[Review] Als das Web noch Französisch sprach: „Minitel – Welcome to the Internet“

minitel-welcome-to-the-internet„Le Minitel est mort, vive le Web!“ — Diese Geschichte beginnt mit ihrem Ende: im Juni 2012 wurde mit einem weinenden, einem lachenden Auge das Ende einer Ära zelebriert – nach ziemlich genau 30 Jahren schaltete France Télécom Orange den Minitel-Service ab. Dabei schwang mehr als nur bloße Technik-Nostalgie mit — denn anders als BTX in Deutschland war Minitel außerordentlich erfolgreich: schon Mitte der 1980er Jahre waren bei unseren Nachbarn mehr als eine Million Menschen „online“, sie chatteten, verschickten Mails, buchten Reisen, machten Online-Banking, und spielten archaische Online-Video-Spiele in blockiger Videotext-Grafik.

In ihrer Studie „Minitel: Welcome to the Internet“ lassen nun die US-Forscher Julien Mailland und Kevin Driscoll die Geschichte und Auswirkungen des „médium interactif par numérisation d’information telephonique“ Revue passieren – als Teil einer Reihe zu „Platform Studies“, die u.a. bereits Bände zum Atari VCS 2600, Nintendos Wii oder zum BBC Micro hervorgebracht hat. Wie immer bei dieser Reihe geht es um zwei Aspekte – den technischen wie den kulturellen. Was bei einem flüchtigen Medium wie Minitel am Ende auch bedeutet, Recherchemethoden von Hardware-Archäologie bis Oral History betreiben zu müssen.

Das Buch gibt nicht nur Einblicke in eine versunkene Medienwelt, sondern räumt auch mit einigen Mythen auf, etwa, dass Minitel eine Art staatlich finanziertes wie kontrolliertes CompuServe gewesen sei, und damit so ziemlich das Gegenteil des späteren Internets. Mailland und Driscoll sehen Minitel dagegen als eine „platform for experimentation and entrepreneurship in the application of computer networks in everyday life“. Die Balance von öffentlichen und privaten Interessen unterscheide Minitel gerade vom heutigen Internet, das amerikanische Großkonzernen wie Apple, Facebook oder Google unter sich aufgeteilt hätten…

Fazit: Ein äußerst lesenswertes Buch zum BTX-Pendant made in France, das man getrost schon jetzt als das englischsprachige Standardwerk zur Minitel-Geschichte bezeichnen darf. Übrigens: wer in punkto Minitel & die Folgen up to date sein möchte, bekommt in dieser 45-minütigen Youtube-Lecture von Julien Mailland die wichtigsten Thesen präsentiert…

PS: Auf mobilbranche.de gibt’s eine ausführlich Besprechung von „Minitel – Welcome to the Internet“.

minitel-geschichte
Julien Mailland/Kevin Driscoll,
MINITEL: Welcome to the Internet
(Platform Studies)
Taschenbuch 33,49 Euro

Das Fernsehen & seine Leser: Nutzung von Videotext hat deutlich zugenommen

videotext-30-jahre-ard-hbbtv-ifa.gifElektronisch gelesen wird in Deutschland nicht nur auf zahllosen Displays, sondern auch auf der guten alten Mattscheibe – dank Videotext nämlich. Und das mit ständig wachsender Leserschaft: allein im Jahr 2010 hat die Zahl der Nutzer noch einmal kräftig zugenommen, von 15,7 auf 16,2 Millionen. Videotext-Nutzer lasen durchschnittlich sechs Minuten und 54 Sekunden pro Tag, mehr als eine halbe Minute länger als noch 2009. Hauptgrund dafür ist die insgesamt gestiegene Fernsehdauer. Denn mit 223 Minuten pro Tag war der TV-Konsum pro Zuschauer im Jahr 2010 so hoch wie noch nie in der deutschen Fernsehgeschichte.

Beim Videotext haben ARD & ZDF die Nase vorn

Besonders beliebt bei den Zuschauern sind Videotext-Angebote wie aktuelle Sportergebnisse, Wetterdaten und Nachrichten-Schlagzeilen. Zuwachs kann aber auch die Untertitelung verzeichnen, mittlerweile sind zur Hauptsendezeit der ARD zwei Drittel der Sendungen auch für Hörgeschädigte nutzbar. Ohnehin sind die öffentlich-rechtlichen bei den Buchstaben auf dem Bildschirm Marktführer: laut GfK-Fernsehforschung haben ARD und ZDF in punkto Videotext mit einem Marktanteil von 18 bzw. 14 Prozent die Nase leicht vorn, mittlerweile allerdings dicht gefolgt von vergleichbaren Angeboten der Privatsender RTL, SAT 1 und Pro 7.

Hybrid-TV bringt Videotext auf die Multimedia-Flatscreens

Videotext gab es schon einige Jahre vor Gründung der Privaten: Seit 1980 werden die grob gepixelten Informationstafeln dem TV-Signal beigemischt und von einem speziellen Dekoder auf den Bildschirm gebracht – erst im letzten Jahr konnten der Videotext von ARD & ZDF den dreißigsten Geburtstag feiern. Elektronische Programm-Guides (EPG) im digitalen Fernsehen haben allerdings begonnen, den klassischen Infotafeln den Rang abzulaufen. Über den Umweg Internet könnte der Videotext aber auch im Zeitalter von Hybrid-TV auf die flachen Screens hypermoderner Fernseher kommen. Auch auf Mobilgeräten muss man übrigens nicht auf Videotext verzichten – über diverse Apps kommen so etwa die mehr als 800 täglich aktualisierten Infotafeln von ARD & ZDF auch auf Smartphones & Tablets.

(via heise.de)

Retro-Pixel in der Austastlücke: Video-Text von ARD & ZDF feiert 30. Geburtstag

videotext-30-jahre-ard-hbbTV-IFA.gifVideotext macht’s möglich: seit 1980 wird in Deutschland der Fernseher auf Knopfdruck zum Lesegerät. Die Informationstafeln mit Nachrichten, Wetter und Programmhinweisen sind das letzte Refugium der Pixelgrafik, mehr als 25 mal 40 Zeichen passen nicht auf die Mattscheibe. Das könnte sich jedoch bald ändern. Der neue Hybridstandard HbbTV soll einen Mix aus Fernsehen, Programm-Guide und Internet-Content auf die Mattscheibe holen.

They call it Teletext: Videotext ist eine Erfindung der BBC

Per Fernbedienung ab in die Achtziger Jahre: Drückt man auf die Videotext-Taste des Fernsehers, landet man auch im Jahr 2010 noch mitten in einer Pixelwelt, die an die Zeiten von Heimcomputer, Atari-Konsole oder BTX erinnert. Videotext nutzt die Austastlücke des Fernsehens, eine technisch bedingte Pause zwischen den einzelnen Bildern. Techniker der BBC kamen um 1970 auf die Idee, diese Lücke mit Informationen zu füllen, die auf dem Bildschirm dargestellt werden sollten. Für jede Seite standen dabei 25 mal 40 Zeilen zur Verfügung, die mit Buchstaben, Zahlen oder pixeligen Grafikelementen gefüllt werden konnten. Damit war der „Teletext“ geboren. In Deutschland wurde diese Idee erstmals auf der IFA 1977 vorgestellt, drei Jahre später begann dann bei ARD und ZDF der ständige Testbetrieb. Beim Sender Freies Berlin nahm eine gemeinsame Redaktion am 1. Juni 1980 die Arbeit auf und produzierte täglich 75 Seiten. Aus namensrechtlichen Gründen musste in Deutschland allerdings der Name „Videotext“ gewählt werden.

Für deutsche Zeitungsverleger war Videotext ein rotes Tuch

Der Fernseher als elektronisches Lesemedium stieß nicht nur auf das geballte Interesse der Zuschauer. Beim Bundesverband der deutschen Zeitungsverleger (BdZV) klingelten die Alarmglocken. Die elektronische Lektüre von Nachrichten am Bildschirm – war das nicht eine direkte Konkurrenz für die gedruckte Version? Ähnlich wie heute bei den Internet-Portalen von ARD oder ZDF oder etwa der „Tagesschau“-App sahen die großen Medienhäuser ihre Marktmacht gefährdet und setzten auf politischen Druck. Stoppen konnten sie das Projekt allerdings nicht. Doch als Kompromiss durften die gewerblichen Nachrichtenhändler vorerst auf 15 Videotext-Seien in einer Art Presseschau für ihre Print-Produkte werben. Erst als 1990 aus dem Test- ein Regelbetrieb wurde, endete diese Form der „Kooperation“ zwischen Öffentlich und Privat. Mittlerweile wurden von ARD und ZDF mehr als 400 Seiten Videotext angeboten, heute sind es mehr als 800. Auch die Privatsender hatten nach und nach Mut zur Austastlücke – und auch zur kommerziellen Erweiterung des Video-Textes: auf ihren Bildschirmtafen wird für gebührenpflichtige SMS-Services geworben.

Trotz Online-Boom erreicht Videotext immer noch ein Millionenpublikum

Trotz des Booms der Online-Medien hat sich Videotext im Medienmix sehr gut behaupten können. In der ersten Jahreshälfte 2010 holten sich durchschnittlich rund 17 Millionen Zuschauer täglich die Videotexte der deutschen Sender auf die Mattscheibe. Der ARD-Text kam dabei auf einen Marktanteil von 19 Prozent, gefolgt vom ZDF mit 14,2 und RTL mit 12,5 Prozent. Der Erfolg dürfte dabei nicht so sehr mit dem Pixel-Charme früher Videospiel-Konsolen zusammenhängen, sondern damit, dass die Kombination von Schnelligkeit und Kürze immer noch einen optimalen Nutzwert ergibt. Die Länge einer Textseite entspricht etwa der von drei SMS-Nachrichten. Immer mehr Nutzer lesen den Videotext tatsächlich auf dem Displays von Handys oder Smartphones. Die Seiten des ersten Programms können etwa im mobilen Browser unter www.ardtext.de/mobil/ abgerufen werden. Für iPhone und iPad gibt es spezielle Apps, mit denen sich Videotext-Angebote zahlreicher europäischer Fernsehsender nutzen lassen.

Über den Umweg Internet kommt Videotext auch ins neue Hybrid-Fernsehen

Auch Retro-Freunde müssen natürlich zugeben, dass die bisherige Darbietungsform von Videotext etwas antiquiert ist. Elektronische Programm-Guides (EPG) im digitalen Fernsehen haben bereits begonnen, den klassischen Infotafeln den Rang abzulaufen. Über den Umweg Internet könnte der Videotext allerdings auch im Zeitalter von Hybrid-TV auf die flachen Screens hypermoderner Fernseher kommen. Auf der IFA 2010 wird etwa das neue Hybrid-Fernseh-Konzept HbbTV vorgestellt. HbbTV-Fernseher haben zwei Buchsen – eine für das TV-Signal, eine für das Internet. Ein integrierter Browser ermöglicht die Darstellung von Webseiten auf dem Bildschirm. Mit einer speziellen Taste auf der Fernbedienung lassen sich sendungsbezogene Inhalte der Videotext-Redaktionen im html-Format direkt anzeigen. Über den Umweg Internet dürfte in Zukunft dann auch eines der am meisten genutzten Videotext-Angebot beim Zuschauer ankommen – die Untertitelung. Bei der ARD wird etwa ein Drittel aller Sendungen für Hörgeschädigte mit synchronen Text-Tafeln versehen. Auch dieser Service ist voll auf der Höhe der Zeit. Bei wichtigen Live-Sendungen entstehen die Untertitel automatisch per Stimmerkennungs-Software.