Mike Shatzkin: „Bücher vermarkten wird zukünftig wichtiger als Bücher verlegen“

Müssen die Verlage der Zukunft vor allem Verkaufsmaschinen sein? Branchen-Guru Mike Shatzkin jedenfalls sieht im Marketing die zentrale Säule für die Buchmacher von morgen – vor allem, wenn es um E-Books & Online-Handel geht: „Vor fünfzig Jahren wählten die Lektoren Bücher aus, und die Leute im Verkauf mussten dafür sorgen, dass sie sich verkauften. Vor dreißig Jahren wählten sie immer noch aus, fragten aber schon mal bei den Leuten im Verkauf nach, was sie darüber dachten. In zehn Jahren werden die Marketing-Abteilungen den Lektoren sagen, dass das Publikum ein Buch zu einem bestimmten Thema braucht oder haben möchte“, schreibt Shatzkin auf idealog.com („The Shatzkin Files“).

Natürlich gab’s so etwas wie Produktmanagement und strategische Programmentwicklung auch früher schon in der Verlagsbranche – doch durch soziale Medien, Suchmaschinen, Online-Werbung etc. seien so viele neue virtuelle Vermarktungsmöglichkeiten hinzugekommen, dass ein selbst ein ganzes Heer von Handelsvertretern keinen entscheidenden Vorteil mehr bringen werde, wenn man wiederholt auf das falsche Pferd setzt. Wichtig sei stattdessen, möglichst viel darüber zu wissen, was die Leser tatsächlich wollen. Es geht also um „Big Data“, vorausgesetzt, man verfügt auch darüber. Am besten weiß zur Zeit wohl Amazon über die Buchhandels-Kunden bescheid – und nutzt das Wissen, um selbst verlegerisch tätig zu werden.

Doch tatsächlich fällt auf, dass auch die Konzepte vieler Verlags-Startups im E-Book-Sektor sich besonders um Dinge wie Direct-to-Customer, Discoverability, Leser-Feedback oder den Aufbau von Nutzer-Communities drehen. Traditionelle Verlage versuchen oft mühsam, mit solchen Entwicklungen Schritt zu halten – bei den Newcomern wird dagegen von Anfang an aus der Perspektive des elektronischen Lesens gedacht, das eben völlig anders funktioniert als die schwarze Kunst der Vergangenheit. Insofern hat Shatzkin nur bedingt recht, wenn er eine grundsätzliche Verschiebung von verlegerisch inspirierten Verlagsgründungen in Richtung marketing-orientierter Verlagsgründungen ausmacht.

Wer sich bewusst entscheidet, E-Books zu verlegen, wofür ja alleine schon finanzielle Aspekte sprechen, muss von vorneherein außerhalb traditioneller Branchenstrukturen denken – statt Barsortimenter, Buchhändler oder das Feuilleton vom eigenen Produkt zu überzeugen, gilt es vor allem die digitale Aufmerksamkeitsökonomie zu hacken. E-Books verlegen heißt also immer auch E-Books online vermarkten, denn einen anderen Weg zum Kunden gibt es gar nicht. Das kann in Zukunft sogar Vorteile verschaffen: „Wer sich exzellent zu vermarkten weiß, wird den Übergang der Verlagsbranche in das digitale Zeitalter überleben“, verspricht Shatzkin.

Abb.: Flickr/Andrew Hefter (cc)

Unerhörte E-Singles: Verlags-Startup „Das Beben“ bringt die Novelle auf den E-Reader

Seitdem Amazon ankündigte, Kindle Singles auch in Deutschland zu starten, scheint ein Ruck durch die Branche zu gehen: digitale Kurzstreckentexte sind plötzlich mächtig en vogue. Zu den publizistischen Nachbeben gehört auch das Berliner Verlags-Startup „Das Beben“. Das Gemeinschaftsprojekt von Autoren, Buchhändlern, Übersetzern und Journalisten will ab September einer ganz speziellen Kurzform neues, elektronisches Leben einhauchen: der Novelle. Die dreht sich Goethe zufolge um eine „sich ereignete unerhörte Begebenheit“ – wie etwa im Fall von Kleists klassischem „Single-Narrativ“ mit dem Titel „Das Erdbeben in Chili“. Womit auch die Namenswahl des neuen Verlags geklärt wäre…

Die unerhörte Begebenheit als USP

„Die Novelle, die ‚unerhörte Begebenheit‘, die sich theoretisch auf einen Rutsch lesen lässt, passt einfach perfekt in den modernen Lesealltag“, findet Simon Weinert, Mitgründer des neuen Verlags und zugleich Mitinhaber der Buchhandlung „Otherland“ in Kreuzberg. Doch was sind im 21. Jahrhundert eigentlich noch passende Plots, welche unerhörte Begebenheit eignet sich als Unique Selling Proposition, mal abgesehen von Naturkatastrophen, verbotener Liebe oder Lynchmorden, die wohl noch genauso gut funktionieren wie zu Zeiten von Kleists „Erdbeben“? Das zeigt ein Blick ins Startprogramm: Im Fall von Eva Strassers „Mary“ ist die UB der Drogentod einer mopsbesitzenden Lehramtsstudentin in der Berliner Partyzene, bei Frank Dukowskis Novelle „Vor dem Pilzgericht“ kann man die UB fast schon am Titel erraten – zu den Zutaten der Story gehören auf jeden Fall Familiendrama, Naturmystik, Psychohorror und eine Prise Krimi.

USP Nr. 2: „Wir verzichten auf DRM“

„Wir sind inhaltlich nicht festgelegt“, so Karla Schmidt, Mitbegründerin des Verlags und selbst Thrillerautorin. „Uns geht es um formal bewusste, ungewöhnliche Texte, die intelligent unterhalten wollen. Als Kleinverlag im E-Book-Sektor können wir mit kalkulierbarem Risiko Bücher machen, die viele Leserinnen und Leser begeistern werden – aber nicht alle.“ Ausserdem kann man als kleines Label natürlich auch andere Marketing-Entscheidungen treffen als große Verlage. „Um unseren Lesern das Leben (und Lesen) nicht unnötig schwer zu machen, verzichten wir deshalb auf DRM-Kopierschutz“, verspricht „Das Beben“. Man kann die E-Books also problemlos auf allen verfügbaren Mobilgeräten lesen – als Formate werden Epub, Mobi und PDF angeboten.

Hinweis: Wer das Beben-Team und seine AutorInnen kennenlernen möchte, kann das übrigens am 1.9. ab 19 Uhr in der Neuköllner Kult-Kneipe „Laidak“ tun. Frank Dukowski, Georg Kammerer und Eva Strasser lesen dort aus ihren Neuerscheinungen vor. Es gibt ein veganes Büffet, der Eintritt ist frei. Weitere Infos findet man auf der Facebook-Seite des Verlags.

Abb.: Screenshot