Schwarz wie Ebenholz, weiß wie Papier: Amazons Kindle Paperwhite im Test

Das große Glimmern hat begonnen – seit kurzem wird Amazons Kindle Paperwhite in Deutschland ausgeliefert. Der erste Kindle-Reader mit Glowlight-Funktion und XGA-Auflösung sorgt für erstklassigen Lesekomfort, egal ob bei Sonnenlicht oder unter der Bettdecke. Dank spezieller LED-Technik geht das Glimmern dabei nicht auf Kosten der Akkulaufzeit. Erstmals bietet das Kindle dank der besseren Display-Qualität nun auch individuelle Fonts wie Baskerville oder Palatino. Zu den weiteren Features gehört die „Time to Read“-Funktion. Ein smarter Algorithmus schätzt, wie lange man noch bis zum Ende eines Kapitels oder des gesamten E-Books braucht. Die aktuelle Firmware sorgt für schnelle Seitenwechsel und rasanten Zooms auf dem Touch-Screen. Fazit: Für 129 Euro bekommt man das beste Kindle, das es je gab. Alles weitere im folgenden Testbericht…

Verbesserte Touch-funktion

Bereits das Kindle Touch setzte auf radikale Vereinfachung – fiel jedoch etwas klobiger aus als die klassischen Tasten-Kindles. Mit dem Kindle Paperwhite geht Amazon noch einmal einen Schritt weiter: Bedient wird das Kindle Paperwhite komplett via Touch-Screen, sogar der Home-Button fällt weg. Außer dem Einschaltknopf und einem Mikro-USB-Port an der Unterseite ist von außen nicht viel zu entdecken, externe Lautsprecher und Kopfhörerbuchse gib es nicht mehr – denn die Audiofunktionen wurden eingespart. Das schlichte, schwarze Gehäuse ist auf der Rückseite gummiert, um besser in der Hand zu liegen, und macht insgesamt einen etwas eleganteren Eindruck als das Vorgängermodell. Verbessert wurde die Touch-Funktion: die kapazitive Methode funktioniert nicht nur genauer als die bisherige Infrarot-Technik, auch die Display-Einfassung konnte dadurch flacher als beim Vorgängermodell gestaltet werden. Vom Gewicht her liegen Kindle Touch und Kindle Paperwhite immer noch gleichauf.

So funktioniert das Glowlight-Display

Der besondere Clou des Kindle Paperwhite ist natürlich die Qualität des neuen Displays. Beeindruckend klingt bereits die Auflösung: 1024×768 Pixel ergeben bei 6 Zoll Bildschirm-Diagonale satte 212 dpi, und somit 62 Prozent mehr Pixel als beim bisherigen Kindle-Display (800×600 Pixel). Beim Kontrast liegt das neue Kindle 25 Prozent über dem Vorgängermodell – die Buchstaben erscheinen dunkler, der Hintergrund heller. Das liegt natürlich an der Glowlight-Funktion: Aus drei Schichten besteht der Aufbau des Displays: erst kommt das neue E-Ink-Display, dann die Touch-Screen-Folie, und anschließend eine patentierte LED-Lichtführungs-Schicht. Ähnlich wie in einem Glasfiberkabel wird das Licht horizontal durch diese Schicht geleitet und durch spezielle Strukturen abgelenkt. Anders als bei einem hintergrundbeleuchteten LED-Display entsteht somit ein charakteristischen indirektes Glimmern.

Paperwhite – tatsächlich (fast) so weiß wie Papier

Beim Einschalten wird die Glowlight-Funktion automatisch aktiviert – die Leuchtstärke lässt sich über das Glühbirnen-Icon im Hauptmenü regulieren. Bereits bei ersten Versuchen hatte Amazon festgestellt, dass Paperwhite-Nutzer gar nicht mehr ohne Glowlight lesen wollten. Das bestätigte sich bei unserem Test, denn auch bei direkter Beleuchtung (Tageslicht/künstliches Licht) ist das Schriftbild mit eingeschaltetem Glimmerlicht deutlich angenehmer zu lesen. Von einem Glimmern sollte man in diesem Fall aber gar nicht unbedingt sprechen. Bei mittlerer Leuchtstärke kommt das Display nämlich dem Kontrast wie auch der Farbe einer normalen Druckseite verblüffend nahe. Erst bei voller Glowlight-Power, bzw. in abgedunkelten Räumen gibt’s echtes „Glowlight“-Feeling, was auch am bläulichen Schimmer des LED-Lichts liegt. Selbst bei ständig eingeschaltetem Glimmerlicht hält das neue Kindle laut Amazon bis zu 8 Wochen lang durch – tatsächlich war nach knapp 1000 Seitenwechseln und mehreren Tagen Betrieb die Akkuanzeige noch fast bei 100 Prozent.

Am angenehmsten liest es sich mit „Caecilia“

Wie beim Kindle Touch lässt sich die Leseansicht komfortabel auf die eigenen Bedürfnisse zuschneiden. Neben acht Zoomstufen stehen sechs Schriftarten (statt bisher drei) sowie drei verschiedene Zeilenabstände bzw. Zeilenbreiten zur Verfügung. Trotz aller Auswahl: Am angenehmsten liest es sich immer noch mit „Caecilia“, dem speziell für das Kindle designten Standard-Font. Der Schriftgrößen-Zoom funktioniert am einfachsten mit einer Zweifinger-Geste, wie man es vom Smartphone oder Tablet her gewohnt ist. Da alle analogen Buttons verschwunden sind, muss man für die übrigen Textfunktionen zunächst mit einem Fingertipp auf die Kopfzeile das Menü einblenden, um dann links unten die Schaltfläche „Aa“ zu aktivieren. Bei manchen Titeln wird zudem die Funktion „X-Ray“ angeboten. Das X-Ray-Menü bietet eine grafische Darstellung der Häufigkeit bestimmter Namen und Begriffe, und führt per Fingertipp zu einer kompletten Liste der jeweiligen Fundstellen im Text. Wer sich an „Ghosting-Effekten“ auf dem Display stört, kann übrigens unter Einstellungen/Seite aktualisieren den Screen-Refresh bei jedem Umblättern aktualisieren.

Textfunktionen & Social-Reading

Besonders bequem funktionieren auf dem Kindle Paperwhite die erweiterten Textfunktionen wie etwa das Markieren einzelner Passagen. Hat man mit dem Finger einen Abschnitt markiert, wird eine Menüauswahl eingeblendet – wahlweise kann man den Text über soziale Netzwerke weiterempfehlen, mit der virtuellen Tastatur eine Notiz hinzufügen oder den Text übersetzen lassen. Einzelne Worte lassen sich per Fingertipp im vorinstallierten Dictionary nachschlagen. Zu den Social-Reading-Features gehört neben den „beliebten Markierungen“, also der Anzeige besonders häufig von Kindle-Nutzern markierter Textstellen auch das Hervorheben von Textstellen bzw. das Anzeigen von Notizen derjenigen Kindle-Anwender, denen man auf kindle.amazon.com folgt. Wer möchte, kann zudem sämtliche Anmerkungen, die zuletzt gelesene Seite wie auch thematische E-Book-Sammlungen auf dem Amazon-Server sichern.

Fazit: Das beste Kindle, das es je gab

Insgesamt bekommt man für 129 Euro im Vergleich zum Vorgängermodell einen echten Mehrwert – denn die Lesequalität hat sich durch höhere Auflösung und Glowlight-Feature noch einmal deutlich verbessert. Als Lesegerät ist das Paperwhite mit Abstand das beste Kindle, das es je gab. Die weggefallenen Audio-Funktionen lassen sich da leicht verschmerzen – zumal Amazon ja mit dem Kindle Fire eine perfekte Multimedia-Plattform anbietet. Trotzdem wird die Entscheidung nicht ganz so leicht fallen: Beim E-Ink-Kontrast und der Reaktionsgeschwindigkeit des berührungsempfindlichen Displays liegt das Kindle Paperwhite schließlich gleichauf mit Kobo Glo und Cybook Odyssey, die nicht ganz zufällig auch zum selben Preis angeboten werden. Wer sich bisher schon dem Amazon-Universum verschrieben hat, kann jedoch mit dem Kindle Paperwhite nichts falsch machen.

Kindle Paperwhite


Display

6 Zoll Touch-Screen E-Ink Display,
1024×768 Pixel (16 Graustufen)

Gewicht

212 Gramm

Schnittstellen

Mikro-USB, WLAN, 3G (optional)

Speicher

2 GB intern

E-Book-Formate

Kindle/mobi, PDF, etc. (kein epub)

Zus. Features

Glowlight-Funktion, Time-to-Read

Preis

129 Euro (WiFi-Version)
189 Euro (Wifi + 3G)

Autor&Copyright: Ansgar Warner

Scharfe Lektüre: Neue E-Ink-Kindles mit HD-Auflösung (768×1024 Pixel) in Vorbereitung?

Das angekündigte Amazon-Event am 6. September lässt die Gerüchteküche rund um Tablets und Reader kräftig brodeln. Klar scheint schon mal eins zu sein: vorgestellt wird wohl die neue Kindle-Produkt-Palette. Doch gerade bei den klassischen E-Ink-Readern gibt’s zahlreiche Spekulationen. Kommt ein Farb-Display? Kommt ein GlowLight-Display? Eine besonders interessante These hat nun GeekWire aufgestellt. Das wie Amazon selbst in Seattle beheimatete Technologie-Blog will nämlich von einem Branchen-Insider erfahren haben, dass Jeff Bezos‘ Entwickler gerade ein Display mit XGA-Auflösung (768×1024 Pixel) testen, und tippt auf ein neues Screen für die E-Ink-Modelle. Das wäre gegenüber der aktuellen Auflösung (640×800) ein deutlicher Sprung nach vorn.

Während die Kindle-Reader bisher ein gutes Schriftbild durch die Kombination von Anti-Aliasing und optimierte Fonts erreichen, könnte ein HD-Display die Lektüre auf dem E-Ink-Display von Grund auf verbessern. Immerhin stehen dann statt 512.000 plötzlich 786.000 Pixel zur Verfügung, ein plus von mehr als 60 Prozent. Das stellt allerdings auch größere Herausforderungen an die Prozessor- und Akkuleistung, wenn man keinen Geschwindigkeitsverlust beim Umblättern bzw. Screen-Refresh in Kauf nehmen möchte. Technisch machbar ist XGA aber schon längst, wie etwa der in den USA als „Google-Reader“ vermarktete iRiver Story HD beweist. Der Display-Hersteller LG hat kürzlich sogar ein flexibles E-Ink-Screen mit XGA-Auflösung vorgestellt.

Die besondere Herausforderung würde natürlich für Amazon darin liegen, neben hoher Auflösung auch noch Touch-Screen-Funktionalität zu integrieren. Schon beim aktuellen Kindle-Touch mussten dabei allerdings einige Kompromisse eingegangen werden – das Gerät ist deutlich schwerer und größer geraten als die klassischen Tasten-Kindles. Abgesehen von höheren Kosten dürfte das ein Hauptgrund dafür sein, dass bisher auch Konkurrenten von Barnes&Noble bis zu Sony auf HD-Displays in E-Ink-Readern verzichtet haben. Doch E-Ink steht unter Innovationsdruck: neue Features müssen her, um auch weiterhin gegenüber Multifunktions-Tablets punkten zu können. Dort hat nicht zuletzt Apple – siehe Retina-Display – gerade an der Auflösungs-Schraube gedreht. Der Wettbewerb könnte also im Herbst auch bei E-Readern an Schärfe zunehmen…

Abb.: Mike Licht/Flickr