[e-book-review] Asche auf unserem Haupt (Bücherdämmerung – Über die Zukunft der Buchkultur)

„Und dann kam das Internet. Ähnlich einem Vulkanausbruch glich seine Erfindung zunächst einer kurzen Eruption, die ihren vollen Einfluss auf das bestehende Buch-Ökosystem jedoch nach und nach entfalten sollte“. Wer im aktuellen Sammelband „Bücherdämmerung“ nach apokalyptisch-jenseitigen Formulierungen sucht, wird nicht nur mit diesem Ascheregen aus der Feder von Katja Splichal gut bedient. Da tauchen auch veritable Book People aus Ray Bradburys Dystopie „Fahrenheit 451“ auf, die nach dem Verschwinden gedruckter Lektüre selbst zu sprechenden Büchern geworden sind. Und das Thema Intermedialität ist gleich den Abstieg zu den 4.500 Jahre alten ägyptischen Totenbüchern wert.

Doch gerade weil viele der Beiträger selbst vom eruptiven Übergang der Gutenberg-Galaxis in Richtung Turing-Galaxis (wie es Thomas Macho sehr prägnant zusammenfasst) betroffen sind, quasi mit einer dicken Ascheschicht auf dem Haupt schreiben, hat der Sampler durchaus seinen Reiz. Denn mit einer gewissen Gründlich- und Bedächtigkeit werden nochmal sehr zentrale Fragen gestellt, z.B. was ist eigentlich ein Buch, und was könnte aus diesem Medium werden? Besonders pragmatisch sieht das Volker Oppmann, Startup-Verleger, App-Entwickler und Log.Os-Evangelist. „Das Einzige, was sich mit ziemlicher Sicherheit sagen lässt, ist, dass auch in zehn Jahren noch geschrieben wird und Autoren Leser für ihre Texte suchen. Ebenso wird es in zehn Jahren immer noch Leser geben, die auf der Suche nach Inhalten sind. Alles andere kann und wird sich ändern.“

Allerdings – so Detlef Bluhm, der nicht nur die Geschäfte des Börsenvereins in Berlin-Brandenburg führt, sondern auch Romane schreibt – gerät mit dem Roman derzeit ausgerechnet die wichtigste Cash-Cow des Publikumsmarktes durch audiovisuelle Narrative unter Druck: „Der zunehmende globale Erfolg meist amerikanischer TV-Serien könnte die Bedeutung des Romans als Erzählform tangieren, denn im Bereich des filmischen Erzählens stellen sie erstmals eine ernsthafte Konkurrenz zu ihm dar“. Wer schreibt, der bleibt? Zumindest wird aber neben Drehbüchern zukünftig auch noch Programmcode in die Tasten gehackt: „Eigentlich gehörte zum Thema Lesen als dritte wichtige Kraft neben den Büchern und [Fernseh-]Serien noch das Computerspiel, aber das auszuführen würde den Rahmen sprengen“, schreibt Stephan Selle in seinem Beitrag „Anders lesen“. Möglicherweise ist die Detonation schon erfolgt, aber man hat sie nicht hören können, weil Frankfurt (Buchmesse) und Köln (GamesCon) zu weit auseinanderliegen?

Naja, auf jeden Fall müssen traditionelle Büchermenschen, die eigentlich lieber procul negotiis leben und geistige Isolation mehr schätzen als Zerstreuung durch Facebook, sich mittlerweile mit allerlei konkreten Belästigungen der Technosphäre herumschlagen, nicht nur mit Dumpinglöhnen, wie Dietmar Dath in seinem Beitrag zur „Ökonomie des Schreibens“ deutlich macht. Doch eigentlich ist es ja eher Grund zur Hoffnung: Selbst der Geschäftsführer des Börsenvereins Berlin-Brandenburg schreibt heutzutage in einem als parallel als E-Book publizierten Sammelband über Quanten-Handys, Video-in-Print, digitale Kleidung und 3D-Druck.

By the way: Ist sie nun eine Morgen- oder Abenddämmerung, die titelgebende „Bücherdämmerung“? Detlef Bluhm wagt einen auch nach vorne gedacht vielsagenden Rückblick: „Die konservativen Kritiker des gutenbergschen Buchdrucks haben in fast allem recht behalten. Ihre Befürchtungen sind eingetreten.“

Wie die aktuellen Befürchtungen aussehen, zeigt übrigens sehr schön die „Vermarktungsstrategie“ von „Bücherdämmerung“ – allerdings muss man hier wohl eher von einem autosuggestiven Schutzzauber analoger Eingeborener sprechen, der die digitale Proliferation verhindern soll: der Sammelband ist zwar grundsätzlich als E-Book erhältlich, aber zum prohibitiven Preis von 16 Euro, nicht im Kindle-Format und über Amazon schon gar nicht, dafür aber als epub und PDF, jeweils mit Adobe-DRM geschützt. Um soviel auf einmal falsch zu machen, muss man wirklich Branchenexperte sein.


Detlef Bluhm (Hg.),
Bücherdämmerung
– Über die Zukunft der Buchkultur
E-Book (epub/PDF) 15,99 Euro