E-Book-Evolution: „Am Anfang wie am Ende steht die freie Text-Zirkulation“

Frei, unfrei, frei – so lassen sich in drei Worten die drei Phasen der E-Book-Geschichte komprimieren. Etwas ausführlicher: freie Zirkulation, eingeschränkte Zirkulation, freie Zirkulation. Momentan stehen wir genau in der Mitte, in Phase zwei. Doch der Übergang in Phase drei hat schon begonnen. Warum das so ist, habe ich gestern bei einer Veranstaltung in der Stabi unter dem Titel „Vom Buch zum Byte“ mit meinen Kollegen Ralf Stockmann und Volker Oppmann diskutiert. Kooperationspartner war das Co:llaboratory. Für alle, die nicht dabei sein konnten, folgt hier eine überarbeitete Fassung des „Drei Phasen-Modells“.

Natural Born Text Replicator

Am Anfang des E-Books war der E-Text – genauer gesagt, die Abschrift der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung. Mit den Fingern in die Tastatur gehämmert, nichts als blanker ASCII-Code, leuchtende Buchstaben auf einem monochromen Röhrenbildschirm. Das geschah am 4. Juli 1971 an der Universität von Illinois, und vor dem Bildschirm saß ein damals völlig unbekannter Mathematik-Student namens Michael Hart, der das archaische E-Book über das ARPANET an ein halbes Dutzend Kollegen weiterleitete. Ein E-Text und 7 Leser!? So what, könnte man sagen. Doch der Tastatur-Hackathon im universitären Rechenzentrum bedeutet weitaus mehr als nur eine technikgeschichtliche Anekdote – er brachte eine zentrale Erkenntnis: Computer sind natürliche Replikatoren für Texte, einmal erfasst, lassen sie sich unendlich oft kopieren, und über Datennetze weltweit verbreiten. (Mehr zu Michael Hart & Project Gutenberg in „Vom Buch zum Byte. Kurze Geschichte des E-Books“, Kapitel „Born on the 4th of July“)

„Buch als Grenzfall im System der neuen Medien“

Vieles von dem, was wir heute diskutieren, wenn vom medialen Potential des E-Books die Rede ist, von Chancen ebenso wie von Risiken, war also schon vor mehr als vierzig Jahren Realität. Doch es hat erstaunlich lang gedauert, bis elektronische Bücher überhaupt von der Öffentlichkeit wahrgenommen wurden – im Grunde genommen dauerte das noch bis in die späten Neunziger Jahre. Dem allgemeinen technologischen Fortschritt zum trotz schien das Buch aus Papier als Produkt derweil unschlagbar. Hans-Magnus Enzensberger hat eine solche Entwicklung interessanterweise schon im Jahr 1970 vorhergesehen, also ein Jahr bevor Michael Hart den ersten E-Text produzierte. In seinem legendären „Baukasten zu einer Theorie der Medien“ schreibt er:

Zwar ist es [das Buch] weniger handlich und raumsparend als andere Speichersysteme, doch bietet es bisher einfachere Möglichkeiten des Zugriffs als beispielsweise der Mikrofilm oder der Magnetspeicher. Es dürfte als Grenzfall in das System der neuen Medien integriert werden und dabei die Reste seiner kultischen und rituellen Aura verlieren.

Phase Eins: Losgelöst vom Endprodukt Buch

Die Entzauberung, von der Enzensberger spricht, wurde aber in der ersten Phase der E-Book-Geschichte gar nicht so sehr von Experimenten mit elektronischem Lesen vorangetrieben. Denn parallel zu Versuchen mit Videotext, Textadventures auf dem Heimcomputer, Hypertext-Romanen auf Disketten etc. hat man eben auch die traditionelle Buchproduktion modernisiert. Bücher wurden nicht mehr gesetzt, sondern am Bildschirm gelayoutet, die alte Druckerpresse wurde durch Offset-Maschinen ersetzt, die Logistik und der Vertrieb wurden via Computer organisiert. Der Endkunde hält aber immer noch ein Buch aus Papier in der Hand, ohne sich bewusst zu sein, dass dieses Buch zwischendurch eigentlich ein E-Book war, das man ausgedruckt hat.

E-Books und Bücher kommen sich in der ersten Phase der E-Book-Geschichte also technisch schon sehr nahe. Doch weil die technologische Entwicklung losgelöst vom Endprodukt stattfindet, sind E-Book und Print-Buch in der Vorstellung der Öffentlichkeit noch maximal voneinander entfernt, E-Books werden nicht als Gegensatz, Konkurrenzprodukt oder Skandal wahrgenommen. Eigentlich werden sie ja nichtmal ernst genommen. Schaut man sich die Diskurse der 1960er, 1970er und auch noch 1980er Jahre an, dann stehen sich eher audiovisuelle elektronische Medien, vor allem das Fernsehen, und die Buchkultur gegenüber, und vielleicht noch das „gute Buch“ und billige Taschenbücher.

Phase Zwei: Buch-Illusion auf dem E-Reader

Das ändert sich in der zweiten Phase der E-Book-Geschichte – die aber erst sehr spät beginnt, eigentlich erst mit dem Marktstart des Kindle-Readers im Jahr 2007. Das war schließlich das erste E-Ink-Lesegerät, das massenhaft verkauft wurde, und zwar auch deshalb, weil es als erstes Lesegerät ein ernstzunehmendes Angebot von aktuellen Titeln mitbrachte, die man drahtlos per Tastendruck kaufen konnte. Mit dem Kindle, eigentlich einer Kreuzung aus Blackberry und PDA, erreicht ein Teil von Michael Harts Utopie den Mainstream: das Lesen wird nicht nur mobil, sondern erhält den „always-on“-Status.

Gleichzeitig passiert aber kulturell etwas ganz bemerkenswertes – der hier offenbar werdende mediale Unterschied zwischen gedrucktem Buch und E-Book wird mit einer ganzen Reihe von technischen und juristischen Tricks scheinbar eingeebnet. Denn um überhaupt gesellschaftliche Akzeptanz für E-Books zu schaffen, ob bei Verlagen, Buchhändlern oder konservativen Lesern, werden möglichst viele Aspekte klassischer Print-Bücher simuliert. Das reicht von der Simulation bedruckter Seiten durch elektronisches Papier und „Umblättertasten“ (man könnte ja auch scrollen) über buchähnliche hohe Preise und die Simulation des Buchkaufs in einem E-Store (eigentlich ja der Erwerb einer Lizenz zum Lesen) bis hin zur künstlichen Verknappung durch Digital Rights Management.

Phase Drei: E-Books werden unabhängig

In dieser Phase der kollektiven Buch-Illusion befinden wir uns heute noch – knapp sechs Jahre nach dem Start des Kindle. Inklusive des merkwürdigen Effekts, dass wir technisch weit hinter dem Potential der ersten E-Texte zurückbleiben. Selbst die in Print-Büchern enthaltenen Texte können derzeit ja freier zirkulieren als kommerzielle E-Books mit DRM-Schutz, denn Bücher aus Papier lassen sich problemlos aus- und verleihen, weitergeben oder gebraucht verkaufen. Absurderweise muss derzeit ein Teil der auch zur Literatur-Vermarktung notwendigen Text-Zirkulation im E-Lese-Bereich durch Daten-Piraten und deren Downloadforen sichergestellt werden – wenn es sie nicht gäbe, müsste die kopierschutz-gläubige Buchbranche sie erfinden. Ich glaube aber nicht, dass die derzeitige Buch-Illusion auf dem E-Reader oder in der E-Lese-App sich noch lange aufrechterhalten lässt. Die dritte Phase der E-Book-Geschichte ist längst absehbar – eine Phase, in der sich E-Books völlig unabhängig von den Bedingungen der Gutenberg-Galaxis entwickeln.

Bereits heute geben BITKOM zufolge 50 Prozent der deutschen LeserInnen an, E-Books nicht nur en détail zu kaufen, sondern alternativ auch auszuleihen (Onleihe), via Flatrate zu mieten (Skoobe), oder kostenlos herunterzuladen (Public Domain, Gratis-Marketing etc.). Da auf solche kostengünstigeren bzw. kostenlosen Angebote wahrscheinlich deutlich öfter als auf teure Neuerscheinungen im E-Store zugegriffen wird, dürfte auch im E-Book-Sektor ähnlich wie im Printbuch-Sektor schon jetzt ein großer Teil der Zirkulation von Texten außerhalb des Einzelverkaufs stattfinden, und in naher Zukunft noch weitaus mehr. Michael Hart, dem leider schon 2011 verstorbenen Vater des E-Books, würde das sicherlich gefallen – nicht umsonst heißt es im Mission Statement des Project Gutenberg: „Wir wollen den Menschen so viele E-Books wie möglich geben“.

Tatsächlich wird die dritte Phase der E-Book-Geschichte zumindest in einem Punkt der ersten Phase entsprechen: E-Books werden wieder so frei und beweglich sein, wie es die ersten E-Texte waren. Die E-Books der Zukunft werden stärker einer Ressource wie Leitungswasser ähneln, weniger einer einzeln abgepackten Ware. Ihr eigentliches Potential besteht eben darin, viel freier zirkulieren zu können als die Texte in gedruckten Büchern es jemals konnten. Das heißt aber auch: die Suche nach dem, was man mit E-Books alles machen kann, und wie man mit ihnen Geld verdienen kann, wird weitergehen. Die Zeit der Experimente ist noch längst nicht vorbei – das macht das Thema E-Books ja auch so spannend…

Abb.: Flickr/Markus Kison (cc)

„Vom Buch zum Byte“ – Lesung & Autorengespräch (Stabi Berlin, 23. Oktober)

Das elektronische Lesen hat nicht erst mit dem Kindle begonnen. Vieles von dem, was E-Books heute ausmacht, wurde schon in den 1960er und 1970er Jahren ausprobiert, manches bleibt bis heute Utopie. Project Gutenberg-Gründer Michael Hart erkannte schon 1971: der Computer ist ein natürlicher Replikator für E-Texte, die sich via Datennetz beliebig verbreiten lassen. Die damit zusammenhängenden Fragen wurden bis heute nicht beantwortet: Sind E-Books überhaupt Waren, oder eher eine überall verfügbare Ressource wie Leitungswasser? Was bedeutet der Übergang in die Netz-Ökonomie für die Entwicklungspotentiale des Buchmarkts? Brauchen wir überhaupt noch Buchhandlungen? Sollen wir noch Geld für teure Bibliotheksneubauten ausgeben? Wer wissen möchte, wie die Zukunft des Lesens aussehen könnte, findet viele mögliche Antworten bei einem Blick zurück auf die (gar nicht soooo) kurze Geschichte der elektronischen Bücher, wie ich ihn in „Von Buch zum Byte“ gewagt habe. Einen kleinen Ausschnitt kann man am 23. Oktober in der Berliner Staatsbibliothek live erleben – in Form einer Lesung mit anschließender Diskussion. Als Diskussionspartner mit auf dem Podium: Stabi-Innovationsmanager Ralf Stockmann (Twitter: @rstockm) und Verleger & Log.Os-Gründer Volker Oppmann (Twitter: @onkel_volker).

Ort: Staatsbibliothek zu Berlin, Haus Potsdamer Straße, Dietrich Bonhoeffer-Saal
Zeit: 23. Oktober, 18 – 20 Uhr
Veranstalter: Staatsbibliothek zu Berlin, Co:llaboratory, E-Book-News

Der Eintritt ist kostenlos, es wird aber um Anmeldung gebeten:
E-Mail: bibl.ausk.h2@sbb.spk-berlin.de
Tel.: 030/266432333

„Vom Buch zum Byte“ ist als E-Book (Multiformat: epub, Kindle, PDF) wie auch als Taschenbuch lieferbar, eine kostenlose Leseprobe gibt’s im PDF– und HTML-Format.

Huch! „Vom Buch zum Byte“ wurde von Piraten gekapert

Wer ein E-Book über die Geschichte des E-Books veröffentlicht, darf sich nicht wundern, wenn das Produkt irgendwann frei im Web zirkuliert. Letztlich muss man das wohl als Gradmesser für die eigene Popularität sehen – wer nicht gelesen wird, wird auch nicht piratisiert. “Vom Buch zum Byte” hat diese Wahrnehmungschwelle offenbar überschritten, denn es tauchte schon vor einiger Zeit im Katalog der Download-Plattform TorBoox auf. Nicht wirklich die ganz harte Konkurrenz für mich, weil das Buch zeitweise kostenlos via Amazon erhältlich war, als HTML-Version dauerhaft frei zugänglich ist und via Pay-With-A-Tweet als PDF-Volltext nichts kostet außer einem Tweet.

Nun gibt’s also auch das epub gratis im Netz – ohne dass mich irgendjemand gefragt hat. Aber wenn man E-Books vor allem als Marketing-Instrument versteht, macht das ebenfalls Sinn: ihre wichtigste Eigenschaft ist es ja, endlos repliziert und weitergegeben werden zu können. Außerdem ermöglicht TorBooks neuerdings den von der Crowd gekaperten AutorInnen, auf der jeweiligen “Artikelseite” ein bisschen Promotion zu betreiben – mit einem Link auf die Homepage, auf Amazon etc. und vor allem mit einem Flattr-Button. Ein kleines Statement an die Nutzer kann man auch einfügen lassen, meins geht so: “Liebe LeserInnen, vielen Dank für das Interesse an meinen E-Books. Wenn sie euch gefallen haben – bitte twittern, facebooken, flattern, weitergeben. Spread the news! Übrigens: Dank Amazons Print-On-Demand-Service gibt’s die Schmöker auch gedruckt. Beste Grüße aus Berlin-Mitte, Ansgar”

Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen. Außer vielleicht: Am besten finde ich es natürlich nach wie vor, wenn alle, die es sich leisten können, mein Buch gleich im Shop auf vom-buch-zum-byte.de herunterladen, zum Preis von 2,99 Euro gibt’s dann gleich das komplette Multiformat-Bundle für Kindle, epub und PDF. Wer PayPal umgehen möchte: Bestellen kann man “Vom Buch zum Byte” auch via E-Mail, ich schicke dann via Reply umgehend einen Download-Link und die Überweisungsdaten zu.

„Vom Buch zum Byte“ jetzt bei Thalia, Weltbild & Co. lieferbar (inkl. Tolino)

Drei Monate lang war „Vom Buch zum Byte“ exklusiv via Amazon lieferbar, und konnte im Rahmen von „KDP-Select“ zeitweise gratis im Kindle-Store heruntergeladen werden (eine Chance, die knapp 1.400 Leser wahrgenommen haben). Wie versprochen ist „Vom Buch zum Byte“ ab heute aber wieder als Multiformat-Bündel (epub, mobi, PDF) über vom-buch-zum-byte.de erhältlich. Doch nicht nur das: über den Distributor feiyr kann man die „Kurze Geschichte des E-Books“ ab sofort auch (fast) überall im Online-Buchhandel kaufen, zum Beispiel bei Thalia, Weltbild oder textunes. Und übrigens auch direkt im E-Store des Tolino Shine-Readers.


Tipp: Wer schon einen Tolino Shine besitzt und „Vom Buch zum Byte“ zum Preis von 2,99 Euro herunterlädt, kann jetzt eine kostenlose Print-Version gewinnen: einfach auf dem Reader das Impressum des E-Books aufrufen, mit Smartphone o.ä. abfotografieren und an tolino@vom-buch-zum-byte.de senden (Postadresse nicht vergessen!): die ersten drei Einsender erhalten von mir kostenlos die 90-seitige Taschenbuch-Version zugeschickt (regulärer Preis: 6,99 Euro).

Faire Distribution mit freier „Kanal-Wahl“

Manche kennen den Distributor feiyr vielleicht schon aus dem Musik-Business – seit ein paar Monaten kann man aber dort nicht nur heiße Scheiben und MP3s vermarkten, sondern auch E-Books (danke übrigens an Matthias Matting für diesen Tipp!). Was mich zum Testen motiviert hat: neben günstigen Gebühren für das Freischalten einzelner Titel (4,95 Euro) oder eine ISBN (0,49 Cent) lassen sich die Distributions-Kanäle frei wählen. Für mich letztlich das entscheidende Kriterium – denn warum sollte ich aus rein formalen Gründen die von mir selbst bei Amazons KDP eingestellte Kindle-Version wieder löschen? Damit fängt man ja beim Ranking, bei den Rezensionen und der Verlinkung wieder von Null an. Komisch, das so viele Distributoren die „Kanal-Wahl“ nicht als Option anbieten. Auch bei Kobo werde ich „Vom Buch zum Byte“ auf diese Weise weiterhin selbst „verwalten“. Zwei Self-Publishing-Portale kann man schließlich locker überschauen. Den Rest darf gerne der Distributor erledigen. In Kürze soll’s bei feiyr (spricht man übrigens nicht zufällig aus wie „fair“) dann endlich auch eine Verkaufsstatistik geben. Bin mal gespannt…

Abb.: Leander Wattig, Cyborg-Version von 2022 (Youtube-Screenshot)

Tipp: „Vom Buch zum Byte – Kurze Geschichte des E-Books“ kostenlos im Kindle-Store

Nicht nur Bücher, auch E-Books haben eine Geschichte. Im Vergleich zur gesamten Gutenberg-Galaxis mögen knapp vierzig Jahre kurz erscheinen – doch immerhin: schon 1971 hämmerte Michael S. Hart den Text der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung in das Terminal eines Mainframe-Rechners. Mit dem Startschuss für das elektronische Lesen begann die Emanzipation der Literatur von der Druckerpresse – deren Geschichte man nachlesen kann in meinem Kindle-Book „Vom Buch zum Byte“. Zur Zeit sogar kostenlos – noch bis Mittwoch läuft eine Gratis-Aktion bei Amazon (regulärer Preis: 1,99 Euro). Über Amazons Print-On-Demand-Service „Createspace“ ist zudem eine knapp 94seitige Taschenbuch-Version lieferbar.

Der Traum von der universalen Bibliothek

Der Weg vom Buch zum Byte begann genau genommen schon ein paar Jahre vor Michael Hart. Deswegen startet meine Darstellung bereits im Jahr 1945, als der Ingenieur Vannevar Bush seinen berühmten Essay “As we may think” veröffentlicht hat. Darin wird eine universale Wissensmaschine namens “Memex” beschrieben – nicht nur ein Archetyp des Personal Computers, sondern durch die Idee der Verlinkung von Informationen auch der heilige Gral der Hypertext-Historiker. Auf Memex folgt eine Stippvisite in den Sechzigern bei Marshall McLuhan und den zeitgenössischen Bedrohungszenarien der “Gutenberg-Galaxis” – in deren Zentrum damals nicht Buchstaben auf Bildschirmen standen, sondern Bewegtbilder, sprich das Fernsehen.

Von E-Lese-Experimenten bis zum E-Reader

Auf dem Röhrenbildschirm fanden allerdings dann auch die E-Lese-Anwendungen der Siebziger und Achtziger Jahre statt, von Videotext und Text-Adventures auf Commodores VC 20 bis hin zu CD-Rom-Enzyklopädien und Hyperfiction. Mit den Personal Digital Assistants (PDAs) standen seit den Neunziger Jahren dann erstmals Mobilgeräte zur E-Book-Lektüre zur Verfügung, bald gefolgt vom Handy-Roman, der die kleinen Displays der „Feature Phones“ nutzte. Frühe „dedizierte“ E-Reader wie etwa das Rocket eBook pflegten dagegen ein Schattendasein – erst mit der Marktreife von E-Ink-Displays verbesserte sich die Performance. Den endgültigen Durchbruch schaffte das elektronische Lesen aber erst, als Amazon gelang, mit dem drahtlos funkenden Kindle-Reader ab 2007 den „iPod für E-Books“ massenhaft zu vermarkten.

Das E-Book war von Anfang an online

Die Verbreitung von E-Books über Datennetze beginnt übrigens interessanterweise bereits mit Michael Harts Pioniertat vom 4. Juli 1971. Denn die Mainframe-Rechner im Materials Research Lab der University of Illinois waren Teil des Internet-Vorgängers ARPANet. Theoretisch hätte der Gründer des Project Gutenberg den ersten E-Text sogar schon per E-Mail-Attachment an seine Kollegen verschicken können. Doch mit fünf Kilobyte war die Datei so groß, das eine Überlastung des Netzwerks drohte. So teilte Hart lediglich die Download-Adresse mit. Tatsächlich wurde das erste E-Book dann von sechs Personen heruntergeladen – für damalige Verhältnisse fast schon ein virales Ereignis.

Ansgar Warner,
Vom Buch zum Byte. Kurze Geschichte des E-Books
Kindle-Book 0,00 Euro (DRM-frei)
Taschenbuch (Amazon) 6,99 Euro

„Vom Buch zum Byte“ als Taschenbuch: jetzt Print-On-Demand-Version bestellen!

Zur Erfolgsstory von E-Books und E-Publishing gehört natürlich auch Print-On-Demand. Vorlagen im PDF-Format machen es möglich, ein Buch genau dort herzustellen, wo es gebraucht wird. Mit „Create Space“ bietet neuerdings sogar Amazon einen solchen Service für deutsche Kunden an, und das zu einem sehr konkurrenzfähigen Preis (E-Book-News berichtete). Gedruckt wird u.a. in Leipzig. Zu den via Create Space lieferbaren Büchern gehört nun auch „Vom Buch zum Byte“. Wer die „Kurze Geschichte des E-Books“ nicht als E-Book, sondern auf Papier lesen möchte, kann jetzt die Print-On-Demand-Version (Paperback, 94 Seiten) für nur 6 Euro auf Amazon.de bestellen.

Die Lieferung erfolgt versandkostenfrei innerhalb von 1 bis 2 Tagen – genauso schnell, wie man es bei Amazon von Büchern gewohnt ist, die „auf Lager“ sind. Vom Nettopreis (abzüglich 7% Mehrwertsteuer) landen übrigens knapp 1,64 Euro beim Autor.

„Vom Buch zum Byte“ ist online: Happy Birthday, E-Book!

Heute vor 41 Jahren wurde an der University of Illinois ein neues Medium geboren: am 4. Juli 1971 hackte der amerikanische Student Michael S. Hart den Text der Unabhängigkeits-Erklärung in das Terminal eines Mainframe-Rechners. Mit dem Startschuss für das elektronische Lesen begann die Emanzipation der Literatur von der Druckerpresse. Genau der richtige Starttermin für mein neues Buch „Vom Buch zum Byte. Geschichte des E-Books“. Darin erzähle ich die spannende Geschichte der elektronischen Bücher von den Anfängen bis in die Gegenwart.

Multiformat-Paket ohne DRM

Wie es sich bei diesem Thema gehört, gibt’s „Vom Buch zum Byte“ vorerst exklusiv in elektronischer Form. Das Multiformat-Paket (epub/Kindle/PDF) kann man ab sofort zum Preis von 2,99 Euro herunterladen, zur Leseprobe geht es hier entlang. Natürlich alles ohne DRM, denn Kopierschutz ist nur noch von historischem Interesse. Die HTML-Version kann man übrigens frei im Netz lesen, die PDF-Version von „Vom Buch zum Byte“ gibt’s via Pay-With-A-Tweet ebenfalls kostenlos – „bezahlt“ wird mit dem Weitertwittern der Download-Adresse, alternativ funktioniert auch ein Facebook-Posting.

Der Traum von der universalen Bibliothek

Der Weg vom Buch zum Byte begann genau genommen schon ein paar Jahre vor Michael Hart. Deswegen startet meine Darstellung bereits im Jahr 1945, als der Ingenieur Vannevar Bush seinen berühmten Essay “As we may think” veröffentlicht hat. Darin wird eine universale Wissensmaschine namens “Memex” beschrieben – nicht nur ein Archetyp des Personal Computers, sondern durch die Idee der Verlinkung von Informationen auch der heilige Gral der Hypertext-Historiker. Auf Memex folgt eine Stippvisite in den Sechzigern bei Marshall McLuhan und den zeitgenössischen Bedrohungszenarien der “Gutenberg-Galaxis” – in deren Zentrum damals nicht Buchstaben auf Bildschirmen standen, sondern Bewegtbilder, sprich das Fernsehen.

Von E-Lese-Experimenten bis zum E-Reader

Auf dem Röhrenbildschirm fanden allerdings dann auch die E-Lese-Anwendungen der Siebziger und Achtziger Jahre statt, von Videotext und Text-Adventures auf Commodores VC 20 bis hin zu CD-Rom-Enzyklopädien und Hyperfiction. Mit den Personal Digital Assistants (PDAs) standen seit den Neunziger Jahren dann erstmals Mobilgeräte zur E-Book-Lektüre zur Verfügung, bald gefolgt vom Handy-Roman, der die kleinen Displays der „Feature Phones“ nutzte. Frühe „dedizierte“ E-Reader wie etwa das Rocket eBook pflegten dagegen ein Schattendasein – erst mit der Marktreife von E-Ink-Displays verbesserte sich die Performance. Trotzdem nutzten prominente Autoren wie Stephen King bereits um die Jahrtausendwende das Internet, um punktuell erfolgreich mit E-Books und Self-Publishing zu experimentieren. Den endgültigen Durchbruch schaffte das elektronische Lesen aber erst, als Amazon gelang, mit dem drahtlos funkenden Kindle-Reader ab 2007 den „iPod für E-Books“ massenhaft zu vermarkten.

Das E-Book war von Anfang an online

Die Verbreitung von E-Books über Datennetze beginnt übrigens interessanterweise bereits mit Michael Harts Pioniertat vom 4. Juli 1971. Denn die Mainframe-Rechner im Materials Research Lab der University of Illinois waren Teil des Internet-Vorgängers ARPANet. Theoretisch hätte der Gründer des Project Gutenberg den ersten E-Text sogar schon per E-Mail-Attachment an seine Kollegen verschicken können. Doch mit fünf Kilobyte war die Datei so groß, das eine Überlastung des Netzwerks drohte. So teilte Hart lediglich die Download-Adresse mit. Tatsächlich wurde das erste E-Book dann von sechs Personen heruntergeladen – für damalige Verhältnisse fast schon ein virales Ereignis.

Ansgar Warner,
Vom Buch zum Byte.
Kurze Geschichte des elektronischen Lesens
Multiformat-Paket (epub/Kindle/PDF) 2,99 Euro
(DRM-frei)

Abb.: Amazon/E-Book-News (Fotomontage)

„Vom Buch zum Byte. Kurze Geschichte des E-Books“ (Preview, Teil 3)

„Geboren am 4. Juli“ könnte man die Geschichte des E-Books überschreiben. Denn genau an diesem Tag im Jahr 1971 tippte der amerikanische Student Michael Hart den Text „Declaration of Independence“ in das Terminal eines Mainframe-Rechners. Pünktlich zum 41. Geburtstag des E-Books erscheint am 4. Juli 2012 mein neues Buch “Vom Buch zum Byte”. Die spannende Geschichte des elektronischen Lesens von den ersten Buchstaben auf flimmernden PC-Bildschirmen bis zum E-Ink-Zeitalter bekommt man zum Start exklusiv als E-Book (Multiformat-Paket epub/mobi/PDF). Als kleinen Vorgeschmack veröffentlicht E-Book-News einen „Vorabdruck“ in mehreren Folgen – der erste & zweite Teil ist bereits online, heute folgt der abschließende dritte Teil. Alle weitere Infos zum Buch gibt’s auf der Website vom-buch-zum-byte.de

Vom Abtippen zum Scannen

Seit Ende der Achtziger Jahre kamen bei Project Gutenberg auch Scanner und Texterkennungs-Software zum Einsatz. Doch letztlich sorgte erst das World Wide Web für genügend Manpower und technische Ressourcen, um das hochgesteckte Ziel (beinahe) zu erreichen. Die Zahl von 10.000 digitalisierten Klassikern wurde nämlich 2003 tatsächlich erreicht. Zu diesem Zeitpunkt lag Micheal Harts Pioniertat technisch gesehen schon ein ganzes Zeitalter zurück. Ein Problem war aber neben der manuellen Arbeit in der Startphase bereits der knappe Speicherplatz:

„Als wir anfingen, mussten die Dateien sehr klein sein, denn bereits ein normales Buch mit 300 Seiten nahm ein Megabyte ein. Eine solche Menge an Speicherplatz besaß im Jahr 1971 niemand. So schien die Unabhängigkeitserklärung mit nur fünf Kilobyte ein guter Startpunkt zu sein. Als nächstes folgte die Bill of Rights, danach die gesamte US-Verfassung, als der Speicherplatz wuchs (zumindest in den Maßstäben von 1973). Dann war die Bibel an der Reihe, da ihre einzelnen Bücher nicht so umfangreich sind, dann Shakespeare, ein Stück nach dem anderen, dann viele weitere Werke aus der einfachen und anspruchsvolleren Literatur, sowie Nachschlagewerke.“

Die Bibel war für ein Projekt mit Gutenberg im Namen natürlich Pflichtprogramm – auch wenn Michael Hart sich der Unterschiede zwischen dem Druck mit beweglichen Lettern und den von ihm ins Leben gerufenen E-Texten bewusst war. Konnte man zu Gutenbergs Zeiten erstmals überhaupt Bücher zu einem vergleichsweise erschwinglichen Preis erwerben, so ermöglichten E-Books nun quasi zum Nulltarif den Besitz einer kompletten Bibliothek, die sich zudem auch noch bequem herumtragen ließ. Was mit der Verbreitung der „Declaration of Independence“ begonnen hatte, war damit natürlich zugleich eine bewusste Unabhängigkeitserklärung vom Print-Buch. Im Jahr 1998 formulierte Hart rückblickend:

„Wir halten den elektronischen Text für ein neues Medium, unabhängig vom Papier. Einzige Gemeinsamkeit ist, dass wir die selben Werke verbreiten. Aber ich glaube nicht, dass das Papier noch mit dem elektronischen Text konkurrieren kann, sobald die Menschen sich daran gewöhnt haben.“

Mit diesem Teil endet die Preview.

Autor&Copyright: Ansgar Warner
Abb.: Coverausschnitt, Entwurf: Susanne Weiß/weisspunkt.org

„Vom Buch zum Byte. Kurze Geschichte des E-Books“ (Preview, Teil 2)

„Geboren am 4. Juli“ könnte man die Geschichte des E-Books überschreiben. Denn genau an diesem Tag im Jahr 1971 tippte der amerikanische Student Michael Hart den Text „Declaration of Independence“ in das Keyboard eines Mainframe-Rechners. Pünktlich zum 41. Geburtstag des E-Books erscheint am 4. Juli 2012 mein neues Buch „Vom Buch zum Byte“. Die spannende Geschichte des elektronischen Lesens von den ersten Buchstaben auf flimmernden PC-Bildschirmen bis zum E-Ink-Zeitalter gibt’s natürlich zum Start exklusiv als E-Book (Multiformat-Paket epub/mobi/PDF). Als kleinen Vorgeschmack veröffentlicht E-Book-News in den nächsten Wochen einen „Vorabdruck“ in mehreren Folgen – der erste Teil („Born on the 4th of July“) ist bereits online, heute gibt’s den zweiten Teil. Alle weitere Infos zum Buch gibt’s auf der Website vom-buch-zum-byte.de

Computer als E-Text-Replikator

Mit der „Declaration of Independence“ als erstem E-Text der Welt war nicht nur technisch, sondern auch konzeptuell der Grundstein für das „Project Gutenberg“ gelegt: wenn alles, was in den Computer eingegeben wurde, sich in unendlicher Zahl vervielfältigen ließ, dann konnte man mit Hilfe dieser „Replikator-Technologie“ so viele Bücher wie möglich für so viele Menschen wie möglich verfügbar machen, und zwar kostenlos. Das enthusiastische „Mission Statement“ lautete:

„Encourage the Creation and Distribution of eBooks“
„Help Break Down the Bars of Ignorance and Illiteracy“
„Give As Many eBooks to As Many People As Possible“

Die unbegrenzte Verbreitung funktionierte freilich nur bei Texten, die nicht mehr urheberrechtlich geschützt waren. Michael Hart war zwar kein Freund des Copyrights, aber auch kein Datenpirat. Somit bestand und besteht die virtuelle Bibliothek des Project Gutenberg vor allem aus Werken, die vor 1900 geschrieben wurden. Bei technischen Beschränkungen gab sich der Erfinder des E-Books allerdings kompromisslos. Um die elektronischen Texte buchstäblich auf 99 Prozent aller bestehenden und zukünftigen Hardware lesbar zu machen, setzte Hart auf den strengen Standard des ASCII-Codes (American Standard Code for Information Interchange), scherzhaft auch „Plain Vanilla ASCII“ genannt. Kursivierungen, Fettdruck oder Unterstreichungen wurden in Großbuchstaben verwandelt.

Harts ambitioniertes Ziel bestand darin, bis zum Jahr 2000 mindestens 10.000 Bücher zu digitalisieren. Das schien Anfang der Siebziger Jahre reine Utopie, denn die Texte mussten mühsam abgetippt und auf Fehler überprüft werden. Bis 1987 kopierte der Gründer von „Project Gutenberg“ in seinem modernen Skriptorium – zusammen mit fleissigen Helfern – auf diese Weise immerhin mehr als 300 Werke aus dem Bereich der „Public Domain“.

(Fortsetzung folgt)

Autor&Copyright: Ansgar Warner
Abb.: Coverausschnitt, Entwurf: Susanne Weiß/weisspunkt.org

„Vom Buch zum Byte. Kurze Geschichte des E-Books“ (Preview, Teil 1)

„Geboren am 4. Juli“ könnte man die Geschichte des E-Books überschreiben. Denn genau an diesem Tag im Jahr 1971 tippte der amerikanische Student Michael Hart den Text „Declaration of Independence“ in das Keyboard eines Mainframe-Rechners. Mit dem Startschuss für das elektronischen Lesen begann die Emanzipation der Literatur von der Druckerpresse. Bis in die Neunziger Jahre dauerte die Zeit der Experimente, vom Videotext über CD-Roms bis zur Hyperfiction. Mit World Wide Web und mobilen Lesegeräten gelang der kommerzielle Durchbruch. E-Reader, Smartphone und Tablet machen heute den alten Traum von der universalen Bibliothek zum Greifen nah: Jedes Buch zu jeder Zeit an jedem Ort. Mehr zur spannenden Geschichte der elektronischen Bücher erfährt man in meinem neuen E-Book „Vom Buch zum Byte“, das am 4. Juli 2012 erscheint (Multiformat-Paket epub/mobi/PDF). Als kleinen Vorgeschmack gibt’s auf E-Book-News in den nächsten Wochen einen „Vorabdruck“ in mehreren Folgen – heute geht’s los mit „Born on the 4th of July – Michael Hart & das Project Gutenberg“. Alle weitere Infos zum Buch gibt’s auf der Website vom-buch-zum-byte.de

DECLARATION OF INDEPENDENCE, 4. Juli 1971

Eine schönere Gründungslegende für das elektronische Buch kann man sich kaum vorstellen: pünktlich zum 4. Juli 1971 tippte Michael S. Hart den Text der „DECLARATION OF INDEPENDENCE“ in das Terminal einer Xerox Sigma V-Großrechenanlage der Universität von Illinois. Die Schreibweise ist in diesem Fall tatsächlich historisch – denn der begrenzte Zeichensatz enthielt nur Großbuchstaben. Begrenzt war auch der Zugang zu einem der wenigen Computer im „Material Research Lab“ der Universität. Doch freundliche Administratoren hatten dem Mathematik-Studenten zur Feier des Tages ein Account mit unbegrenzter Rechenzeit eingerichtet – was nach damaligen Standards einem Wert von mindestens 100 Millionen Dollar entsprach. Was konnte man mit solch einem Schatz anfangen?

Michael kam zu dem Entschluss, dass er mit ’normaler Rechnerarbeit‘ nichts produzieren könnte, was der ihm geschenkten Menge an wertvoller Rechenzeit gleichkäme. Deswegen musste er einen Gegenwert in anderer Form schaffen. So verkündete er, der größte Wert einer Rechenmaschine wäre nicht das Rechnen, sondern das Speichern, Abrufen und Suchen der Informationen, die in unseren Bibliotheken gespeichert sind. (Michael Hart, The History and Philosophy of Project Gutenberg)

Bei der Verbreitung des ersten E-Books der Welt konnte sich Hart auf eine weitere technische Errungenschaft stützen. Das „Materials Research Lab“ der Universität von Illinois war nämlich einer von damals 15 Netzwerknoten im ARPANet, dem Vorgänger des Internets. Theoretisch hätte Hart das erste E-Book der Welt deswegen sogar schon per E-Mail verschicken können. Doch mit 5 Kilobytes war die Datenmenge so groß, dass eine Überlastung des Netzwerks drohte. Deswegen informierte Hart seine Kollegen auf dem Wege der elektronischen Post lediglich, wo die Textdatei abgelegt war. Daraufhin wurde das erste E-Book von sechs Personen heruntergeladen – für damalige Verhältnisse fast schon ein virales Ereignis.

(Fortsetzung folgt)

Autor&Copyright: Ansgar Warner
Abb.: Coverausschnitt, Entwurf: Susanne Weiß/weisspunkt.org