Thalia setzt auf eigenen E-Reader – und bald auch auf ein Closed-Shop-Modell?

closed-shop-ifa-thalia-reader-e-store-e-ink-e-bookThalia auf den Spuren von Amazon? Die Buchhandelskette will ab Oktober einen eigenen E-Reader verkaufen. Dabei handelt es sich technisch angeblich um eine komplette Neuentwicklung. Bisher setzte Thalia auf Lesegeräte von Sony, wie sie auch bei Buchhandelsportalen wie libri oder buch.de erhältlich sind. Vorgestellt werden soll der Thalia-Reader erstmals auf der Internationalen Funkausstellung (IFA) Anfang September. Begleitet wird die Reader-Premiere von einer neuen Website zur „Zukunft des Lesens“ sowie einer PR-Tournee durch ausgewählte Thalia-Filialen.

„Es handelt sich um einen dezidierten E-Reader, nicht um ein Tablet-PC“

Die Muse des Theaters scheint bei dieser E-Reader-Premiere Pate zu stehen: Der Thalia-Reader kommt, so viel ist klar. Doch bis zur Premiere auf der IFA erhält die Buchhandelskette den dramaturgischen Spannungsbogen aufrecht. So bleibt etwa ungewiss, auf welcher technischen Basis der neue Thalia E-Reader produziert wird. Klar ist bisher nur, dass es um ein E-Ink-Gerät geht. Das Börsenblatt will von einer Thalia-Sprecherin erfahren haben, es handele sich „um einen dezidierten E-Reader und nicht um einen Tablet PC nach Vorbild des iPad“. Damit die E-Book-Strategie der zweitgrößten deutschen Buchhandelskette aufgeht, dürfte es sich wohl um ein vernetztes, also mindestens WiFi-fähiges Gerät handeln – denn das garantiert den direkten Draht zum Content. Sowohl Amazons Kindle wie auch der Nook von Barnes&Noble gründen ihren Erfolg unter anderem auf den unmittelbaren Zugang zum Lesestoff. Nicht umsonst wirbt Amazon mit dem Slogan: „Get books in 60 seconds“. Bei der Realisierung des vernetzten Lesens kann das in Hamburg ansässige Unternehmen auf die Erfahrungen mit Buch.de setzen – Thalia hält nämlich 60 Prozent des Internet-Buchhandelsportals. Als hilfreich für den Geräteabsatz dürfte sich natürlich auch das deutschlandweite Filialnetz von Thalia erweisen.

Deutsche E-Book-Händler setzen bisher maximal auf Rebranding

Im stationären Buchhandel ist Thalia seit Jahren für einen recht hemdsärmeligen Verdrängungswettbewerb bekannt. Mit der E-Reader-Offensive betritt die Buchhandelskette jedoch völliges Neuland – ein mit dem Closed-Shop-System von Amazon oder Barnes&Noble vergleichbares Geschäftsmodell gibt es in Deutschland bisher nicht. E-Book-Portale von Verlagen wie auch Buchhandelsketten setzen hierzulande nicht nur gemeinsam auf den epub-Standard, sie bieten auch eine ganze Reihe von Lesegeräten unterschiedlicher Hersteller an. Hier und da gab es zwar Rebranding, wie etwa bei der „Weltbild-Edition“ des Hanvon N516, doch das beschränkte sich auf leicht modifizierte Firmware-Versionen. Die Lektüre von E-Books war insofern für deutsche Kunden vergleichsweise komfortabel – denn wo man einen epub-Titel gekauft hat, war egal, lesen konnte man ihn auf mehr als einem Dutzend E-Ink-Geräten von Bookeen oder Bebook bis zu Pocketbook und Sony. Wenn Thalia nun versuchen würde, das Steuer komplett herumzureißen, wäre das Unternehmen wohl nicht gerade von der Muse geküsst.

Das einzige Argument für ein Closed-Shop-Modell wäre ein 99-Euro-Reader

Denn die verhältnismäßig große Freiheit im E-Leseland Deutschland dürfte jeder exklusiven Expansionsstrategie enge Grenzen setzen – so steht wohl kein proprietäres E-Book-Format wie bei Amazons Kindle-Books zu befürchten. Denkbar wäre allerdings ein Alleingang beim Kopierschutz, ähnlich wie bei Barnes&Noble. Die US-Buchhandelskette verkauft ihre E-Books im epub-Format nämlich mit einem eigenen Kopierschutz, der nicht mit dem von Adobe gelieferten Branchenstandard ADEPT kompatibel ist. Somit kann man diese E-Books nur auf dem Nook-Reader lesen. Immerhin ist das B&N-System halboffen – denn umgekehrt lassen sich DRM-geschützte E-Books aus „fremden“ E-Stores durchaus auf dem Nook lesen. Wahrscheinlich ist jedoch auch diese Variante nicht, denn in den USA können Amazon wie auch Barnes&Noble ihre Closed-Shop-Systeme den Lesern mit Niedrig-Preisen schmackhaft machen. Die deutsche Buchpreisbindung verhindert solche Strategien allerdings, zudem ist das E-Book-Angebot bei Thalia bzw. Buch.de auch inhaltlich identisch mit dem anderer Plattformen, etwa Libri. Der einzige Weg, deutsche Kunden in die Content-Einbahnstraße zu locken, bestünde im Discount beim Gerätepreis. Doch traut sich Thalia am Ende wirklich, so etwas wie einen WiFi-fähigen 99-Euro-Reader anzubieten, hart an der Grenze oder sogar unterhalb des Herstellungspreises?