Tschüss B2C: Telekom macht PagePlace dicht – & setzt die Kunden vor die Tür

„PagePlace packt ein – und Ihre E-Books ziehen um!“ – in einer Rundmail bereitet die Telekom derzeit die Nutzer ihres E-Book-Shops auf den finalen Shutdown vor. Nach gerade mal drei Jahren zieht das Unternehmen am 31. März 2014 bei elektronischen Büchern den Stecker, zumindest gegenüber dem Endkunden. Zukünftig wird man sich nur noch dem Business-to-Business-Bereich widmen. Damit folgt der Telekommunikations-Riese einem Branchentrend – denn auch das Börsenvereins-Projekt Libreka oder der von Bertelsmann & Co. angeschobene Digital-Kiosk Pubbles haben im Endkundengeschäft das Handtuch geworfen, und bieten ihre Distributions-Dienste lieber anderen Unternehmen an.

Hauptkunde für die Telekom ist und bleibt Tolino – schließlich stellt man die Cloud-Technologie für die gesamte Tolino-Allianz zur Verfügung. Für zehntausende Nutzer, die ihren Tolino bei der Telekom gekauft haben und/oder die PagePlace-App auf Tablet oder Smartphone nutzen, ist das eine gute Nachricht in der schlechten. Denn sie können ihre in der Rechnerwolke gespeicherten E-Books, Comics und E-Mags recht einfach zu einem anderen Tolino-Partner übertragen. Lange warten sollten sie damit aber nicht. Denn der rettende Anbieterwechsel ist nur bis Ende März möglich.

Voraussetzung für die Migration der E-Lektüre ist ein Kundenaccount bei den Partnern Weltbild, Thalia, Buch.de oder Bertelsmann. Wobei sich der Wechsel zu Weltbild wohl nicht lohnen dürfte – denn schon bald könnten die Nutzer dort vor einem ähnlichen Problem stehen. Wer ganz auf Nummer sicher gehen möchte, kann (und sollte!) ohnehin den bei PagePlace gekauften Content auch auf die heimische Festplatte downloaden, und im Fall von DRM-geschützten Titeln in Adobe Digital Editions importieren.

Und was ist mit den bei der Telekom gekauften Tolino-Readern mit integriertem E-Store, der an PagePlace und die PagePlace-Cloud gekoppelt ist? Keine Sorge, auch die Lesegeräte lassen sich umstellen – und zwar, indem man sie auf die Werkseinstellungen zurücksetzt. Bei der in diesem Rahmen notwendigen Neukonfigurierung lässt sich der Tolino dann mit dem gewünschten Alternativ-Anbieter aus der Tolino-Allianz verbinden. Vorher sollte man bereits den Cloud-Content zum selben Anbieter verschoben haben.

Die verbliebenen Partner können sich also in den kommenden Wochen über zehntausende neue Nutzer freuen. Grund zum Jubeln haben sie aber wohl nicht. Die Frontbegradigung innerhalb der Tolino-Allianz ist PR-technisch der Super-GAU für das gesamte Projekt. Während noch über die Weltbild-Pleite geredet wird, vertreibt man die mühsam akquirierten PagePlace-Kunden in alle Winde, und zwingt sie mit der Drohung des Datenverlustes zum kurzfristigen Anbieterwechsel. Ohne zu wissen, wie lange sie dort dann zu Hause sein werden, bevor der nächste Shutdown droht. Das größte Vertrauen im E-Book-Bereich dürfte in Zukunft wohl Amazon genießen…

Nolino statt Tolino: Deal zwischen Indies & Reader-Allianz geplatzt – Chance für alternative Plattform LOG.OS?

Der Buchhandel in Deutschland bleibt auch weiter gespalten: die Großen wie Weltbild oder Thalia setzten auf das cloudbasierte Tolino-Konzept, die unabhängigen Buchhändler müssen sehen, wo sie bleiben. Denn Verhandlungen zwischen der Gran Tolino-Koalition und dem Börsenverein des deutschen Buchhandels bzw. seiner Marketing-Tochter MVB sind endgültig gescheitert. Am Ende hakte es offenbar vor allem am Geld – nach Informationen von Buchreport sollten die Indies für ihr Entreebillet die stolze Summe von einer Million Euro investieren, und hätten trotzdem nur sehr eingeschränkte Mitspracherechte besessen. Auch den exklusiven Content-Bezug über die Bertelsmann-Plattform Pubbles wollten viele unabhängige Buchhändler nicht akzeptieren.

„Chance gegen Kindle&Co. bietet nur Software-Strategie“

Doch braucht man überhaupt den Über-Reader? Viele Indies bieten nach anfänglichen Versuchsballons mittlerweile überhaupt keine Geräte in ihren Läden an, und setzen statt dessen lieber auf einen gut gemachten Online-Auftritt. So macht es etwa Ocelot-Gründer Frithjof Klepp, den der geplatze Tolino-Deal nicht wirklich überrascht: „Das ist ein starkes und unübersehbares Signal, dass die Hardware-Strategien gescheitert sind“, kommentiert Klepp gegenüber E-Book-News. Der Buchhandels-Entrepreneur hat viel Geld und Arbeit in die Entwicklung einer maßgeschneiderten Website gesteckt (siehe den E-Book-News-Bericht zum Launch) – und sieht darin den Königsweg für die gesamte Branche: „Eine Chance gegen Kindle & Co. wird der unabhängige Buchhandel nur mit flexiblen, technisch sauberen Softwarelösungen haben, die den Kunden in verschiedener Weise an seine Marke bzw. seine Buchhandlung binden.“

„Zeit von Top-Down-Lösungen ist vorbei“

Auf dieser Basis kann sich Klepp auch durchaus eine gemeinsames Plattform-Modell für die deutschen Indie-Buchhändler vorstellen: „Wichtig ist bei allen möglichen Lösungen und Überlegungen, dass nicht mehr Top-Down sondern von der Praxis-Seite her Lösungen erdacht und umgesetzt werden.“ Ähnlich sieht das auch Onkel&Onkel-Verleger Volker Oppmann – und bezieht gegenüber E-Book-News auch die Leser in seine Kritik bisheriger Ansätze mit ein: „Das Problem auf allen Seiten: Es fehlt an einem schlüssigen Konzept, das konsequent an den Bedürfnissen des Endkunden ausgerichtet ist. Gleichzeitig muss es die Kräfte der Branche effektiv bündeln, indem es den einzelnen Menschen hilft, ihr Potenzial voll auszuschöpfen und in einen inhaltlichen Dialog mit dem Kunden zu treten.“

Kommt statt Tolino jetzt LOG.OS?

Oppmann empfiehlt den Buchhändlern deswegen, die Zukunft des Buches selbst in die Hand zu nehmen – und hat zu diesem Zweck das Projekt LOG.OS ins Leben gerufen, ein basisdemokratisch organisiertes, offenes Plattform-Konzept, das sich als alternatives „Betriebssystem für Literatur“ versteht. Momentan existiert LOG.OS freilich nur als Konzept, vorangetrieben durch einen Verein, der sich erstmal um die Akquise des notwendigen Startkapitals kümmert. Das könnte nach dem Scheitern der ganz großen Tolino-Allianz jetzt vielleicht etwas einfacher werden: denn der „Wunsch des unabhängigen Buchhandels nach einer E-Book-Plattform besteht weiter“, ließ gestern MVB-Chef Ronald Schild verlauten. Man werde in den kommenden Wochen „in einen Dialog mit Vertretern der Branche treten“, um Lösungs-Szenarien für den E-Book-Verkauf im unabhängigen Buchhandel zu finden.

Abb.: Fotomontage