang es ihm, seinen im Jahr 2009 erschienen Finanzratgeber „Wealth Hazards“ an die Spitze der Kategorie „Personal Finance/Budgeting“ zu bringen.

Kundenrezensionen als Katapult für’s Ranking

Der Trick war recht simpel: Hertog hatte fleißig Rezensionen geschrieben und diese wiederum als „hilfreich“ bewertet. Zudem kaufte er einfach zahlreiche Versionen seines E-Books zum Preis von 11,47 Dollar selbst – was offenbar eine lohnenswerte Investition sein kann. Das Kindle-E-Book überholte sogar große Namen wie Donald Trump – obwohl Hertog von seinem eigenen Titel nur 39 Exemplare wirklich an Dritte verkauft hatte. Nun stand er selbst ganz oben im Kindle Store. Das wurde aber auch der Tag, an dem für Hertog das Kindle als Institution endgültig gestorben war – und zugleich die Geburtsstunde des nächsten Titels: „The Day the Kindle died“: „The Kindle experience died because Amazon failed to communicate openly with its customers and explain to them the inaccuracies in Amazon’s use of sales rankings, bestseller lists, customer reviews“, heißt es in der Einleitung.

Der Tag, an dem die Kritik aus dem Kindle-Store verschwand

Amazons eigener Anspruch ist es eigentlich, jedes Buch verfügbar zu machen, unabhängig vom Inhalt: „the good, the bad and the ugly“, wie es Jeff Bezos einmal formuliert hat. An anderer Stelle ließ man gar verlauten: „Amazon believes it is censorship not to sell certain books simply because we or others believe their message is objectionable.“ Doch bei Hertogs Schmähschrift zog man die Notbremse: wie der britische Guardian berichtet, wurde das Anfang Dezember erschienene Buch um den Jahreswechsel aus dem Programm genommen. Neben „The Day the Kindle died“ verschwand auch „Wealth hazards“. Mittlerweile sind beide Titel wieder im Kindle Store zu haben – die Kundenzrensionen wurden allerdings gelöscht, die Bestseller-Position korrigiert. Amazons Ruf dürfte die Aktion nicht verbessert haben. Spätestens, seitdem im Sommer 2009 über Nacht Ausgaben von George Orwells „1984“ auf den Kindle-Readern gelöscht wurden, befindet sich das Unternehmen im Fadenkreuz der Kritik. Das ungebremste Wachstum der Kindle-Community hat allerdings die Gatekeeper-Funktion noch weiter verstärkt.

3 Kommentare »

  • grizzly schrieb:

    Da war bei Amazon wohl ein ganz eilfertiger Zensor am Werk.

    Das Amazon-Ranking für einzelne Buchtitel sagt IMHO so gut wie garnichts aus. Aber selbst Hartgesottene wie ich, die aus beruflichen Gründen wahre Verkaufszahlen (von Fachbüchern) bei Amazon kennen, sind doch immer wieder bass erstaunt, welch magische Wirkung die Rankings auf Autoren wie Käufer ausstrahlen. Steht ein Titel unter den ersten Zehn, heißt das für mich jedoch meistens nur eins: Die Verkaufszahlen der Mitbewerber müssen weitaus bescheidener ausfallen. Nun ja, der Glaube soll ja auch Hügelchen versetzen…

  • C.P.Seibt schrieb:

    Bravo!
    Was Gegenwart ist, zeigt diese präzise Notiz über Amazons Gelüste verglichen mit dem neuen Mediengesetzt der aktuellen ungarischen Regierung, z.B. hier:
    http://www.zeit.de/politik/ausland/2010-12/ungarn-mediengesetz-orban

    Danke für den Hinweis.

  • Ansgar Warner (author) schrieb:

    Besonders interessant ist der Vergleich übrigens auch, weil Gatekeeper wie Amazon auf ihren Geräten ja inzwischen Zeitungen anbieten – Preisfrage: wie verhalten sich in Zukunft solche Unternehmen, wenn bestimmte Titel innerhalb eines Landes nicht mehr angeboten werden dürfen, und bei Zuwiderhandlung hohe Geldstrafen drohen?