Kostenlose Cloud-Kopie: Was die Buchbranche von Amazons Auto-Rip für CD’s lernen kann

„Was sagen Sie dazu: Sie haben vor 15 Jahren ein Buch gekauft, und 15 Jahre später erwirbt der Buchhändler die Lizenz für diesen Titel, und stellt Ihnen eine kostenlose E-Book-Version zur Verfügung, und das auch noch ganz automatisch und für umsonst?“ So ähnlich könnte man Amazons neues Auto-Rip-Feature in die Sprache der Gutenberg-Galaxis übersetzen. Klingt wie ein Märchen? Ist im Musik-Sektor aber seit heute Realität – zumindest in den USA. Amazon.com kopiert in Zukunft nicht nur bei jedem Neukauf einer CD die kompletten Tracks in den persönlichen Cloud-Player. Das Unternehmen wertet zudem die Kundendaten von vergangenen Einkäufen bis zurück ins Jahr 1998 aus, um die Musikbox mit MP3-Kopien aufzufüllen. Amazon hat zu diesem Zweck die entsprechenden Lizenzen für knapp 50.000 Alben erworben, weitere sollen folgen. Besonderer Anreiz für den Käufer: viele der neu angebotenen CDs mit Auto-Rip-Feature sind günstiger als das enstprechende MP3-Album.

Vor dem Siegeszug von iTunes gehörten Compact Disks neben gedruckten Büchern zu Amazons wichtigsten Versandartikeln. Dann kam das MP3-Format, und vor allem iTunes plus iPod – mit der Kombination aus Download-Portal und mobilen Playern krempelte Apple die Musikbranche mindestens so stark um wie Amazon später die Buchbranche mit dem Kindle-Reader. In den USA wurden 2011 erstmals physische Datenträger von MP3-Downloads und Streaming überholt, mittlerweile sank der Marktanteil von CDs, Vinyl & Co. bereits in die Nähe von 40 Prozent. Nicht nur Amazon stemmt sich gegen den Niedergang des vor kurzem noch äußerst lukrativen Geschäftsmodells: die Filmbranche hat mit der „UltraViolet“-Initiative ihr eigenes Auto-Rip gestartet. Beim Kauf vieler DVDs und Blueray-Discs erhalten Kunden mittlerweile einen kostenlosen Streaming- und Downloadgutschein.

Gerade eine erfolgreiche Multimedia-Plattform wie das Kindle Fire beschleunigt natürlich zugleich den Trend zum rein virtuellen Konsum, insofern pflegt Amazon mit Auto-Rip eine Art pragmatische Schizophrenie. Doch im Kampf gegen Apple ist letzlich jedes Mittel recht – solange es funktioniert. Auf iPhone und iPad konkurriert Amazon nicht nur über die Kindle-App mit iBooks, dem iTunes für Bücher. Auch das eigentliche iTunes wird attackiert, nämlich über die im Sommer 2012 gestartete Cloudplayer-App. Ein Abgleich mit der iTunes-Medienbibliothek bringt die Amazon-Versionen der entsprechenden Titel kostenlos in den Cloudplayer, inklusive eines Qualitäts-Upgrades auf 256 Kbps, egal ob es sich um online gekaufte oder von Datenträgern gerippte Dateien handelt.

Die Logik dieser Strategie liegt auf der Hand – wenn ohnehin CDs im Handumdrehen ausgelesen und kopiert werden können, sollte man den Kunden dort abholen, wo er ist. Der Verzicht auf einen wirksamen Kopierschutz war dabei nur der erste Schritt, Amazon geht mit seinem erweiterten Cloud-Service jetzt ganz einfach den nächsten. Für die Musik- wie auch die Buchbranche könnte sich das als ein äußerst lehrreiches Exempel erweisen: stellt man Komfort und Kundenzufriedenheit an die erste Stelle, und bietet man den Kunden einen deutlichen Mehrwert, lassen sich durchaus noch gepresste Silberscheiben oder gedrucktes Papier zwischen Buchdeckeln verkaufen. CDs oder Bücher machen aber in Zukunft nur noch dann Sinn, wenn man MP3s oder E-Books nicht als die Chance missversteht, den Konsumenten für identische Inhalte doppelt abzukassieren.

Abb.: Flickr/Ex und Hop (by-nc-2.0)

Kopierschutz aus der Wolke: „Ultraviolet“ bringt DRM & Cloudcomputing zusammen

ultraviolet-drm-dece-cloud-computingDer Kopierschutz des 21. Jahrhunderts schwebt in einer virtuellen Datenwolke – glaubt ein Konsortium namens Digital Entertainment Content Ecosystem (DECE). Vermarktet werden soll das DRM-Konzept unter dem Namen „Ultraviolet“. Filme, Musik oder E-Books könnten dann auf verschiedenen Geräten genutzt werden – sofern der Konsument ein Ultraviolet-Account besitzt und die Nutzungsrechte dort hinterlegt sind. Zum DECE-Konsortium gehören IT-Giganten wie Adobe, Sony und Microsoft, aber mit Paramount Pictures oder Warner Bros. ebenso Major Labels der Unterhaltungsbranche. Doch es gibt prominente Ausnahmen: Apple ist nicht mit dabei.

Kommt mit Ultraviolet ein branchenübergreifender Kopierschutz-Standard?

Immer mehr Anwendungen wandern in die Datenwolke. Nach Musik-Files dürfte uns in Zukunft auch Film & Fernsehen in hoher Auflösung als Datenstrom aus dem Netz erreichen. Ähnliches gilt für E-Books, E-Comics und elektronische Zeitungen. Es gibt aber nicht nur immer mehr Content aus der Cloud, sondern auch immer mehr und immer mobilere Wiedergabegeräte. Wie mobil der Content tatsächlich ist, entscheidet letztlich jedoch das jeweilige Digital Rights Management (DRM). In vielen Fällen heißt das, es gibt nur einen autorisierten Nutzer, und nur eine begrenzte Zahl von Geräten. So sind etwa bei Adobe Digital Editions maximal fünf Endgeräte erlaubt, die zudem auch diesen Standard unterstützen müssen. Bei den Konsumenten stoßen solche Beschränkungen zunehmend auf Unverständnis, der komfortable Gebrauch von Filmen oder E-Books ist ohne Umgehung des Kopierschutzes oft gar nicht möglich. Für Unmut sorgt zudem die Tatsache, dass ein branchenübergreifender DRM-Standard bisher fehlt.

Bobs Smartphone, Sallys Laptop, Muttis Fernseher: Ultraviolet verspricht mehr Komfort

Mit „Ultraviolet“ soll sich das nun offenbar ändern – insgesamt 60 Unternehmen wollen ein globales „digitales Ökosystem“ schaffen. Für die Verbraucher bringe das „greater choice, confidence and freedom in how, when and where they enjoy digital movies, TV shows and other entertainment“, so die aktuelle Pressemitteilung des Konsortiums. Im Zentrum steht dabei ein „cloud-basiertes UltraViolet Account“, in dessen „Digital Rights-Schublade“ die jeweiligen Nutzungsrechte hinterlegt sind. Die neue Lösung soll den Content nicht nur auf möglichst viele mobile Geräte bringen, sondern auch besonders familenfreundlich sein: „Multiple UltraViolet devices can share a single UltraViolet Account, which means that Bobby’s smart phone, Sally’s laptop, Jimmy’s game console and Mom & Dad’s TV can all access the same UltraViolet content.“ Manche Filme werden aber auch mit Ultraviolet nur auf Mom&Dad’s TV laufen – denn zu den geplanten Account Management-Funktionen gehört auch die „Parental Control“.

Was machen die Besitzer von Geräten, die nicht von Ultraviolet zertifiziert sind?

„Watch for these capabilities to begin appearing in the market“, rät Ultraviolet den Konsumenten. Das neue Logo wird nicht nur bei Content-Anbietern auftauchen, sondern auch auf Geräten wie DVD- & Blue-Ray-Disc-Playern. Zukünftig könnte das DECE-Konsortium damit also auch kontrollieren, welche Inhalte PC-Anwender wo und wie oft speichern oder auf Silberscheiben kopieren bzw. brennen. Je stärker sich Ultraviolet als Branchenstandard verbreitet, desto schwieriger wäre es möglicherweise, bestimmte Inhalte überhaupt noch ohne zertifizierte Geräte zu nutzen. Um den neuesten Blockbuster anzuschauen, müssten Besitzer älterer Hardware dann von einem gewissen Zeitpunkt an wahrscheinlich technisch aufrüsten. Bei Organisationen wie der Free Software Foundation stößt die DECE-Inititative nicht nur deshalb auf geballte Ablehnung. „We view this as a major threat to the right of people to have control of their digital media“, heißt es dazu auf der Kampagnen-Seite defectivebydesign.

Datenschutz in der Rechnerwolke: Wird das gesamte Nutzerverhalten von ultravioletten Strahlen durchleuchtet?

Ein weiteres Problem dürfte der Datenschutz sein. Schon jetzt werden durch die Kombination von DRM und vernetzten Geräten – z.B. E-Readern – sehr private Informationen über das Nutzerverhalten an zentraler Stelle gesammelt. Gerade den USA ist es längst gängige Praxis, dass diese Informationen auf Anfrage auch an Strafverfolgungsbehörden und andere staatliche Instanzen weitergegeben werden. Wird DECEs DRM-Konzept ein Erfolg, wären in der ultravioletten Datenwolke Nutzungsprofile abgespeichert, die alle nur denkbaren Medienarten umfassen. Insofern hätte DECE dann tatsächlich ein globales Ökosystem im digitalen Format geschaffen – schließlich heißt ja das berühmte „First Law of Ecology“: „Everything is connected with everything else.“ In diesem Fall würde das allerdings nur für die Rechteinhaber und die Nachrichtendienste gelten. Für Mediennutzer gälte auch weiterhin das oberste Gesetz der Ökonomie – nur knappe (bzw. künstlich verknappte) Güter haben einen Wert. Doch damit das so kommt, muss Ultraviolet natürlich erst mal Erfolg haben. Momentan spricht einiges dafür, dass der Globus eine Menge weiße Flecken behalten wird. Denn mit Apple und Disney gehen mindestens zwei Global Player in Sachen DRM vorerst noch eigene Wege.