Geboren aus dem Schlaf der Vernunft: Silke Nowak, Patient 211 [Leseprobe]

nowak-patient-211Schuldfähig oder nicht? Für Gutachter Dr. Julian Kraft normalerweise eher eine Routinefrage — doch im Fall von Linda Fallersleben kommt der forensische Psychologe an die Grenzen seines Fachs. Hat die Patientin ihren Mann – ausgerechnet einen Psychoanalytiker – gar nicht selbst erstochen? Gibt es einen mysteriösen Serienmörder, der nun auch in der Klinik Marienberg sein Unwesen treibt? Denn immer wieder verschwinden des Nachts Patientinnen aus dem Institut, und niemand weiß, was mit ihnen passiert ist. Die allgemeine Verunsicherung in Silke Nowaks neuestem Thriller Patient 211 ist der einzige fixe Punkt. Die Welt des Mediziners gerät dagegen langsam aber sicher aus den Fugen: wem kann er überhaupt noch trauen? Am Ende nur Linda Fallersleben selbst? Und welche Spur verfolgt Kommissar Hanta in den endlosen Fluren der Klinik? Bald wird es wieder Nacht auf Marienberg — und alle fragen sich: Ist da noch jemand? Unsere Leseprobe führt direkt ins erste Kapitel… noch etwas mehr verrät die „Blick ins Buch“-Funktion im Kindle Shop.


Silke Nowak: Patient 211

1


Sie konnte ihn riechen.
Er war hier.
Noch bevor Linda ganz erwacht war, wusste sie, dass jemand an ihrem Bett saß. Es roch nach Zigarre. Ihr Herz schlug schnell, als der Rauch durch ihre Nase eindrang, tief bis in ihre Lunge hinein und von dort direkt in das Angstzentrum ihres Gehirns, die Amygdala. Schweißperlen bildeten sich auf ihrer Oberlippe. Instinktiv wusste Linda, dass es der Rauch einer Romeo y Juliet war. Das war seine Lieblingsmarke gewesen.
„Benjamin?“, wollte sie fragen.
Doch nur ein dumpfes Stöhnen kam aus ihrem Mund.
„Es tut mir leid“, wollte sie sagen, aber ihre Zunge gehorchte nicht.
Wieder einmal war sie in diesem quälenden Zustand zwischen Schlafen und Wachen gefangen, ein Durchgangsstadium, dem sie früher kaum Beachtung geschenkt hatte. Doch seit sie die Tabletten nahm, um überhaupt noch schlafen zu können, zog sich das Erwachen hin, manchmal bis zu einer Stunde, vielleicht waren es auch nur Minuten, sie konnte es nur schwer einschätzen. Drei Melperon schluckte sie jeden Abend, drei kleine, weiße Tabletten mit gewaltiger Wirkung: Die Zeit wurde flüssig, Sekunden wurden zu Kaugummi und Minuten zu einer Ewigkeit, in der unheimliche Kreaturen erwachten. Klagend, flehend, schön oder hässlich waren diese Kreaturen – wie auf den Gemälden der surrealistischen Maler.
Linda hörte das Schlagen einer Turmuhr.
Wieder roch sie den Rauch einer Romeo y Juliet, der sich mit dem Geruch des Putzmittels vermischte.
Benjamin?
Sie träumte, eine Treppe nach oben zu steigen, die aus Knetmasse war und das Geräusch ihrer Schritte verschluckte. Köpfe tauchten aus der Masse auf, auch Schlangen, auf die sie treten musste. Doch das war nicht das Schlimmste. Das Schlimmste war, dass Benjamin oben an der Treppe auf sie wartete und lächelte; aber je näher sie kam, desto mehr löste er sich auf in einem gelblichen Nebel, der ihn umgab.
Warte! Benjamin! Ich muss mit dir reden.
Linda ging schneller. Ihre Beine rutschen unter ihr weg wie weichgekochte Spaghetti.
Warte!
Seit Linda in Marienberg war, musste sie dafür kämpfen, aufwachen zu können. Obwohl ihr Körper währenddessen ruhig im Bett lag, war die Prozedur für sie anstrengender als ein Zehnkilometerlauf. Wenn sie erwachte, war sie schweißgebadet. Wenn sie erwachte, wusste sie, dass ihr Unbewusstes mit dieser Knetmasse ein treffendes Bild für den chemisch herbeigeführten Schlaf gefunden hatte, der sie für ein paar Stunden die Hölle vergessen ließ, in der sie seit Monaten lebte.
Seit fünf Monaten, um genau zu sein.
Seit dem 8. März. Niemals würde sie diesen Tag vergessen, an dem ihr Mann tot auf dem Diwan in seinem Behandlungszimmer gelegen hatte.
Benjamin?
Wieder schlug die Turmuhr.
Und dann hörte sie dieses seltsame Geräusch.
Bitte nicht.
Es war sein Atem. Langsam, sehr langsam sog er die Luft ein. Ein Röcheln folgte. Dann, einen quälenden Moment lang, passierte gar nichts. Er schien die Luft anzuhalten. Stille trat ein, jene Stille, die unheilvoll war wie der Moment, in dem sich alles veränderte – aber nicht zum Guten.
O Gott, Benjamin, ich habe dich geliebt, bitte glaub mir das!
Dann, endlich, atmete er wieder aus. Sie hörte ein langgezogenes Zischen, mit dem die angestaute Luft entwich. Doch ihre Erleichterung hielt nicht lange an. Denn im selben Moment, in dem er ausatmete, traf ein Hauch auf ihren Hals. Linda erstarrte. Dieser Atem war böse, auf eine erotische Weise böse, als säße ein Fremder an ihrem Bett, der Benjamins Körper nur als Versteck benutzte.
„Linda“, flüsterte er.
Nein! Lass mich!
Sein Atem war ganz nah an ihrem Ohr. Und dort flüsterte er beinahe zärtlich: „Linda.“
Lindas Nackenhaare stellten sich auf. Sie fühlte die feinen Härchen überdeutlich, jedes einzelne Härchen richtete sich auf, zuerst in ihrem Nacken, dann auf ihren Armen und zuletzt auf der Innenseite ihrer Schenkel. Sie erschauderte.
„Gefällt dir das?“
Nein! Geh weg. Lass mich!
Der Mann, der an ihrem Bett saß, war Benjamin. Das war seine Stimme. Sie bildete sich das nicht ein.
„Linda“, hauchte er. Er sagte: „Meine Linda.“
Doch etwas an seiner Stimme war anders. Nur was? Was? Linda wusste, dass Benjamin tot war, selbst im Halbschlaf wusste sie das, aber der Mann, der an ihrem Bett saß, roch nach seiner Zigarre und nach seinem Aftershave, Taylor of Old Bond Street. Das war eindeutig der Geruch des Mannes, mit dem sie fast zwanzig Jahre verheiratet gewesen war.
Wieder schlug die Turmuhr.
Wieder seine Stimme: „Linda.“
Benjamin?
Diesmal kam bereits ein Lallen aus ihrem Mund. Lindas Beine zitterten, als sie versuchte, sich aufzurichten. Gleich hast du es geschafft! Ihre Augenlider begannen zu zucken, die Decke zur realen Welt wurde dünner.
„Linda“, flüsterte er und schob eine Hand unter ihr T-Shirt. Sein Daumen glitt über ihre Brustwarze.
Was tust du? Lass das.
Linda fühlte seinen Pullover auf ihrer Haut, 80 Prozent Kaschmir, 20 Prozent Baumwolle. Sie selbst hatte Benjamin diesen Pullover geschenkt. Der weiche Stoff verursachte ihr eine Gänsehaut, wieder richteten sich die Härchen auf ihrer Haut wie Tänzer auf. Nur dass es keine Tänzer waren, sondern Dämonen aus Goyas Höllenbildern, Schmerzen, Sehnsucht.
Oh Gott.
Etwas in ihr stöhnte auf, etwas, das sie weggesperrt hatte, um zu überleben. Sie wünschte sich so sehr, dass Benjamin es war, der sie berührte, und zugleich betete sie, dass er es nicht war.
Bitte, lieber Gott, lass das nur ein böser Traum sein.
Als er seine Hand nach oben wandern ließ, wusste sie, weshalb er gekommen war.
„Warum hast du mir das angetan?“, fragte er.
Im Traum stand Linda jetzt ganz oben an der Treppe – mitten in dem gelblichen Nebel – und bekam keine Luft mehr.
„Habe ich nicht immer gut für dich gesorgt?“, fragte er. Dann schlossen sich seine Finger um ihren Hals.
„Nein!“, schrie sie und …
Plötzlich saß Linda aufrecht in ihrem Bett. Gierig rang sie nach Atem, keuchte, hustete und riss die Augen weit auf. Der Puls hämmerte in ihren Ohren. Das T-Shirt klebte an ihrem Körper, sie war nassgeschwitzt und verstört und blickte sich ängstlich um.
„Benjamin?“, fragte sie in die Dunkelheit hinein.
Sie lauschte.
Vom Park her fiel das milchige Licht der Gaslaternen ein. Die Rollläden blieben über Nacht oben, darum hatte sie gebeten. Linda starrte in das Halbdunkel hinein. Die Konturen des Zimmers nahmen langsam Gestalt an. Sie erkannte das Fenster, den Schreibtisch und die Stehlampe, sogar die einzelnen Glasstücke des Lampenschirms erkannte sie. Nur ihn erkannte sie nirgends.
„Ist da jemand?“, fragte sie.
Der Radiowecker auf ihrem Nachttisch zeigte 05:12 Uhr. Es war Sonntagmorgen, der 20. August, es war 05:12 Uhr, und sie war in der Klinik Marienberg. Linda wusste das, sie war nicht verrückt.
Zitternd schlang sie ihre Arme um den Oberkörper. Am liebsten wäre sie wieder in das große, dunkle Loch gefallen, das man Schlaf nannte. Doch sie befahl sich: Bleib wach! Denk nach! Sie schnupperte. Das war doch Rauch, der sich in den allgegenwärtigen Geruch des Desinfektionsmittels mischte, oder nicht? Die Tür war geschlossen. Linda blickte sich um. Wenn er also wirklich hier gewesen war, dann müsste er jetzt noch hier sein.
„Ist da jemand?“, fragte sie wieder.
Ein großer, dunkler Schatten wanderte über ihre Bettdecke. Das war nur das Fensterkreuz, das im Scheinwerferlicht eines vorbeifahrenden Autos wanderte, sagte sie sich.
Aber im Park fuhren keine Autos.
Linda sah sich um. Im Zimmer gab es nicht viele Möglichkeiten, sich zu verstecken: nur unter dem Bett, im Schrank oder hinter dem Paravent.
„Benjamin?“, fragte sie wieder.
Etwas knarzte.
Linda blickte zum Schrank hinüber. Es war ein großer, moderner Einbauschrank, in dem ein erwachsener Mann locker Platz gefunden hätte. Die rechte Schiebetür stand offen. Linda starrte auf den dunklen Spalt. Etwas blitzte hervor. Waren das Augen? Mit zitternden Fingern tastete sie nach der Taschenlampe, die sie für solche Fälle im Nachttisch bereithielt. Sie knipste sie an. Gespenstisch huschte der Strahl durch das Zimmer.
„Wer ist da?“, fragte sie und richtete die Taschenlampe auf den Schrank.
Es war nur ihr Gürtel mit der silbernen Schnalle. Linda lachte, aber ihr Lachen klang seltsam.
In diesem Moment raschelte es hinter dem Paravent.
„Benjamin?“, fragte sie und richtete die Taschenlampe auf den Raumteiler. Bei Tag erinnerte sie der Paravent mit dem Blumenmuster an glückliche Zeiten. Es war ihr eigener Paravent, den sie mit in die Klinik genommen hatte. Jetzt wirkte das Gestänge aus schwarzem Metall wie ein Skelett. Linda ließ den Strahl tiefer wandern. Zwischen dem Paravent und dem Fußboden war ein Spalt von etwa fünfzehn Zentimetern.
Ihre Hand zitterte.
Sie erkannte keine Schuhe.
„Du hast geträumt“, sagte sie laut zu sich selbst. Und dann: „Benjamin ist tot.“
Der 8. März war eigentlich ein ganz normaler Mittwoch gewesen. Wie oft hatte sie sich schon gewünscht, die Zeit zurückdrehen zu können.
„Benjamin“, flüsterte sie und spürte Tränen in ihren Augen. Sie ließ den Arm mit der Taschenlampe sinken und starrte auf den Lichtkegel, der auf das Parkett fiel.
An jenem Mittwoch war Linda den ganzen Tag über im Atelier gewesen. Das Atelier lag knapp zwei Kilometer von ihrem Haus entfernt in einer ehemaligen Scheune. Zweimal die Woche, immer mittwochs und freitags, hatte Benjamin Privatpatienten zu Hause. Deshalb blieb Linda an diesen beiden Tagen länger als sonst im Atelier. Sie mochte es nicht, wenn Patienten bei ihnen zu Hause waren.
Der Lichtkegel verschwamm vor ihren Augen.
Nein, es gab keine Zeugen, die sie im Atelier gesehen hatten.
Linda fror.
Erst gegen halb acht war sie nach Hause gekommen. Nein, sie hatte sich nicht gewundert, dass ihr Mann nicht im Wohnzimmer gewesen war und auch nicht in der Küche. Und nein, sie hatte nicht sofort nach ihm gesehen. Erst als er gegen acht immer noch nicht auftauchte, war sie in sein Zimmer gegangen.
Ihre Zähne begannen zu klappern.
Linda betrat das Büro. Sie öffnete die Tür. Seit dem 8. März öffnete sie immer wieder diese schwere, lederbespannte Tür, die zu Benjamins Allerheiligstem führte, in sein Behandlungszimmer. Das Behandlungszimmer eines Psychoanalytikers. Und da lag er: auf seiner Couch, blutüberströmt. Diesen Anblick würde sie nie mehr vergessen. Ebenso wie den Klang der Stimme ihrer Tochter Delphine, als sie gefragt hatte: „Mama?“
Nur deshalb war Linda froh, auf Marienberg zu sein, wegen Delphine. Es tat gut, wenn ihre Tochter an ihrem Bett saß und ihre Hand hielt.
Ein kalter Hauch streifte Lindas Hals.
Linda wischte sich die Tränen ab und richtete die Taschenlampe zum Fenster hinüber. Konnte das sein? Erst jetzt bemerkte sie, dass das Fenster offenstand.
Niemand durfte das Fenster öffnen.
Zu ihrer eigenen Sicherheit.
Linda drückte die Klingel über ihrem Bett. Dann stand sie auf. Ihre Beine waren noch schwach, sie zitterte, aber sie musste es nur bis zum Fenster schaffen. Hinter ihr knarzte es, doch sie drehte sich nicht um. Benjamin war tot. Es gab keine Gespenster! Linda ballte die Hand zur Faust. Wie naiv war sie doch gewesen, zu glauben, dass ihr der Gerichtsprozess das zurückgeben würde, was man ihr genommen hatte:
Ihre Würde.
Ihr Zuhause.
Ihr Kind.
Doch das Letzte, was sie ihr nehmen wollten, würden sie nicht bekommen: Ihren Verstand.
Wieder knarzte es.
Nein, sie war nicht verrückt.
Zumindest hatte sie das geglaubt – bis zu diesem Augenblick, in dem sie sich doch umdrehte.

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Autorin & Copyright: Silke Nowak

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Silke Nowak,
Patient 211
E-Book (Kindle Shop) 0,99 Euro

„Erzähl mir vom Fall“: Blanvalet bewirbt Ohlsson-Thriller „Schwesterherz“ via Facebook-Chatbot

blanvalet-chatbot-schwesterherzMit großem Medien-Tamtam brachte Blanvalet im April „Schwesterherz“ an den Start, Teil 1 der neuen Thriller-Miniserie von Kristina Ohlsson. Neben Anzeigen in Illustrierten, Großflächenplakatierungen oder Leseproben-Verteilaktionen hat sich der zu Random House gehörende Verlag noch etwas ganz besonderes für die 20.000 Facebook-Fans ausgedacht: eine Art literarischen Chat-Bot, der via FB-Messenger aufgerufen werden kann.

„Interaktives Interview“ mit Chef-Ermittler

Über kleine Schaltflächen wie „Erzähl mir vom Fall“, „Wer bist du?“, „Wie fing alles an?“ lässt sich der Dialog steuern – das chattende Ich hinter den Antworten ist Staatsanwalt Martin Brenner, der in „Schwesterherz“ wie auch der Fortsetzung „Bruderlüge“ die Ermittlungen führt. „Interaktives Interview“ nennt der Verlag das. Die Chatbot-Programmierung selbst übernahm die auf Kunden in der Buchbranche spezialisierte Social Media-Agentur Bilandia

Nächster Halt: Leseprobe

Wer neugierig geworden ist, kann im Chat dann auch auf weiterführende Links klicken, und landet bei einer Browser- Leseprobe oder im Web-Shop von Random House. Der allerdings kein echter Web-Shop ist, sondern den Warenkorb an Online-Händler wie Amazon, Thalia, Weltbild & Co. überleitet. Und als amüsante Alternative noch mit auf den Weg gibt: „…oder kaufen Sie direkt vor Ort bei ihrem Buchhändler“.

Hätte, hätte, Schicksals Kette: „Leons Erbe“, Thriller von Michael Theißen [Leseprobe]

leons-erbe-introDas Schicksal hat Katja eine Verkettung von katastrophalen familiären Ereignissen beschert — erst verschwindet ihre Schwester spurlos, kurz danach stirbt ihr Sohn Leon bei einem Autounfall. Plötzlich muss die trauernde Mutter auch noch erfahren, dass es mehr als nur einen zeitlichen Zusammenhang gibt: nach dem Begräbnis erhält sie einen merkwürdigen Anruf — ein Notar ist im Besitz einer Kiste, die Leon ihr vererbt haben soll. In der Kiste entdeckt Katja ein Armband, das ihrer Schwester gehört hat. Doch wie kam Leon in den Besitz dieses Armbandes, und was wollte er seiner Mutter über den Tod hinaus mitteilen? Gibt es in der Familie ein dunkles Geheimnis? Thriller-Autor Michael Theißen schickt in „Leons Erbe“ seine Heldin Katja auf die schmerzhafte Suche nach der Wahrheit — und lässt die Leser bis zur letzten Seite mitfiebern. Unsere Leseprobe führt direkt in den Prolog… Noch etwas mehr verrät die „Blick ins Buch“-Option im Kindle Shop.


Michael Theißen, Leons Erbe

Prolog

Als mein Sohn starb, ahnte ich nicht, dass mir das Schlimmste erst noch bevorstehen würde.
Seitdem verfolgt mich jede Nacht ein Albtraum, und es ist fast immer der gleiche.
Ich sitze im Auto und fahre. Ich weiß nicht, wohin ich fahre – ich fahre einfach nur. Es regnet. Ich höre keine Motorengeräusche, sondern nur den prasselnden Regen. Durch die Scheiben sehe ich nichts. Nichts außer Regen. Mehrfach versuche ich, den Scheibenwischer einzuschalten, aber aus irgendeinem Grund funktioniert er nicht.
Ich werde nervös, aber ich weiß nicht genau, warum. Wahrscheinlich, weil ich wegen des Regens die Straße nicht sehe. Aus der Nervosität wird Angst, und aus der Angst wird Panik. Dennoch fahre ich immer weiter.
Ich zittere und schwitze. Ich fahre geradeaus. Immer nur geradeaus.
Plötzlich hört der Regen auf, und es ist ganz still. Die Frontscheibe ist frei – kein Tropfen Wasser ist mehr zu sehen.
Jetzt entdecke ich sie. Ein Stück weit vor mir stehen zwei Menschen. Aber ich kann nicht erkennen, wer die beiden sind. Doch mir fällt auf, dass sie gleich groß sind. Sie stehen eng beieinander: Knie an Knie. Schulter an Schulter. Kopf an Kopf.
Ich schaue genauer hin – es sind mein Sohn und meine Schwester. Sie stehen sich gegenüber. Regungslos. Ich sehe sie nur von der Seite und kann daher nicht direkt in ihre Gesichter gucken. Erst jetzt bemerke ich, dass ich ihnen gar nicht näher komme, obwohl ich immer noch auf sie zufahre. Ich fahre und fahre, aber wir kommen uns nicht näher.
Sie sind grau. Völlig grau. Ich sehe keine Kleidung. Abgesehen von den Gesichtern erkenne ich nur ihre Umrisse und das Grau der beiden Gestalten.
Plötzlich drehen sie sich zu mir herum. Ich kann jetzt ihre Gesichter deutlich erkennen, aber da ist keinerlei Mimik. Da ist nichts. Sie gucken zu mir, aber sie scheinen durch mich hindurchzugucken. Ihre Gesichter sehen anders aus als sonst.
So tot. Tote Gesichter.
Ich muss mich entscheiden. Das wird mir in dem Moment klar, als ich schneller werde. Denn auf einmal nähere ich mich ihnen. Langsam, aber unaufhaltsam. Fahre ich weiterhin geradeaus, werde ich mit dem Wagen gegen beide prallen. Weiche ich nach links aus, überfahre ich meinen Sohn. Steuere ich ein Stück weit nach rechts, wird meine Schwester vom Auto erfasst.
Ich spüre keine Panik mehr. Nicht einmal mehr Angst. Ich fühle überhaupt nichts mehr. Ich werde schneller. Immer schneller – und sie kommen näher und näher. Ich muss mich entscheiden. Wer soll weiterleben? Wer sterben? Sohn oder Schwester? Schwester oder Sohn?
Entscheide dich, Katja! Jetzt!
Ich erwache immer in diesem Moment, und mir wird dann augenblicklich klar, wie viel härter die Realität doch sein kann als jeder Traum.
Denn ich durfte mich nicht entscheiden – und als mein Sohn starb, wusste ich nicht einmal, ob meine Schwester überhaupt noch lebte.

1

Nach einer Stunde gab ich auf.
Ich schob den Notizblock zur Seite und legte meinen Kugelschreiber darauf. Obwohl ich die ganze Zeit darüber nachgedacht hatte, fiel mir einfach nichts ein – zumindest keine Worte, die passend gewesen wären. Ich hätte nur wenige Minuten im Internet suchen müssen und sicherlich hunderte schöne Texte gefunden, aber nichts davon wäre persönlich gewesen.
Mehr als einhundertzwanzig Menschen waren am Tag zuvor bei Leons Trauerfeier gewesen, darunter seine Lehrer, Mitschüler und Freunde. Ich wollte mich bei ihnen mit den richtigen Worten bedanken, aber genau diese zu finden fiel mir entsetzlich schwer. Darum beschloss ich, erst einmal eine Pause zu machen, und lehnte mich auf der Couch zurück.
Stille. Würde ich mich jemals an diese Stille gewöhnen?
Keine morgendliche schlechte Laune eines Teenagers, der alles wollte, nur nicht aufstehen. Keine vorwurfsvolle Frage, durch mindestens eine verschlossene Tür hindurch, wann denn endlich seine Lieblingshose gewaschen sei. Und keine Jubelschreie von Leon oder seinen Freunden, wenn einer den anderen bei irgendeinem Fußballspiel auf der Spielkonsole besiegt hatte. Es war einfach nur still im Haus, und ich hätte alles dafür gegeben, noch einmal die Stimme meines Sohnes zu hören – und sei es die nörgelnde Frage nach seiner Jeans.
Überall wurde ich an ihn erinnert, und jedes Mal versetzte es mir einen furchtbaren Stich ins Herz. Immer wenn ich in den Garten ging, musste ich an seine Party zu seinem letzten Geburtstag denken, zu dem er seine gesamte Jahrgangsstufe vom Schiller-Gymnasium eingeladen hatte. Im Auto hatte ich ständig das Gefühl, dass er jeden Moment von außen die Beifahrertür aufreißen, nach einem kurzen »Hi, Mum« die Sporttasche auf die Rückbank schmeißen und dann während der Fahrt nach Hause sich mit seinem Smartphone beschäftigen würde.
Und auf der Couch im Wohnzimmer, wo ich gerade saß, hatte ich vor meinem geistigen Auge immer wieder das Bild, wie er als kleines Kind völlig begeistert Pokémon guckte und Pfirsich-Eistee schlürfte. Kaum zu fassen, dass das schon mehrere Jahre zurücklag, denn es kam mir so vor, als wäre diese Phase seines Lebens erst vor wenigen Monaten vergangen.
Was aber noch viel weniger zu begreifen war: Es würden keine neuen Erinnerungen mehr hinzukommen.
Niemals mehr.
Von heute auf morgen war ein sechzehnjähriges Teenagerleben ausgelöscht worden, und mein Mann und ich konnten nur hilflos mit ansehen, wie alles um uns herum so weiterlief wie zuvor – aber ohne Leon.
Eine Träne lief mir die Wange hinunter. Kaum zu glauben, dass ich überhaupt noch welche hatte. Mein Sohn war erst eine Woche zuvor gestorben, aber ich hatte das Gefühl, in den letzten Tagen so viel geweint zu haben, wie zuvor in meinem ganzen Leben nicht.
Und Gründe dafür hatte es zuvor auch schon genug gegeben …
Schnell schob ich diese Gedanken beiseite, wischte mir meine Träne weg und wollte gerade noch einen Versuch wagen, den Text für die Dankeskarten zu schreiben, als ich das Schloss der Haustür hörte.
»Bin wieder da. Katja?«
»Im Wohnzimmer«, antwortete ich und versuchte, die Traurigkeit aus meiner Stimme herauszunehmen, was mir sicher nicht gelang. Und bei Markus war dies sowieso überflüssig, denn er wusste am besten, wie ich mich fühlte. Genauso wie er selbst.
Er kam zu mir, gab mir einen Kuss und drückte mir dabei eine kleine weiße Karte in die Hand.
»Was ist das?«, fragte ich, obwohl mir die Antwort eigentlich schon klar war.
»Ein Privatdetektiv – soll einer der besten hier in Düsseldorf sein. Den hat mir vor ein paar Tagen ein Kunde im Laden empfohlen. Ich wollte erst einmal abwarten, was für einen persönlichen Eindruck der Detektiv auf mich macht, bevor ich dir von ihm erzähle. Ich bin inzwischen bei ihm gewesen und habe das Gefühl, dass er wirklich sehr gut in seinem Job ist. Der wird das Schwein sicher finden.«
Das Schwein.
Mir war nicht wohl bei dem Gedanken, dass mein Mann so über einen Menschen sprach, den er gar nicht kannte, auch wenn ich seinen Hass gut nachvollziehen konnte.
Er schien mir meine Zweifel anzusehen. »Was, Katja?«, sagte er schneidend und war scheinbar selbst sofort über seinen Tonfall erschrocken. Er setzte sich neben mich auf die Couch.
»Möchtest du nicht auch, dass dieser verdammte Fahrer endlich geschnappt wird?«, setzte er erneut an. »Der hat Leon angefahren und ihn einfach auf der Straße liegen lassen. Ist auch noch viel zu schnell gefahren und war vielleicht betrunken und …«
»Schatz …«, versuchte ich ihn zu unterbrechen, hatte aber keine Chance.
»Wer auch immer das war – er soll für den Tod unseres Sohnes bezahlen!« Seine Stimme zitterte vor Wut, und der Hass in seinen Augen machte mir Angst.
Diese wunderbaren, leuchtend blauen Augen – sie waren das Erste an ihm gewesen, was mir damals besonders aufgefallen war. Ich hatte vorher nie an die Liebe auf den ersten Blick geglaubt, aber bei Markus hatte ich genau die gefunden. Noch jetzt erinnerte ich mich daran, wie wir uns zum ersten Mal begegneten. Ich war neunzehn und hatte gerade meine Ausbildung zur Bankkauffrau abgeschlossen; er war zwei Jahre älter und arbeitete in dem Sportgeschäft seines Vaters. An meinem ersten Tag am Bankschalter in der neuen Filiale zahlte er in der Mittagspause die Einnahmen bei mir ein, und als er mich anlächelte, war ich sofort hin und weg. Und er sagte mir später, dass es ihm genauso ergangen sei. In den nächsten Wochen kam er jeden Tag zu mir zum Schalter, bis er mich schließlich zu einem Date einlud. Zwei Jahre später heirateten wir, weitere zwei Jahre danach wurde Leon geboren. Jahrelang war alles perfekt. Markus übernahm das Geschäft seines Vaters, konnte sich sogar einige Angestellte leisten und war deshalb oft zu Hause. Ich arbeitete nur halbtags und teilte mir mit ihm Leons Erziehung. Wir waren eine glückliche Familie gewesen – eine sehr glückliche sogar.
Bis das Schicksal zuschlug und unserem Glück ein abruptes Ende setzte.
Jetzt waren wir Eltern, die ihr einziges Kind verloren hatten und überhaupt nicht wussten, wie sie damit umgehen sollten. Wir würden zusammenhalten und füreinander da sein müssen – doch noch war jeder von uns viel zu sehr mit seiner eigenen Trauer beschäftigt. Und dass wir so unterschiedlich mit der Situation umgingen, half uns sicherlich nicht dabei, besser mit ihr fertigzuwerden.
Markus stand entschlossen wieder von der Couch auf. Er war mit seinem vollen braunen Haar und seiner sportlichen Figur immer noch so attraktiv wie vor zwanzig Jahren. Aber die Augen meines Mannes hatten sich seit dem Tod unseres Sohnes radikal verändert: Ihre Farbe war zwar noch dieselbe wie früher, doch ihr Ausdruck vollkommen anders.
»Ich ziehe mich noch eben um«, sagte er. »Habe um 18:00 Uhr wieder einen Termin beim Detektiv. Ist nicht ganz billig, aber es geht nicht anders.«
Doch, es ginge anders. Aber wenn du schon jemanden beauftragst, dann lass den auch herausfinden, was unser Sohn spätabends alleine und zu Fuß auf einer einsamen Landstraße gemacht hat – das interessiert mich fast noch mehr als die Identität des Unglücksfahrers. Denn egal, ob der Schuldige gefunden und bestraft wird oder nicht – Leon wird dadurch nicht wieder lebendig. Warum verstehst du das denn nicht?
Ich behielt diese Gedanken für mich und sah Markus hinterher, der gerade durch die Tür in den Flur ging.
»Markus?«
Er kam noch einmal zurück. »Ja?«, fragte er ungeduldig.
Ich hatte gehofft, dass mir ein paar Sekunden reichen würden, um mir einen passenden Satz für ihn zu überlegen. Aber alles, was mir in den Sinn kam, hätte wohl zum Streit geführt; und das konnten wir beide am allerwenigsten gebrauchen.
Schnell schüttelte ich den Kopf. »Ist schon gut.«
Er reagierte nicht darauf, sondern machte sich rasch auf den Weg ins Badezimmer.
Kurze Zeit später hörte ich Duschgeräusche von oben.
Ich überlegte mir gerade, mal zu versuchen, mich ein bisschen vom Fernsehen ablenken zu lassen, als das Telefon klingelte. Eine Düsseldorfer Nummer erschien auf dem Display. Kurz dachte ich darüber nach, einfach nicht dranzugehen, drückte aber nach wenigen Sekunden doch auf das grüne Hörersymbol. Sich nur zu verstecken brachte ja auch nichts.
»Ja?«
»Kruse hier! Spreche ich mit Katja Helmke?« Eine Männerstimme. Mal wieder.
»Ja, aber wenn Sie von der Presse sind, nicht mehr lange. Ich weiß nicht, wer meinen Sohn überfahren hat, und wenn ich es wüsste, würde ich es Ihnen mit Sicherheit nicht sagen.«
Sekundenlange Stille in der Leitung.
Ich wusste selbst nicht, woher meine Energie plötzlich kam; und der unbekannte Anrufer hatte wohl auch mit einer anderen Reaktion gerechnet.
»Ähm, nein. Ich bin nicht von der Presse, keine Sorge.«
Ein ehrliches Lächeln in der Stimme verriet mir, dass er nicht log, weshalb ich weiter zuhörte.
»Mein Name ist Bernd Kruse, und ich bin Notar. Entschuldigen Sie bitte, dass ich so einfach mit der Tür ins Haus falle, aber ich müsste mich mal mit Ihnen unterhalten. Könnten Sie vielleicht in den nächsten Tagen in meine Notarkanzlei …«
»Hören Sie, das ist zurzeit schlecht. Wir haben gerade einen Trauerfall in der Familie.«
»Ja, sicher. Mein herzliches Beileid. Aber genau um diesen Trauerfall geht es.«
Jetzt war mein Interesse geweckt.
»Wie meinen Sie das?«
»Es geht um Ihren Sohn. Ich habe hier etwas, das ich Ihnen von Leon geben soll.«

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Autor: Michael Theißen.
Mit frdl. Genehmigung von beTHRILLED by Bastei Entertainment

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Michael Theißen, Leons Erbe
E-Book (Kindle Shop) 2,99 Euro
Taschenbuch 12,90 Euro

(Über-)Leben an der Abbruchkante: Fiona Limar, Der Teufel von Heiligendamm [Leseprobe]

Teufel-von-Heiligendamm-Intro„Wenn man wirklich etwas ändern will, sollte man es sofort und mit aller Konsequenz machen“, sagt die junge Hotelfachfrau Lara, und tritt kurz nach einer schweren psychischen Krise ein schwieriges Erbe an: an der Ostseeküste, am Rande des mondänen Badeortes Heiligendamm, wartet ein einsame Villa auf die nächste Bewohnerin. Fix und fertig eingerichtet, direkt an der Steilküste mit fantastischem Ausblick, doch mit einem familiären Makel behaftet — die Vorbesitzer, Laras Onkel wie auch ihr Vater, sind kurz nacheinander gestorben. Und schon in den Goldenen Zwanzigern war das fast hundert Jahre alte „Möwennest“ Schauplatz einer tragisch endenden Affäre zwischen einem reichen Industriellen und dessen heimlicher Geliebten. Die Einheimischen glauben an einen Spuk, sie fühlen sich erst recht bestätigt, als kurz nach Laras Einzug eine grausam entstellte Leiche am Strand gefunden wird. Auch im Haus selbst geschehen beängstigende Dinge, Lara beginnt langsam selbst an einen Fluch zu glauben. Als ein weiterer Mord passiert, wird endgültig klar: die junge Erbin muss sich der Geschichte ihres Hauses stellen, wenn sie das Leben an der Abbruchkante überleben möchte… „Der Teufel von Heiligendamm“ garantiert Spannung bis zur letzten Seite — was nicht zuletzt daran liegt, dass Autorin Fiona Limar als diplomierte Psychologin ein Profi für die Abgründe der menschlichen Seele ist, und auch für die damit verbundene Bildsymbolik. Doch nun hereinspaziert in das „haunted house“ an der Ostsee…

Fiona Limar, Der Teufel von Heiligensee

Der Termin auf dem Einwohnermeldeamt ließ sich erfreulich zügig erledigen, doch als sie wieder in Heiligendamm ankam, war es bereits 14.00 Uhr. Die Fahrt hatte sie hungrig gemacht. An der Strandpromenade gab es einen kleinen Imbissladen, den sie deshalb aufsuchte. Oft standen ganze Menschentrauben vor dem reetgedeckten, roten Klinkerbau, doch im Moment war sie die einzige Kundin. Die Inhaberin, eine pummelige, rothaarige Frau mittleren Alters, deren rundes Gesicht mit Sommersprossen gesprenkelt war, lehnte sich aus dem Verkaufsfenster. „Können Sie sich nicht entscheiden, junge Frau?“, sprach sie Lara an, die ausgiebig die Tafel mit dem Angebot studierte. „Unsere scharfe Currywurst ist Spitze, die kann ich Ihnen empfehlen.“
„Gut, dann nehme ich die.“ Lara hatte zwar Hunger, aber keinen rechten Appetit auf etwas Bestimmtes.
„Ich mache Ihnen eine extragroße Portion zurecht, Sie sehen aus, als könnten Sie es gebrauchen. So schmal wie Sie sind, könnte Sie der Wind glatt weg pusten. Es soll heute noch stürmisch werden, wissen Sie.“ Tatsächlich hatte sich der Himmel verdunkelt. Lara nahm ihre Currywurst-Portion dankend entgegen. Ihr fiel auf, dass die Frau sie weiter höchst aufmerksam musterte. Stimmte etwas nicht mit ihr? War vielleicht ihre Wimperntusche verlaufen? Jetzt lehnte sie sich noch weiter aus dem Fenster und brachte die Frage an, die sie offenbar die ganze Zeit beschäftigt hatte.
„Sagen Sie, sind Sie etwa die junge Frau, die ins Möwennest einziehen will?“
„Wo bitte?“, fragte Lara verwirrt.
„Na, in das Haus an der Steilküste, ein gutes Stück westlich von hier aus.“
„Ja, da will ich einziehen. Ich wusste allerdings nicht, dass es Möwennest heißt.“
„So heißt es offiziell auch schon lange nicht mehr. Der erste Besitzer hatte ihm diesen Namen gegeben, es gab einen entsprechenden Schriftzug am Haus. Der ist nicht mehr da, aber im Gedächtnis der Einwohner hat sich der alte Name gehalten. Meine Oma nannte es nie anders, und ich nenne es nun auch so.“
„Das ist sehr interessant, das wusste ich nicht. Es freut mich natürlich, das über mein Haus zu erfahren.“
„Tatsächlich? Was wissen Sie denn sonst noch so darüber?“ Der Gesichtsausdruck der Frau hatte plötzlich etwas Lauerndes. Lara winkte lässig ab.
„Die alten Geschichten von den beiden früheren Bewohnerinnen, die ums Leben gekommen sind.“
„Und Sie fürchten sich nicht?“
„Weshalb sollte ich? Das ist lange her. Ich habe nicht vor, das dritte Opfer zu werden. Und jetzt muss ich mich beeilen, wenn ich nicht nass werden will. Einen schönen Tag noch.“ Das Gespräch behagte ihr nicht mehr. Sie wies auf die von Westen heranziehenden Wolkenberge und schwang sich auf ihr Fahrrad. Die Frau schaut ihr nach. „Du kannst tatsächlich nicht das dritte Opfer werden“, murmelte sie. „Weil du nämlich das fünfte wärst. Aber ich kann dich nicht warnen, ich habe mir schon einmal den Mund verbrannt, das hat mir gereicht.“


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Copyright: Fiona Limar

Fiona-Lamar-Der-Teufel-von-Heiligendamm

Fiona Limar,
Der Teufel von Heiligendamm
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Wer liebt, muss Opfer bringen – Silke Nowak, Penelopes Tod [Leseprobe]

penelopes-tod„Nur der Zufall entscheidet, ob du lebst oder stirbst“ – so fasst Silke Nowak ihren neuen Thriller „Penelopes Tod“ im E-Book-News Interview zusammen. Erzählt aus der Ich-Perspektive, taucht der Leser ein in das Leben von Penny, das durch einen Schicksalsschlag völlig verändert wird: Ihr Freund Chris erleidet beim Segeln durch die Karibik einen Schlaganfall. In der Folgezeit stößt Penny auf seltsame Dinge: offenbar hat Chris ein Doppelleben geführt – und war in den Drogenhandel verstrickt. Dieses Wissen bringt beide in große Gefahr. Erfolgsautorin Silke Nowak ist nicht nur Expertin für das Schreiben von Literatur: bevor sie Krimis entwarf, unterrichtete die promovierte Literaturwissenschaftlerin an der FU Berlin und der TU Chemnitz. Dann folgte der Sprung von der Theorie in die Praxis: Schon 2013 schaffte es ihr Roman „Schneekind“ bis auf Platz 3 der Kindle Charts, auch „Penelopes Tod“ bewegt sich schon auf die Top 100 zu. Unsere Leseprobe führt an den Beginn der Handlung – noch mehr verrät die „Blick ins Buch“-Optionim Kindle-Store.

Silke Nowak, Penelopes Tod


„Sie liebte ihn […]. Sie war zu allem bereit. Und das war ihr Tod.“
Agatha Christie, Das Schicksal in Person


1

Es war der 6. Februar, ein Montag. Diesen Tag werde ich wohl niemals vergessen. Es war der letzte schöne Tag in meinem Leben.
„Penny“, rief Chris. „Komm doch rein!“
Wenn ich heute meine Augen schließe, sehe ich Chris, wie er mir aus dem Wasser zuwinkt, bevor er untertaucht. Ich sehe sein Lächeln und seine rote Badehose, die unter der Oberfläche zu zerfließen scheinen. Ich höre wieder seine Stimme:
„Penny! Nun mach schon! Komm rein!“
Der Himmel war blau, die Sonne schien, und das Meer gab einem die Illusion, frei zu sein. Wir ankerten vor Petite Asjombra, einer kleinen, unbewohnten Insel in der Karibik. Der Name war ein Mix, wie vieles in der Karibik, in dem das spanische Wort asjombra steckte: das Erstaunen. Denn die Insel war auf der einen Seite sanft und zugänglich – es gab dort eine Bucht mit weißem Sand, funkelndem Wasser und sich wiegenden Palmen, die zu den schönsten auf den Kleinen Antillen zählte. Auf der anderen Seite war sie tödlich. Eine Steilküste aus schwarzem Vulkangestein türmte sich dreißig Meter in die Höhe. Es hieß, früher hätten die Piraten hier ihre Gefangenen in den Tod geschickt.
„Das Wasser ist ganz warm“, hörte ich Chris wieder.
„Später“, rief ich und gähnte. Ich hatte es mir in der Trampolinfläche am Bug bequem gemacht und döste vor mich hin. Unser Katamaran lag ruhig im Wasser, es war elf Uhr vormittags, und die Wellen plätscherten gegen den Rumpf.
Irgendwo schrie ein Vogel.
Ich war müde.
Am Tag zuvor war ich über fünfzehn Stunden unterwegs gewesen. Trotz der Zeitverschiebung war ich erst spät abends auf St. Barth gelandet. Die Insel konnte von Europa aus nicht direkt angeflogen werden, weil die Landebahn hinter einer Hügelkette lag, nur 640 Meter lang war und direkt im Meer endete. Also war ich von Zürich über Paris nach St. Martin geflogen, eine Nachbarinsel, auf der eine Boeing 747 eigentlich auch nicht landen konnte, es aber trotzdem tat. Deshalb gehörte der Princess Juliana International Airport auf St. Martin zu den gefährlichsten der Welt: Die Landebahn betrug nur 2180 Meter und begann unmittelbar hinter einem öffentlichen Strand. Es war jedes Mal ein Erlebnis, wenn so eine Boeing über die Köpfe der Badenden hinwegdonnerte. Die Piloten brauchten eine spezielle Lizenz, um dort landen zu dürfen, und die Flugbegleiterinnen gute Nerven.
„Penny, rette mich!“
„Später“, rief ich, ohne nach Chris zu sehen. Ich war Flugbegleiterin, und ich hatte gute Nerven.
Von St. Martin nach St. Barth war es nur noch ein Katzensprung. Chris hatte mich mit der Cessna eines „Freundes“ abgeholt, wie er den Mann nannte, den ich noch am selben Abend kennenlernen sollte: Gerrit Huisman. Bis dahin wusste ich nur, dass er ein reicher Niederländer war, der ab und zu geschäftlich in der Karibik zu tun hatte. Das Übliche eben. Allein die Ehrfurcht, mit der Chris über seinen neuen Freund sprach, war ungewöhnlich. Heute weiß ich, dass es Angst war.
Ein leichter Wind kam auf.
St. Barth galt als die Insel der Prominenten und Superreichen. Was er denn da wolle, hatte meine Schwester Sandra gefragt, als ich ihr von Chris’ neuestem Winterquartier erzählt hatte. Segeln, hatte ich geantwortet. Segeln könne man auch auf dem Bodensee, hatte sie gemeint.
Alles war ruhig. Nur das Wasser plätscherte.
Meine Schwester war vier Jahre älter als ich und schon immer die Klügere gewesen. Sandra war Politikwissenschaftlerin an der Universität Konstanz und verbrachte ihre Urlaube meist in der Nähe des Bodensees. Als Wissenschaftlerin war sie in die Fußstapfen unserer Mutter getreten, die Gräzistik studiert hatte, bevor sie Hausfrau geworden war. Trotzdem hatte meine Mutter uns nie das Gefühl gegeben, wegen uns auf etwas verzichtet zu haben. Allein der Umstand, dass sie meine Schwester Kassandra und mich Penelope taufen ließ, gab mir zu denken. Manchmal kam es mir fast wie ein Protest gegen das schöne Leben vor, das sie doch geführt hatte. Als Kinder waren uns die Namen einfach nur peinlich gewesen. In dem oberschwäbischen Dorf, in dem wir aufgewachsen waren, hieß man damals Julia, Nadine oder Tanja. Für meine Schwester war es leicht gewesen, anstatt Kassandra nur Sandra genannt zu werden, zumal sie sich schon als Kleinkind geweigert hatte, die Vorsilbe Ka- auszusprechen. Mich retteten die Comics, die monatlich bei der Volksbank zu haben waren: Marc & Penny. Mein Spitzname erhielt dadurch eine gewisse Popularität, und bald wusste niemand mehr, wie ich wirklich hieß.
Heute frage ich mich, ob unsere Namen mich und meine Schwester nicht stärker prägten, als uns lieb war.
Kassandra, die stets das Unheil voraussah.
Penelope, die zehn Jahre auf die Rückkehr ihres Mannes gewartet hatte.
Die Sonne stieg immer höher. Obwohl ich im Schatten lag, wurde es langsam heiß. Doch die Hitze machte mir nichts aus, im Gegenteil, nach den langen, kalten Wintermonaten in Deutschland sehnte ich mich nach der Wärme.
Und nach Chris.
Ich lauschte. Nur das Schreien der Vögel war zu hören.
Ich setzte mich auf. Mit der Hand schirmte ich meinen Blick gegen die Sonne ab, doch ich konnte ihn nirgends mehr entdecken. Irgendwo schlug ein Seil gegen einen Pfosten, es war ein helles, metallisches Geräusch. Wahrscheinlich war Chris auf die Insel geschwommen und hatte sich dort in den Schatten einer Palme gelegt und …
„Bist du verrückt!“, schrie ich.
Chris war unter dem Trampolin aufgetaucht und spritzte mich nass. Seine kalte, feuchte Hand griff nach meinem Fuß.
„Verrückt nach dir“, sagte er.
Ich sagte nichts, aber ich öffnete mein Bikinioberteil. Dann legte ich es ab, danach das Höschen und zuletzt das Geständnis, dass ich ihn immer noch liebte. Und dass ich ihn vermisst hätte in den letzten Wochen.
Chris zog sich auf das Trampolin hoch und fiel keuchend und nass neben mir ins Netz. Dann zog er seine Badehose aus. Hier, mitten im Paradies, sechzig Kilometer vor dem Hafen von St. Barth, waren wir vollkommen ungestört.
„Ach Penny“, seufzte er und sah mich an.
Chris war im Sternzeichen Wassermann geboren, ich im Widder. Eine Wahrsagerin hatte uns vor Jahren auf einem Markt in Marokko eine ungewöhnlich glückliche Ehe prophezeit – und sie hatte recht behalten. Obwohl wir seit zehn Jahren verheiratet waren, brachte es mich immer noch aus dem Konzept, wenn er mich so ansah, als wäre ich eine Fremde. Seine Augen waren von einem hellen, intensiven Blau und wirkten wie zwei Fenster zum Himmel.
„Müssen wir da heute Abend wirklich hin?“, fragte ich.
„Huisman ist nicht irgendwer“, sagte er und begann, meine Schulter zu küssen. „Ihm gehört die halbe Insel.“
„Und wenn schon.“
„Du wirst ihn mögen“, versprach Chris und küsste meine Brüste. „Und seine Frau auch.“
Ich schloss meine Augen und flüsterte: „Kommst du zu Papas Geburtstag nach Hause?“
„Ach Penny“, sagte er wieder. Dann legte er sich auf mich und drang langsam in mich ein.

2

Um kurz nach acht saßen Chris und ich in einem der Hafen-Cafés von St. Barth und tranken einen Hibiscus zur Einstimmung auf den Abend. Der Hibiscus war damals der Kult-Cocktail auf St. Barth, eine Mischung aus Rum, Baileys, Kokos und Grapefruit. Chris und ich hielten uns an den Händen wie ein frisch verliebtes Pärchen. Gegenüber lagen die Millionärs-Yachten, ihre weißen, glatten Flächen ragten in den Abendhimmel. Die untergehende Sonne ließ sie glutrot aufleuchten.
Wenn heute die Sonne untergeht, schließe ich meine Augen und bete zu Gott.
„War das nicht eben Kate Moss?“, fragte ich.
Chris verdrehte die Augen. Die Diskretion gehöre zum Verhaltenskodex der wirklich reichen Leute hier, erklärte er mir. Da gehören wir ja zum Glück nicht dazu, erwiderte ich und lachte. Früher hätte Chris mit mir zusammen gelacht, an diesem Tag schwieg er. Mit Sorge beobachtete ich, wie er sich immer mehr am Lebensstil dieser Leute orientierte. Deshalb stand ich dem Abend auch skeptisch gegenüber.
„Da drüben liegt sie“, sagte er.
„Wer?“
„Die Yacht von Huisman.“
„Du meinst aber nicht die Sanlorenzo?“, fragte ich.
„Genau die.“
Yachten bedeuteten mir nichts, aber seit Chris zum Seemann geworden war, wusste ich, was eine Sanlorenzo war. Die Schiffe wurden in Italien gebaut und waren so etwas wie die Ferraris unter den Yachten. Diese hier hatte eine elegante, aber geschlossene Form. Die Fenster waren Schlitze aus schwarzem, verspiegeltem Glas. Die niederländische Fahne war gehisst.
„Beeindruckend“, sagte ich und schnalzte mit der Zunge.
Chris ließ meine Hand los. Etwas stimmte nicht mit ihm.
„Alles in Ordnung?“, fragte ich.
Er gab keine Antwort. Stattdessen zündete er sich einen Zigarillo an und zog gierig daran. Damals fiel mir auf, dass die Hand, mit der er den Zigarillo hielt, leicht zitterte. Ich schüttelte stumm den Kopf, mehr brauchte es nicht, um meine Missbilligung zum Ausdruck zu bringen. Chris’ Blick war stur in die untergehende Sonne gerichtet. Dass er zu viel rauchte, wusste er, und ich hatte es aufgegeben, ihn daran zu erinnern.
„Warum hat dieser Huisman uns eigentlich eingeladen?“, fragte ich. „Gibt es etwas Besonderes?“
„Er will dich kennenlernen.“
„Mich?“
„Er hat dich gesehen“, sagte Chris und starrte in den Himmel. „Letzten Sommer. Auf der Party von Álvarez.“ Dann öffnete er seinen Mund und ein dicker, gelblicher Rauch kroch hervor. Ansonsten bewegte sich sein Gesicht nicht, als er fragte: „War da was zwischen euch?“
„Bist du verrückt! Ich erinnere mich nicht mal an ihn.“
Die Partys von Álvarez waren legendär. Im vorherigen Sommer hatte er seinen sechzigsten Geburtstag mit einer Pyramide aus sechzig Flaschen Champagner gefeiert. Seine viel zu junge zweite oder dritte Ehefrau hatte in einem goldenen Bikini Happy Birthday gesungen. Daran erinnerte ich mich noch, aber an einen Niederländer nicht.
„Simon und Jasmin sind übrigens schon in Florida“, wechselte ich das Thema. „Er redet von nichts anderem.“
Chris nickte. Die Männer planten eine Atlantiküberquerung, Chris, Simon und noch zwei Kumpels. Vier Wochen später sollte es losgehen. Jasmin und ich würden zusammen zurückfliegen. Der Langstreckentörn war als eine Art Junggesellen-Abschied gedacht, weil Simon und Jasmin im September in Zürich heiraten würden.
„Hast du für die Hochzeit schon einen Flug gebucht?“
Chris schwieg.
„Du kommst doch?“
„Wann genau ist das im September?“, fragte er zurück.
„Der neunte Neunte.“
Wieder schwieg er.
„Simon ist dein bester Freund“, setzte ich nach. „Das kannst du nicht bringen.“
Über uns kam Musik aus einem Lautsprecher.
Als ich Chris vor über fünfzehn Jahren kennengelernt hatte, war Simon fast immer dabei gewesen. Die zwei waren schon zusammen zur Schule gegangen. Simon war der sensiblere der beiden, ein eher ruhiger, melancholischer Typ, der BWL studiert und eine Firma gegründet hatte. Die Turox 3000 spürte Trends und Produkte der Zukunft auf. Ein paar Jahre zuvor hatte Simon mit einer Mikro-Batterie viel Geld verdient – und seitdem lief es auch mit den Frauen besser. Jasmin sei endlich die Richtige, meinte er, und dass ich mir wegen Chris nicht so viele Sorgen machen solle: Chris befinde sich in einer Art Midlife-Crisis, alles halb so wild, ich bräuchte einfach nur Geduld zu haben, irgendwann komme er von allein wieder nach Hause.
Drei Jahre war Chris da schon unterwegs gewesen.
Ich sah ihn von der Seite an.
Somebody that I used to know, sang eine Männerstimme.
Als wir uns kennenlernten, war ich gerade mal neunzehn gewesen und Chris unerreichbar. Ich hatte meine Ausbildung zur Flugbegleiterin eben erst begonnen, er war bereits Pilot gewesen und mit einer bildhübschen Frau verheiratet, die ihn manchmal vom Flughafen abholte. Anfangs hatte mich das abgeschreckt, ihre Küsse, ihr Lachen, und ich hatte nicht verstehen können, warum alle meine Kolleginnen trotzdem von Chris schwärmten. Okay, er hatte diese hellen, durchlässigen Augen und immer ein Kompliment auf den Lippen. Außerdem war er groß und seine schwarzen Locken waren im Kontrast zu den blauen Augen außergewöhnlich. Aber er war verheiratet, und ich wollte sein Leben nicht zerstören, das hatte ich ihm auch gesagt, damals, in unserer ersten Nacht in Paris, doch er hatte nur gelächelt: „Du zerstörst mein Leben nicht, Penny“, hatte er gesagt, „du rettest es.“ Acht Monate später heirateten wir in Las Vegas, es war eine total verrückte Zeit gewesen, in der es nur uns beide gab. Jetzt war Chris 47 und ich 34. Wenn wir noch ein Kind wollten, mussten wir uns langsam beeilen.
„Simon hat einen Prototyp der Oxygenius dabei“, sagte ich.
Die Oxygenius war eine innovative Atemmaske, die Sauerstoff aus dem Wasser filterte und zum Atmen bereitstellte. Das Ding war kaum größer als eine Banane. Chris und ich hatten vor, in das Produkt zu investieren, für das Simon fantastische Gewinne vorhersagte. Normalerweise begeisterte sich Chris für das Thema, doch jetzt zog er sein Smartphone hervor und checkte die Nachrichten. Am Nebentisch nahmen ein älterer Herr und eine junge Frau Platz. Er schwieg und sie lachte viel, ein ganz junges Ding, kam wahrscheinlich von einer der Inseln, Haiti oder Dominikanische Republik, schätzte ich.
„L’addition, s’il vous plaît“, sagte Chris.
Bereits damals, in unserer ersten Nacht in Paris, hatte Chris gesagt, dass er aussteigen wolle. Dass er sich eine Segelyacht kaufen und ein freies Leben führen wolle. Damals dachte ich: Das sind Träume. Wer verwirklicht die schon?
Die Frau blickte zu uns herüber.
An dem Deckenventilator fehlte ein Flügel.
Kurz vor seinem 43. Geburtstag hatte Chris sich das Boot dann gekauft. Der Katamaran war vierzehn Meter lang, acht Meter breit, und verfügte über 160 Quadratmeter Wohnfläche, 120 Quadratmeter Segelfläche, vier Kabinen und zwei 48-PS-Motoren. Der Vorbesitzer habe das Schiff Sky getauft, hatte Chris gesagt, was ich davon halte? Der Name gefiel mir. Aber es gefiel mir nicht, dass Chris mich vor dem Kauf nicht gefragt hatte. Er habe einfach Angst gehabt, ich könnte Nein sagen, meinte er. Und glauben müsste ich ihm, dass er mich liebe wie er noch nie eine Frau geliebt habe, aber trotzdem dürfe ich ihn nicht einsperren. Ich dürfe nicht von ihm verlangen, wie ein Schoßhündchen zu leben.
„Bin gleich wieder da“, sagte er.
Ich achtete nicht darauf, als Chris den Tisch verließ.
Kurz nach seinem 44. Geburtstag ließ mein Mann sich frühpensionieren und segelte los. Seitdem lebte er hauptsächlich in der Karibik. Ab und zu nahm er Touristen auf einen Segeltörn mit und verdiente sich so etwas nebenher. Die Yacht zahlten wir noch immer ab, auch ein Teil meines Gehalts ging dafür drauf.
„Hasta pronto”, hörte ich eine hohe, etwas unangenehme Stimme. Sie kam von der Frau am Nebentisch. Wie ich vermutet hatte, sprach sie spanisch. Sie gab dem Mann, einem Franzosen, schätzte ich, einen Kuss auf die Glatze und verließ das Café. Mein Blick fiel auf ihre hohen Pumps. Sie waren aus weißem Kunstleder mit Tigermuster. Als ich wieder aufsah, starrte mich der Mann an. Seine Augen waren klein und verrieten keine Regung.
Ich wendete mich ab.
Und schüttelte den Kopf.
Okay, ich war ebenfalls jünger als Chris, ganze zwölf Jahre, und Sandra sagte, ich hätte ihn nur geheiratet, weil er unserem Vater so ähnlich sähe. Vielleicht stimmte das sogar. Und ja, Chris hatte sich wegen mir scheiden lassen, aber trotzdem war ich nie so gewesen wie diese Mädchen, die nichts hatten außer einer guten Figur und der Hoffnung, von einem Europäer oder Amerikaner geheiratet zu werden. Ich liebte Chris nicht wegen seines Geldes. Ich hatte selbst einen Beruf und außerdem ein Haus am Bodensee mit einem zauberhaften Garten, der von griechischen Göttern und Halbgöttern besiedelt war, die meine Mutter gesammelt hatte. Für mich war immer klar gewesen, dass Chris und ich eines Tages dort zusammen alt werden würden.
Ob mein Mann schon bezahlt habe, fragte ich.
Der Kellner, der aussah wie Captain Jack Sparrow, nickte.
Draußen stand Chris und rauchte. Das Mädchen stand neben ihm und tat dasselbe. Als ich kam, warf sie ihre Zigarette auf den Boden und ging zurück ins Café. Ich bemerkte die Schweißperlen auf Chris’ Stirn.
„Kennst du sie?“, fragte ich.
„Nur flüchtig“, sagte er. Und dann: „Wir müssen.“
Mein Vater und meine Freundinnen glaubten, Chris befinde sich beruflich in der Karibik. Sie glaubten, er baue dort eine Schule für junge Piloten. Wenn mein Vater mich fragte, wann Chris denn zurückkomme, sagte ich, bald. In Wahrheit hatte ich Chris nie gefragt, wie lange er vorhatte, auf dem Schiff zu leben. Ich hatte Angst, dass er mir antworten könnte, es sei für immer.

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Autorin & Copyright: Silke Nowak

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Silke Nowak,
Penelopes Tod. Thriller
E-Book (Kindle) 0,99 Euro
Taschenbuch (Createspace) 9,95 Euro

Der Zufall kann dein Killer sein: Thriller-Autorin Silke Nowak im Interview

silke-nowak-thriller-autorin-im-interviewSeit ihrem Krimi-Debüt mit „Schneekind“ und „Spiel Ende“ gehört Silke Nowak zu den Shooting Stars im deutschen Kindle-Store – mit „Penelopes Tod“ legt die studierte Literaturwissenschaftlerin jetzt einen neuen Thriller vor. Erzählt aus der Ich-Perspektive, taucht der Leser ein in das Leben von Penny, das durch einen Schicksalsschlag völlig verändert wird: Ihr Freund Chris erleidet beim Segeln durch die Karibik einen Schlaganfall. In der Folgezeit stößt Penny auf seltsame Dinge: offenbar hat Chris ein Doppelleben geführt, und dieses Wissen bringt beide in große Gefahr. E-Book-News sprach anlässlich des Buch-Starts mit der Autorin.

E-Book-News: Was ist das Thema, die Essenz von „Penelopes Tod“ – in einen twitterfähigen Satz zusammengefasst?

Silke Nowak: Nur der Zufall entscheidet, ob du lebst oder stirbst.

Ihre Romane werden von den Lesern in verschiedenster Weise gelobt, besonders interessant fand ich unter den ersten Rezensionen von „Penelopes Tod“ dabei die Bemerkung, der Text würde das „Kopfkino“ in Gang bringen. Wie schafft man so etwas?

Das ist ein interessanter Punkt. Denn es gibt Komponenten des Schreibens, bei denen ich mir – durch das Schreiben – tatsächlich eine Art Technik angeeignet habe, etwa in der Plotentwicklung oder Dialoggestaltung. Aber für das bildliche Schreiben ist das nicht der Fall. Das passiert mir einfach so. Allerdings bin ich ein Augenmensch und habe einen Hang zum Bild. Vielleicht deshalb.

Weibliche Hauptpersonen wie etwa eine ermittelnde Kommissarin gab es bisher schon in Ihren Krimis, „Penelopes Tod“ wird nun aus der Ich-Perspektive von Penny erzählt – warum war Ihnen das bei dieser Geschichte so wichtig?

Die Ich-Perspektive hat einfach funktioniert. Manchmal gibt es das: Du hast eine Figur und du hast ihre Stimme – und dann folgst du ihr wie einem Blindenhund.
Natürlich ist die Ich-Perspektive auch ideal für eine Geschichte, in der Dinge passieren, die unheimlich sind oder unerklärlich scheinen. Denn man weiß ja immer nur so viel wie das erzählende Ich.
Außerdem ist die Ich-Perspektive ein tolles Mittel, um die Leser zu täuschen. Denn Leser/Menschen vertrauen einem erzählenden Ich, zumal wenn man es mit sympathischen Merkmalen ausstattet. Bis sie merken, dass da etwas nicht stimmt …

Für den Plot sehr wichtig ist die Tatsache, dass Pennys vermeintlicher Traummann einen Schlaganfall erleidet, und viele Details sind hier sehr realistisch erzählt, was die Leser ebenfalls loben. Welche Rolle spielt eigentlich die Recherche bei der Vorbereitung eines Thrillers?

Ich bin von Haus aus Wissenschaftlerin und da gehört für mich Recherche selbstverständlich dazu. Wenn ich über das Thema Schlaganfall schreibe, lese ich mich in das Thema ein, spreche mit Ärzten und vor allem mit Betroffenen. Aber meine Bücher leben nicht von der Recherche. Der Schwerpunkt liegt eindeutig auf einer stimmigen Geschichte – und da müssen halt auch die Fakten stimmen.
„Penelopes Tod“ war für mich allerdings etwas Besonderes, was die Fakten betrifft. Denn der Roman beruht auf einer wahren Geschichte: Das, was Chris Winter in diesem Roman passiert, ist dem Mann einer Freundin von mir wirklich passiert. Indem ich Anteil an ihrem Schicksal genommen habe, habe ich hautnah Erfahrung im Umgang mit Betroffenen gesammelt.


Weitere Infos zur Autorin & ihren Büchern gibt’s auf http://silkenowak.de/

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Silke Nowak,
Penelopes Tod. Thriller
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Taschenbuch (Createspace) 8,95 Euro

„Also gut, Ihr werdet Euren Serienmörder bekommen…“: STRAFE – Alte Sünden

Strafe-Alte Sünden-Klaus Seibel-Thriller„Wenn du heute noch mit einem Thriller bei einem Verlag landen willst, musst du mindestens einen Serienmörder liefern.“ Das war der Rat einer renommierten Agentin an mich. „Also dann, wenn ihr das unbedingt wollt… Dann werdet ihr euren Serienmörder bekommen“, war meine innere Antwort darauf, auch wenn ich inzwischen keinen Verlag mehr suche, weil ich liebend gerne Selfpublisher bin.

Die Täter sollen nicht mehr schlafen

Bei dieser Herausforderung wollte ich aber nicht das verraten, wofür meine Bücher auch in anderen Genres stehen: gut recherchiert und mit einer besonderen Idee. Herausgekommen ist mit „STRAFE – Alte Sünden“ ein Thriller zu einem heißen Thema: Missbrauchsfälle in der Kirche. Ist es gerecht, wenn Täter besser schlafen als ihre Opfer? Ist es gerecht, wenn die einen ein Leben lang unter der Tat leiden, während die anderen nach einer kurzen Buße das Leben genießen? Nein, haben einige Männer entschieden und holen die Strafe nach. Aber nicht irgendwie. Sie nehmen sich die Kirche selbst zum Vorbild. Was sie über Jahrhunderte anderen angetan hat, fällt nun auf ihre Priester zurück. Mittelalterliche Rechtsprechung platzt in unsere moderne Zeit.

Die SOKO Foltermord ermittelt

Die beschriebenen Strafen sind keine Phantasie. Sie basieren auf Informationen aus dem Fachbuch des Rechtswissenschaftlers Wolfgang Schild: Folter, Pranger, Scheiterhaufen. So ist es tatsächlich zugegangen – und das sorgt für ein ganz anderes Gänsehaut-Gefühl. Die SoKo „Foltermord“ ermittelt unter Hochdruck; schneller sind nur die Täter, die bereits das nächste Opfer für seine Strafe vorbereiten.

STRAFE – Alte Sünden: Preisaktion bis 14.09.

Wenn SIE schnell sind, können Sie den Thriller „STRAFE – Alte Sünden“ zum Einführungspreis von 0,99 Euro bekommen. Das E-Book gibt es bei Amazon, Kobo, Thalia und allen anderen guten Shops. Das gedruckte Buch ist über jede Buchhandlung zu bekommen.

Blast from the past – Ilona Bulazel, Projekt Todlicht [Leseprobe]

Ilona-Bulazel-Projekt-Todlicht-ThrillerAm Anfang steht eine scheinbar harmlose Online-Auktion: Das Soldbuch eines U-Boot-Kommandanten aus dem Zweiten Weltkrieg wird versteigert. Doch international läuten die Alarmglocken. Denn Kapitänleutnant Siegfried Röhmer war 1945 mit einer angeblich kriegsentscheidenden Fracht in Richtung Japan unterwegs – am Zielhafen kam U-9881 aber nie an. In anderen Teilen der Welt verschwinden plötzlich namhafte Wissenschaftler oder sterben unter mysteriösen Umständen, in Nordkorea wird eine neue Superwaffe mit apokalyptischer Zerstörungskraft getestet. Für das Ermittler-Team von Leo Marchand beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit. Was verbirgt sich hinter dem geheimen „Projekt Todlicht“? Der Countdown läuft. „Wie bei allen meinen Thrillern habe ich auch diesmal versucht ein ‚Was wäre wenn«-Szenario zu erschaffen‘“, so Ilona Bulazel. Um das zu erreichen, lässt die Autorin in „Projekt Todlicht“ historische Fakten mit Fantasie verschmelzen, wählt außergewöhnliche Schauplätze und entwickelt vielschichtige Figuren. Die in Baden-Baden lebende Self-Publisherin hat sich auf SciFi-Krimis (Zuletzt: „world: reset – Nach den Aschentagen“) und Thriller spezialisiert, nach „Die Akte Aljona“ ist „Projekt Todlicht“ bereits der zweite Fall für Leo Marchand und sein Team. Unsere Leseprobe führt direkt an den Ground Zero der neuen Superwaffe – mehr über „Projekt Todlicht“ erfährt man über die „Blick-ins-Buch“-Optionim Kindle Store.

Ilona Bulazel, Projekt Todlicht

Nordkorea – 26. Mai, Gegenwart


Das gleißende Licht presste sich mühsam durch das Erdreich und bildete für wenige Augenblicke eine weiße Haube über dem Testgelände. Dann folgte ein abgehacktes Knacken, das an einen Riss in einer Eisdecke erinnerte, der sich langsam, aber unaufhaltsam seinen Weg bahnte, um schließlich die gefrorene Masse aufzubrechen, als wäre sie aus hauchdünnem Glas. Dieses Geräusch dauerte nur wenige Sekunden, dann folgte eine ohrenbetäubende Explosion. Trotz der unterirdischen Zündung blieb die Oberfläche nicht verschont.
Zuerst sah man die wellenförmige Bewegung des Bodens. Plötzlich jedoch, mit einer Kraft, die man sonst nur von Naturgewalten kannte, stürzte der ganze Bereich in sich zusammen und versank wie ein Tanker auf hoher See. Innerhalb kürzester Zeit wurden jahrhundertalte, dicke Baumstämme samt ihrer Verwurzelung herausgerissen – der bewaldete Landstrich knickte ein und rutschte in einer Lawine aus Gesteinsbrocken und Erde ins Zentrum der Explosion. Der tiefe Krater verschlang alles, was in seine Nähe kam. Die wenigen Aufbauten, die extra für diesen Test hierhergebracht worden waren, klappten wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Der Explosionsradius war hingegen aller Berechnungen größer als erwartet.
Eine gewaltige Hitze breitete sich über dem Gebiet aus. In der Mitte des Kraters bildete sich innerhalb kürzester Zeit ein See aus geschmolzenem Gestein und an manchen Stellen züngelten Flammen nach oben. Gierig schnalzten sie über den Rand des Erdtrichters und gaben sich erst zufrieden, als um sie herum nur noch Asche übrig war.

Die Wissenschaftler, die man direkt am Explosionsherd platziert hatte, waren verschwunden. Leichen gab es keine. Nur die Gefangenen, die ein Stück entfernt auf ihr Ende hatten warten müssen, lebten noch. Aber der Tod schlich bereits um ihre entstellten Leiber wie eine hungrige Hyäne um das stinkende Aas.
Die glühende Hitze hatte die Haut schwarz verbrannt. Und obwohl ein leichtes Zucken der Körper ein Rest von Leben erahnen ließ, war dies lediglich die reflexartige Kontraktion der Muskulatur und keinesfalls ein ernst zu nehmender Kampf gegen den Tod. Die hohen Temperaturen hatten die Augen der Opfer platzen lassen, sodass ihre Gesichter verkohlten Holzmasken glichen. Die Ärzte im Labor würden bei der Obduktion weitere grausame Details entdecken. Unter anderem war zu erwarten, dass das klägliche Etwas, das von diesen armen Geschöpfen noch übrig war, erheblich unter der elektromagnetischen Strahlung gelitten hatte.

Der Jubel in der Zentrale war frenetisch. Sie alle waren zu Helden geworden. Der Besuch aus der Hauptstadt schien zufrieden, und die Wissenschaftler waren mit Stolz erfüllt.
Was den Männern aus Pjöngjang allerdings entging, war das kurze Geflüster hinter ihren Rücken.
»Wir sollten es ihnen sagen«, wisperte einer der wissenschaftlichen Assistenten seinem Vorgesetzten zu.
Dieser schüttelte kaum wahrnehmbar den Kopf. »Ich will keinesfalls der Nächste sein, der auf irgendeinem verlassenen Gelände pulverisiert wird, weil er nicht die richtigen Ergebnisse geliefert hat.«
»Aber wir werden es niemals kontrollieren können! Nicht, wenn es auf diese Weise verwendet werden soll.«
»Schon möglich, aber vermutlich wird es nie zum Einsatz kommen. Das heißt, keiner wird etwas bemerken.«
Der andere hätte daraufhin gerne erwidert: »Und wenn doch?«, schwieg aber und betete dafür, dass sein Vorgesetzter recht behalten würde.

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Copyright Cover & Leseprobe: Ilona Bulazel
Veröffentlichung mit frdl. Genehmigung der Autorin.

Ilona-Bulazel-Projekt-Todlicht-Thriller
Ilona Bulazel, Projekt Todlicht
E-Book (Kindle) 0,99 Euro
(in Kürze auch als Taschenbuch erhältlich)

 

[Indie-Lounge] „Ich treffe mit meinen Gedanken den Nerv der Menschen“ – Kirsten Wendt im Interview

kirsten-wendt-interview-indie-loungeHeute zu Gast in der Indie-Lounge: Kirsten Wendt.Die Bestseller-Autorin aus Niedersachsen liebt Glossen und Kurzgeschichten, schreibt aber auch Liebesromane und Psychothriller, letztere meistens unter Pseudonym. Unter ihrem richtigen Namen ist Kirsten dagegen vor allem bekannt als Sachbuchautorin, die über Migräne und Übergewicht berichtet – und ihren Lesern zeigt, wie man beides los wird. Das tut sie in seltener Offenheit und schreckt dabei auch nicht vor Vorher-nachher-Fotos zurück.


„Auf das Top-Ranking bin ich gar nicht stolz“


Klaus Seibel: Kirsten, Menschen lieben Medaillenspiegel, Bundesligatabellen, Bestsellerlisten. Was war bisher dein bestes Ranking? Worauf bist du besonders stolz?

Kirsten Wendt: Mit meinem besten Ranking kann ich nur für mich alleine angeben, weil es sich dabei um ein geheimes Pseudonym handelt. Mit diesem Titel stand ich lange in den Top 10 der Amazon Kindle Charts. Darauf bin ich aber nicht stolz; ich finde es einfach nur witzig. Ich mag den Gedanken, dass ich ohne Verlagsunterstützung genug Geld verdiene, obwohl ich trotzdem gerne bei bestimmten Buchprojekten einen großen Verlag im Rücken hätte. Stolz auf meine Leistung wäre ich erst, wenn ich wichtige Literaturpreise gewinnen würde. Auf solche Dinge stehe ich total.

Du schreibst Sachbücher über den Umgang mit Migräne und zu viel Gewicht. Wie bist du darauf gekommen?

Ich litt jahrzehntelang unter Migräne, die mein Leben stark beeinträchtigte. So ähnlich war es auch mit dem (Über-)Gewicht. Letzteres tut zwar nicht so weh wie Migräne, nervt aber trotzdem. Beide Themen gehören bei mir glücklicherweise der Vergangenheit an, betreffen aber viele Menschen. Darum habe ich darüber geschrieben. Und schön, dass ich diesen Talkshow-Klassiker gleich mal zu Beginn loswerden kann: Das steht alles in meinem neuen Buch!

kirsten-wendt-ich-kann-auch-schlank


„Die Low-Carb-Diät hat auch meine Migräne besiegt“


Wenn ich an einem Regal mit Frauenzeitschriften vorbeigehe, habe ich das Gefühl, es gibt jede Woche mindestens einhundert Diäten. Warum sollte jemand deine wählen?

Einen Diätratgeber im herkömmlichen Sinn habe ich nicht geschrieben. Vielmehr berichte ich in meinem ersten Dickerchenbuch, wie ich mit der Dukan-Diät innerhalb eines Dreivierteljahres 40 Kilo abgespeckt habe. Bei dieser Diät handelt es sich um eine Low-Carb-Variante, die speziell für starkes Übergewicht entwickelt wurde. Für mich war sie nicht nur wegen meiner Figurprobleme ein Segen, sondern ich verlor damit auch völlig unerwartet die Migräne.
Nach der Veröffentlichung von „Ich kann auch schlank“baten mich viele Leser um Informationen darüber, wie es mir weiterhin ergangen ist. Jeder Mensch im Kilokampf kennt den Jo-Jo-Effekt; darum wollten verständlicherweise alle wissen, ob ich mein neues Gewicht halten konnte. Davon berichte ich unter anderem in meinem neuen Buch „Nie mehr zu dick“.Inzwischen lebe ich nicht mehr streng nach Dukan, sondern bastle mir eine eigene Low-Carb-Welt zusammen, womit ich übrigens noch weiter abgenommen habe. Heute bin ich endlich zufrieden und bemühe mich, dass alles so bleibt, wie es ist. Trotzdem: Schlank zu bleiben, ist nicht immer toll und easy, sondern bedeutet auch den ständigen Konflikt mit dem inneren Schweinehund.
Nachmachen muss es mir niemand. Ich bin davon überzeugt, dass es viele verschiedene Möglichkeiten gibt, um abzunehmen. Meine Methode ist eine davon, und über die berichte ich.

Du schreibst nicht distanziert oder wissenschaftlich über Diät und Migräne, sondern ehrlich und persönlich. Ist das dein Rezept, das deine Sachbücher erfolgreich gemacht hat? Was sagen deine Leserinnen dazu? Und – hast du auch Leser?

Der Identifikationsfaktor ist ein großer Pluspunkt. Ich scheine mit meinen persönlichen Berichterstattungen den Nerv vieler Menschen zu treffen, die mir erzählen, dass ihnen meine Gedanken im Buch wie ihre eigenen vorkommen. „Endlich sagt mal jemand, wie es wirklich ist.“ So klingen typische Leserinnenbriefe – aber auch die der männlichen Leser. Ich habe nämlich zwar überwiegend weibliche Leser, aber es gibt durchaus auch Männer.
Ob ich mit einer weniger ehrlichen Erzählweise genauso erfolgreich wäre, weiß ich nicht. Am liebsten wäre ich natürlich noch viel erfolgreicher, aber dafür müsste ich vermutlich besonders beim Diätthema lügen, dass sich die Balken biegen. Mich nerven durchtrainierte Promis, die mir weismachen wollen, dass es ein Klacks ist, schlank und sportlich zu sein. Darum habe ich mich für die edle Seite entschieden und riskiere mit den ungemütlichen Aspekten einer Diät den Verlust von Leserzahlen. Über Verdauungsprobleme und Selbstzweifel spricht man halt nicht so gerne. Ich auch nicht, aber es gehört nun mal dazu.


„Liebesromane schreiben macht gute Laune“


Was ist dir dabei besonders schwer und was besonders leicht gefallen?

Besonders schwer ist mir die Veröffentlichung von Vorher-nachher-Fotos gefallen. Ständig wurde ich danach gefragt; da musste ich jetzt mal Butter bei die Fische geben. Die Nachher-Bilder sind nicht das Problem, aber Vorher … Das stellt schon ein echtes Problem für mich dar. Leicht hingegen fällt mir die heitere Sichtweise. Ich mag es, wenn man einfach mal über etwas lachen kann. Mir ist es allerdings unheimlich wichtig, dass sich niemand verletzt fühlt. Insgesamt ist die Kernaussage des Buchs – nämlich dass es immer nur darum geht, sich selbst wohlzufühlen – trotz des humorvollen Grundtons eher ernst und vor allem ehrlich.

Neben Sachbüchern schreibst du auch Liebesromane. Ist das für dich die Entspannung von der „Sache“?

Liebesromane zu schreiben macht einfach gute Laune. Wenn ich mich dabei in meinen Hauptprotagonisten verlieben kann, ist alles in Butter. Nur dieses ewige Hin und Her zwischen den Liebenden stört mich entsetzlich. Ich neige zur überstürzten Erzählweise und muss mich beherrschen, dass die Herrschaften nicht zu schnell miteinander im Bett landen.

Was fällt dir leichter, die „Sache“ oder die „Liebe“?

Die „Sache“ fällt mir leichter. Ich glaube, ich bin ganz gut im Formulieren und Sätze feilen, während manch anderer vor Fantasien strotzt. Das ist bei mir leider nicht so. Mein fantastischer Horizont ist begrenzt, und ich muss oft scharf nachdenken, um mir Fallhöhen und Irrwege auszudenken.

Du bist seit Anfang 2012 freiberufliche Autorin. Was hast du vorher gemacht?

Ich war als Vertrieblerin im Innen- und Außendienst beschäftigt. Gelernt habe ich ursprünglich den Beruf der Rechtsanwaltsgehilfin, bin später ins Sekretariat gerutscht und erst dann Salesmanager geworden. Man kann aber auch einfach Verkäufer dazu sagen, ist nämlich das Gleiche.


„Der Austausch mit Autoren-Kollegen ist wichtig“


Du hast dir den Schritt in die Selbstständigkeit als Schriftstellerin gründlich überlegt. Was waren für dich die wichtigsten Erfahrungen auf diesem Weg?

Man weiß nie, was die Leser wollen – und was sie nicht wollen. Die Bücher, die mir selbst am besten gefallen und für die ich am härtesten gearbeitet habe, werden verschmäht. Und wenn ich denke: Diesen Mist liest kein Mensch, wird es gekauft. Leider habe ich die Formel noch nicht gefunden, auf Knopfdruck wahlweise Mist oder Qualität zu produzieren. Ich finde es schwierig, als selbstständiger Autor zu planen, denn dabei gerät der kreative Aspekt in den Hintergrund. Außerdem betrachte ich mich als Neuling. Mir fehlt noch die Routine, mit der ich andere Arbeiten durchgeführt habe. Da arbeite ich hart an mir.
Undenkbar wäre für mich, keinen Kontakt zu Kollegen zu haben. Dieser Austausch ist immens wichtig und besonders im Selfpublishing wertvoll. Die Erfahrungen mit Menschen, die ich fast ausnahmslos im Internet kennenlerne und erst zu einem späteren Zeitpunkt im realen Leben treffe, sind fast immer positiv. Eine der wichtigsten Erfahrungen ist somit das Vertrauen in andere Menschen und mich selbst.

Woran hast du erkannt, wann es der richtige Zeitpunkt war, diesen Schritt zu tun?

Das habe ich sofort gemerkt. Ich arbeite gerne zu den unmöglichsten Uhrzeiten, was in meinem alten Job nicht ging. Nachts, am Wochenende oder im Urlaub. Dafür bin ich jetzt als Privatperson und Mutter flexibler und muss mich nicht um Urlaubsanträge und Krankmeldungen kümmern. Ich liebe diese Flexibilität, obwohl ich als Selbstständige viel mehr arbeite als zu Angestelltenzeiten. Keinem Chef mehr unterstellt zu sein, habe ich von der ersten Sekunde an genossen.

Hand auf’s Herz: Würdest du ihn wieder gehen? Gab es auch Zeiten, in denen du diesen Schritt bereut hast?

Ich würde es immer wieder so machen, auch wenn man deutlich mehr Kompromisse eingehen muss, als ich es mir vorgestellt habe. Immer nur Herzensbücher zu schreiben, funktioniert bei mir leider nicht. Bereut habe ich den Schritt noch nie, weil es viele Wege gibt, die man beschreiten kann.

Dein wichtigster Tipp für Autorenkollegen, die den Schritt in die Selbstständigkeit wagen wollen:

Bleib offen für Kritik und Anregungen – aber sei trotzdem selbstbewusst genug, um deiner Linie treu zu bleiben. Klingt schlau, nicht? Ich wäre froh, wenn ich mich in puncto Selbstbewusstsein immer daran halten würde.
In deinem neuesten Buch „Nie mehr zu dick“ geht es wieder ums Gewicht.

Warum sollten die Leserinnen von „Ich kann auch schlank“ dieses neue Buch lesen?

In meinem neuen Buch geht es nicht nur ums Hier und Jetzt, sondern auch um Erlebnisse in Kindheit, Jugend und danach. Ich fühlte mich einfach immer zu dick, obwohl ich es früher gar nicht war. Vielen Frauen geht es ähnlich. Die ständige Angst, aus der Form zu geraten oder es bereits zu sein, kann einem dauerhaft die Laune verderben. Es kommen im Buch auch zwei nette Kolleginnen zu Wort. Wiebke Lorenz, die mit ihrem aktuellen Thriller „Bald ruhest du auch“ die Bestsellerlisten anführt, hat einen lesenswerten Artikel beigesteuert. Und Bettina Meiselbach, deren Blog „Happy Carb – Mein Low-Carb-Weg zum Glück“ im Netz Furore macht, schenkte mir ebenfalls ein schönes Kapitel und sensationelle Low-Carb-Rezepte. Es kommt selten bei meinen eigenen Büchern vor, aber ich mag „Nie mehr zu dick“ richtig gerne. Es ist ein gutes und rundes Buch geworden.

Was wird nach diesen Büchern kommen? Was ist dein nächstes Projekt?

Mein nächstes Projekt ist eine Serie mit dem Titel „Liebe rückwärts“. Der Liebesroman spielt in den Neunzigerjahren, und ich bringe mich mit Musik von Snap! und Kool & The Gang in die richtige Stimmung.

Zum Schluss: Du hast 100 Worte frei zu deiner Verfügung. Was möchtest du deinen Lesern sagen?

Ach, da würde ich gerne Dinge sagen, die mir wirklich wichtig sind – dafür brauche ich weniger als 100 Worte: Seid nett und friedlich zueinander. Achtet auf euch, eure Kinder und die Umwelt. Und kauft bitte meine Bücher.

Kirsten, ganz herzlichen Dank für deine offenen und ehrlichen Antworten. Ich wünsche dir noch viele gute Ideen, mit denen du das Leben deiner Leserinnen und Leser bereichern kannst.

Wer mehr über Kirsten und ihre Bücher erfahren möchte, kann sie gerne auf ihrer Homepage kirstenwendt.de besuchen.

Der Feind von morgen, das sind wir selbst – Christian Schuetz, „Temporales Dilemma“ [Leseprobe]

temporales-dilemma-introEin Zufallsfund stellt die Welt des Frankfurter Physik-Professors Arno Brugger auf den Kopf: Sind Zeitreisen doch möglich? Merkwürdige Datenreihen, die sein verstorbener Kollege Thorwald Magnussen erhoben hat, scheinen das zu belegen. Brugger reist nach Norwegen, begleitet von Erik, einem Patienten seiner als Neurochirurgin tätigen Tochter Emma. Eine Gehirnanomalie verleiht dem technikaffinen Wunderkind außergewöhnliche Fähigkeiten. Zusammen entdecken sie in Magnussens Nachlass einen Gegenstand aus der Zukunft, deponiert von einem Zeitreisenden aus dem 25. Jahrhundert – für Erik! Langsam wird klar: ihr Schicksal wird von Wissenschaftlern aus der Zukunft manipuliert. Erik ist auserkoren worden, Korrekturen an der Zeitlinie vorzunehmen, was auch beinhaltet, Menschen zu eliminieren. Die Agenda der Zukunft wird offenbar nicht mehr nur von Wissenschaftlern bestimmt, sondern vom Militär. Was tun? Christian Schuetz lässt im Sci-Fi-Thriller „Temporales Dilemma“ das Ad-Hoc-Team aus Physiker, Hacker und Neurochirurgin kurzentschlossen den Kampf mit einem scheinbar übermächtigen Gegner aufnehmen – und damit zugleich den Kampf gegen die Zeit selbst. Unsere Leseprobe führt an den Beginn der Handlung, noch etwas mehr verrät die Blick ins Buch-Option im Kindle-Shop. (Übrigens, im gerade erschienenen zweiten Teilgeht der Kampf noch weiter…)

Christian Schuetz, Temporales Dilemma

Prolog

Marit Magnussen stand auf dem Holzbalkon ihres Hauses am Ufer des Vestvannet, eines Sees circa vierzig Kilometer östlich von Oslo gelegen, und wartete auf die Ankunft ihrer Gäste. Es waren für sie seltsame vier Tage gewesen, seit die Assistentin dieses Professors aus Deutschland angerufen hatte. Anfangs dachte Marit, es sei das Normalste auf der Welt, einem Kollegen ihres verstorbenen Mannes Einblick in dessen Unterlagen und damit Zugang zu seinem Arbeitszimmer zu gewähren.
Erst nach dem Gespräch war ihr so richtig bewusst geworden, wie selten sie diesen Raum seit dem tragischen Unfall betreten hatte. Für Ordnung sorgte dort zwar regelmäßig die Putzfrau, aber Marit konnte die Zahl ihrer eigenen Besuche in diesem Zimmer an beiden Händen abzählen. Monatelang hatte sie mit dem Schicksal gehadert und sich selbst die Schuld für Thorwalds Tod gegeben. Natürlich war das unbegründet, aber dies einzusehen hatte sie viele Sitzungen bei einer Psychologin gekostet.
Zumal das nicht ihr erster Verlust war. Ihr Sohn Leif war gestorben, als er gerade mal drei Jahre alt war. Das war eigentlich ein viel schlimmerer Schicksalsschlag für Marit gewesen, aber damals war sie noch jünger und sie hatte einen Mann, mit dem sie den Schmerz teilen konnte.
Es war für Marit leicht, sich einzureden, dass das Schicksal es für sie nicht vorgesehen hatte, ein glückliches Leben zu führen, da sie zunächst den Sohn und dann auch noch den Ehemann verloren hatte. Über ihre Depressionen war sie mittlerweile aber hinweg.
Durch diesen angekündigten Besuch kam das alles aber wieder hoch und sie musste auf ihr Leben und ihre Verluste zurückblicken. Dieser Professor konnte natürlich nichts dafür, aber sie wünschte sich doch, er hätte Thorwalds Studie ruhen lassen. Die letzte Arbeit ihres Mannes war sowieso für alle seine Kollegen rätselhaft geblieben.
Marit hatte sich zwar stets für die Arbeit ihres Mannes interessiert, aber ihr reichten oberflächliche Erklärungen, wie „Polarforschung“ oder „Neue Energien“ oder „Magnetfeldphysik“. Thorwald hatte ihr trotzdem immer alles genauer erklärt, was er gerade erforschte und er hatte ein feines Gespür dafür, wie detailliert er in seinen Ausführungen werden konnte.
Aber seine letzte Studie wollte oder konnte er ihr nicht näherbringen. Nahezu beunruhigend war seine Erklärung: „Ich mache das für Leif! Irgendwann wirst du es verstehen!“ Sie hatte es danach vermieden, ihn nochmal darauf anzusprechen.
Auch an seiner Uni schien man ihm ungeahnte Freiheiten zu gewähren, obwohl keiner dort wirklich wusste, was er vorhatte. Dann, etwa zwei Monate vor dem Unfall, begann er eigenartig, ja gar schwermütig, zu werden. Aus heiterem Himmel fing er an, von seinem Lebenswerk zu sprechen, obwohl sich dies noch im Entstehungsprozess befand. Wenn sie ihn fragte, ob ihm etwas fehlte, sagte er stets, dass alles in Ordnung sei. Ihm ginge nur Vieles im Kopf herum.
Und dieser Ausflug zum Ski-Trekking war auch etwas, das er bis zu diesem Zeitpunkt noch nie gemacht hatte. Marit hatte gehofft, dass der Trip sein Gemüt erhellen und seinen Akku auffüllen würde. Thorwald war schon immer ein geborener Naturmensch, aber er hatte vor dieser Trekking-Tour nur wenig frische Luft schnuppern können, weil er sehr viel Zeit an der Uni oder in seinem Arbeitszimmer verbracht hatte.
Sie machte sich zwar Sorgen, als er aufbrach, aber sie hoffte einfach, einen erholten Mann zurückzubekommen, der wieder mehr Freude am Leben zeigte. Vielleicht sogar ein wenig von dem Mann, den sie mit gerade einmal zwanzig Jahren kennengelernt hatte…

Er war damals Gast in einer Fernsehshow, bei der sie als Assistentin fungierte. Mit sechzehn hatte sie von einer Karriere als Model geträumt. Der Traum blieb nicht völlig unerfüllt. Sie posierte in Sommerkleidern für Kataloge und durfte sogar eine hübsche Leiche in einem Fernsehkrimi spielen. Später folgten Werbe-Spots für Zahncreme und Tampons, aber die großen Laufstege der Welt blieben ihr verwehrt. Ein Agent sagte ihr, sie wäre zwar sehr hübsch, aber einfach nicht markant genug.
Zu dem Zeitpunkt, als Professor Thorwald Magnussen seinen Auftritt als Experte für Polarlichter und die arktische Flora und Fauna in einer Samstag-Abend-Quiz-Show hatte, war Marit am Tiefpunkt ihrer Karriere. Sie hatte den Job nur über die Besetzungscouch bekommen können und hatte sich bereits entschlossen, dem Showbusiness den Rücken zu kehren.
Da lief ihr bei den Proben dieser Mann über den Weg. Für ältere Männer hatte sie schon immer ein besonderes Faible, was vielleicht der Tatsache zu schulden war, dass sie ohne Vater aufgewachsen war. Klischee oder nicht, es hatte sofort gefunkt.
Natürlich war sie nicht die Einzige, die begeistert von ihm war. Das Publikum liebte ihn, wie er mit einfachen Worten die Entstehung von Polarlichtern erklären konnte. Oder wie er Filmaufnahmen von spielenden Polarfuchswelpen kommentierte und von einer Begegnung mit einem ausgewachsenen Eisbären berichtete.
Thorwald hatte den Zuschauer im Sturm erobert und man wollte von ihm mehr sehen. Es folgten Einladungen zu einer Late-Night-Show und einer Experten-Diskussion, und Marit gelang es zumindest immer, als Hostess an den Produktionen beteiligt zu sein.
Sie flirteten hinter den Kulissen, aber er schien, vielleicht aufgrund des Altersunterschieds von dreiundzwanzig Jahren, etwas zurückhaltend zu sein. Doch dann wurde sie eines Tages in das Büro eines der Produzenten gerufen. Ihr Vertrag lief aus und sie befürchtete erneute Avancen, auf die sie nicht eingehen wollte.
Sie dachte, der Abschied vom Showbusiness wäre nun gekommen, doch dann sagte ihr dieser Produzent, er bereite eine dreiteilige Serie vor und sie wäre explizit als Moderatorin angefordert worden.
„Vom wem?“, platzte es aus ihr heraus und die Antwort machte sie einfach nur glücklich.
„Dieser Professor Magnussen, Polarforscher! Sie haben doch schon mit ihm gearbeitet. Sie scheinen einen gewissen Eindruck bei ihm hinterlassen zu haben.“
Das Konzept war Thorwalds Idee und er hatte sich damit durchgesetzt, weil der Sender ihn schlichtweg haben musste. Koste es, was es wolle! Sie reisten fast drei Monate mit einer Aufnahmecrew durchs winterliche, nördlichste Norwegen und die Sendungen waren so aufgebaut, als würde der Professor der netten, jungen Moderatorin die Welt erklären. Oder zumindest diesen kleinen Teil der Welt.
Prinzipiell war es auch genau das. Manchmal musste sie eben nur so tun, als hätte sie etwas Spezielles noch nie gesehen, auch nicht bei den Proben. Die Sendungen waren jedes Mal soziales Gesprächsthema und selbst die kühlen norwegischen Klatschblätter hatten schnell ihren Aufmacher: „Das Model und der Professor! Wie heiß wurde es in der Arktis?“
Marit hätte ihnen schon sagen können, dass es sehr heiß geworden war, aber die beiden ließen den Rummel an sich abprallen. Das ruhige Gemüt der Skandinavier sorgte wohl dafür, dass das öffentliche Interesse auch nie zu groß wurde.
Als sie mit einem Fernsehpreis ausgezeichnet wurden, waren sie bereits verheiratet und Marit im dritten Monat schwanger. Ihre Karriere hatte sie an den Nagel gehängt und wollte einfach nur Ehefrau und Mutter sein. Für dreieinhalb Jahre waren beide so glücklich wie man nur sein konnte.

Dann kam die Nacht, die alles veränderte. Ein Geräusch hatte sie geweckt. Alles war dunkel. Ihre Hand suchte auf der anderen Seite des Betts nach ihrem Mann, aber der war nicht dort. Sie blickte zum Babyphone. Das Lämpchen flackerte leicht, aber es war nichts zu hören.
Sie drehte sich gerade wieder zurück und wollte weiterschlafen, als sie aus dem Gerät einen Schrei hörte: „Nein!“
Sie fuhr herum. Das Adrenalin schoss durch ihren Körper und sie saß bereits aufrecht, als sie Thorwald zum zweiten Mal schreien hörte. Sie sprang auf und rannte zum Kinderzimmer, ohne sich vorher anzuziehen.
Als sie an die Tür kam, sah sie als erstes ihren Mann über Leif gebeugt, wie er zweimal mit der Faust auf den Brustkorb des Jungen schlug. Völlig schockiert dachte Marit, ihr Mann würde dem Kind etwas antun.
„Was machst du da?“, rief sie entsetzt, aber Thorwald antwortete nicht, weil er zu konzentriert und auch offensichtlich selbst zu schockiert war. Dann erst erkannte Marit den Versuch einer Herzmassage und dass sich Thorwald hinuntergebeugt hatte und seinen Sohn künstlich beatmen wollte. Als er sich aufrichtete und wieder begann den Brustkorb zu bearbeiten, gehorchten Marits Beine wieder.
Sie stürzte zu Leif und presste ihre Lippen auf die ihres Sohns. Marit hatte keinerlei Ausbildung in Rettungsmaßnahmen, aber sie wollte alles in ihrer Macht Stehende für ihr Kind tun. Sie presste so oft und so heftig Luft in die Lungen ihres Sohnes, bis ihr schwindlig wurde und sie neben dem Bett auf die Knie ging.
„Ein Mann war hier drin bei ihm!“, sagte Thorwald plötzlich. Marit hörte die Worte, aber verstand sie nicht. Sie sprang wieder auf und wollte Leif weiter beatmen, aber ihr Mann packte sie bei den Schultern und zog sie an sich.
„Marit! Nicht! Er ist tot!“ Sie wollte sich mehrmals losreißen und schrie vor Verzweiflung, schrie ihren Mann an, schrie ihren Sohn an und schrie bis sie nicht mehr konnte.
Dann ließ Thorwald sie los und Marit umarmte ihren toten Sohn. Dass ihr Mann das Zimmer verließ und die Polizei rief, hörte sie nicht mehr. Erst als fast zehn Minuten später das Blaulicht durch das Fenster flackerte, ließ sie ihren Sohn los. Thorwald legte ihr seinen Morgenmantel um, als der Notarzt bereits die Treppe hoch stürmte. Sie fühlte sich in diesem Moment absolut leer und betrachtete das Geschehen, als würde vor ihr ein Film ablaufen. Ihr Mann hielt sie im Arm, als der Arzt den Tod ihres Kindes feststellte.
Es war ihnen vorher schon bewusst, aber es so ausgesprochen zu hören, besiegelte das Drama einfach endgültig. Thorwald führte sie ins Schlafzimmer und setzte sie aufs Bett. Sie saß dort einige Minuten, bevor ein Polizist zu ihr kam und sie fragte, ob sie Hilfe brauchte.
Sie öffnete den Mund und ohne wirklich zu wissen, was sie da von sich gab, sagte sie: „Mein Mann hat gesagt, da wäre ein fremder Mann bei meinem Sohn gewesen!“
Der Polizist zuckte zusammen. Er war nicht gekommen, um sie irgendwie zu befragen. Der Professor hatte ihn einfach gebeten, doch bitte nach ihr zu sehen. Mehr wollte der Polizist gar nicht, doch plötzlich klang das nach einem Mordfall und er musste es melden.

Die Eheleute wurden getrennt voneinander aufs Revier gebracht und befragt. Marit konnte es nicht glauben. Gerade hatte sie ihren Sohn verloren und nun stellte man ihr Fragen, die darauf hindeuteten, dass die Polizei zumindest einen Verdacht gegen Thorwald hegte.
„Gab es Anzeichen?“, fragte eine Kommissarin sie. „Hat ihr Mann jemals die Hand gegen den Jungen erhoben? Oder gegen Sie?“
Marit antwortete fast apathisch auf die Fragen, die allesamt mehrfach gestellt wurden, so als ob man ihr etwas in den Mund legen wollte. Irgendwann schrie sie die Kommissarin dann an: „Lassen Sie mich endlich in Ruhe! Mein Mann ist kein Schläger! Kein Mörder!“
Marit war weinend zusammengebrochen. Der Anwalt der Familie war mittlerweile eingetroffen und sorgte dafür, dass die Magnussens wieder nach Hause durften. Die zuständigen Beamten entschuldigten sich für die Befragung. Dennoch war ihnen das Misstrauen gegen Thorwald anzusehen.
Zu Hause erzählte Thorwald ihr dann in Ruhe, was geschehen war: „Ich bin aufgewacht und musste zur Toilette. Da habe ich das grüne Licht aus Leifs Zimmer gesehen. Ich ging auf die Tür zu und sah durch einen Spalt diesen Mann, diesen Fremden!“
Marit zitterte. Ein Fremder im Haus machte ihr Angst, aber fast noch mehr Angst machte ihr die Möglichkeit, dass Thorwald sich das unter Stress eingebildet hatte oder gar, dass er Leif wirklich etwas angetan und sein Unterbewusstsein diesen Fremden erfunden hatte. Die Kommissarin hatte so etwas in der Art als typisches Verdrängungsverhalten angedeutet.
„Der Mann hatte ein Gerät in der Hand!“, fuhr Thorwald fort. „Das grüne Licht kam aus diesem Ding und er hat damit Leif angestrahlt. Ich bin losgerannt, aber dann hat ein Luftzug die Tür zugeschlagen. Als ich sie wieder aufgerissen habe, war der Mann weg. Keine Spur von ihm und Leif lag tot …“
Thorwalds Stimme brach in einem Schluchzen ab und Marit verschwand im Schlafzimmer und sperrte sich ein. Sie wollte davon nichts mehr hören. Am nächsten Tag sagte dann Thorwald, dass es ein schlimmer Traum gewesen sein muss, der ihn zu Leif geführt hatte. Er schien selbst akzeptiert zu haben, dass es Einbildung war.
Aber zwei Tage später nahm die Polizei Thorwald in Untersuchungshaft, nachdem der erste pathologische Befund als Todesursache die Schläge auf den Brustkorb genannt hatte. Die Medien hatten auch davon erfahren und Marit konnte die nächsten Tage nur mit heftigen Beruhigungsmitteln überstehen.
Nach etwa einer Woche kam die Rettung in Form des Abschlussberichts aus der Pathologie. Bei Leif wurde eine sehr seltene Erbkrankheit festgestellt, die die Zellstruktur geschwächt hatte. Dies hatte sich anscheinend über Monate auf sein Herz ausgewirkt, das dann einfach kollabiert war.
Die Krankheit wäre ohne spezielle Untersuchungen und Verdachtsmomente nicht festzustellen gewesen. Dass die Eltern nicht an der Krankheit litten, wäre nicht ungewöhnlich, weil der Fehler im Erbgut gerne mal zwei oder drei Generationen übersprang. Man entschuldigte sich für den Verdacht gegenüber Thorwald, aber auf den ersten Blick schien das Herz aufgrund heftiger Schläge auf den Brustkorb geschädigt worden zu sein.

Die folgenden Wochen waren für das Ehepaar trotzdem die Hölle. Beide gingen gemeinsam zur Therapie, verbrachten mehrere Wochen in einer speziellen Kureinrichtung für Traumapatienten, bis Thorwald endgültig davon überzeugt war, dass dieser fremde Mann nur Ergebnis seiner Fantasie war.
Ihre gemeinsame Therapeutin sprach davon, dass Thorwalds Unterbewusstsein einen Hilferuf aus Leifs Unterbewusstsein aufgefangen und so den Traum erzeugt haben könnte. Darauf hatte sie sich dann gemeinsam am Ende verständigt.
Wirklich glauben mochte Marit diese Erklärung allerdings nicht. Was sagte das denn über sie als Mutter aus? Thorwald hatte den Hilferuf gehört, sie aber nicht? Dennoch war es besser, die Ereignisse ruhen zu lassen, als ständig nach Antworten zu suchen.
Thorwalds berufliches Leben litt weiter. Er hatte jeden Antrieb verloren, aber seine Uni war geduldig, beurlaubte ihn und gab ihm viel Zeit, seine Angelegenheiten zu klären. Sechs Monate nach dem Tod von Leif fuhr Marit zu ihrer Mutter, weil es auch dieser nicht besonders gut ging.
Als sie nach drei Wochen wiederkam, war Thorwald wie ausgewechselt. Seine Papiere waren nicht nur in seinem Arbeitszimmer verstreut, sondern flogen bis in den Flur. Es war anscheinend seine Art und Weise, endlich den Verlust zu kompensieren. Er kehrte auch wieder an die Universität zurück und da er sein Leben scheinbar wieder in den Griff bekommen hatte, indem er sich in seine Arbeit stürzte, suchte auch Marit eine Beschäftigung.
Wirklich gelernt hatte sie nichts, aber sie konnte repräsentieren und so engagierte sie sich für eine Kinderhilfsorganisation. Sie wurde zum Gesicht der Initiative und war sehr erfolgreich in ihren Bemühungen, Geldmittel von Prominenz und Politik zu beschaffen.
Persönlich war ihr der direkte Kontakt zu den Kindern wichtiger. Das war Marits Weg den Verlust ihres Sohnes zu bewältigen. Ihre Organisation kümmerte sich um in Not geratene Kinder und jedes einzelne Lächeln eines dieser Kinder half, ihre Wunden zu heilen.
Der Ehe tat es natürlich nicht gut, dass beide auf unterschiedliche Weisen vergessen wollten und sich deshalb oft tagelang nicht sahen, aber ihr Fundament war dennoch stark genug, dass die Ehe hielt. Die Verliebtheit und vor allem der wilde Sex waren Vergangenheit, aber sie gehörten trotzdem zusammen. Und dann begrub vor sechs Jahren eine Lawine auch diesen letzten Rest ihrer Ehe. (Weiterlesen im Kindle Shop)

Copyright Cover & Leseprobe: Christian Schuetz
Publikation mit frdl. Genehmigung des Autors.

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Christian Schuetz,
Temporales Dilemma
E-Book (Kindle) 3,99 Euro
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(Fortsetzung: „Temporales Nachbeben“)