Mosaic, oder: die Geburt von Klicki-Bunti — vor 25 Jahren startete der erste echte Web-Browser

mosaic-browser-1993Ach ja, was waren das für Zeiten Mitte der 1990er Jahre: die Webseiten grau, die Links blau, und mitten im Text ein paar bunte Bildchen im Gif-Format. Der Browser hieß irgendetwas mit „Mosaik“, der Computer war ein 386er mit voluminösem Monitor, und ratterte hinter Jalousien im Rechenzentrum“ des Informatik-Fachbereichs meiner Uni, damals war das die FU Berlin. Ins Internet gehen, das hieß eigentlich: zum Internet gehen, denn zu Hause in Ostberlin gab’s ja teilweise noch nicht mal Telefon. Und trotzdem war es eine echte Revolution — denn der neue Browser machte das ominöse „Netz“ plötzlich attraktiv für Nicht-Informatiker, ich studierte damals zum Beispiel Germanistik & Geschichte.

Hier Link-Katalog, dort Zettelkasten

In Link-Katalogen wie LEO („Link everything online“) recherchierte man nach interessanten Webseiten, und landete am Ende der Reise nach vielen Zwischenstationen auch schon mal auf der Homepage einer australischen Hochschule, nur um den Mensa-Speiseplan zu studieren. Einfach weil man es konnte. Okay, vieles andere ging auch noch nicht. Waren handfeste Informationen gefragt, radelte ich damals natürlich rüber zur Uni-Bibliothek, und studierte den Zettelkatalog aus Papier oder Mikrofiche-Karteikarten.

Aus Mosaic wurde am Ende Firefox

Das alles muss jetzt schon ungefähr 25 Jahre her sein, denn genauso alt wurde in diesen Tagen NCSA Mosaic 1.0, der erste „echte“ Webbrowser entwickelt, und zwar am „National Center for Supercomputing Applications“ der Universität Illinois unter der Ägide von Marc Andreessen und Eric Bina. Andreessen ist vielen immer noch ein Begriff als „Erfinder“ von Netscape, aus dem dann schließlich Firefox wurde. Am Anfang dieser Ahnenreihe steht aber eben Mosaic – der Name sollte übrigens symbolisieren, dass die anfangs nur auf Unix-Systemen laufende Software diverse Internet-Protokolle beherrschte.

Berners-Lee, Andreessen, Gore, diese drei…

So gesehen gibt es also mindestens zwei „Erfinder“ des World Wide Web, einmal Tim Bernes-Lee, der am Genfer CERN die hypertext-basierte Grundstruktur entwickelte, und eben Marc Andreessen, dessen Mosaic-Browser das Netz erstmals für eine Vielzahl von Menschen sichtbar und einfach benutzbar machte. Und, ja, vielleicht sollte man auch noch Al Gore nennen. Der hat das Internet zwar nun wirklich nicht erfunden, aber mit seinem „Information Superhighway“-Gesetzesprojekt von 1991 (auch „Gore Bill“ genannt) nicht nur für die technische Infrastruktur des WWW gesorgt, sondern auch die Entwicklung von Software finanziert, prominentestes Subventions-Beispiel: Mosaic.

„Do not power down!“: Vor 25 Jahren ging am CERN die erste Website online

www-anno-1991Schon gewusst? Das Internet wurde zwar in den USA geboren, für das World Wide Web — Sie baden gerade Ihre Augen darin — gilt jedoch: born in Europe, am 6. August 1991. Genauer gesagt, geboren in der Schweiz. Erfunden haben es allerdings nicht die Schweizer, sondern ein Brite: Tim Berners-Lee, damals Wissenschaftler am Atomforschungzentrum CERN. Vor allem seiner Zunft wollte der Physiker und Informatiker mit den von ihm und Mitstreitern wie Robert Cailliau ausgeheckten Web-Standards unter die Arme greifen: „The WorldWideWeb (W3) is a wide-area hypermedia information retrieval initiative aiming to give universal access to a large universe of documents“, hieß es auf der ersten, noch rein textbasierten HTML-Seite unter der Adresse „http://info.cern.ch“, die CERN-intern vor 25 Jahren online ging — und auch ein paar Hyperlinks zu weiteren (Text-)Seiten enthielt.

„Hypermedia Information Retrieval“

„Der Gedanke hinter dem Projekt war: so viel akademische Informationen wie möglich für jedermann zugänglich zu machen“, so Berners Lee — der sich mit dem „Hypermedia Information Retrieval“ in die Hypertext-Tradition von Grandfather-Nerds wie Vannevar Bush und Ted Nelson stellte. Entwickelt hatte Berners-Lee die technischen Grundlagen bereits seit 1989 auf einem NeXT-Computer, der im CERN-Netzwerk gleich auch als erster Web-Server diente (inklusive angeklebtem Zettel: „DO NOT POWER DOWN!“).

Ohne Berners Lee kein Jeff Bezos

1993 ließ man das WWW dann auf die Welt außerhalb von Academia los — da die Software & Standards als Open Source veröffentlicht wurden, konnte von nun an jedermann einen Server betreiben und Webseiten bauen. Bald boomte das Web, und kommerzialisierte sich ebenso rasch. Was wiederum aus E-Reading-Perspektive eine direkte Traditionslinie ergibt: schon 1994 legte schließlich Jeff Bezos mit der Website Amazon.com den Grundstein für das Amazon-& Kindle-Imperium, das am Ende sogar doppelt von Berners-Lee profitierte. Denn auch E-Books sind schließlich nichts anderes als ein Bündel von textbasierten Webseiten im (erweiterten) HTML-Format, die man auf einem Bildschirm liest…

Übrigens: die Adresse http://info.cern.ch gibt es noch — dort findet man u.a. die Originaltexte von 1991, und sogar einen simulierten Line-Mode-Textbrowser, der beim Browsen durch die frühen Websites echtes Retro-Feeling aufkommen lässt…

(via telegraph.co.uk)