Auf der Suche nach dem verlorenen Plot Point: Beeinträchtigt Kindle-Lektüre das Zeitgefühl?

Verschlechtert E-Book-Lektüre das Text-Verständnis – verglichen mit dem Lesen traditioneller Bücher aus Papier? Die Antwort der Forschung schien bisher zu lauten: im Prinzip nein. So stellte eine großangelegte Lese-Studie der Uni Mainz vor einiger Zeit fest: ein „Clash der Lesekulturen“ findet nicht statt, in manchen Situationen fördert die E-Lektüre auf dem Tablet-PC sogar die kognitive Verarbeitung von Informationen. Auch eine aktuelle Studie norwegischer und französischer Forscher weist in diese Richtung – mit einer signifikanten Ausnahme: die zeitliche Zuordnung von Ereignissen scheint durch die Lektüre auf dem Display eines E-Readers erschwert zu werden.

A la recherche du temps perdu

In dem unlängst auf einer internationalen Tagung in Turin vorgestellten Experiment wurde 50 Probanden eine 28 Seiten lange Kriminalgeschichte von Elizabeth George vorgelegt, der einen Hälfte als Taschenbuch, der anderen Hälfte als E-Book auf einem Kindle DX. Fragen in punkto Setting, Charaktere oder Plot konnten hinterher beide Gruppen zufriedenstellend beantworten, die Kindle-Leser hatten jedoch offenbar Probleme, den Zeitpunkt bestimmter Erzähl-Ereignisse anzugeben sowie vorgegebene Plot-Points in die korrekte Reihenfolge zu bringen.

„It’s interesting to us that the differences were both related to time and temporality — why is that?“, so Studienleiterin Anne Mangen (Universität Stavanger) gegenüber der New York Times. Einen möglichen Grund verriet Mangen dem britischen Guardian: „When you read on paper you can sense with your fingers a pile of pages on the left growing, and shrinking on the right. You have the tactile sense of progress, in addition to the visual.“

Raum und Zeit im Kombi-Pack

Die multimodale Wahrnehmung scheint also das Zeitgefühl zu verbessern – was auch den grundsätzlichen Erkenntnissen der Neurowissenschaften entspricht: räumliche und zeitliche Orientierung sind miteinander eng verknüpft. Da zudem die durchschnittliche Aufmerksamkeitsspanne durch die Nutzung digitaler Medien deutlich gesunken ist, könnte das dafür sprechen, E-Books verstärkt für kürzere Textformate zu verwenden, die zudem die Orientierung innerhalb der Story erleichtern.

Allerdings hat die skandinavisch-französische Studie auch ihre Tücken – denn nur zwei der Kindle-Leser hatten überhaupt schon mal ein solches Gerät in der Hand gehabt, die große Mehrheit der Teilnehmer zeigte eine grundsätzliche Präferenz für die Lektüre auf Papier. Ohnehin waren die Studienteilnehmer Franzosen (die Story erhielten sie deswegen auch als Übersetzung), stammten also in punkto elektronisches Lesen aus einem sehr rückständigen Land.

Aber unterschätzen darf man die „haptische“ Dimension der Lektüre sicherlich auch nicht. Prinzipiell wissen wir ja spätestens seit Proust: je mehr Sinne bei der Wahrnehmung im Spiel sind, desto besser…

(via The Guardian & The New York Times)

Abb.: Mike Licht/Flickr (cc-by-2.0)
„Mrs. Duffee Seated on a Striped Sofa, Reading Her Kindle, After Mary Cassatt“