„Das E-Book ist so out wie Kassettenrekorder und Faxgerät“ – SZ-Feuilletonchef übt sich in Technikkritik

Die SZ gab sich kürzlich mal wieder prophetisch: „Die E-Book-Ära endet schnell“, war ein Artikel von Feuilleton-Chef Andrian Kreye betitelt. Nun wählen ja Autoren den Titel meist nicht selbst aus. Doch die ersten Sätze hauten in dieselbe Kerbe: „Wer Freunden und Verwandten einen Bärendienst erweisen will, der kauft ihnen zu Weihnachten ein E-Book“, konnte man da lesen, und wunderte sich erstmal – wie verschenkt man überhaupt elektronische Bücher? Doch gemeint war damit „eines jener Lesegeräte, die tausende Bücher abspeichern können.“ Aha! Doch warum sollte man keinen E-Reader verschenken?

„In Amerika gelten E-Books als veraltete Technologie“!?

Ganz einfach: „In Amerika gelten E-Books [d.h.: E-Reader] nämlich schon als veraltete Technologie“, wurden die Leser des Papiermediums „SZ“ belehrt. Schließlich wüsste dort, so rieb ihnen der ehemalige New York-Korrespondent Kreye unter die Nase, eigentlich jeder Fachmann, dass „sich Hersteller, Verlage und Internetshops noch nicht einmal auf ein allgemeingültiges System“ geeinigt hätten. Womit offenbar E-Book-Formate wie der sehr wohl existierende neue Standard epub gemeint waren. Aber überhaupt: außerdem sei die Batterieleistung der „Grautonschirm“-Geräte äußerst dürftig, monierte Kreye. Der eigentliche Schlager, so der Träger des „Goldenen Prometheus„, das wäre nicht der Kindle, sonder der Tablet-PC, mit dem werde das Lesen „nicht nur zum multimedialen und vernetzten Ereignis, sondern auch zum aktiven Prozess“. Was der E-Book-Kritiker dabei offenbar übersehen hatte: gerade die bunte Multimediawelt auf LCD-Displays reduziert die Akkuleistung auf ein paar Stunden bis wenige Tage. Während sie ja bei vielen „Grautonschirm“, übersetzt also E-Ink-Geräten Wochen bis Monate beträgt. Die Buchbranche mache sich aber auch angesichts des Tablets keine Sorgen: denn „Elektronik stoße immer noch an ihre Grenzen“.

„Im Prinzip ganz gut, aber nicht gut genug“

Das E-Book – also der E-Book-Reader – gehöre aber auf jeden Fall zur „Technologie einer vergangenen Zeit“, zusammen mit den Faxgeräten, Video- und Kasettenrekordern. Wer sich so gegenüber neuen Technologien aus dem Fenster lehnt, muss schon aus der Generation der Festnetztelefonierer stammen, denkt man sich beim Lesen des Artikels – denn die vorgebrachten Argumente basieren offenbar weniger auf Fakten, sondern reproduzieren das, was Kathrin Passig kürzlich als Standardargumente der Technikkritik aufgespiesst hat: die Allgemeinsplätze dieser Kritik reichen von „Wer will denn so etwas?“ (z.B. Telefon oder Tonfilm) über „Wofür soll das gut sein!?“ (z.B. Mikrochips) bis zu „Das ist eine Mode, die vorübergeht“ (z.B. Internet, Twitter, etc.). Wenn die Mode nicht vorübergeht, gibt es neue Vorwürfe – die Technologie sei zwar „im Prinzip ganz gut“ aber eben „nicht gut genug“ (E-Reader!?). Was sicherlich für den Amazon Kindle richtig ist – zugleich ist dieses „E-Book“ jedoch auch Amazons meistverkaufter Bestseller.

Ein Tipp für Technik-Kritiker: vermeiden Sie Standard-Kritikpunkte

Manche Techniken sind trotzdem nicht wegzudiskutieren, sondern etablieren sich im Alltag. Ihre Kritiker machen sich schließlich, so Passig, auch oft „Gedanken darüber, was das Neue in den Köpfen von Kindern, Jugendlichen, Frauen, der Unterschicht und anderen leicht zu beeindruckenden Mitbürgern anrichtet“. So weit wie unlängst der New Yorker Schriftsteller Alan Kaufman, der mit dem Ende der Bücher die Apokalypse („hi-tech pogrom“ und „catastrophe of holocaustial proportions“) heraufziehen sieht, geht Andrian Kreye allerdings nicht. Trotzdem sollte sich der jetztige Feuilleton-Leiter der SZ noch mal Passigs Ratschläge für Technikkritiker durchlesen, bevor er sich auf erneut auf unbekanntes Terrain vorwagt. Das einfachste sei nämlich, so Passig, man versuche „den Gebrauch der Standardkritikpunkte zu vermeiden, insbesondere dann, wenn man sich öffentlich zu Wort meldet.“ Die von ihr versammelten Einwände gegen neue Technologien seien zwar nicht automatisch unberechtigt – „es ist lediglich nicht sehr wahrscheinlich, dass man damit valide Kritikpunkte identifiziert“.