Die eine Post, die andere Post, & immer Bezos: Trump vs. Amazon geht in die nächste Runde

trump-vs-amazon-twitter-fehdeAch ja, Donald Trump und die Twitter-Fehde mit den „Raketenmännern“. Einer dieser Sparring-Partner lebt in den USA — nämlich BlueOrigin-Gründer Jeff Bezos. Trumps Tweet-Tiraden zieht Bezos freilich aus ganz anderen, nicht-ballistischen Gründen auf sich, schließlich ist er gleichzeitig Chef des knallhart kalkulierenden Weltkonzerns Amazon und stolzer Besitzer der regierungskritischen Washington Post, und gilt persönlich nicht gerade als Freund des aktuellen US-Präsidenten.

Gibt es den „Post Office-Betrug“ wirklich?

Was dem Cheftwitterer aus dem Oval Office nun wieder Munition für diverse populistische Anti-Amazon-Tweets bot. Zum gewohnten Muster „Amazon zahlt keine Steuern & nutzt die WaPo als Lobbyorgan, damit das auch so bleibt“ kam diesmal noch ein drittes Argument hinzu: Online-Händler Amazon missbrauche den US Postal Service als billigen Lakaien für den Transport der Pakete, was der Post Milliardenverluste beschere — angeblich zahle der staatliche Postdienstleister für jedes Paket 1,50 Dollar drauf.

Was allerdings Fake News ist, die Verluste macht die Post in den USA — wie man es auch anderswo kennt — im wenig lohnenswerten Briefgeschäft, während das Paketgeschäft wachsende Gewinne erzielt. Und Steuern sparen Amazon bzw. Bezos natürlich auch deshalb, weil Trump gerade eine Mega-Steuerreform zugunsten der Wirtschaft und der Superreichen durchgedrückt hat.

Washington Post oder Bezostan Post?

Nicht ganz von der Hand zu weisen ist allerdings die Verbindung zwischen Bezos und der Washington Post — und hier dürfte auch der eigentliche Aufreger für Trump liegen. Die WaPo hat sich seit den Pentagon Papers und der Watergate-Affäre den Ruf erworben, durch das freie Wort Präsidenten stürzen zu können. Und am Ende des Tages ist es Bezos, der für die WaPo (alleine schon finanziell) gerade stehen muss.

Wer in diesen Tagen im Kino Steven Spielbergs Historiendrama „Die Verlegerin“ anschaut — im Original vielsagender: „The Post“, was“Verleger-Posten“ wie auch „Washington Post“ bedeuten kann — kommt nicht umhin, die Verlegerin Katharine „Kay“ Graham mit Jeff Bezos zu vergleichen, und Richard Nixon mit Donald Trump. Schließlich sitzt mit letzterem derzeit erneut jemand auf dem Präsidentenstuhl, der die Presse zum Staatsfeind Nummer eins erklärt, während die WaPo mit dem Slogan wirbt: „Democracy dies in Darkness.“

Mr. Amazon als nächster Kandidat?

Fragt sich nur, was die Twitter-Fehde am Ende bezwecken soll: ist es eine persönliche Sache, will Trump seinen Widersacher Bezos ganz einfach aus der Reserve locken? Denn so leicht einschüchtern lässt sich der reichste Mann der Welt nicht, das sollte auch dem nicht ganz so gut betuchten Herausforderer klar sein. Vielleicht ist aber am Ende eine ganz andere Reaktion einkalkuliert — Mr. Amazon als demokratischer Gegenkandidat bei den amerikanischen Präsidentschaftswahlen Ende 2020.

(via Amazon Watchblog & Politico)

Washington Post nutzt Amazon-Daten für erste „umfassende“ Bestseller-Liste

wapo-nutzt-amazon-datenDie Washington Post nutzt für ihre Bestseller-Liste Fiction/Nonfiction ab jetzt auch Daten von Amazon – und verspricht den Lesern damit die bisher „umfassendsten“ Literatur-Rankings.
Hmmm, was ist die Nachricht hinter dieser Nachricht? Zunächst einmal sicherlich: hier wurde der Workflow zwischen zwei Unternehmen optimiert, die beide Jeff Bezos gehören. Was als Tatsache schon mal so wichtig ist, dass es bereits als Hinweis auf den Bestsellerlisten-Landingpages erscheint. Dazu wird erklärt, die Amazon-Daten enthielten „qualified borrows of books read through Amazon’s digital subscription program“, also „Buchausleihen aus Amazons digitalen Abo-Programmen“ (d.h. Prime Reading und Kindle Unlimited).

Bradbury importiert, Heliograf fabuliert

Wie da genau optimiert wurde, kann man einer Pressemitteilung der WaPo entnehmen — eine neue Software namens „Bradbury“ erleichtert das Erstellen und Syndizieren von Bestseller-Listen, indem Daten aus verschiedenen Quellen automatisch importiert werden können. Auch neue Themenlisten lassen sich mit „Bradbury“ leicht erstellen, etwa eine Liste aller Neuzugänge, der am längsten in der Liste präsenten Autoren, Genre-spezifische Listen etc. Die Storytelling-App Heliograf wiederum kann zudem aus dem Vergleich von Listendaten eine wöchentliche Kurzzusammenfassung in Textform liefern, was etwa besonders schnell aufsteigende Titel, neue Zugänge oder bisherige Performance eines Titels betrifft.

Neue „Most read“-Liste zu 100% made by Amazon

Während die traditionellen Listen nur mit Amazon-Daten erweitert wurden, und wie bisher auch Informationen des Brancheninformationsdienstes Nielsen Bookscan enthalten, gibt es mit der nationalen „Most read“-Liste auf wapo.com sowie der „Most Read Bookd D.C.“-Liste nun aber auch noch zwei komplett von Amazon übernommene Rankings. Dazu wird der Hinweis angezeigt: „Amazon Most Read lists rank titles by the average number of daily Kindle readers and Audible listeners each week. (…) The Post has no editorial influence on these lists.“

„Zum ersten Mal gibt es eine reale Bestseller-Liste“

Ist das alles nun gut oder schlecht? Kommt darauf an. Zum einen gab es sicherlich noch nie eine so realistische Marktschau: „The Washington Post’s lists are probably the first to accurately reflect what people are reading, and not what some New York book editor thinks is worth reading“, urteilt The Digital Reader mit einem süffisanten Verweis auf die eher fiktiven Bestseller-Listen der New York Times. Zum anderen spiegelt die neue Liste natürlich auch die übermächtige Marktposition von Amazon auf dem US-Buchmarkt und den Einfluss von Jeff Bezos auf die Washington Post wider.

Aber immerhin, wir haben jetzt genauere Daten. Und das ist ja am Ende – auch hier hat The Digital Reader recht — „still better than a kick in the teeth“. Oder, wie wir Norddeutschen sagen, besser als ein Loch im Kopf.

Dank Bezos & Trump: WaPo wieder rentabel, Zuwachs bei Digi-Abos & Online-Werbung

wapo-im-plusDie New York Times hat’s geschafft, das Wall Street Journal hat’s geschafft, nun scheint auch die Washington Post die digitale Kurve zu kriegen — in diesem Fall dank Multimilliardär & Amazon-Chef Jeff Bezos, der das Blatt vor drei Jahren kurzerhand aufkaufte, die Arbeitsweise der Hauptstadt-Postille kräftig umkrempelte & nicht zuletzt eine Menge Geld zuschoss (angeblich um die 50 Mio. Dollar). Im Dezember schrieb Herausgeber und CEO Fred Ryan in einem Memo an die Mitarbeiter: „The Washington Post will finish this year as a profitable and growing company.“ In Zahlen: 50 Prozent Traffic-Plus, 40 Prozent Plus bei Online-Anzeigen, 75 Prozent Plus bei Digita-Abos. Passend dazu wurden Dutzende Neueinstellungen angekündigt, Brancheninsidern zufolge sollen bis zu 60 neue Journalisten eingestellt werden, damit wird die Redaktion der viertgrößten US-Zeitung (nach NYT, WSJ & USA Today) knapp 750 Mitarbeiter zählen.

Interesse an seriösem Journalismus boomt

Beigetragen hat zur großen Wende die fundierte Berichterstattung über das brutalstmögliche Wahlkampf-Jahr, das die USA je erlebt hat. Je mehr Kandidat bzw. President Elect Donald Trump um sich twittert, desto größer scheint auch das Interesse der Bürger an seriösem Journalismus zu wachsen. Doch die publizistische Herausforderung war auch strukturell gut abgesichert – nicht nur durch die „Zwangsbeglückung“ aller Kindle Fire-Besitzer in den USA mit einer kostenlosen Testversion der WaPo-App.

Experimente mit neuen Formaten

Denn gleich als die WaPo zu Bezoston Post wurde, hatte Amazon-Chef angekündigt, man werde mit neuen Online-Formaten und Konzepten „experimentieren“. Zu den Experimentierfeldern zählten bisher etwa der Robo-Journalismus in der Sportberichterstattung („Heliograph“), Podcasts, der Aufbau einer Entwicklungsabteilung für Werbeformate und die Gründung einer eigenen Content-Marketing-Agentur („WP BrandStudio“). Dieser Kurs, gleichermaßen getragen von Journalisten wie neu eingestellten Technik-Experten, hat sich in recht kurzer Zeit ausgezahlt — und wird nun konsequent fortgesetzt.

Hyperdistribution führt zu mehr Abos

„Unser Newsroom wird nächstes Jahr noch größer, es wird ein neues Rapid-Response Investigativ-Team geben, das die bisherige Recherche-Einheit verstärkt“, schreibt Ryan. Video-Journalismus — schon bisher überaus erfolgreich — solle zu einer zentralen Storytelling-Plattform ausgebaut werden. Zuwachs werde es auch beim „Breaking-News-Team“ geben und bei den Alert- und Newsletter-Redaktionen. Das Feuern aus alle Kanälen — Stichwort „Hyperdistribution“ — scheint bei der Leser-Akquise besonders erfolgversprechend zu sein: seitdem die WaPo so viele Elemente einer Story wie möglich über so viele Wege wie möglich publik macht, konnten immer mehr normale Besucher der Website zu Abonnenten gemacht werden.

(via Politico.com)

„Bezoston Post“ als exklusive App für das Kindle Fire – neue Chance für alte Zeitung?

“Wir werden erfinderisch sein müssen und experimentieren“, verkündete Jeff Bezos im August 2013 den Beschäftigten der Washington Post. Das war kurz nachdem der Multimilliardär aus dem „anderen Washington“ (=Seattle) das traditionsreiche Blatt mit 250 Millionen Dollar aus der Privatschatulle mal eben so gekauft hatte. Schon damals schien klar: die „WaPo“ würde eines Tages im Kindle-Universum auftauchen – und nun ist es tatsächlich so weit. Ein drahtloses Update bringt die WaPo-App in diesen Tagen auf Millionen Kindle Fire-Tablets zwischen der amerikanischen Ost- und Westküste, zu den bei Amazon üblichen großzügigen Eröffnungs-Konditionen. Ein halbes Jahr lang können die Fire-Nutzer alle Inhalte der App kostenlos nutzen, danach wird sie für ein weiteres halbes Jahr zum Preis von einem Dollar pro Monat zu haben sein. Für den Rest der Android-Welt und die Apple-Fraktion wird es die „WaPo“-App erst 2015 geben. Die grafisch aufwändig gestaltete App wird zweimal pro Tag komplett aktualisiert, jeweils um fünf Uhr morgens und fünf Uhr nachmittags Washingtoner Zeit.

Bezos als „aktivster Beta-Tester“

Entwickelt wurde die App in enger Kooperation mit Bezos selbst: „Wir waren ununterbrochen im Gespräch“, berichtete Shailesh Prakash, Technologie-Chef der WaPo, gegenüber The Drum, und bezeichnete Bezos als „unseren aktivsten Beta-Tester“. Ähnlich euphorisch äußerten sich in der NYT auch andere Mitglieder des Managements und betonten, die App sei sichtbares Zeichen dafür, dass hier zwei Firmenkulturen miteinander verschmelzen würden. Zwei Firmenkulturen, die wohl kaum unterschiedlicher sein können – denn bisher war die WaPo mit einem stark lokalen Fokus und ansonsten eher planlos in das Internetzeitalter geschlittert. Die Mutation zur Bezoston Post birgt nun eine Menge neuer Möglichkeiten, u.a. vor allem die, auf nationaler und internationaler Ebene durch die relaunchte digitale Ausgabe wieder stärker wahrgenommen zu werden.

Nützlicher Synergieeffekt oder „Zwangsbeglückung“?

Die veränderte Einstellungspolitik zugunsten nationaler Berichterstattung scheint ebenfalls in diese Richtung zu weisen. Zudem sind 16 Redakteure ausschließlich damit beschäftigt, die journalistischen Inhalte speziell für die App aufzubereiten, also Texte und Überschriften knackiger für die breite Masse der Online-Leser zu machen. Angesichts der großen Reichweite des Kindle-Universums dürfte die App auf jeden Fall eine einmalige Chance darstellen, in kurzer Zeit hunderttausende neue Leser zu gewinnen – selbst wenn es sich bei diesen Synergieeffekten am Ende um eine Form der Zwangsbeglückung handelt. Um diesen Eindruck zumindest aus Kundensicht zu vermeiden, beeilte sich Amazon mitzuteilen, das automatische App-Update könne man auch ganz einfach wieder löschen.

(via The Drum & The Next Web)

Abb.: Screenshot Amazon.com

Ende der Paywall in Sicht? Erste US-Blätter verabschieden sich von Bezahlschranke

Nomen est omen: der Branchenblog „Newspaper Death Watch“ beobachtet schon seit 2007 das Sterben der nordamerikanischen Tageszeitungen – oder positiver ausgedrückt den Kampf um’s Überleben. Doch nicht alle Survival-Techniken scheinen zu funktionieren. Paywalls zum Beispiel: San Francisco Chronicle und Dallas Morning Star wollen NDW zufolge ihre erst vor kurzem gestarteten Bezahlschranken für Online-Inhalte wieder abschaffen – offenbar waren die Leser dieser Regionalzeitungen nicht bereit, das Modell mitzutragen.

Völlig verabschieden möchten sich die Blattmacher von Paid Content jedoch nicht – so gibt’s den SF Chronicle auch in Zukunft gleich zweimal: auf SFGate.com kann man die meisten Inhalte kostenlos lesen, auf der Anfang 2013 eigens gelaunchten Premium-Domain SFchronicle.com erhalten Abonnenten ein E-Paper, das zu 100 Prozent der gedruckten Ausgabe entspricht. Die normalen Online-Inhalte lassen sich dort aber ebenfalls ohne Einschränkung lesen. Merkwürdige Strategie!

Ganz ähnlich macht es aber schon seit 2011 der Boston Globe – siehe die frei zugängliche Webpräsenz boston.com und die Premium-Site BostonGlobe.com. Doch auch in diesem Fall scheint sich die Doppel-Moppel-Strategie nicht wirklich auszuzahlen, es wird gemunkelt, die Paywall werde beim Globe bald ebenso fallen. Tasächlich scheinen Metered-Access-Modelle, die keine Domain-Splittung erfordern, deutlich besser zu funktionieren, zumindest bei überregionalen Blättern wie der New York Times.

Auch die Washington Post hatte im Frühjahr angekündigt, von regelmäßigen Online-Lesern zukünftig einen Obulus zu verlangen, in diesem Fall, wenn das Taxameter mehr als 20 Artikel pro Monat anzeigt. Außerdem war von einer gebührenpflichtigen iPad-App die Rede. Inzwischen hat bekanntlich Amazon-Chef Jeff Bezos die kriselnde Gazette aufgekauft – und seinerseits Experimente angekündigt.

Abb.: flickr/anitakhart

Bezos & die WaPo: „Baut einen Kindle-Printer, & schließt die Druckerei“

„Wir werden experimentieren müssen“, schrieb der zukünftige Washington-Post-Eigentümer Jeff Bezos in einem offenen Brief an die Mitarbeiter. Doch was heißt das? Kann man die WaPo bald nur noch auf dem Kindle lesen? Bezos selbst hielt sich in dieser Frage auffällig zurück. An konkreten Vorschlägen von dritter Seite mangelt es dagegen nicht – besonders spannend finde ich, was Drew Meyers gerade auf Geekwire gepostet hat: der Internet-Entrepreneur schlägt vor, die Zeitung auch weiterhin noch zu drucken, nur nicht mehr zentral in einer großen Druckerei. „Was wäre, wenn die Vertriebskosten in ihrer jetzigen Form nicht mehr existieren würden? Was wäre, wenn die gesamte Distribution via Crowdsourcing an lokale Unternehmer übergeben wird, die das Geschäft für die jeweilige Zeitung übernehmen?“

Dezentrales Netzwerk aus Digitaldruckern

Dabei denkt Meyers also nicht an einen Kindle-Printer für jeden Haushalt, der die Gazetten ähnlich individuell ausdruckt wie ein privater Fotoprinter die Schnappschüsse vom letzten Urlaub. Stattdessen geht die Idee davon aus, eine öffentliche Infrastruktur aus dezentralen Digitaldruckern aufzubauen, mit denen sich eine begrenzte Anzahl von Exemplaren herstellen lässt, die dann lokal von den traditionellen Paperboys und Papergirls vor die Türen der Leser geworfen werden. Dabei setzt Meyers auf Selbstorganisation – in welcher Nachbarschaft so etwas funktioniert, sollen die Leute selbst entscheiden bzw. ausprobieren.

„Passt gut in die Sharing-Economy“

Doch auch wenn sich eine lokale Lesercommunity auf diese Weise einen Drucker teilt, entstehen natürlich Kosten. Um das Modell in Gang zu bringen, so Meyers, könnte der Zeitungsverlag deswegen bestimmte Betriebskosten subventionieren, etwa die Ausgaben für das Papier. Schließlich habe das Blatt ja alleine schon wegen der Anzeigenerlöse auch ein Interesse daran, die gedruckte Ausgabe unter die Leute zu bringen, solange sich die Kosten im Rahmen halten. „Diese Herangehensweise passt sehr gut in die Sharing Economy, und ich glaube, sie könnte die Zeitung aus Papier wieder zur Realität werden lassen, ohne dass die Zeitungsverlage dabei verlieren würden.“

Bezos: „Gedruckte Zeitung in 20 Jahren verschwunden“

Bezos selbst prophezeite in einem Interview mit der Berliner Zeitung (danke an Jan Tißler für diesen Tipp!) erst Ende 2012: „In zwanzig Jahren wird es keine gedruckten Zeitungen mehr geben.“ Wenn überhaupt, dann werde die Print-Zeitung noch als Luxusartikel für die Hotellobby überleben. In vielen amerikanischen Großstädten ist es schon jetzt so weit – lokale Blätter stellen ihr Erscheinen ganz oder teilweise ein, oft gibt es nur noch die Web-Version. Jeff Bezos sah im Interview mit der Berliner Zeitung die große Chance vor allem in digitalen Abos für das Tablet. Doch was wird aus den Lesern, die kein Tablet haben oder die Zeitung weiter auf Papier lesen möchten? Zumindest als Übergangslösung kommt mir das dezentrale „Kindle Printer“-Modell weitaus sympathischer vor…

Abb.: flickr/Esther Vargas (cc)

Washington Post wird Bezoston Post: Amazon-Chef kauft sich eine Zeitung

Welche Zeitung liest Jeff Bezos normalerweise? Wir wissen es nicht. Dafür wissen wir aber, welche Zeitung er sich gestern gekauft hat: die Washington Post. Allerdings hat der Amazon-Chef mehr dafür bezahlt, als am Kiosk üblich ist – nämlich satte 250 Millionen Dollar. Wenn das mal keine Breaking News ist, was dann!? Schließlich wechselt über Nacht die älteste noch existierende Gazette der USA den Besitzer – und landet ausgerechnet beim größten „Disruptor“ des gesamten Printgewerbes. Das journalistische Flaggschiff der US-Hauptstadt, berühmt für investigative Recherchen und das Leaken von Skandalen à la Watergate, galt eigentlich nicht als akuter Übernahmekandidat. Doch das 1877 gegründete Blatt macht Miese, die Umsätze sind in den letzten Jahren um fast 50 Prozent eingebrochen, auch die Auflage befindet sich weiter im Sinkflug.

Bezos kann sich teure Hobbies leisten

Deswegen sucht die bisherige Besitzerfamilie in diesen Zeiten ihr Heil offenbar lieber bei einem befreundeten Unternehmer, der als langfristig denkender Stratege gilt. Und immer noch deutlich sympathischer wirkt als Carlos Slim, mexikanischer Milliardär und rettender Engel der New York Times. Und übrigens der zweitreichste Mann der Welt, während Bezos mit einem geschätzten Vermögen von 25 Milliarden Dollar nur am Ende der Top Zwanzig steht. Doch auch das reicht für teure Hobbies. Was wird er nun mit der „WaPo“ machen? Dortselbst liest man folgendes: „Bezos, 49, will take the company private, meaning he will not have to report quarterly earnings to shareholders or be subjected to investors’ demands for ever-rising profits, as the publicly traded Washington Post Co. is obligated to do now. As such, he will be able to experiment with the paper without the pressure of showing an immediate return on any investment.“

„We will need to experiment“

Etwas mehr erfährt man in einem offenen Brief, den Bezos an die Mitarbeiter der Washington Post geschrieben hat: erstmal wird sich optisch nicht viel ändern. Tatsächlich will der Amazon-Gründer nicht täglich an den Potomac pilgern: „I’m happily living in the other Washington“, also in Seattle, Amazons Firmensitz. Allerdings werde es in den kommenden Jahren strukturelle Veränderungen geben, kündigt Bezos im gleichen Atemzug an: „The Internet is transforming almost every element of the news business: shortening news cycles, eroding long-reliable revenue sources, and enabling new kinds of competition, some of which bear little or no news-gathering costs. There is no map, and charting a path ahead will not be easy.“ Und dann kommt der wohl wichtigste Satz: „We will need to invent, which means we will need to experiment.“ Das könnte bedeuten: Die WaPo wird wohl auch in fünf oder zehn Jahren noch erscheinen – doch die meisten Menschen werden sie wohl auf Tablets und E-Readern lesen, auf deren Rückseite ein großes K prangt…

Abb.: Daniel X. O’Neil (Wikimedia Commons / cc)