Torrentfreak: Der große E-Lese-Leak passiert heute abend – 43.000 Titel werden „freigelassen“

Das komplette Archiv von TorBoox wird am heutigen Sonntag abend im Internet verbreitet, berichtet der auf BitTorrents und Filesharing spezialiserte Blog „Torrentfreak“. Starten wird diese in der Warez-Community bisher einmalige Aktion Szeneinsidern zufolge mit einer Ankündigung auf einem einschlägigen Forum. Der ehemalige TorBoox-Pressesprecher Spiegelbest bestätigte inzwischen in einer E-Mail an E-Book-News, dass es sich beim TorBoox-Archiv um insgesamt 43.000 Titel handelt: „Es sind nicht ganz 40 Gigabyte. Tausend epubs sind etwa 1 Gigabyte, kann man rechnen. Auf eine DVD geht es wohl nicht drauf, aber auf jeden etwas größeren Weihnachtsstick“. Trotz der etwas unhandlichen Größe dürfte ein geleaktes Archiv in der Warez-Szene rasch Verbreitung finden, schätzt Spiegelbest: „Es wird ein heftiges Gerangel mit den Abusern [d.h. Copyrightinhabern, die gegen den Missbrauch (=Abuse) vorgehen] geben, aber da TorrentFreak die Meldung gebracht hat, wird die internationale Szene sich das Archiv greifen, und ab da ist Abuse [d.h. die Abuse-Meldung] sinnlos geworden“. [Update 4.11.: Das TorBoox-Archiv ist am Sonntag abend zumindest kurzfristig als Download-Link auf Plattformen wie mygulli.com odr lesen.to aufgetaucht und den Kommentaren zufolge von einigen Nutzern heruntergeladen worden]

Wer ist für den Leak verantwortlich?

Wer jedoch für den Leak verantwortlich ist, bleibt unklar: während die verbliebenen TorBoox-Betreiber Spiegelbest beschuldigen, weist ihr ehemaliger Pressesprecher jede Schuld von sich (siehe den E-Book-News-Bericht dazu). Hintergrund des größten E-Lese-Leaks der E-Book-Geschichte ist aber wohl ein TorBoox-interner Streit über die zukünftige Ausrichtung der Plattform. Auf den zunehmenden Traffic reagierte die Piraten-Plattform kürzlich mit der Einführung einer Flatrate-Gebühr – die trotz starkem Nutzerschwund noch sehr viel Geld einbrachte. Spiegelbest, ursprünglich vehementer Befürworter der Flatrate, zog dann offenbar die Notbremse: „Der Beitragseingang war immens. TorBoox dürfte jetzt knapp 10.000 zahlende Nutzer haben. Das sind 100.000 Euro (nach 2 Monaten), die in dunkle Kanäle abfließen. Im Prinzip läuft da nichts anderes mehr als das Eincashen von Paysafecards [anonyme Online-Zahlungsmethode für Kleinbeträge] in Richtung Bitcoin. Die Server kosten mal gerade 500 Euro pro Monat. Ich bin ausgestiegen, als mir klar wurde, was da läuft“.

Zahl der illegalen Flatrate-Angebote dürfte steigen

Erklärtes Ziel von TorBoox war es zwischenzeitlich, die Buchbranche nicht nur von der Notwendigkeit, sondern auch von der Machbarkeit eines legalen „Spotify für E-Books“ zu überzeugen – doch ein richtiger Dialog zwischen Börsenverein und Piraten kam nie zustande. Spiegelbest zufolge dürfte der E-Lese-Leak nun erstmal dazu führen, dass sich die Zahl illegaler Flatrate-Angebote speziell für E-Books vervielfacht: „Bisher war es immer so, dass die Betreiber über Werbung und Premium-Accounts ihr Geld bekommen haben. Jetzt treten sie direkt an den Kunden heran und kommen zu unendlich viel mehr Geld. Wenn man so will, werden viele kleine Firstloads entstehen“. Genau das könnte zwar als strategische Antwort der Buchbranche auch eine legale Flatrate für E-Books näherbringen – die aber zugleich unter schwierigeren Bedingungen arbeiten würde, glaubt Spiegelbest: „Am Ende wird der Börsenverein mit einem eigenen Flatrateangebot gegen zig illegale etablierte und extrem finanzstarke Flatrates antreten müssen“. Die Buchpiraten zu ignorieren sei insofern ein „Riesenfehler“ gewesen.

Abb.: Flickr/PinkFaireaDust (cc)

E-Lese-Leak: verliert TorBoox die Kontrolle über 43.000 E-Books?

Dass E-Books irgendwann beginnen, frei im Internet zu zirkulieren, lässt sich kaum verhindern. Doch nicht nur Buchhändler, Verlage und Autoren leiden unter Kontrollverlust – ausgerechnet die Buchpiraten von TorBoox stehen gerade vor demselben Problem. Szene-Insidern zufolge wurde nämlich der gesamte Buchbestand der Plattform, nun ja, raubkopiert. Nun droht in den nächsten Tagen ein Leak von knapp 43.000 Titeln, darunter zahlreiche aktuelle Bestseller, aber auch viele populäre Backlisttitel.

Plattformbetreiber beschuldigen „Spiegelbest“

Das Leck im Piratenschiff hat offenbar mit einer umstrittenen Entscheidung der letzten Wochen zu tun – die Buchreport zufolge „womöglich größte deutsche Plattform für illegale E-Books” hatte Anfang Oktober einen monatlichen Beitrag eingeführt, um technisch mit den wachsenden Zugriffszahlen Schritt halten zu können. Diese Entscheidung führte in der Community rund um TorBoox dann jedoch zu einem Streit zwischen überzeugten „Freeloadern“ und den Befürwortern einer Art freibeuterischen Solidarprinzips, das über Flattr-Buttons sogar auf die gerippten Autoren ausgedehnt werden sollte.

Wer für den Leak verantwortlich ist, bleibt unklar. Die Betreiber der Plattform beschuldigen ihren Mitgründer und ehemaligen „Pressesprecher“ Spiegelbest, der das Team Anfang Oktober verlassen hat: „SB hat, wie alle anderen Kern-Mitglieder auch, regelmäßig Komplett-Kopien des Buch-Archivs (das im Übrigen nicht ‚unser‘ Archiv ist) angelegt. Was ihn nun bewogen hat, seine Version davon zu releasen weiß hier niemand.“ Der anonym bleibende Spiegelbest wiederum wehrt sich gegen diese Vorwürfe: „Ich dementiere dies: Es ist nicht mein Archiv, und ich stecke nicht hinter den Uploads“, so der selbsterklärte Ex-Buchpirat am Donnerstag in einer via Posteo verschickten E-Mail an E-Book-News.

„Nur 3 Personen hatten Zugang zum kompletten Archiv“

Die Betreiber von TorBoox haben Spiegelbest zufolge „erheblichen Aufwand betrieben, um zu verhindern, dass ein Außenstehender an das komplette Archiv gelangen konnte.“ So habe es Einschränkungen bei der Suche, ein Downloadlimit und zahlreiche Maßnahmen gegen Doppelaccounts gegeben. Im Unterschied zu zahlreichen Aktiven im Umfeld der Plattform hätten auch nur die drei Betreiber selbst Zugang zum kompletten Archiv gehabt. Mit der Exklusivität von TorBoox wurde offenbar ein strategisches Ziel verfolgt: man wollte der Buchbranche, und speziell dem Börsenverein des deutschen Buchhandels beweisen, dass ein Spotify für E-Books prinzipiell funktionieren kann, sowohl illegal wie auch legal – und bot sich sogar als Gesprächspartner an.

Doch diese Strategie ging letztlich nicht auf: der Börsenverein ignorierte das Gesprächsangebot des TorBoox-Pressesprechers geflissentlich, während die TorBoox-Community sich durch das als Best-Practice-Beispiel gedachte Flatrate-Modell in mehrere Fraktionen spaltete. Für einige der Aktiven scheint die Exklusivität des Angebots nun offenbar keinen Sinn mehr zu machen – sie setzen stattdessen auf den Schneeballeffekt: das frei zirkulierende Archiv soll zur Schaffung von vielen neuen Piraten-Plattformen führen. Verhindern können wird das ironischerweise weder der Börsenverein noch Torboox: E-Books im Netz gehören im Zweifelsfall niemandem, nicht mal den Piraten.

Abb.: Flickr/billycon11 (cc)

Dankeschön-Ökonomie trifft Flatrate: Ein Spotify für Indies?

Alternative Plattform-Modelle sind im Bereich E-Publishing mittlerweile Legion – von Verleih-Modellen à la Skoobe über Krautpublishing-Ansätze à la Unbound oder Krautreporter bis hin zu ambitionierten Projekten wie Log.Os, das sich als alternatives, offenes Betriebssystem für Literatur(vermarktung) versteht. Eins gibt’s bisher aber nicht: eine unabhängige Plattform speziell für Indie-Autoren, die zugleich auf das Prinzip Dankeschön-Ökonomie & Flatrate setzt. Vielleicht nicht ganz zufällig stammt die folgende Ideenskizze für eine Art „Spotify für E-Books“ vom ehemaligen Buchpiraten Spiegelbest. Das von ihm mitgegründete TorBoox experimentiert mittlerweile nicht nur mit einem kostenpflichtigen Flatrate-Modell, sondern auch mit Flattr-Buttons, um Autoren zu unterstützen. [Crossposting via spiegelbest.me]

Autoren entdecken zum Flatrate-Tarif

Ich stelle hiermit meine neue Idee zur Diskussion: Ich stelle mir die Gründung eines gemeinnützigen Vereins vor. [Ausdrücklich sei gesagt: Nicht Buchpiraten würden diesen Verein gründen und betreiben, sondern unbescholtene Bürger.] Die Aufgabe dieses Vereins wäre es, die Ausschüttung von Spenden an beteiligte Autoren zu organisieren. Die Verteilung der Spenden ist dabei an ein Bewertungssystem gebunden. Ausgeschüttet wird entsprechend dem Lesevergnügen – dokumentiert in Form von Sternen, welche die Autoren von den einzelnen Nutzern erhalten haben.

Jeder Nutzer zahlt eine monatliche Mindestspende ein – sagen wir mal € 5,00. Bei den Downloads gibt es kein Limit. Der Nutzer kann – wenn er möchte – seine Lektüre bewerten. Seine persönliche Spende wird am Monatsende auf die von ihm gelesenen Autoren verteilt. Hat er 50 Sterne verteilt, dann bekommt ein Autor, der 5 Sterne erhalten hat, € 0,50 von ihm. Hat er keine Sterne verteilt, wird die Spende an alle Autoren entsprechend der ihnen zugeteilten Sterne ausgeschüttet.

„Nur eine große Community kann das Material filtern“

Die Nutzer ‘entdecken’ also Autoren, denn die Vergabe der Sterne durch alle Nutzer ist ein System, die Qualität der Autoren – subjektiv, aber communityweit – zu beurteilen. Stellt euch eine Plattform von 5.000 Autoren vor – 50.000 Nutzern – dann seht ihr, dass ein einzelner Agent das Material niemals allein sichten könnte. Nur eine große Community kann das Material filtern. Die Leistung der Autoren wird also nicht nur individuell entlohnt, sondern auch in Beziehung gesetzt. Zwei Dinge also: Spende vom einzelnen Nutzer und Bewertung durch die Community.

[Selbstverständlich kann ein Nutzer € 5,00 für einen Monat einzahlen, alle Dateien herunterladen und verschwinden. Es sei ihm gegönnt. Dateien sind, wo immer sie sich befinden, schutzlos. Lasst uns das endlich akzeptieren und weiterdenken! Dieser Verein ist ein Spendenverein, der die Autoren entsprechend ihrer Leistung – dem Lesevergnügen der Leser – unterstützen will. Die Nutzer sind mithin Entdecker und Förderer von Autoren, keine Gratissauger mehr.]

Der Autor & sein Werk als „Unterforum“

Die Autoren laden nicht nur ihre Dateien hoch und geben sie zum Kommentar frei, sondern treten auf einer anderen Ebene mit den Nutzern in Kontakt. Stellt euch den einzelnen Autoren als ein Unterforum vor, mit Lebenslauf und Infos – oben angeheftet – darunter die verschiedenen, für alle sichtbaren Themen, die er und die Nutzer eröffnet haben. Der Autor kann sich – wenn er möchte – bekannt machen und Leser an sich binden. Zwei Dinge also: Der Autor stellt nicht nur seine Titel vor, sondern auch sich selbst.

Weiter sollen die erhobenen Daten interessierten Verlagen kostenfrei und umfassend zum Verfügung gestellt werden. Die Autoren stellen sich also nicht nur den Nutzern vor, sondern auch den Verlagen.

Zusätzliche Einnahmen können durch Werbung akquiriert werden: Die verschiedensten Dienstleister können Angebote machen, aber auch Anbieter von Lesegeräten, Agenten und Verlage. Alle Einnahmen sind am Monatsende an die Autoren entsprechend der ihnen zugeteilten Sterne auszuschütten.

Genreübergreifend, oder dezentrale Communities?

Vorstellbar ist ein solcher Verein genreübergreifend auf zentraler Ebene, aber auch dezentral und genrespezifisch. Eine große Community hat Vorteile, eine überschaubare, persönlich vernetzte Gruppe von Nutzern aber auch. Grundsätzlich sollte kein Verein die Dateien exklusiv bekommen. Je größer die Zahl der Spendenvereine, desto besser für die Autoren. Je vielfältiger ihr Auftritt, desto attraktiver sind sie für die Nutzer.

Schlussbemerkung: Dies ist ein Spotify für Indies, weil ich nur bei ihnen (preisungebunden, vertrags- und verlagsfrei) in der augenblicklich völlig festgefahrenen Situation eine Chance sehe, neue Ideen zu verwirklichen.

Als Idee aber ist es ein Spotify für Ebooks – zugänglich allen Autoren.


Abb.:
„Dinosaurier haben nie Trinkgelder gegeben – und schaut, was mit ihnen passiert ist“ Flickr/vasta (cc)

[Gastbeitrag] Die Buchpiraten & das liebe Geld – ein Ausblick auf 2014

Ein Thema war in den Frankfurter Messehallen merkwürdig abwesend: E-Book-Piraterie. Dabei zeigte sich die Warez-Szene im Vorfeld der Buchmesse hochaktiv – neben forcierter Pressearbeit kündigte die Download-Plattform TorBoox an, ab Oktober einen Nutzungsbeitrag zu erheben. Das macht sie absurderweise zum einzigen echten Flatrate-Angebot für E-Books, denn viele große Verlage bremsen bisher ein legales „Spotify für Bücher“ aus. Zu den Betreibern von TorBoox gehörte bis vor kurzem „Spiegelbest“, der im folgenden Gastbeitrag einen Ausblick auf 2014 wagt. (Muss das sein? Ich denke, ja. Da Piraterie sehr viel mit fehlgeschlagener Marken- bzw. Kundenkommunikation zu tun hat, sollte man gerade denjenigen zuhören, die aus Protest eine eigene Marke gründen, in welcher Form auch immer.)

„TorBoox ist kundenorientiert“

Aus der Sicht eines (ehemaligen) Buchpiraten will ich einen Ausblick auf das nächste Jahr wagen. Da ein Ausblick auch immer ein Rückblick ist, drehe ich zunächst mal kurz um: Dieses 2013 hat für die Buchpiraten große Veränderungen gebracht, deren Tragweite noch nicht ansatzweise erfasst wurde. Diese Veränderungen wurden zurecht an einem Angebot wie TorBoox festgemacht. Ich zähl also mal auf, was TorBoox ausmacht:

  • TorBoox ist uneinnehmbar – Abuse-Meldungen (= Anzeigen wegen Copyrightverletzung) sind wirkungslos
  • TorBoox ist kundenorientiert – sichere Downloads, Navigation für Netzungeborene, keine Werbung
  • TorBoox finanziert sich über einen Nutzungsbeitrag – die erzielten Einnahmen sind vermutlich hoch

TorBoox wird das Jahr 2014 entscheidend prägen. TorBoox hat nicht nur die Downloader der Szene angezogen, sondern vor allem die digital lesende Kundschaft des Buchhandels. Darin besteht die eigentliche Gefahr, die von TorBoox ausgeht. Ende 2013 verfügt TorBoox über erhebliche finanzielle Mittel. Besonders auf letzteren Punkt will ich eingehen, da er alle Spielregeln ändert: Bisher war es so, dass kaum Geld bei den Uploadern verblieb. Das Geld, das durch Werbeeinnahmen und den Verkauf von Premiumaccounts generiert wurde, floss an die Betreiber der großen Boards, an die One-Klick-Hoster und an Anbieter wie Firstload. Der Uploader selbst konnte mit seinen ‚Einnahmen‘ kaum den nächsten Titel finanzieren. Ihm blieben nur Kleckerbeträge.

„Bisherige Wertschöpfungskette am Ende“

2013 aber läutet das Ende der bisherigen Wertschöpfungskette und der Spielregeln ein. Nicht umsonst ist TorBoox noch heftiger als vom Börsenverein von der eigenen Szene angegriffen worden. Dort wurde sofort erkannt, dass TorBoox für einen Umbruch steht. Ich stelle mir mal vor, die Buchbranche hätte den Stein der Weisen gefunden, wie im Internet mit E-Books Geld zu verdienen ist. Die Buchpiraten haben ihn gefunden – und es ist keine Meldung wert! Dabei ist die Summe, um die es geht, und damit Tragweite so schwer nicht einzuschätzen: Nehmen wir eine realistische Zahl von Nutzern an. Es wird ein Nutzungsbeitrag erhoben: € 3,33 pro Monat für 150 Downloads am Tag. Wie viele Nutzer werden dieses Angebot (zugegeben: mit geklauter Ware) annehmen? Keiner, wenige oder alle? Das mag sich jeder für sich selbst beantworten.

Man stelle sich nun eine Straße vor: Schicke Geschäfte, motiviertes Personal, Beiprogramm, ein hochpreisiges Angebot. Am Ende der Straße ist eine Freifläche: Flohmarktflair, ein paar windschiefe Zelte, wortkarg fremdländische Anbieter. Gegen einen geringen Eintritt aber wird das hochpreisige Angebot aus der Ladenstraße hier verschenkt! Frage: Wo wird es die Kunden hinziehen? Das ist das Jahr 2013: Die Buchpiraten haben sich am Ende der Einkaufszone eine überschaubare Freifläche gesichert, ihre Zelte aufgebaut und legen ihr Angebot aus. Die Kunden sind aufmerksam geworden.

„Wie einem Anbieter begegnen, der Waren verschenkt?“

Und das ist das Jahr 2014: Wenn es dem Buchhandel nicht gelingt, den Kunden ein preislich attraktives Angebot zu machen, dann wird sich die Einkaufsstraße entvölkern. Soweit vorhersehbar und weitläufig erörtert. Was aber wir noch passieren? Kehren wir zu den Buchpiraten von TorBoox zurück: Sie haben Geld eingenommen, viel Geld, viel zu viel Geld. Es wird Buchpiraten geben, die aus Gründen der Anständigkeit (oder Vorsicht) das Geld ihrer Kunden verbrauchen und damit zurückgeben werden. Es wird aber auch Buchpiraten geben, die dieses Geld abfließen lassen. Das Jahr 2014 wird einen großen Streit innerhalb der Raubkopierszene sehen: auf der einen Seite die ‚idealistischen‘ Buchpiraten, auf der anderen Seite eine Szene, in der nach einer kurzen Phase der Überraschung und des Staunens alle Hemmungen fallen.

Auch für den deutschen Buchhandel wird 2014 ein Jahr des Streits: Es muss eine Entscheidung fallen! Wie begegnen wir einem Anbieter, der unsere Waren verschenkt? Wie stellen wir uns auf, wenn alle rechtlichen Gegenmaßnahmen versagen? Wieviele Kunden dürfen wir abschreiben, ohne selbst abgeschrieben zu werden? Wie gehen wir mit den Verlagen um, die nicht auf die Digitalisierung setzen? Denn wenn es dem Buchhandel nicht gelingt, seine Gestaltungshoheit zurückzugewinnen, dann hat er nicht nur internationale Online-Händler wie Amazon, sondern auch die internationale Raubkopierszene am Hals! Es ist nicht unverborgen geblieben, dass sich mit einem zusammengeklauten Angebot innerhalb von Monaten ein Haus finanzieren lässt. Und der Börsenverein des Deutschen Buchhandels sollte sich nichts vormachen: Ein ukrainischer Informatikstudent hat für deutsche Klageschriften nur ein müdes Lächeln übrig…

Hinweis: Seit dem Abschied von TorBoox bloggt „Spiegelbest“ auf spiegelbest.me über Autoren, Verlage, Buchpiraten und Free Downloader.

Abb.: Flickr/ryanrocketship (cc)

Offizieller Gratis-Download auf boox.to: Selim Özdogan spendiert „Freikarte für’s Kopfkino“

Ein türkischer Junge, der sich weigert, Deutsch zu sprechen, eine Mutter, die auf die anarchische Kraft von Unkraut setzt, ein philosophischer Tankwart, der auf Geld und Ruhm pfeift: Es sind unangepasste Figuren, die Selim Özdogan in seinem neuen Erzählband „Freikarte für’s Kopfkino“ versammelt. Ähnlich unorthodox denkt offenbar auch Özdogan selbst, denn das E-Book erscheint als Gratis-Download exklusiv via TorBoox. Die Piraten-Plattform stellt normalerweise ungefragt Texte ins Netz – diesmal aber nicht: „Ich bin an Kontakt interessiert und Kontakt, wie ich ihn verstehe, entsteht an den Grenzen“, begründet der in Köln lebende Autor sein Promotion-Experiment in einem Interview. „Was ich in der öffentlichen Diskussion sehe, ist eher ein Rückzug, ein sich einigeln und auf die bösen Piraten schimpfen. Ich möchte an die Grenze, ich möchte sehen, welche neuen Wege es geben könnte.“

„Digitale Kopierbarkeit ist ein Fakt“

Özdogan hat zwar schon mal mit Self-Publishing im Bereich Hörbuch experimentiert, seine seit den Neunziger Jahren erschienenen Romane wurden jedoch bisher bei traditionellen Verlagen herausgegeben – das gilt auch für das aktuelle Werk „DZ“. Einige der E-Book-Versionen wiederum sind schon bei Torboox gelistet, ungefragt, versteht sich. Doch das stört den Autor offenbar nicht wirklich: „Es erscheint mir nahezu unmöglich, ein Ebook mit einem funktionierenden Kopierschutz auszustatten. Digitale Kopierbarkeit ist ein Fakt. Gesetze sind national, das Internet kennt keine Grenzen, das ist auch Fakt“. E-Book-Piraterie, da ist sich Özdogan sicher, hat vor allem mit den Problemen von Verlagen zu tun, die Gesetze der digitalen Ökonomie zu verstehen: „Um das Ausmaß zu reduzieren, müsste man ein attraktives Angebot für den Kunden bieten. Ebooks sind heute in der Regel etwa zehn Prozent billiger als das entsprechende Papierbuch. Das heißt wir sagen dem Käufer: Wenn wir die Druckkosten, die Vertriebswege, den Gewinn des Buchhändlers, etc rausnehmen, können wir dieses Ding zehn Prozent billiger anbieten. Und wenn er das nicht glaubt, liegt der Fehler bei ihm.“

„Etwas zu verschenken tut niemandem weh“

Dabei ist sich der Freikarten-Spender für das Kopfkino durchaus bewusst, dass manch einer auf die Kooperation mit der Warez-Szene gereizt reagieren wird – die ZEIT und der TAGESSPIEGEL wurden vor kurzem (erfolglos) angezeigt, nur weil sie es wagten, im Rahmen eines Interviews mit dem anonymen boox.to-Betreiber „Spiegelbest“ den Namen der Plattform auszuschreiben. „Mir ist bewusst, dass man auf diesen Schritt emotional reagieren kann. Ich sehe aber nicht so richtig, wem ich damit weh tue, wenn ich etwas verschenke“, meint Özdogan. „Ich habe ja auch in der Vergangenheit schon Möglichkeiten des Netzes genutzt, um Sachen kostenfrei anzubieten“. Anderswo ist die Zusammenarbeit von Kreativschaffenden und Piraten schon weitaus etablierter – im Rahmen der „Promo-Bay“-Initiative erhielt etwa die populäre BitTorrent-Plattform Piratebay Ende 2012 in kurzer Zeit mehr als 10.000 Bewerbungen von Indie-Künstlern. Zu den besonders vehementen Befürwortern dieser Promotion via Piraten-Publishing zählt Bestseller-Autor Paulo Coelho.

„Kriminalisierung der Nutzer kann keine Lösung sein“

Auch Özdogan plädiert für einen Paradigmenwechsel in punkto Literatur-Marketing: „Es wird einem nie vorgeworfen mit einem großen Konzern zu arbeiten, der am Kunden kein weiteres Interesse hat als seine Daten und seine Kaufkraft. Ich bin in erster Linie am Leser interessiert und dessen Wert bemisst sich für mich nicht an seiner Kaufkraft. Dass ich Geld verdienen muss, empfinde ich als einen Makel des Systems, in dem wir leben. Und ich halte den Leser nicht für so dumm, dass er die Autoren vernichtet, indem er sie nicht mehr unterstützt“. Man müsse nicht unbedingt mit Piraten zusammenarbeiten, das Gegenteil sei aber auch falsch: „Sie und auch die große Anzahl von Nutzern dieser Plattform zu kriminalisieren, löst das Problem nicht. Oder erst, wenn wir eine flächendeckende Zensur des Internets oder die totale Überwachung einführen“.

„Der Geist ist bereits aus der Flasche“

Letztlich sieht Özdogan die E-Book-Piraten sogar als Vorkämpfer für die Internet-Freiheit: „Die Möglichkeit – auch unerkannt – viele Menschen zu erreichen, ist im Netz gegeben. Das kann so oder so genutzt werden. Wenn es darum geht Zensur zu umgehen, wird diese Möglichkeit begrüßt. Sie wird aber abgelehnt, sobald käufliche Inhalte unkontrolliert verbreitet werden“, wundert sich der experimentierfreudige Autor. Angesichts der bekannt gewordenen Totalüberwachung der digitalen Datenströme durch Nachrichtendienste und mit ihnen kollaborierenden Unternehmen gehe es in punkto Piraterie nicht einfach nur um Musik, Filme oder Literatur, sondern um die Frage: wo wollen wir hin? „In so einem Zusammenhang begrüße ich, dass es Menschen gibt, die sich im Netz frei von all dem machen, die zeigen, dass man nicht gläsern sein muss, sondern unsichtbar werden kann“. Einem von ihnen, dem ebenso legendären wie anonymen Dread Pirate Roberts, ist ein Mini-Essay am Ende des Erzählbands gewidmet – inklusive Original-Schlusszitat: „Doch selbst wenn wir verlieren, der Geist ist bereits aus der Flasche.“

Abb.: E-Book-Cover „Freikarte fürs Kopfkino“ (Ausschnitt), Design: Boris Höpf

Huch! „Vom Buch zum Byte“ wurde von Piraten gekapert

Wer ein E-Book über die Geschichte des E-Books veröffentlicht, darf sich nicht wundern, wenn das Produkt irgendwann frei im Web zirkuliert. Letztlich muss man das wohl als Gradmesser für die eigene Popularität sehen – wer nicht gelesen wird, wird auch nicht piratisiert. “Vom Buch zum Byte” hat diese Wahrnehmungschwelle offenbar überschritten, denn es tauchte schon vor einiger Zeit im Katalog der Download-Plattform TorBoox auf. Nicht wirklich die ganz harte Konkurrenz für mich, weil das Buch zeitweise kostenlos via Amazon erhältlich war, als HTML-Version dauerhaft frei zugänglich ist und via Pay-With-A-Tweet als PDF-Volltext nichts kostet außer einem Tweet.

Nun gibt’s also auch das epub gratis im Netz – ohne dass mich irgendjemand gefragt hat. Aber wenn man E-Books vor allem als Marketing-Instrument versteht, macht das ebenfalls Sinn: ihre wichtigste Eigenschaft ist es ja, endlos repliziert und weitergegeben werden zu können. Außerdem ermöglicht TorBooks neuerdings den von der Crowd gekaperten AutorInnen, auf der jeweiligen “Artikelseite” ein bisschen Promotion zu betreiben – mit einem Link auf die Homepage, auf Amazon etc. und vor allem mit einem Flattr-Button. Ein kleines Statement an die Nutzer kann man auch einfügen lassen, meins geht so: “Liebe LeserInnen, vielen Dank für das Interesse an meinen E-Books. Wenn sie euch gefallen haben – bitte twittern, facebooken, flattern, weitergeben. Spread the news! Übrigens: Dank Amazons Print-On-Demand-Service gibt’s die Schmöker auch gedruckt. Beste Grüße aus Berlin-Mitte, Ansgar”

Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen. Außer vielleicht: Am besten finde ich es natürlich nach wie vor, wenn alle, die es sich leisten können, mein Buch gleich im Shop auf vom-buch-zum-byte.de herunterladen, zum Preis von 2,99 Euro gibt’s dann gleich das komplette Multiformat-Bundle für Kindle, epub und PDF. Wer PayPal umgehen möchte: Bestellen kann man “Vom Buch zum Byte” auch via E-Mail, ich schicke dann via Reply umgehend einen Download-Link und die Überweisungsdaten zu.