Ausverkauf an die Crowd: Mit Massenspenden zum werbefreien Web-Comic?

„Penny Arcade steht vor dem Ausverkauf“. Bei dieser Überschrift mussten treue Leser wohl erstmal schlucken. Doch zum Glück handelt es sich um ein Sell-Out der besonderen Art – denn die wohl älteste Web-Comic-Serie der Welt appelliert nicht an normale Investoren, sondern an die Internet-Crowd. 250.000 Dollar wollen die Penny-Arcade-Erfinder Jerry Holkins und Mike Krahulik über die Crowdfunding-Plattform Kickstarter einsammeln – und mit den Massenspenden dann die Abhängigkeit ihrer Bildergeschichten von störenden Werbebannern verringern. Schafft es die um Video Game Culture kreisende Web-Comic-Serie, wäre das nichts weniger als eine kleine Revolution: Während viele Content-Anbieter die Spenden aus der Crowd als zusätzlichen Einnahmestrom nutzen, hat bisher noch keine größere Plattform den Sprung in die reklamefreie Zone geschafft.

Die Fans können mehr tun als nur T-Shirts kaufen

Grundsätzlich wäre das für Holkins und Krahulik aber gar nichts neues. Als ihre gezeichneten Alter Egos namens Gabe und Tycho Brahe im Jahr 1998 erstmals online gingen, konnte sich „Penny Arcade“ tatsächlich noch mit milden Gaben der Fan-Community über Wasser halten. Mit dem Ausbau der Plattform kam dann jedoch als weitere Säule Werbung hinzu: „Wir haben uns damals wohl gedacht, anders lässt sich so eine Seite nicht mehr finanzieren, aber dann fiel uns irgendwann auf, dass wir es nie wirklich ausprobiert hatten. Die Leute wollen immer wieder von uns wissen, wie sie uns unterstützen können, ohne T-Shirts zu kaufen oder auf Anzeigen zu klicken – jetzt gibt es diesen Weg“, heißt es in der Projektbeschreibung auf Kickstarter. Ein Sprung ins kalte Wasser ist die Kickstarter-Aktion schon, ein Sprung ins leere Becken aber nicht, immerhin hat „Penny Arcade“ mitterweile mehr als 4 Millionen regelmäßige Leser.

„We have quite a year planned, if you’re game.“

Wird die Mindestsumme von 250.000 Dollar erreicht, verschwindet das Werbebanner im Seitenkopf, kommen mehr als 500.000 Dollar zusammen, wird „Penny Arcade“ für mindestens ein Jahr komplett werbefrei. Wenn alles klappt wie geplant, könnte der Umstieg von Anzeigen-Dollars auf Crowdfunding-Dollars eine kreative Kettenreaktion in Gang setzen: „Ohne die allmächtigen Pageviews im Hinterkopf ist vieles denkbar, warum zum Beispiel nicht etwa ein RSS-Feed mit allen Comic-Strips und Artikeln? Warum nicht auch Comic-Apps, egal ob von uns selbst oder anderen, mit denen die Leute ganz einfach so lesen können, wie sie es verdammt noch mal wollen?“
Selbst die Veröffentlichung des Web-Comics unter Creative Commons-Lizenz können sich Hulkins und Krahulik vorstellen. Die Chancen stehen gut – schon nach 24 Stunden war ein Drittel der Mindestsumme erreicht, mehr als einen Monat vor dem Ende der Aktion sind bereits 200.000 Dollar zusammengekommen.

(Via GigaOM)

Abb.: Screenshots Penny Arcade/Kickstarter

E-Comic aus dem Berliner Untergrund: „Lifestrips“ von Marc Seestaedt als iPhone- & iPad-Version

e-comic-marc-seestaedt-lifestrips-bestseller„Lifestrips“ nennt der Berliner Comic-Künstler Marc Seestaedt seine autobiografisch inspirierten Bildergeschichten. An Millionen Berlinern ist das Leben des Comichelden schon vorbeigezogen – die Serie wird nämlich im „Berliner Fenster“ gezeigt, dem Public-TV der Hautpstadt-U-Bahn. Eine Auswahl der schwarz-weißen, jeweils acht Panels langen Episoden gibt’s jetzt als E-Comic für iPhone & iPad. Für 79 Cents kann man die Underground-Comics herunterladen. Das ist deutlich billiger als eine U-Bahnfahrt mit der BVG…

Comic-Crossover für die stumme Endlosschleife

Die Berliner U-Bahn geizt nicht mit medialen Reizen. In jedem Waggon fällt der Blick der Fahrgäste auf die Doppel-Bildschirme des „Out-of-Home-TV“, das bereits seit zehn Jahren auf Sendung ist. In 15-minütigen Schleifen läuft eine Mischung aus Kurznachrichten, Wetterbericht, Promi-News und Werbung. Allerdings ohne Ton. Somit ist das Berliner Fenster auf die Kombination von Texten & Bildern angewiesen. Warum also nicht auch Comics? Im Jahr 2008 kam die „Lifestrip“-Serie von Marc Seestaedt und Katharina Anna Helming ins Programm. Jeweils Freitag bis Sonntag flimmern die Berlin-Abenteuer von Seestaedts Comic-Alter ego über die Bildschirme der Untergrundbahnen. Schauplätze sind Clubs, WGZimmer, die berühmte Kastanien-Allee, aber auch der öffentliche Nahverkehr. Wer weder Apple-Gadgets besitzt noch U-Bahnen mag, hat übrigens keine Nachteile. Alle bisher gesendeten Folgen kann man sich als Web-Comic anschauen.

Zwischen Foto-Kunst & E-Comic liegt der Berliner Alltag

Angefangen hat alles beim Kaffeetrinken im Gorki-Park-Café. Seestaedt und Helming fotografierten sich gegenseitig im Gespräch und überlegten, eine comicartige Serie aus dem Material zu machen. Dabei sollten sie nicht nur Dialoge, sondern auch Hintergedanken und innere Monologe sichtbar werden. Die ersten Ergebnisse wurden 2007 auf einer Ausstellung präsentiert und zudem als selbst verlegtes Comicheft. Bis heute sieht man den Lifestrips ihre Nähe zur Fotografie an – nicht zufällig beschäftigen sich Seestaedt und Helming auch in ihrer künstlerischen Arbeit mit diesem Medium. Das heißt, eigentlich sind ja auch die Lifestrips Kunst, wenn sie Motive aus dem Alltag aufnehmen, umformen und über das Berliner Fenster in den Alltag zurücksenden. Einem ganz ähnlichen Blick auf Berlin begegnet man in Seestaedts Fotoserien, die auf der Website der von ihm mitgegründeten Multimedia-Projektplattform ARTKITCHEN zu finden sind.

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Haiku in Bildern: Bei nur acht Panels bleibt jede Story nur Momentaufnahme

Die Lifestrips in der U-Bahn wechseln zwischen den Perspektiven von Zeichner- und Zeichnerin-Alter-Ego. Auch eine 2009 erschienene Print-Buchversion „Aber ich erlebe überhaupt nichts“ folgt diesem Muster. Dagegen zeigen die 20 Strips der iPhone-Version nur die männliche Seite. Die Folgen stammen aus dem Jahr 2008. Es geht um die Ankunft in der Großstadt, das Alleinsein auf Parties, Beziehungsprobleme mit Facebook-Bekantschaften, oft auch um die Absurdität des Augenblicks. „Klar, wir haben ne Vorgeschichte“, ist die iPhone-Version betitelt. Da ist was dran. In acht Panels muss jede Geschichte eine Momentaufnahme bleiben, die Kommentare haben meist nicht einmal SMS-Länge. In der U-Bahn zieht jeder Lifestrip in weniger als einer Minute vorbei. Was vorher und nachher passiert, bleibt ausgeklammert. Das macht aber auch den eigentlichen Reiz aus, die „Graphic Stories“, wie Seestaedt seine Comics auch nennt, haben fast so etwas wie Haiku-Charakter.

Carpe Diem, carpe Noctem: der Comicheld als virtueller Einzelfallhelfer

Rein optisch orientiert sich Seestaedt an den Maßstäben, die Jamiri alias Jan Michael Richter seit den Neunziger Jahren gesetzt hat. Auch Jamiri nutzt für die Karikatur von Alltagssituationen Fotos, deren Konturen nachgezogen und koloriert werden. Wer die Strips im Studentenmagazin Unicum oder auf SPOL kennt, wird natürlich auch sofort die Unterschiede bemerken. Seestaedts schwarz-weiß-Ästhetik bringt die Melancholie der Hauptstadt besonders gut rüber, und bleibt durch den Verzichte auf Kalauer und polemische Pointen stärker auf der dokumentarischen Ebene. Das kann natürlich auch an Seestaedts Ausbildung liegen, schließlich hat er hat Sozialpädagogik mit Fokus auf ästhetische Methodik“ studierte. Man kann seinen Comichelden also auch als eine Art virtuellen Einzelfallhelfer verstehen, der (nicht nur) den Twenty-Somethings zwischen Karriere & Hochprekariat beim Überleben im Großstadtdschungel hilft.