Pythagoras auf der Playstation, Duden auf dem Handy: Bildungsmesse Didacta zeigt das mobile Lernen der Zukunft

didacta-mobiles-lernen-playstation-smartphone-e-book-nintendo_dieter-schutz_pixelioEinen Blick auf die Zukunft des Lernens vermittelt momentan die Didacta in Köln. Zu den Highlights der größten deutschen Bildungsmessegehören nicht nur interaktive Whiteboards und Touch-Screen-Tische. Mobiles Lernen wird immer wichtiger: Smartphones und portable Spielekonsolen sind mittlerweile zur didaktischen Plattform avanciert. Nur E-Reader bleiben in Köln Mangelware – sie haben den Sprung von der CEBIT zur Didacta noch nicht geschafft.

Das digitale Klassenzimmer als Road-Show: heute CEBIT, morgen Didacta

Das Klassenzimmer der Zukunft sieht aus wie die Brücke des Raumschiffs Enterprise: Ein paar Schüler arbeiten an schlanken Netbooks, andere sitzen um eine bunt leuchtende Tischplatte herum, die sich bei näherem Hinsehen als horizontaler Touch-Screen-Monitor entpuppt, angetrieben von Microsofts „Surface“-Software. Das Standardmodell gibt’s für schlappe zehntausend Euro. Ein Whiteboard, also eine interaktive Tafel mit Web-Anschluss, bekommt man dagegen inklusive Software schon für drei- bis viertausend Euro. Gerade hat noch die Kanzlerin vorbeigeschaut, bald drückt Jürgen Rüttgers für ein paar medienwirksame Sekunden die High-Tech-Schulbank. Denn das digitale Klassenzimmer ist zugleich ein fliegendes Klassenzimmer. Letzte Woche CEBIT, nächste Woche schon auf der Didacta in Köln. Die größte deutsche Bildungsmesse ist nicht einfach nur ein Schaulaufen der Schulbuchverlage, sondern überhaupt ein Who-is-Who der deutschen Bildungswirtschaft.

Global Player wie Adobe, Samsung oder Nintendo entdecken die Ökonomie des Lernens

Die neuen Medien haben das Gesicht der Branche deutlich verändert – neben Microsoft zählen sich auch Unternehmen wie Adobe, Samsung oder Nintendo dazu. Wer allerdings nur an „Laptop-Klassen“ denkt oder an CD-ROMs, muss dringend mal nachsitzen. Mobiles Lernen, ein Schwerpunkt der diesjährigen Didacta, nutzt oft schon ganz andere Kanäle – zum Beispiel Handys und Spielekonsolen. Nicht jeder hat einen mobilen Computer, E-Reader sind noch spärlicher gesät, ein mobiles Telefon besitzen aber mittlerweile 95 Prozent aller Jugendlichen. „Man kann auf dem Markt schon etliche Verlagsprodukte finden, zum Beispiel zum Fremdsprachenlernen – kleine Programme, die man sich aufs Handy herunterladen kann, um zwischendurch lernen zu können. Es gibt aber auch Anbieter, die für bestimmte Fachthemen oder Zielgruppen Angebote offerieren, etwa speziell für die Abiturprüfung“, so Maciej Kuszpa, der in der Forschungsgruppe Mobile Learning an der FernUniversität in Hagen arbeitet. Da in vielen Schulen selbst Handy-Verbot besteht, eignet sich diese Plattform allerdings in vielen Fällen eher für das Lernen unterwegs oder zu Hause.

Von der CD-Rom zur Spielekonsole: Nintendo ist beim mobilen Lernen plötzlich ganz vorne

Besser Karten haben dagegen ausgerechnet die mobilen Spielekonsolen. Sie sind bei Schülern äußerst beliebt – in jedem vierten bis fünften Haushalt wird mit ihnen gespielt, zunehmend jedoch auch gelernt. Beim schlichten „Gehirnjogging“ bleibt es dabei nicht: „Viele pädagogische Inhalte, die früher auf CD-ROMs verbreitet wurden, überträgt man jetzt auf Konsolen wie etwa die Nintendo DS“, berichtet Marcel Grobe von der Mediengruppe Süddeutscher Verlag. „Besonders interessant ist das für die Nachmittagsgestaltung an Ganztagsschulen.“ Was die Konsolen so beliebt macht, ist auch ihre Kontrollierbarkeit. Auf ihnen läuft nur das, was auf dem jeweiligen Programm-Cartridge draufsteht. Ins Internet kommt man mit ihnen nicht. Neben Lernspielen wird mit den Konsolen mancherorts auch schon Sport getrieben, bewegungsempfindliche Sensormatten machen’s möglich.

Elektronische Schulbücher gibt’s schon – doch meistens in Form von CD oder Online-Ressourcen

Die neuen Medien sind jedoch im Schulbetrieb auch dort auf dem Vormarsch, wo weder Handys noch Videospiele genutzt werden – denn das gute, alte Schulbuch kommt in vielen Fällen nur noch als Paketlösung in den Ranzen: „Die Einpreisung digitaler Medien geschieht mittlerweile über beigelegte CDs oder über Download-Codes, mit denen von der Verlagshomepage bestimmte Inhalte abgerufen werden können“, so Rino Mikulic vom Didacta-Mitausrichter VdS Bildungsmedien. Der am meisten verbreitete E-Reader ist in Deutschlands Schulen somit zur Zeit immer noch ein PC oder ein Laptop. Die Bundling-Strategie von Print plus Digital hat auch wirtschaftliche Hintergründe. Die Umsätze mit selbständigen digitalen Medien seien seit den Neunzigerjahren deutlich eingebrochen, so Mikulic. Natürlich könnte es in der Zukunft auch subventionierte Lesegeräte geben – denn viele E-Reader-Hersteller setzen schließlich auch in Deutschland ihre Hoffnungen auf den Bildungsmarkt. Das Pricing dürfte dabei weitaus wichtiger sein als bei Privatkunden. Denn viele Schulträger überlegen heute auch ganz genau, ob sie Geld in neue Gerätetechnik investieren sollen. Was ein Grund dafür sein mag, dass die neue Generation elektronischer Lesegeräte nicht den Sprung von der Cebit auf die Didacta geschafft hat. Während in den USA E-Reader wie der Amazon Kindle bereits von Schulen und Hochschulen eingesetzt werden, wartet man im Leseländle lieber noch etwas ab. Was soll man auch mit E-Paper im Klassenraum, wenn nicht mal genügend Geld für Klopapier da ist?

Der wichtigste Didacta-Lerneffekt: Mit dem digitalen Klassenzimmer klappt’s auch ohne Bill Gates

Es geht allerdings auch ohne teure Geräte und ohne teure Software-Lizenzen, das zeigt die Lernplattform NRWir: „Dahinter steckt die Vision, das ein Teil des Lernens zukünftig im Netz stattfinden kann, in einer Art virtueller Gemeinschaft“, so Michael Thessel von der Medienberatung NRW. Von elektronischen Schulbüchern über die Schülerzeitung bis zum Vertretungplan – ein Großteil des digitalen Schulbetriebs könnte sich demnächst in das pädagogische Intranet verlagern. Gestärkt wurde durch NRWir auch die regionale Wirtschaft – das Modell entstand durch eine Kooperation mit kommunalen Rechenzentren. Dadurch bleibt zugleich auch die Nutzung für beteiligte Schulen äußerst kostengünstig. „Mit NRWir gibt es nun eine moderne Form von öffentlich vorgehaltener Lerninfrastruktur“, so Thessel. Auf der Didacta dürfte das am Ende der größte Lerneffekt in Sachen Neue Medien sein – mit dem digitalen Klassenzimmer klappt’s auch, wenn man kein Schulgeld an Bill Gates zahlt.

(Eine leicht gekürzte Version des Artikel ist in der taz vom 13. März 2010 erschienen.)

Bild: Pixelio/Dieter Schütz

„Mehr als ein Prototyp“ – Microsoft plant Dual-Screen-Tablet namens „Courier“

microsoft_courier_prototyp_e-readerMicrosoft plant offenbar ein Internet-Tablet mit Dual-Screen-Display. Eine aktuelle Konzeptstudie zum „Courier“ zeigt ein aufklappbares Gerät mit zwei sieben Zoll großen Farb-Bildschirmen. Bedient wird das Gerät per Touch-Screen, entweder mit den Fingern oder mit einem speziellen Tablet-Pen. Die intuitive Benutzeroberfläche nimmt Elemente der „Surface“-Software auf, die Microsoft speziell für Touch-Screens entwickelt hat. Der Courier kann auch als E-Reader genutzt werden, im Vordergrund stehen aber PDA-nahe Funktionen wie Terminplanung, E-Mail und Websurfen.

Das Courier sieht zwar aus wie ein E-Reader, ist aber eher ein High-Tech-Terminkalender

microsoft_courier_details_prototyp_2Viele Geräte-Hersteller setzten im Moment auf Dual-Screen, doch aus ganz unterschiedlichen Gründen. Barnes&Noble genauso wie Spring Design kombinieren in ihren aktuellen E-Readern Nook bzw. Alex große E-Ink-Displays mit kleineren LCD-Displays – E-Ink ist schwarz-weiß, aber kontrastreich und spart Strom, LCD erlaubt Farbe und das Abspielen von Videos. Asus geht mit dem noch für dieses Jahr angekündigten EEe-Reader sogar noch einen Schritt weiter – hier sind E-Ink-Display und LCD-Touch-Screen gleich groß. Microsoft setzt dagegen auf zwei LCD-Screens – und geht damit einen Weg, den man als konsequente Weiterentwicklung des Netbooks bezeichnen könnte: statt Tastatur gibt es einen zweiten Bildschirm. Das ganze sieht hochkant tatsächlich aus wie ein Buch – doch die vom Tech-Blog Gizmodo gestreute Konzeptstudie zeigt, dass es eher in Richtung interaktives Notizbuch oder Terminkalender/Agenda gedacht ist, und nur nebenbei auch als E-Reader genutzt werden kann. Gegen die E-Reader-Funktionalität spräche auch der hohe Stromverbrauch von LCD-Displays – normalerweise verbrauchen sie bis zu einem Drittel der gesamten Energie.

Außer Konkurrenz: Ein Dual-Touch-Display für 75 Dollar

e-reader-in-der-schule-gute-idee-aber-bitte-kein-kindle.gifZwei Microsoft-Projekte sind nach Einschätzung von Engadget in das Courier-Konzept eingeflossen: einmal die intuitive Benutzeroberfläche InkSeine, die ähnlich wie Microsoft Surface per Touch-Screen einen nahtlosen Workflow mit Texten, Bildern und Web-Inhalten ermöglicht, zum anderen ein Dual-Screen-Prototyp namens Codex. Angeblich existiert auch das Courier bereits als serienreifer Prototyp – insofern hätte Microsoft einen Trumpf im Ärmel, wenn Apple demnächst sein langerwartetes Tablet auf den Markt wirft. Vielleicht ist aber jemand anderes noch schneller: Das One-Laptop-per-Child-Projekt hat mit dem OLPC XO2 nämlich für 2010 ausgerechnet ein Gerät mit Dual-Touchscreen angekündigt: horizontal ergibt sich ein normaler Laptop, der per Touchscreen-Tastatur bedient wird. Vertikal nebeneinander könnten zwei Seiten wie in einem Buch dargestellt werden, und flach aufgeklappt dient das Dual-Touch-Display als großes Tablet, z.B. um Landkarten darzustellen. Angestrebt ist ein Preis von 75 Dollar…

[Nachtrag 9.11.09]: In Reaktion auf das Courier-Tablet hat das One-Laptop-per-Child-Projekt sein Dual-Screen-Projekt gekippt, berichtet teleread. Die Leute von OLPC wollen nun das bestehende OLPC XO als Version X03 zu einem Reader-ähnlichen Gerät mit nur einem Bildschirm ausbauen, „single sheet, completely plastic and unbreakable, waterproof, 1/4″ thick, full color, reflective and transmissive“. Schade eigentlich, das Buch-Design hat mir sehr gut gefallen…]

Microsofts Visionen für das E-Newspaper im Jahr 2019

„Sieht alles sehr nach Minority Report aus“: die digitale Zukunft à la Bill Gates kann man sich nun in einem schicken Video aus der Serie Microsoft Office Labs Visions anschauen, E-Paper inklusive. Ins Netz gestellt & kommentiert hat die Zukunftsvision Steve Clayton, Systems Engineer beim besagten Monopolisten. Im Video flimmert Eye-candy allüberall: Transparente Bildschirmwände, intuitive Touchscreens à la Microsoft Surface, Top-Down-Menüs & To-Do-Listen aus heiterem Himmel, und mit dabei: eine Zeitung aus elektronischem Papier. (mehr …)