Sir Galahad und seine außerirdischen Hohlköpfe: Hologrammatica, ein Sci-Fi-Thrill aus dem Jahr 2080

hologrammatica-coverTom Hillenbrand schreibt Gastro-Krimis, schmeckt aber auch gerne in Zukunfts-Tatorte hinein. Nach dem nahen „Drohnenland“ der 2040er Jahre visiert „Hologrammatica“ nun die fernen 2080er Jahre an: der Londoner Quästor Galahad Singh ermittelt im Fall einer verschwundenen Expertin in Sachen Gehirn-Upload.

Doch die Wahrheit ans Licht zu bringen, das ist nicht so einfach in einer Welt geprägt von 3D-Totalsimulationen, AI-Intrigen und den Machenschaften von ebenso superreichen wie unerreichbaren Asteroiden-Fürsten im Hintergrund.

Den Leser erwartet hier ein cleveres Potpourri aus Arjounis Sci-Fi-Krimifarce „Chez Max“, Halluzinations-Strategien wie in Lems „Futorologischem Kongress“ und einer Prise interplanetarischer Visionen à la Kim Stanley Robinsons „2312“.

Sehr schön auch die sprachlichen Annäherungen an die zivilisatorisch weit fortgeschrittene Zukunft: da wird der digitale Assistent zum „Amanuensis“, Privatdetektive, siehe oben, nennen sich nun ebenfalls neulateinisch „Quästoren“, enhancede Quantenchip-Cyborgs und organische Old-School-Menschen beschimpfen sich derweil gegenseitig als „Schwammköpfe“ bzw. „Hohlköpfe“, und die zwecks temporärem Identitätstausch geklonten Gast-Körper mutieren zu „Gefäßen“.

Und dann ist da auch noch ein merkwürdiges Leuchtphänomen im Mittelmeer, das niemand erklären kann — sind am Ende auch Außerirdische ein Teil des Verschwörungszusammenhangs? Wurden die technisch hochgerüsteten Menschen des späten 21. Jahrhunderts am Ende gar von ihnen gehackt? Für mich ist Hologrammatica auf jeden Fall der Sci-Fi-Thriller des Jahres 2018…

[e-book-review] Wo die Drohnen wohnen (Tom Hillenbrand, Drohnenland)

„Kennst Du das Land, wo die Kanonen blühn? Du kennst es nicht? Du wirst es kennenlernen!“, reimte Erich Kästner Ende der 1920er Jahre, und das „Du wirst es kennenlernen“ klang nicht umsonst wie eine Drohung. Wenn Tom Hillenbrand uns nun das Land, wo die Drohnen wohnen zeigt, darf man das wohl ganz ähnlich verstehen – denn der bei Kiepenheuer erschienene Sci-Fi-Krimi „Drohnenland“ führt direkt in unsere eigene, totalüberwachte Zukunft, irgendwann in der Mitte des 21. Jahrhunderts.

Die Story beginnt wie es sein muss, mit einer Leiche. Vittorio Pazzi, Europaabgeordneter der Liberalen, wurde auf einem flandrischen Acker im Großraum Brüssel erschossen aufgefunden. Ein Fall für Europol – Kommissar Aart Westerhuizen und seine Forensik-Expertin Ava Bittman begeben sich an den Tatort, zunächst in Person, dann virtuell. Unterstützt werden sie dabei von Teiresias alias Terry, einem weit fortgeschrittenen digitalen Assistenten, der weit aus mehr kann, als nur Informationen auf Datenbrillen spiegeln.

Die Chance, ermordet zu werden, ist im Drohnenland äußerst gering, nicht nur, weil die Europäische Union dank ubiquitärer Kameradrohnen längst Benthams Vision vom panoptischen Gefängnis gleicht und die Aufklärungsquote bei 99 Prozent liegt. Künstliche Intelligenzen wie Terry erlauben die „Prädiktion“, also Verhaltensvorhersage, was wiederum die gezielte Überwachung potentieller Krimineller, manchmal auch die präventive Liquidierung potentieller Terroristen ermöglicht. Humphrey Bogart-Fan Aart Westerhuizen kennt sich auch damit aus – ganz in der Tradition der Trenchcoat-tragenden „Hardboiled“-Schule ist er ist Veteran der „Solarkriege“, in denen die EU die Maghreb-Staaten „befriedet“ hat, um die Versorgung mit nordafrikanischem Sonnenstrom zu sichern.

Doch nicht nur bei den Bürgerrechten gab es Verluste, auch territorial. Süditalien ist ein von „Kohäsionstruppen“ besetzter Failed State, die Niederlande und Teile Norddeutschlands sind abgesoffen, Großbritannien wird die Union in Kürze verlassen. Steht die Ermordung des MEPs im Zusammenhang mit der dazu notwendigen Abstimmung über eine neue europäische Verfassung, die die Zentralgewalt stärken würde? Pazzi selbst war in der Frage unentschieden, wie auch zahlreiche seiner Kollegen. Weil der Mordfall aber das Getriebe der Politik stört, wird Westerhuizen von Europol mit Sonderrechten ausgestattet: er darf im drohnenkamera-gespeisten „Mirrorspace“, einer holographischen Totalsimulation, die das World Wide Web beerbt hat, als unsichtbarer „Ghost“ operieren.

Westerhuizen und Bittman kommen weiteren Mordfällen auf die Spur, die MEPs betreffen, aber duch die Manipulation des Mirrorspace als Unfälle vertuscht wurden – und geraten bei ihren Ermittlungen ins Fadenkreuz nicht nur der Schattenpolizisten des Unionsgeheimdienstes („Réseau des Renseignements“), sondern auch von britischen Separatisten („Britskis“) und einem großen Rüstungskonzern. Bald werden die Europol-Polizisten selbst zu Gejagten – und machen eine wichtige Erfahrung: in einer Welt, die auf totaler Berechenbarkeit beruht, kann es zwar taktische Vorteile bringen, unberechenbar zu sein. Manchmal wird man dadurch aber auch erst recht zum Problem für die Exekutive – vorsorgliche Exekution nicht ausgeschlossen.

PS: Mich hat „Drohnenland“ übrigens an einen flämischen Krimi aus den frühen 1980er Jahren erinnert, die immer noch sehr lesenswerten „Coltmorde“ von Jef Geeraerts, ebenfalls eine Art High-Tech-Totalüberwachungs-Sci-Fi, die in den 1990er Jahren spielt – Belgien wird da von einer katholisch-faschistischen Partei regiert, die BRD von einer autoritären Junta unter Franz-Josef Strauß. „Drohnenland“ scheint mir allerdings die deutlich beunruhigendere Vision zu bieten – gerade weil als Setting die Fassade des bürgerlichen Rechtsstaat fungiert. Insofern passt der Krimi, obwohl noch in der Prä-Snowden-Ära entworfen, sehr gut in eine Gegenwart berechtigter Rundum-Paranoia.


Tom Hillenbrand,
Drohnenland. Kriminalroman
Kiepenheuer & Witsch 2014
E-Book 9,99 Euro (epub/Kindle)

150 Prozent: „Drachenväter“ wird zum Krautpublishing-Erfolg

Die „Drachenväter“ haben den nächsten Level erreicht – auf Startnext sammelte das Krautpublishing-Projekt zur Geschichte des klassischen Rollenspiels (E-Book-News berichtete) schon fast 15.000 Euro ein, das Minimum lag bei 10.000 Euro. Neben direkten Spenden wurde das Buch selbst fast 300 mal vorbestellt (in der Version Print sowie Print plus E-Book). Damit haben es die Drachenväter-Väter Tom Hillenbrand und Konrad Lischka im Bereich Literatur in die Top 3 von Deutschlands größter Krautfunding-Plattform geschafft.

Bisher waren nur zwei Publikations-Projekte auf Startnext noch erfolgreicher: das „Sushi-Buch“ von Jens Nink erreichte vor kurzem 15.400 Euro, der Bildband „Alltagstourist“ von Eva Jung (E-Book-News berichtete) sogar 25.000 Euro. Die bisherige Top 3 war mit knapp 14.000 Euro Dirk von Gehlens Projekt „Eine neue Version ist verfügbar“ (E-Book-News berichtete) – das dem Thema E-Publishing und Digitalkultur gewidmete Buch setzte allerdings einen schwer einholbaren Geschwindigkeitsrekord, denn schon nach fünf Tagen waren ursprünglich anvisierten 5.000 Euro im Kasten.

In allen hier genannten Fällen wird mit dem gekrautfundeten Geld vor allem die Produktion der Printversion finanziert – immer mehr Self-Publisher nutzen diesen cleveren Weg, um das Investionsrisiko zu minimieren und ihr Buch schon vor dem Erscheinen zu vermarkten. Alleine auf Startnext wurden auf diese Weise in den letzten zwei, drei Jahren schon mehr als 50 Buchprojekte realisiert. Kommt deutlich mehr als die geplante Spendensumme zustande, kann auch mehr investiert werden – eins der „Stretchgoals“ bei den Drachenvätern ist z.B. eine verbesserte Ausstattung: ein Lesebändchen sowie Blindprägung (versenkter Titel) auf dem Cover.

Abb.: Screenshot

Wenn Gutenberg würfelt: „Drachenväter“, ein Krautpublishing-Projekt zur Geschichte der Rollenspiele

Auf der Frankfurter Buchmesse hält die Branche regelmäßig Ausschau nach dem literarischen Geschäftsmodell der Zukunft. Doch die Bücherstapel in den Messehallen scheinen den Blick nach vorn zu blockieren – auf einer Podiumsdiskussion zum Thema „Quo vadis E-Book“ etwa reichte die Fantasie der anwesenden Fachmänner gerade mal für die Kombination von E-Book und Hörbuch, schon bei dem Wort „FanFiction“ standen plötzlich große Fragezeichen im Raum. Was wäre wohl passiert, wenn man noch „GTA“ oder „WoW“ in die Debatte geworfen hätte? Einen E-Reader besitzt mittlerweile auch so mancher Buchmacher im mittleren Alter. Doch was ist mit der Playstation? Und was bedeutet das für die „Zukunftsfähigkeit“ der Book People?

Rollenspiel & die Geburt der virtuellen Welt

Ich habe mich bisher ja vor allem mit der Geschichte des E-Books auseinandergesetzt, um eine Ahnung zu bekommen, wohin die Reise gehen könnte. Doch gerade wenn es um Trend-Komplexe wie Gamification, Interaktivität oder komplexes Storytelling geht, lohnt sich genauso ein Blick zurück auf die Geschichte der klassischen Rollenspiele à la „Dungeons & Dragons“, wie ihn jetzt Konrad Lischka und Tom Hillenbrand mit ihrem Krautpublishing-Projekt „Drachenväter“ wagen, Untertitel: „Die Geschichte des Rollenspiels und die Geburt der virtuellen Welt“. Heute alltägliche Gaming-Konzepte wie Level, Erfahrungspunkte oder Lebensenergie führen zurück zu den ersten gedruckten „Roll-Playing-Game“-Anleitungen, die um 1974 in den USA auf den Markt kamen. Die eigentlichen Drachenväter hießen übrigens Gary Gygax und Dave Arneson. Fast parallel gab es auch die ersten Computerversionen wie dnd, die noch auf Großrechenanlagen an Universitäten gespielt wurden. Also genau dort, wo schon seit 1971 Michael Hart von „Project Gutenberg“ auch die ersten E-Texte eintippte und über das ARPANET in Umlauf brachten.

„Pen&Paper“-Games & Spielebücher

Doch erstmal fand die Spiele-Revolution vor allem analog statt: „Alles was danach kam, von “Bard’s Tale” bis “World of Warcraft”, hat seinen Ursprung in diesen Pen&Paper-Rollenspielen, die man mit Papier, Bleistift und Würfeln spielte“, schreiben Lischka und Hillenbrand. „Viele derer, die man heute als als Generation C64 oder als Nerds bezeichnet, saßen in den Siebzigern und Achtzigern mit Freunden um den Küchentisch und durchstreiften als Zwerge oder Elfen Verliese voller Monster“. Oder kämpften und blätterten sich, wie z.B. ich selbst, durch zahllose Stationen von Spielebüchern wie dem „Hexenmeister vom flammenden Berg“ von Ian Livingstone und Steve Jackson. Auf deren Seiten waren am unteren Rand zufällig verteilte Würfelaugen gedruckt, so dass man mit dem Buch selbst die notwendigen Zufallsentscheidungen treffen konnte. Wenn man so will, Hyperfiction avant la lettre…

Pre-Order-Kampagne via Startnext

Die beiden „Drachenväter“-Autoren aus dem SPIEGEL-Umfeld haben jahrelang recherchiert und mit Dutzenden Veteranen aus der Spieleszene gesprochen, neben Livingstone oder Jackson auch mit Werner Fuchs, Erfinder von “Das Schwarze Auge“, dem erfolgreichsten deutschen Rollenspiel. Herausgekommen ist dabei eine Kulturgeschichte des Rollenspiels, die von D&D bis „World of Warcraft“ reicht, und die 40jährige Entwicklung dieses Genres mit Reproduktionen alter Cover, Bildern von Conventions und Screenshots früher Computerspiele illustriert. Damit die großformatige Printversion wie geplant Anfang 2014 erscheinen kann, ist jetzt allerdings erstmal die Crowd gefragt – auf der Spendenplattform Startnext möchten Lischka und Hillenbrand im Rahmen einer Pre-Order-Kampagne mindestens 10.000 Euro einsammeln. Die Printversion der „Drachenväter“ gibt’s ab 35 Euro, Print & E-Book ab 45 Euro.

Abb.: Screenshot von dnd-Emulation, Quelle: Wikipedia