Ohne Vokale, ohne Kohle: txtr – dr kndl kllr s brln st nslvnt

txtr-macht-mobil-txtr-app-f.giftxtr ist Pleite, berichtete gestern Deutsche Startups.de – nach dem Abgang von Readmill und der Ocelot-Krise droht damit erneut einem E-Reading-Pionier aus Berlin das baldige Aus. Das vokallose Startup aus der Hauptstadt hatte von Anfang an große Pläne: Als txtr 2008 an den Start ging, wollte das Unternehmen „zentrale Anlaufstelle für alle lesenswerten Dokumente im Netz” sein und elektronische Lektüre auf Kindle & Co bringen.

txtr-Reader – der gekillte Kindle Killer

Kurz darauf wurde mit dem Projekt txtr-Reader sogar ein veritabler „Kindle Killer“ mit beachtlichen technischen Features in Stellung gebracht. Schon im Jahr 2009, lange vor Oyo und Tolino, sollte dieses E-Ink-Gadget Amazons Mega-Seller Paroli bieten. Doch haarscharf vor dem Marktstart wurde der Kindle Killer selbst gekillt – die Erfolgsaussichten waren den Investoren offenbar zu gering.

Mit Blloon platzte die letzte Hoffnung

txtr selbst blieb in Sachen E-Reading am Ball, zum Beispiel mit der txtr-App und E-Reading-Dienstleistungen im Business-to-Business-Bereich. Zwischendurch gab’s auch noch mal einen Mini-Hype um einen Low-Cost-Reader namens Beagle, der allerdings schnell wieder verpuffte. Mit der Plattform Blloon (sprich: Balloon) wagten die Berliner zuletzt den Einstieg in die umkämpfte Flatrate-E-Lesezone. Nun könnte durch die Insolvenz auch die letzte Hoffnung geplatzt sein.

txtr bringt 10 Euro-Reader Beagle nach Deutschland – für 70 Euro

Um „Vaporware“ handelt es sich beim „Beagle“ offenbar nicht – denn txtr zufolge steht der Marktstart des „kleinsten Readers der Welt“ kurz bevor. Doch der Preis ist heiß: das im letzten Jahr mit viel Tamtam als „10 Euro“-Reader angepriesene Lowest-Cost-Gerät kommt in den USA für 69 Dollar in den Handel. „Auf vielfachen Wunsch machen wir den Reader einer ausgewählten Gruppe von Lesern zugänglich, die ihn jetzt kaufen möchten“, bestätigte txtr jetzt gegenüber The Digital Reader. In Deutschland soll der Beagle laut Buchreport für 69 Euro in den Handel gelangen – und zwar schon im April.

Beagle eigentlich als Bundling-Angebot geplant

Der Grund für das recht hoch gehängte Preisschild ist simpel: eigentlich war der 128 Gramm leichte Fünfzoller als Bundling-Angebot für Telekommunikations-Unternehmen gedacht, die Smartphone-Kunden einen Mehrwert bieten möchten. Doch trotz „Fortschritten wie geplant“ sind die Verhandlungen mit den Telkos in den USA offenbar noch nicht zum Abschluss gelangt. In Deutschland dürfte es nach dem Start des Tolino Shine erst recht schwierig werden, denn mit der Telekom setzt der ausgerechnet der größte Netzanbieter auf den Kindle-ähnlichen Glowlight-Reader.

„Hübsch für 20 Dollar, grässlich für 70 Dollar“

Technisch fällt txtrs Low-Cost-Projekt dagegen mächtig ab – statt Akkus gibt’s Batterien, statt WiFi oder USB nur Bluetooth, die schwachbrüstige CPU erlaubt lediglich die Darstellung von Seiten-Abbildern, die zuvor auf dem Smartphone aus den eigentlichen E-Book-Dateien generiert werden. Mehr als ein Begleiter, der mit dem Smartphone Gassi geht, möchte der Beagle also offenbar gar nicht sein. Doch alles hat seinen Preis. Zu Recht schreibt das Wired Magazin: „Der txtr Beagle ist ein hübscher 20-Dollar-Reader, aber ein grässlicher 70-Dollar-Reader“.

Clevere E-Ink-Accessoires für Smartphones gibt’s schon

Umso schlimmer für txtr, denn schon der Versuch, einen selbst entwickelten High-End-Reader auf den Markt zu bringen, scheiterte 2010 spektakulär, und ließ viele frustrierte Kunden zurück. Schuld war unter anderem der iPad-Schock: Der mit 300 Euro bepreiste „txtr Reader“ war nach dem Start von Apples Tablet chancenlos. Seit dem setzte das Berliner Startup auf plattformunabhängige Konzepte, vom Webstore bis zu E-Reading-Apps für Mobilgeräte. Sieht ganz so aus, als würde der Massenmarkt mit dem Beagle auch diesmal verpasst werden. Daran dürfte nicht nur der Tolino schuld sein – denn neben günstigen Standalone-Readern drängen auch spezielle E-Ink-Accessoires für Smartphones auf den Markt, etwa das popSlate-Case.

Abb.: txtr.com

txtr Beagle: batteriebetriebener 10-Euro-Reader dockt via Bluetooth beim Smartphone an

Wau! Selten gab es wohl bei einer Reader-Premiere soviele Überraschungen auf einmal – vom Preis über die Netzanbindung bis zur Stromquelle. Doch dann dann kam Beagle: Von außen mag der von txtr jetzt auf der Frankfurter Buchmesse vorgestellte Lowest-Cost-Reader anderen Lesegeräten gleichen, die technischen Daten jedoch lassen aufhorchen: statt USB-Anschluss oder WiFi-Verbindung bringt der 5-Zoller eine Bluetooth-Schnittstelle mit. E-Lesestoff soll drahtlos via txtr-App vom Smartphone herübergebeamt werden, wobei sich neben gekauften E-Books auch persönliche Dokumente übertragen lassen. Ambitioniert zeigt sich txtr auch bei der drahtlosen Stromversorgung – die liefern nämlich zwei handelsübliche AAA-Batterien, mit denen das E-Ink-Gerät 12 Monate lang läuft (solange man nicht mehr als 12 bis 15 Bücher liest). Geradezu utopisch klingt der Preis: für nur knapp zehn Euro soll der txtr Beagle zu haben sein.

Literarische Dia-Show auf dem E-Ink-Display

Um das Lowest-Price-Segment zu erreichen, geht txtr allerdings auch bei der verbauten CPU einen bemerkenswerten Kompromiss ein – ein vergleichsweise langsamer Prozessor muss reichen. Damit trotzdem eine lesefreundliche Performance erreicht wird, gelangen die E-Books nicht im ursprünglichen epub- oder PDF-Format, sondern nur als Seite für Seite „gerenderte“ Grafiken auf das Lesegerät. Die eigentliche Rechenleistung übernimmt dabei das Smartphone. Letzlich bekommt man also auf dem E-Ink-Display eher eine Art literarischer Dia-Show zu sehen. Da die Seiten-Abbilder weitaus mehr Speicherplatz fressen als normale Text-Dateien, reicht der Speicherplatz von 4 Gigabyte nur für vier bis fünf Titel. Preisdämpfend wirkt sich aber auch die geplante Vertriebsstruktur aus: der neue Reader ist vorerst nur als quersubventioniertes Zusatzangebot für die Kunden von Mobilfunk-Anbietern gedacht.

Beagle geht mit dem Smartphone Gassi

Mit anderen Worten: Beagle wird explizit als „begleitender“ E-Reader vermarktet, der quasi mit dem Smartphone Gassi geht. Für die Branche ein absolutes Novum: „Bis jetzt haben die Netzwerkbetreiber das eReading-Geschäft nicht aktiv betrieben“, so txtr-CCO Thomas Leliveld. „Aus unserer Sicht liegt das daran, dass es bis jetzt kein passendes Produkt gab, das die wichtigsten Grundbedingungen des Telekommunikations-Businessmodells erfüllt“. Und das lautet vor allem: Keep it simple, stupid. Wobei „simple“ hier auch klein und leicht heißt. Der neue Smartphone-Begleiter soll nun Millionen Handy-Kunden davon überzeugen, erstmals voll ins elektronische Lesen einzusteigen – und dabei die Netzwerkbetreiber an den E-Book-Erlösen beteiligen. Perspektivisch kann man sich bei txtr jedoch auch den Vertrieb über den eigenen E-Store vorstellen.

Mehr Lesefläche als auf dem Smartphone

Auswechselbare Rückseiten wie auch farblich an das Corporate Design anpassbare Vorderseiten ermöglichen kundenseitige Individualisierung wie auch Wiedererkennbarkeit der jeweiligen Marken. Auffällig ist zudem eine Besonderheit beim Formfaktor: um den Batterien Platz zu bieten, hat der ansonsten nur 5 mm flache Beagle eine kleine Ausbuchtung an der Unterkante. Dem Hersteller zufolge soll das nicht nur optisch einen „eleganten Schwung“ erzeugen, sondern auch ergonomische Vorteile bieten. Nicht ganz unwichtig in Sachen Formfaktor ist natürlich auch die Wahl eines 5-Zoll-Displays – denn damit bietet der Reader spürbar mehr Lesefläche als ein normales Smartphone. Der kleinste und leichteste E-Reader der Welt (wie von txtr behauptet) ist dabei allerdings nicht herausgekommen. 128 Gramm inklusive Batterien mögen nicht schlecht klingen. Doch Trekstors neuer 4-Zoller namens „Mini“ wiegt noch 17 Gramm weniger – inklusive Akku.

Abb.: txtr