Literarische Netzspinne: Thalianext verknüpft Discoverability & Kuratierung

thalianextWer weiß es besser, wo der ideale Lesestoff lauert: Mensch oder Maschine? Während Amazon auf immer klügere Algorithmen setzt, um dem Leser passend zu seiner bisherigen Kaufhistorie neue Bücher zu empfehlen, bastelt die große deutsche Buchhandelskette Thalia an einer Buchempfehlungs-Plattform mit menschlichem Backend: Als Clickworker im Hintergrund werden die eigenen Buchhändler eingespannt, deren „Buchhändler-Rezensionen“ ohnehin schon seit Oyo-Zeiten im elektronischen Handel genutzt wurden.

Ähnlichkeit ist Trumpf

Beim neuen Konzept geht es allerdings nicht nur um Rezensionen und Bewertungen, sondern auch um Verknüpfungen mit ähnlichen Titeln: inzwischen haben nach Informationen von Buchreport bereits mehr als 570 teilnehmende Buchhändler über 13.000 Titel miteinander verbandelt, bald sollen es schon 100.000 sein. Mittel zum Zweck sind spezielle Crowdsourcing-Apps für Tolino Tablets und Smartphone. Die Ergebnisse dieser Bemühungen lassen sich seit kurzem in der Thalia-App bewundern: im Bereich Thalianext kann zu einem der bereits erfassten Titel eine Netzspinne angezeigt werden, die vergleichbare Titel vor allem aus dem Belletristik-Sektor miteinander verbindet.

Kompetenz von textunes

Dabei macht sich für Thalia mal wieder bezahlt, das schon vor einiger Zeit mit der Lese-App-Schmiede textunes ein Spezialist für Elektronisches Lesen und digitales Buchmarketing übernommen wurde – auch optisch macht die neue Funktion einiges her. Wählt man ein Buch aus, das mit einem anderen Titel verknüpft ist, wird auf der entsprechenden Artikel-Seite auch gleich die Buchhändler-Besprechung angezeigt. Die aktuellsten Buchhändler-Bewertungen findet man zudem direkt auf der Startseite von Thalias Cross-Channel-App.

Discoverability trifft Kuratiereung

Auch wenn keine App den Besuch einer Buchhandlung ersetzen kann: Besser als die ubiquitären Bestseller-Rankings und Kategorien-Listings ist das kuratierte Buchgeflecht wohl allemal. Interessanterweise läuft es bei Apple Music, dem neuen Musikdienst made in Cupertino, ganz ähnlich: dort sind die die von Expertenhand erstellten Playlists der eigentliche Clou. Discoverability und Kuratierung werden uns wohl zukünftig noch öfter im Doppelpack begegnen…

(via Buchreport)

Thalia übernimmt textunes: Reading-App & Oyo II angekündigt

Thalia setzt verstärkt auf Multichannel – und bietet E-Books demnächst auch mit einer eigenen App an. Zu diesem Zweck übernahm Deutschlands zweitgrößte Buchhandelskette das Berliner Startup textunes. Die gleichnamige textunes-App bringt elektronische Lektüre schon seit 2009 auf die Displays von iPhone & iPad, und ist mittlerweile auch für Android-Geräte erhältlich. Zusätzlich zum Start der Thalia eReading-App wird es auch einen neuen Reader geben: in Kürze soll mit dem Oyo II ein verbessertes Touch-Screen-Lesegerät auf den Markt kommen.

Aus Multichannel wird Smart Reading

Bei Thalia nennt man die Multichannel-Strategie für E-Books jetzt „Smart Reading“: „Smart Reading heißt für Thalia nicht nur, dass unsere Kunden den Content frei wählen können. Ihnen soll zukünftig auch die Wahl des Endgerätes, auf dem sie digitale Inhalte lesen, überlassen werden”, so Michael Busch, Geschäftsführer der Thalia Holding. Mit dem Angebot einer eigenen App zieht Thalia mit Libri gleich – erst vor wenigen Tagen war die Libri-App für Android im App Store von Samsung gelauncht worden. Auch die E-Reading-App von Thalia soll zunächst nur für Android-Geräte erhältlich sein, eine Version für iOS ist aber in Planung. Neben den bewährten Social-Reading-Features der textunes-App wird es auch eine spezielle Empfehlungs-Funktion geben.

Neuer Oyo II kommt im richtigen Augenblick

Mit der Ankündigung des Oyo II gab es erstmals auch wieder Neuigkeiten über Thalias Reader-Sparte. Der OYO II soll über erweiterte Funktionalitäten, eine verbesserte Prozessorleistung, eine längere Akkulaufzeit und einen höheren Kontrast verfügen. Ob es sich um eine WLAN- oder UMTS-Version handeln wird, ist noch nicht bekannt. Nach verpatzten Firmware-Updates und dem kurzfristig abgesagten Launch einer UMTS-Version des Oyo I kommt die Nachricht vom Oyo II aber auf jeden Fall gerade zur rechten Zeit – schließlich starten in den nächsten Wochen auch Amazon und Kobo ihre neuen Reader.

Lesestoff für grüne Männchen: textunes-App jetzt auch für Android-Geräte verfügbar

Die textunes-App hat sich ja inzwischen zu einer beliebtesten deutschen E-Book-Anwendungen für iPhone und iPad entwickelt – viele aktuelle Belletristik- & Sachbuch-Titel sind für’s Apple-Display lieferbar, insgesamt knapp über 2000. Die neueste Version der App wartet seit einigen Wochen mit zusätzlichen Features auf, u.a. ein Live-Feed, animiertem Umblättern und Video-Buchtrailern. Darauf müssen jetzt auch Besitzer von Android-Geräten nicht mehr verzichten, denn textunes läuft jetzt auch auf Smartphones und Tablets, die den kleinen grünen Roboter im Schilde führen. Das dürfte vor allem diejenigen freuen, die Apple- und Android-Geräte mit sich herumtragen. Die E-Book-Bibliothek lässt sich nämlich jetzt auch zwischen den Geräten synchronisieren…

Hier die offizielle PM:

Führendes deutsches eBook-Angebot nun auch für Android Smartphones und Tablet Computer verfügbar; Gutschein als „Begrüßungsgeld“ für Androiden

Mit 160 Partnerverlagen und über 130.000 Nutzern ist textunes die führende deutschsprachige eBook-Plattform auf iPhone und iPad. Nun macht das Berliner Unternehmen seine Inhalte auch für Android-Nutzer verfügbar und begrüßt diese mit einem kostenlosen eBook.

Das Start-up-Unternehmen textunes erschließt eine weitere Geräteplattform und bringt das führende deutschsprachige eBook-Angebot nun auch auf Android. Damit setzt textunes auf eine weitere stark wachsende Plattform für Smartphones und Tablet Computer.

Mit der Veröffentlichung der Android App erschließen wir nicht nur einen weiteren Kundenkreis, sondern erfüllen auch das Bedürfnis unserer bestehenden Nutzer, ihre eBooks auf andere Geräte zu synchronisieren“, so Geschäftsführer Volker Oppmann. „Viele unserer Kunden verwenden unterschiedliche Betriebssysteme gleichzeitig oder möchten sich für die Zukunft offen halten, auf andere Geräte zu wechseln. Die textunes App gewährleistet es deshalb, gekaufte Inhalte auf andere Geräte übertragen zu können.

Beim Gratis-E-Book handelt es sich übrigens wahlweise um eine Ausgabe der Bibel bzw. des Korans, was man bei textunes offenbar als ironische Antwort auf Bestseller-Autor Thilo Sarrazin versteht…

Suhrkamp-Kultur trifft Screen-Culture: Fünf E-Lesetipps von Klassiker bis Krimi

suhrkamp-kultur-e-book-epub-libri Suhrkamp setzt zukünftig stärker auf digitale Lesekultur – die Zahl der verfügbaren E-Books erhöht sich auf mehr als hundert. War bisher via texttunes nur eine Handvoll E-Book-Apps für iPhone & iPad erhältlich, so können Suhrkampleser ihre Lieblingstitel nun endlich schwarz auf weiß auf das E-Ink-Display von E-Readern laden. Denn über das Libri-Netz gibt’s eine gehörige Prise Suhrkamp-Kultur auch im epub-Format & PDF-Format. Unsere Autorin Heide Reinhäckel gibt aus diesem Anlass ein paar Lese-Empfehlungen…

Suhrkamp beweist Mut zum Experiment

Der 1950 in Frankfurt gegründete Suhrkamp-Verlag galt als intellektuelles Flagschiff der alten Bundesrepublik. Das Image des Verlages litt allerdings in den letzten Jahren immer wieder unter Negativschlagzeilen, ausgelöst etwa durch den Wechsel an der Führungsspitze oder den Brain-Drain von Lektoren und Autoren. Im Jubiläumsjahr 2010 wagte man nun mehrere Experimente zugleich, um das Label Suhrkamp wieder zum Funkeln zu bringen. So zog der Verlag aus der Frankfurter Lindenstraße nach Berlin, nicht zuletzt, um seinen Autoren näher zu sein und am symbolischen Kapital der Kreativhauptstadt zu partizipieren. Ein neues Zuhause fand sich vorerst im Prenzlauer Berg – in den Räumen eines ehemaligen Finanzamtes an der Pappelallee. Zum Berliner Start bespielte Suhrkamp den neuen Standort Berlin aber gleich doppelt. Mit dem edition-suhrkamp-laden in Berlin-Mitte kam von Mai bis Juli 2010 eine Mischung aus Verkaufsraum, Showroom und Veranstaltungsort hinzu. Die experimentelle Suhrkampwelt wurde beherrscht von einem Riesenregal mit der berühmten, von Willy Flecklang gestalteten edition suhrkamp-Reihe, deren Spektralfarben eine Seite des Raumes ausfüllten.

Die „Suhrkamp-Kultur“ kommt auf das E-Ink-Display

Wird Suhrkamp jetzt wieder hip? Offenbar war der temporäre Suhrkamp-Laden als Wiederbelebung der „Suhrkamp-Kultur“ gedacht, ein Begriff, den ursprünglich mal der amerikanische Literaturwissenschaftler und Suhrkamp-Autor Georg Steiner prägte. Diese Suhrkamp-Kultur war nicht zuletzt mit dem Verleger-Mythos Siegfried Unseld verbunden. Mit der aktuellen E-Book-Offensive trifft die Suhrkamp-Kultur nun auf die digitale Screen-Culture des 21. Jahrhunderts. Natürlich können 140 Titel nur ein Anfang sein – bei Libri sind insgesamt mehr als 3000 gedruckte Suhrkamp-Titel lieferbar. Doch das erweiterte E-Book-Angebot umfasst nun immerhin Romane von klassischen Suhrkamp-Autoren wie Max Frisch, Hermann Hesse und Thomas Bernhard, von deutschen Gegenwartsautoren wie Christa Wolf, Uwe Tellkamp und Sibylle Lewitscharoff und nicht zuletzt auch internationale Gegenwartsliteratur. Sogar Dietmar Daths Polit-Bilderbuch „Deutschland macht dicht“ ist mit dabei. Die Botschaft ist angekommen: Suhrkamp zumindest macht bei E-Books nicht mehr dicht. Nur über die Preise sollten wir noch mal reden…

Fünf Empfehlungen

Meine fünf persönlichen Empfehlungen für den E-Book-Einstieg bei Suhrkamp:

ulysses-e-book-suhrkamp 1. James Joyce: Ulysses. Wer schon immer den berühmten Klassiker des modernen Romans und der literarischen Bewusstseinsdarstellung lesen oder wiederlesen wollte, kann dies jetzt auch auf dem E-Reader tun. In der Übersetzung von Hans Wollschläger liegt bei Suhrkamp der Tagesablauf von Leopold Bloom am 16. Juni 1904 in Dublin auch als E-Book vor. Wie wär’s mit einem Bloomsday per E-Reader? Gibt’s leider nur als PDF-Version, mit 11,99 Euro aber erschwinglich…

unseld-bernhard-briefwechsel-suhrkamp-e-book 2. Thomas Bernhard, Siegfried Unseld: Der Briefwechsel. In über 500 Briefen eröffnet sich ein Beziehungsdrama besonderer Natur zwischen dem berühmten österreichischen Autor und dem Verleger-Mythos Unseld, das sich Haßtiraden, Schreibblockaden und manische Schübe erstreckt. Ein fesselndes Hintergrunddrama der Literaturproduktion. Als epub & PDF für etwas anspruchsvolle 19,99 Euro im Angebot…

herzzeit-celan-bachmann-briefwechsel-e-book-suhrkamp 3. Ingeborg Bachmann, Paul Celan: Herzzeit. Mit dem Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan, den zwei großen deutschsprachigen Dichtern des 20. Jahrhunderts, liegt eine eindringliche Korrespondenz vor, die das Dichter-Liebespaar der Nachkriegszeit beleuchtet. Als epub&PDF gibt’s 400 Seiten für 9,99 Euro…

ndiaye-drei-starke-frauen-roman-suhrkamp-e-book 4. Marie Ndiaye: Drei starke Frauen. Die französische Autorin schildert in ihrem Roman, der mit dem Internationalen Literaturpreis 2010 ausgezeichnet wurde, drei Frauenschicksale zwischen Europa und Afrika in einer intensiven literarischen Sprache. Auch als epub & pdf hat Ndiaye leider ihren Preis: nämlich 19,99 Euro.

winslow-pacific-private-krimi-suhrkamp-e-book 5. Don Winslow: Pacific Private. Kalifornischer Krimi mit dem surfenden Privatdedektiv Boone Daniels, der neben dem Wellenreiten am Pazifik mit einem Fall konfrontiert wird, der in seine eigene Vergangenheit führt. Die Synthese von Surfer- & Privatdedektiv-Milieu ist eine gute Kontrastlektüre für die kalten Jahreszeit. Als epub oder PDF gibt’s den Westküstensound der Suhrkamp-Krimi-Reihe für 9,99 Euro.

Autorin & Copyright: Heide Reinhäckel

Das beste aus beiden Welten: Neue Hugendubel-App integriert E-Books von textunes

Hugendubel App E-Books textunes iphone ipad.gifHugendubel kommt auf das iPhone: mit der neuen App lassen sich nicht nur Leseproben von Print-Büchern herunterladen, sondern auch Bestellungen tätigen, die man direkt in einer der bundesweit 39 Filialen zwischen Amberg und Würzburg abholen kann. Für Content im E-Book-Bereich sorgt textunes – das auf iPhone-Anwendungen spezialisierte Startup aus Berlin hat dafür das Look&Feel seiner eigenen App angepasst. Gesamturteil: optisch ziemlich gelungen. Nur die E-Books sind in vielen Fällen zu teuer – denn sie bleiben an das iPhone gebunden.

App mit Überblick: Leuchtet die Bücher-Ampel grün, ist der Titel in der Filiale verfügbar

Als Heinrich Hugendubel 1893 den Grundstein für die gleichnamige Buchhändler-Dynastie legte, hieß das Telefon noch Fernsprechapparat und wurde von kaum jemandem benutzt. Seitdem aus dem Telefon ein iPhone geworden ist, kann man nicht nur ganze Bibliotheken, sondern auch Buchhandlungen in die Tasche stecken. Die Hugendubel-App ist sozusagen der direkte Draht in die nächste Filiale. Bestsellerlisten von Hugendubel selbst, von textunes sowie vom Spiegel geben einen ersten Überblick. In vielen Fällen lassen sich Leseproben anschauen, und zwar in der gewohnten textunes-Qualität. Wer sich für einen bestimmten Titel interessiert, kann zunächst die Verfügbarkeit in einer der Filialen überprüfen. In einer Übersicht leuchten je nach Bestand von Amberg bis Würzburg die Farben grün, gelb oder rot. Auf Wunsch helfen Adresse, Kontaktdaten und eine Kartenskizze weiter. Alternativ kann man sich Bücher, DVDs und andere Artikel auch versandkostenfrei zuschicken lassen.

Das E-Book-Angebot umfasst bisher rund 1000 Titel – für iPhone & iPad

Seit letztem Jahr ist Hugendubel auch im E-Book-Segment präsent. Im Online-Shop gibt es nicht nur eine Auswahl von mehr als 30.000 epub- und PDF-Titeln, sondern auch eine Reihe von E-Readern, u.a. den iRiver Story und Bookeens Opus. Die Hugendubel-App setzt dagegen bei elektronischem Content voll auf das Sortiment von textunes. Das umfasst bisher lediglich 1000 Titel – von Comics&Mangas über Belletristik & Sachbuch bis zu Sport& Wellness. Dazu kommen ein paar Angebote, die Text und Audio kombinieren, sowie interaktive E-Books. Lesen lassen sich die E-Books mit der App sowohl auf dem iPhone wie auch auf dem iPad. Allerdings werden in der aktuellen Version lediglich die iPhone-Ansichten auf die Display-Größe des Tablets hochskaliert. Eine besser auf das iPad angepasste „native“ Version ist aber in Arbeit.

[e-book-review] Simple Stories zur Banalität des Normalen (Hanna Lemke, „Gesichertes“)

e-book-review hanna lemke gesichertes e-bestseller_pixelio_robson.gif„Gesichertes“ präsentiert die Berliner Autorin Hanna Lemke im gleichnamigen Erzählband – lakonische Notizen aus dem Interim zwischen Jugend und Erwachsenwerden. Doch auch simple Stories können es in sich haben, weiß man seit Ingo Schulzes Sampler „Simple Storys“. Technisch sind Hanna Lemkes Streifzüge zwischen Clubs, Kneipen, Wohngemeinschaften & Jobs auf der Höhe der Zeit – man kann sie via textunes als iPhone-App herunterladen. Wie es inhaltlich aussieht, verrät unser Rezensent Ralph Gerstenberg.

Leben im Interimszustand: Die Welt der Twenty-Somethings

Hanna Lemke ist so ziemlich das Gegenteil von Helene Hegemann. Sie veröffentlicht ihr Debüt mit Ende zwanzig, also in einem Alter, in dem das hierzulande Jungschriftstellerinnen normalerweise zu tun pflegen, sie lächelt offen auf ihrem Autorinnenfoto – kein Haar im Gesicht – und sie beschreibt das, was man als eine in Wuppertal geborene und nun in Berlin lebende Autorin, die zwischendurch am Leipziger Literaturinstitut studiert hat, nun mal kennt: die Welt der Twentysomethings, die sich in Bars und Kneipen treffen, oft zuviel trinken, miteinander rumziehen und in einer Art Interimszustand leben – noch nicht wirklich bereit, Verantwortung für ihr Leben zu übernehmen, nicht mehr unbedarft genug, einfach ihre Jugend zu genießen.

Gesichertes Einkommen & anderweitiges

Die Ich-Erzählerinnen nehmen Jobs an, die sie nicht verstehen, spüren die Anziehungskraft von Frauen und Männern, denen sie begegnen, und versuchen so etwas wie Beziehungen aufrecht zu erhalten oder aufzubauen – zu Liebhabern, zu Freunden, zu Geschwistern. Oft reden sie kaum miteinander, wie Georg, der vom Geld seiner Eltern lebt und vom Vater am Telefon gefragt wurde, ob er inzwischen „anderweitig ein gesichertes Einkommen“ hätte. „“Und was hast du gesagt?“, fragte ich. Georg antwortete nicht. „Das fand ich nett, wie der das gesagt hat“, sagte er nur. „Anderweitig ein gesichertes Einkommen.““

Woher den Erfahrungsstoff für gute Geschichten nehmen?

Doch, es gibt in den Geschichten durchaus gelungene Passagen. Auch wie der wortkarge Boris eine eingespielte Freundesclique erst analysiert und dann als Katalysator deren Reduzierung vorantreibt, ist schön beobachtet und lakonisch beschrieben. Allerdings fehlt es den Geschichten an Tragik, an Fallhöhe, an Relevanz. Sie beschreiben abgesicherte Welten, in denen das Weiterkommen vielleicht noch etwas unsicher ist, junge Leute, die ein bisschen einsam sind und ein bisschen was ausprobieren, bis sie irgendwann die sicheren bürgerlichen Bahnen einschlagen werden. Auch stilistisch bieten diese Stories nicht viel, nur die übliche Reduktion und das nicht zu Eindeutige – Dinge, die man in Leipzig lernt. Angesichts dieser Prosa spürt man ein Dilemma, in dem junge, wohlbehütet aufgewachsene Autoren und Autorinnen heutzutage stecken: Woher den Erfahrungsstoff für gute Geschichten nehmen und nicht stehlen? Und man ist fast geneigt, der Methode Hegemann zuzustimmen: Lieber eine geborgte Erfahrung als die Banalität des Normalen!

Autor & Copyright: Ralph Gerstenberg

Hanna Lemke Gesichertes E-Book Bestseller.jpg
Hanna Lemke,
Gesichertes (2010)
E-Book/ iPhone-App (textunes), 9,99 Euro
Hardcover (Kunstmann-Verlag) 17,90 Euro

Bild: Pixelio/Robson

[e-book-review] Das Leben der Anderen, nur ganz anders: Rayk Wielands Roman „Ich schlage vor, dass wir uns küssen“

rayk-wieland-schlage-vor-dass-wir-uns-kuessen-e-book-e-bestseller-textunes.gif„Die DDR hat es wirklich gegeben“, behauptet der Klappentext von Rayk Wielands neuem Roman. Doch nicht nur das Setting, auch die Story von „Ich schlage vor, dass wir uns küssen“ beruht auf einer wahren Begebenheit. Gibt es aber auch einen „Verein der unbekannten Untergrunddichter Deutschlands“? Herr W., der Held der Geschichte, ist sich nicht sicher. W.’s Entdeckungsreise in die eigene Vergangenheit können nun auch iPhone & iPod Touch-Nutzer folgen – denn bei textunes ist die E-Book-Version erschienen. Ralph Gerstenberg hat das Buch für E-Book-News rezensiert.

Mauerfall mit Zigarren & Cuba Libre

Der Mauerfall ist noch lange kein Grund, sein Glas nicht auszutrinken. So wie sich Sven Regeners Herr Lehmann auf der einen Seite der Mauer nicht von der schlichten Nachricht der Grenzöffnung vom Tresen vertreiben lässt, verzichtet auf der anderen Rayk Wielands Protagonist W. in dem autobiografischen Roman „Ich schlage vor, dass wir uns küssen“ nicht auf Zigarre und Longdrink: „An den Nachbartischen brach Enthusiasmus aus, ein Grüppchen nach dem anderen zahlte und verließ den Laden, bis ich mit meiner angerauchten Cigarre und dem frisch eingeschenkten Cuba Libre allein blieb, eindrucksvoll umstanden von zwei Serviererinnen und ihrem mich konsterniert musternden Chef hinter der Bar.“

Das lyrische Frühwerk, überliefert in der Stasi-Akte

Der 1965 geborene Autor und Journalist Rayk Wieland, der für den Mitteldeutschen Rundfunk arbeitet, musste sich – wie alle ostdeutschen Mitarbeiter des Senders – einer Stasi-Überprüfung unterziehen. Er staunte nicht schlecht, als er einen mehrere hundert Seiten starken Ordner in seinem Briefkasten fand, in dem neben zahlreichen Spitzelberichten der Briefwechsel mit seiner damaligen West-Geliebten sowie sein gesamtes lyrisches Frühwerk dokumentiert waren. In Wielands halbfiktivem Roman ist es der zum Lyrikspezialisten avancierende Oberleutnant Schnatz, der in jeder Zeile des liebestrunkenen W. staatsfeindliche Botschaften wittert.
Bald glaubt er, fündig geworden zu sein und veranstaltet mit dem Verfasser eine Art Lyriktribunal. Es geht um ein Gedicht, das an Eindeutigkeit scheinbar nichts zu wünschen übrig lässt: „Die dummen Schweine, die da thronen / In allerhöchsten Positionen / Und in den abgesperrten Zonen / Wo sie mit warmen Hintern wohnen / Und ihre Ärmelschoner schonen, / Nicht eine Zeile würde für sie lohnen.“ Doch W. weiß sich zu verteidigen. Das Gedicht bedeutete nicht das, was es bedeute. Schließlich – so W. – heiße sein Gedichtzyklus nicht umsonst: „Mögliche Exekution des Konjunktivs“. Es gehe um die Möglichkeitsform, die schließlich alles Gesagte relativiere.

Witziger Gegenentwurf zum hochmoralischen „Leben der Anderen“

Diese schwejksche Haltung ist typisch für den Protagonisten in Rayk Wielands Roman. Er ist kein Opfer, kein politischer Aktivist, sondern jemand, der jung ist, seiner Westfreundin mit ebenso pointierten wie kühnen Versen imponieren will und dadurch ins Visier der Stasi gerät. Damit gelingt Wieland ein intelligenter und witziger Gegenentwurf zu dem hochmoralischen Stasidrama „Das Leben der anderen“. In Wielands Roman „Ich schlage vor, dass wir uns küssen“, der wie der Film in den achtziger Jahren spielt, ist die Stasi ein paranoider Apparat, der sich seine Feinde selbst erfindet. Der inoffizielle Mitarbeiter, der über W. berichtet, ist kein politischer Idealist, der aus Überzeugung handelt, sondern ein Glücksspieler, Zuhälter und Betreiber von lukrativen Toilettenhäusern in der Innenstadt. Ostalgiefrei und charmant erzählt Rayk Wieland vom Untergang einer Gesellschaft, die nicht nur Oppositionelle und Mitläufer hervorgebracht hat, sondern auch Typen wie W., die im DDR-Alltag hin und wieder kleine poetische Leuchtraketen zündeten und im Nachhinein manchmal sogar als unterdrückte Untergrunddichter verklärt wurden.

Autor: Ralph Gerstenberg

Rayk Wieland Schlage vor dass wir uns kuessen E-Book textunes E-Bestseller.jpgRayk Wieland,
„Ich schlage vor, dass wir uns küssen“,
Print: Antje Kunstmann Verlag, 16,90 Euro
E-Book/iPhone-App: textunes, 9,99 Euro

[e-comic-review] Superhase auf dem iPhone: Mawils „Meister Lampe“ elektrisiert das Display

meister-lampe-mawil-e-comic-bestseller-textunesMit dem iPhone-Debüt „Meister Lampe“ aus der Feder des Berliner Zeichners Mawil ist der App Store in Sachen deutsche Independant-Comics kein unbeschriebenes Blatt mehr. Textunes, spezialisiert auf E-Books und E-Comics für Apples Edel-Handy, bringt den digitalen Comic für nur 2,99 Euro heraus (Printversion: 5 Euro). Das schwarz-weiß gezeichnete Mini-Album „Meister Lampe“ eignet sich für die Displays von iPhone und iPod ganz hervorragend. Eins dürfte klar sein: Die Hausmeister-Satire um den bebrillten Super-Hasen ist ein echter Geheimtipp für alle E-Comic-Fans.

Mawil wurde schon zum „Woody Allen der deutschen Comiclandschaft“ erklärt

Kenner der Independent-Szene wissen ja: viele Comics haben einen autobiografischen Hintergrund. Umso merkwürdiger mutete bereits Mawils (alisas Markus Witzels) erstes längeres Album „Strand Safari“ an. Hauptperson – neben vielen leicht bekleideten Teenagern – war ein kurzsichtiger, bebrillter Hase. Vielleicht nannte die Presse Mawil deshalb auch schon zum Woody Allen der hiesigen Comiclandschaft? Doch seit dem hat sich das kurzbeinige, aber langohrige Alter ego des Zeichners immer weiter emanzipiert – Super-Hasi war geboren. Erstmals durfte er in „Das große Supa-Hasi-Album“ zum verwandlungsfähigen Panel-Helden werden. Bei „Meister Lampe“ wird der Superhase endgültig zur Ausnahmepersönlichkeit: Als fest angestellter Elektriker dürfte er in einem kleinen Büro eigentlich nicht viel zu tun haben, würden nicht in seiner Gegenwart ständig technische Geräte den Geist aufgeben – und die Büromädels zu tuscheln beginnen…

Als „Sparky o’hare“ erobert der Superhase auch die englische Comic-Szene

Meister Lampe kommt durch seine unglaubliche Ausstrahlung nicht nur bei Frauen gut an, sondern brilliert auch schon auf internationalem Parkett. Gerade ist zum Beispiel eine britische Version unter dem Titel „Sparky o’hare“ gestartet. Die tragikkomische Aufarbeitung der eigenen Jugend setzt Mawil dagegen nun im hasenlosen Stil daher, ansonsten aber realistisch wie gewohnt, besonders in „Wir können ja Freunde bleiben“ und „Action Sorgenkind“. Noch mehr lesen von Mawil kann man in Comic-Magazinen wie „Stripburger“, „Renate“ oder „Moga Mobo“. Die Alben sind sämtlich beim Berliner Label „Reprodukt“ erschienen und können auch über deren Online-Shop gekauft werden – als Papierversion. „Meister Lampe“ bleibt bis auf weiteres der einzige E-Comic. Hoffentlich nicht allzu lange!

Meister Lampe Mawil E-Comic Bestseller iPhone iPod Touch.jpg
Mawil, Meister Lampe (textunes/Reprodukt Verlag 2009)
Preis: 2,99 Euro (textunes-App für iPhone&iPod-Touch),
auch erhältlich alsPaperback-Version (Reprodukt-Verlag), Preis 5 Euro

Lesen und lesen lassen: Textunes bietet E-Book plus Hörbuch für unter 10 Euro

Die Kombination E-Book plus iPhone/ipod wird für Verlage und Buchhändler immer verlockender. In den USA startete zuletzt Branchenriese Barnes&Noble eine umfangreiche iTunes-App, mit der man online E-Books direkt vom Display des Apple-Gadgets einkaufen kann. Doch auch deutsche Anbieter wie etwa Textunes entdecken mittlerweile iPhone und iPod Touch als lukrativen Absatzmarkt. (mehr …)