Rezensions-Exemplare mit Watermarking schützen? Kleine Umfrage unter Autoren, Self-Publishern & Verlagen

elektronische-leseexemplare-mit-watermarking-schuetzenEgal ob man nun Print-Bücher oder E-Books verkauft, für Feedbackrunden oder die heiße Phase der Promotion ist die elektronische Version das ideale Medium – man kann sie kostengünstig an Rezensenten, Buchblogger und sonstige Influencer verschicken. Je breiter der Kreis der Adressaten wird, desto größer ist aber auch das Risiko, dass ein Dokument in die falschen Hände gerät und anschließend frei im Web auf Tauschbörsen und Piraterie-Plattformen zirkuliert.

Praktische Lösung für den E-Book-Versand per Mail

Verschicken Sie auch E-Books an diverse Zielgruppen? Wie schützen Sie Ihre E-Books vor Missbrauch? Das will eine aktuelle Umfrage des Münchner Startups „eBook Water Mark“ herausfinden – sie richtet sich an Autoren, Self-Publisher und Verlage. Bookrix-Gründer Gunnar Siewert will mit seinem neusten Projekt ebookwm.de eine praktische Lösung für den E-Book-Versand anbieten — nämlich den Schutz der elektronischen Leseexemplare mit einem integrierten personalisierten Wasserzeichen: „Sollten illegale Kopien im Netz auftauchen, kann die Identität des Urheberrechtsverletzers anhand des Wasserzeichens schnell und sicher festgestellt werden. Die Empfänger wissen das – und denken nicht einmal daran, das Buch weiterzugeben.“

Legale Nutzung durch Wasserzeichen nicht eingeschränkt

Über die Plattform ebbokwm kann man Downloadlinks an die jeweiligen Empfänger schicken – vor dem Herunterladen müssen die dann zunächst einmal zustimmen, dass sie eine personalisierte Version des eBooks mit einem Wasserzeichen erhalten. Die legale Nutzung des E-Books ist zugleich auf allen geeigneten Mobilgeräten ohne Einschränkung möglich, anders als bei „hartem“ Kopierschutz.
ebookwm hat zwei Preismodelle im Programm — man kann für jeweils zehn Euro ein E-Book an zehn Empfänger verschicken, oder für 50 Euro ein E-Book einen Monat lang an eine unbegrenzte Zahl von Empfängern versenden. Außerdem wird ein kostenloser Testversand angeboten, um das Konzept auszuprobieren.

Watermarking plus Kopierschutz: HarperCollins mutiert zum multiplen DRM-Junkie

Wer bisher dachte, „softes“ DRM wie das digitale Wasserzeichen sei so etwas wie ein Methadon-Programm, um zugedröhnte Verleger vom ganz harten Stoff herunterzubringen, hat sich wohl etwas getäuscht. Mit HarperCollins ist nun erstmals einer der Big Five aus den USA in den Kreis der Mehrfachabhängigen avanciert, bzw. abgestiegen – neben Adobe DRM sollen die E-Books dieses Publishers nämlich zukünftig auch via Watermarking gekennzeichnet werden, in diesem Fall zusammengerührt in den Laboren des US-Dienstleisters DigiMarc.

Die Logik dahinter ist auf den ersten Blick etwas krude, und auf den zweiten Blick wohl auch. Die E-Book-Dateien werden mit der Technik von DigiMarc zwar individualisiert, doch soll damit nur feststellbar sein, in welchem Shop sie verkauft wurden. Harper Collins zufolge sei das „another step to prevent leaks in the digital supply chain as the company adds more e-tailers throughout the world“. Hintergrund: Harper Collins expandiert derzeit massiv in „Übersee“, insbesondere in Richtung China, traditionell ein Paradies der digitalen Piraterie.

Gerade gegenüber den Autoren, so HC, wolle man damit deutlich machen, dass der Verlag alles in seiner Macht stehende tut, um den Content zu schützen. Vor wem? Nun, in diesem Fall eben nicht nur vor potentiell kriminellen Lesern, sondern auch vor dem, ähem, potentiell kriminellen Buchhandel. Letztlich handelt es sich dabei eher um die übliche Verlagspropaganda, nun vielleicht noch in gesteigerter Form. Denn die Watermarking-Ankündigung setzt natürlich stillschweigend voraus, dass klassisches DRM funktioniert, und die Verbreitung illegaler Kopien deswegen nur durch die Branche selbst stattfindet kann.

In Wahrheit – und das weiß man bei HarperCollins selbstverständlich auch – hat DRM noch nie funktioniert, auch nicht beim Endkunden. Mittlerweile entfernen selbst technisch wenig versierte Nutzer das lästige Digitale Rechtemanagement dank im Web verfügbarer Plugins für Calibre & Co. so einfach, wie sie „kopiergeschützte“ CDs oder DVDs rippen: Datei auswählen, importieren, fertig. Und das nicht nur in China, sondern auch in Europa ode den USA. Meistens übrigens zum privaten Gebrauch.

Theoretisch reicht zugleich ein einziger Pirat aus, um ein E-Book via Internet weltweit zu verbreiten. Warum also diese merkwürdige Doppelstrategie, die doppelt nutzlos ist? Zumal parallel auch immer mehr Anbieter komplett auf DRM verzichten, oder auf „Watermarking Only“ setzen (so auch J K Rowlings Plattform Pottermore)? Just one hint: Bei Digimarc bewirbt man das „Guardian Watermarking“ genannte Verfahren damit, dass Verlage optional auch die Möglichkeit haben, Kundendaten mit der E-Book-Datei zu verbinden.

Da die Shop-Identifizierung natürlich die Verbreitung illegaler Kopien nicht einschränken wird, könnte HarperCollins also demnächst behaupten: sorry, hat nicht funktioniert, versuchen wir’s doch mal auf die ganz harte Tour. Wirklich helfen kann man solchen DRM-Junkies wohl nur mit kaltem Entzug…

(via Publishers Weekly)

Abb.: qthomasbower/Flickr (cc-by-sa-2.0)

„Vorsicht, Buchfälscher“: Börsenverein plant automatische Textmanipulation als DRM-Variante

„Wir verbrennen Montag Molière, Dienstag Dostojewski, Mittwoch Klaus Mann, Freitag Faulkner, Samstag und Sonntag Schleiermacher und Sartre.“ Na, kommt euch dieses Zitat aus „Kelvin 451“ bekannt vor? Okay, zugegeben, wir haben den Wortlaut ein klitzekleines bisschen verändert. Und auch den angeblichen Titel. Aber nur, um festzustellen, ob ihr es uns nicht gleich per Copy & Paste klaut. So machen wir das ab jetzt immer. Wir möchten schließlich die Nutzer von E-Book-News zu einem verantwortungsvollen Umgang mit Content anhalten und vor illegaler Weitergabe und Nutzung abschrecken – schließlich geht es um verdammt viel Geld. Wir nennen dieses Verfahren „SiDiM“, „Silent Digital Manipulation“, oder ganz einfach auch „Waterboarding“. Nein, entschuldigung, eigentlich sollte das SiDiM doch jetzt abgeschaltet sein. Also noch mal: Wir nennen es ganz einfach „Watermarking“.

„Textuelle Wasserzeichen“ als DRM-Alternative?

Klingt nach Satire? Ist leider eher Realsatire: Denn eine unheilige Allianz aus der Börsenvereinstochter MVB, dem Fraunhofer Institut, der Universität Darmstadt und weiteren Partnern arbeitet zur Zeit tatsächlich an einem Projekt namens „Sichere Dokumente durch individuelle Markierung“ (SiDiM). Neben unsichtbaren Markierungen, wie man sie bereits im Rahmen von „Social DRM“ kennt, sollen dabei auch „textuelle Wasserzeichen“ zum Einsatz kommen. „Hierbei werden E-Books individualisiert, indem textliche Änderungen am Originaltext vorgenommen werden, die für den Benutzer nicht zu erkennen sein sollen“, beschreibt das Börsenblatt dieses Verfahren. Jeder Käufer erhält somit ein „völlig individuelles Buch“. Was jeweils verändert wird, entscheiden automatische Algorithmen.

An die breitere Öffentlichkeit gelangten diese Pläne erst durch eine Umfrage – die SiDiM-Macher präsentierten Anfang Juni 15 kurze Textbeispiele, deren textuelle Veränderungen man auf einer Skala von „Sehr störend“ bis „Nicht unterscheidbar“ markieren kann. Neben eher harmlosen Bindestrich-Variationen reichen die Veränderungen bis hin zu Wortänderungen wie „inkonstant“ gegenüber „nicht konstant“ und veränderten Reihenfolgen bei Aufzählungen wie etwa „Blei, Gold, und Silber“ versus „Gold, Silber und Blei“. Letzteres Beispiel stammt übrigens aus einem Text von Sigmund Freud.

„Um das Buch zu retten, zerstören wir es“

Der Textzerstörungstrieb der SiDiM-Macher führte dann schnell zu weitaus mehr Feedback als nur Kreuzchen in Umfragebögen – zu recht empörten sich zahlreiche Journalisten und Blogger (nicht nur) aus der Buchbranche. Besteht der einzige Schutz für literarische Texte jetzt nur noch darin, sie vor den Lesern zu schützen, aber nicht vor den Eingriffen einer Maschinenlogik, der die Reihenfolge „Krieg und Frieden“ oder „Frieden und Krieg“ schnurzpiepe ist? Dann sind wir im Kampf gegen Copyright-Verletzungen jetzt bei der strategischen Logik des Vietnamkriegs angekommen („Um die Stadt zu retten, mussten wir sie zerstören“).

In diese Lage hat sich die Branche allerdings selbst manövriert, nämlich durch das Ignorieren des Medienwandels. Das Wachstum im digitalen Sektor wird nicht nur durch störendes Adobe-DRM und hohe Preise ausgebremst, sondern auch durch das Zurückhalten von Titeln. Die neuesten Zahlen des Börsenvereins belegen: Noch immer ist die Hälfte der Backlist gar nicht als E-Book lieferbar, gleiches gilt für mehr als ein Viertel der Neuerscheinungen. Kein Wunder, dass sich die Nachfrage am Markt vorbei entwickelt (ähnlich, wie es vor iTunes bei MP3s passiert ist) – und anders als etwa in den USA der E-Book-Verkauf die sinkenden Absätze im Print-Bereich nicht kompensieren kann.

„Vorsicht Buch“ oder „Burn after reading?“

Der Buchhandel, diesen Eindruck hatte man schon bisher, versteht sein eigenes Geschäft nicht mehr. Nun kommt noch ein ganz anderer Verdacht hinzu – er versteht auch das Kulturgut Buch nicht mehr. Sonst hätte von Anfang an klar sein müssen, warum willkürliche Eingriffe in den Text von vorneherein ein absolutes No-Go sind. Dass Ingenieure und Software-Entwickler einer rein instrumentellen Vernunft gehorchen, mag vielleicht nicht zu ändern sein. Dass aber der Börsenverein des Deutschen Buchhandels über seine Marketing-Tochter MVB die Manipulation von Buchtexten unterstützt, um die Leser zu kontrollieren, ist ein Skandal. Von wegen, „Vorsicht, Buch“. Die Denke geht längst in Richtung „Burn after reading“.

Abb.: Screenshot