Blinkist, ein Service für Sachbuchverschlinger: alle Inhalte, in 15 Minuten — macht das Sinn? (tl;dr: Nee.)

blinkist-schneller-lesen-serviceSpeedreading, da ist es wieder. Diesmal zum Glück nur für Non-Fiction, und nicht als Buchstaben-Schnellaufband: unter dem Markennamen „Blinkist“ werden innerhalb von 15 Minuten konsumierbare Zusammenfassungen von Sachbüchern angeboten, inzwischen gibt es diesen Service auch auf Deutsch. Also sozusagen ein Readers Digest für den Online-Leser. Jedes Kapitel wird als eigener „Blink“, übersetzt also etwa „Augenblick“, in wenigen Sätzen zusammengefasst, am Ende gibt es dann noch mal ein ganz kurzes Abstract („Kernaussage“ genannt) des gesamten Buches.

Speedreading als semantische Sackgasse

Das gute an diesem Konzept ist sicherlich, dass es nicht auf die extreme Verkürzung von Inhalten setzt, wie z.B. bei den „Sekundenbüchern“ für die Apple Watch, und genausowenig auf die Beschleunigung des Lesevorgangs à la Spritz oder Word Runner. Denn ein Kapitel lässt sich kaum in einem Tweet zusammenfassen, und wer einen 200-Seiten-Text in 30 Minuten an sich vorbeiziehen lässt, hat auch nicht viel davon, denn die zum tieferen Textverständnis notwendigen kognitiven Prozesse lassen sich auf diese Weise nachweislich nicht umgehen.

Wie wäre es mit dem Klappentext?

Das E-Book-Zeitalter legt andererseits natürlich zeitverkürzende Lektüre nahe — schließlich sind Bücher auch viel schneller verfügbar, innerhalb von Sekunden. Und beim Lesen von Webtexten sind wir auch auf das Querlesen, das „Scannen“ konditioniert. Bei längeren Texten funktioniert das aber nicht. Doch löst Blinkist das Problem durch die gute alte Digest-Methode (immerhin von Autoren geschrieben und nicht von Algorithmen)? Leider auch nicht. Wer eine gute Buchkritik liest, den Klappentext oder – via Onlineleseprobe – die Einleitung, bekommt Zusammenfassungen in weitaus besserer Qualität, bei der Einleitung auch noch in der Tonalität des Autors, bei der Rezension auch noch mit einer Einordnung des Textes in den Kontext. Und im Netz – siehe Perlentaucher – bekommen eilige Leser sogar Zusammenfassungen von Rezensionen.

E-Book-Singles als bessere Lösung

Außerdem gibt es längst ein fertiges Produkt bzw. Konzept, um Buch-Inhalte „schneller“ — was die Lesedauer betrifft — in elektronischer Form unter die Leute zu bringen: die E-Book-Singles, Texte, die man meist in 30 bis 45 Minuten konsumieren kann, wenn sie gut geschrieben sind, als eine Art Essay, dann auch mit Genuss. Einer der ersten Erfolge dieser Art war Jeff Jarvis‘ „Gutenberg The Geek“, und es gibt eine Menge Nachfolger. Wer noch ein bisschen mehr Zeit hat, kann sie auch in Mittelstreckentexte investieren, wie sie etwa Verlage à la Mikrotext oder Sukkultur anbieten.

Und wer braucht dann überhaupt Blinkist? Der Guardian hat einen möglichen Use-Case schön zusammengefasst: „it may appeal less to a time-poor, avid reader than a sweating businessman, crouched in a golf course toilet, trying to quickly brush up on his knowledge of politics or astrophysics to impress his boss.“

(via The Guardian)

No Need for Speed? Forscher meinen: Schnell-Lese-Apps machen buchstäblich keinen Sinn

spritz-speed-readingSpeed Reading scheint in die Zeit zu passen – denn die wird eben immer knapper. Schon ohne technische Hilfsmittel werden beim „Koma-Lesen“ erstaunliche Rekorde gebrochen: Der Weltrekord für die Lektüre von “Harry Potter und die Heiligtümer des Todes” liegt bei 47 Minuten. Das braucht jedoch eine Menge Training.

Text-Streaming mit Apps wie „Spritz“ oder Amazons „Word Runner“-Feature für das Kindle sollen das schnelle Lesen auch untrainierten Amateuren ermöglichen, mit Hilfe der sogenannten „Rapid serial visual presentation“ (RSVP). Statt die Augen über den Text zu jagen, strömt nun der Text am Fokussierungspunkt vorbei. Angeblich lässt sich das Lesetempo auf bis zu 750 Worte pro Minute steigern, normal sind 250 Worte.

Alles Quatsch, sagt jetzt eine Metastudie, die in der Zeitschrift „Psychological Science in the Public Interest“ veröffentlicht wurde – denn je schneller man liest, desto weniger versteht man. „Die verfügbaren wissenschaftlichen Belege zeigen, dass Geschwindigkeit und Genauigkeit eng miteinander zusammenhängen — wenn Leser weniger Zeit mit dem Inhalt verbringen, haben sie notwendigerweise auch ein schlechteres Textverständnis“, schreibt Psychologin Elizabeth Schotter (University of California, San Diego).

Der Kern des Problems hat mit dem RSVP-Konzept zu tun, das Augenbewegungen überflüssig machen soll, um Zeit zu sparen. Doch Leseverständnis wird in der Praxis vor allem auch damit erreicht, die Augen vor- und zurück zu bewegen, um kurze Passagen oder einzelne Wörter zu rekapitulieren, wenn sie beim ersten Lesen nicht richtig in den Kontext eingeordnet werden konnten. (“Don’t Believe What You Read (Only Once)“, ist nicht zufällig eine Lesestudie aus dem Jahr 2014 überschrieben). Genau das ist bei Speed Reading-Apps natürlich nicht möglich.

Dass man einen beliebigen Text zu einem zuvor unbekannten Thema also durch einmalige „kursorische“ Lektüre sofort versteht, bleibt also auch mit den gängigen Schnell-Lese-Techniken eine Größenphantasie von Möchtegern-Überfliegern. Das Gegenteil scheint zuzutreffen: je mehr man über ein bestimmtes Thema weiß, desto einfacher lässt sich ein Text „überfliegen“, in dem man die wichtigen Passagen identifiziert und den Rest überspringt.

Was auch die Autoren der Metastudie zu einer interessanten Schlussfolgerung führt: „Das einzige, was die generelle Lesefähigkeit [und damit natürlich auch das Lesetempo] boosten kann, so die Erkenntnis der Wissenschaft, ist das möglichst häufig praktizierte Lesen und Verstehen von Texten“.

(via Inc.com & The Digital Reader)

Speed Reading mit „Spritz“ – was bringt die Taylorisierung des E-Lesens?

Was „Swype“ schon jetzt für das schnelle Texten auf Smartphones bietet, soll „Spritz“ zukünftig für das schnelle Lesen ermöglichen – eine optimierte Informationsübermittlung, die mit dem klassischen Lesen sogar noch weniger zu tun hat als das fließende Hin- und Herwischen auf der virtuellen Tastatur mit dem klassischen Schreiben. „Reading is inherently time consuming because your eyes have to move from word to word and line to line“, so Maik Maurer und Jamie Locke, die Gründer von Spritzinc. Deswegen haben sie das klassische Prinzip der Lektüre auf den Kopf gestellt – nicht die Augen bewegen sich, sondern der Text wird mobil. Das Auge ruht auf einem kleinen Textfenster, Redicle genannt, und bekommt die Worte eines Artikels oder E-Books einzeln angezeigt. „With compact text streaming from Spritz, content can be streamed one word at a time, without forcing your eyes to spend time moving around the page“. Der Wort für Wort verspritzte Text hat einen weiteren Effekt: man braucht weitaus weniger Platz, die Lektüre kann auf diese Weise sogar auf einer Smartwatch stattfinden.

Dass so etwas funktioniert, konnten Kognitionspsychologen schon in den 1970er Jahren herausfinden – im Rahmen von Versuchen rund um das Thema „Rapid Serial Visual Presentation“ fanden sie heraus, dass bei idealen Bedingungen bis zu 12 Worte pro Sekunde lesbar sind, was 720 Worten pro Minute entspricht. Die Effektivitätssteigerung wird jedoch mit einem leichten Absinken der Verständnisrate erkauft – vergleichbar mit dem schnellen Überfliegen eines normalen Textes. Die Spritz-Erfinder haben diese Erkenntnisse bei ihrer patentierten Anzeigetechnik offenbar berücksichtigt. Um das Erkennen der einzelnen Wörter zu erleichtern, wird so z.B. jeweils ein Buchstabe, der dem idealen Fokussierungspunkt entspricht, rot eingefärbt. Dieser Punkt, auch „Optimal Recognition Point“ genannt, ist im Redicle immer an der selben Stelle fixiert, so dass das Auge auf ihm ruhen kann.

Wie das funktioniert, kann man auf der Spritz-Website anhand eines Probetextes ausprobieren, der einmal als normaler Artikel, parallel dazu aber im „Redicle“ gelesen werden kann. Die „Entsteh- und Vergehschrift“ im Redicle erinnert ein bisschen an einen wildgewordenen Teleprompter – doch sie prägt sich ganz intuitiv ein, fast als würde jedes Wort einzeln von einer Stimme aus dem Off vorgelesen. Die Standardgeschwindigkeit liegt bei 350 Wörtern pro Minute, und somit etwa 100 Wörter über der normalen Lesegeschwindigkeit, die man bei der Lektüre einer traditionellen Druck- oder E-Readerseite erreicht. Bei 400 Worten pro Minute funktioniert es immer noch sehr gut, selbst beim Maximum von 500 Worten. Mit steigender Geschwindigkeit muss man sich jedoch deutlich stärker konzentrieren, für längere Texte und erst recht für erzählende Literatur dürfte das Verfahren sich wohl nicht eignen.

Eine Revolution des Lesens auf breiter Front dürfte Spritz nicht auslösen, denn ähnlich wie bei einem Hörbuch ist die Orientierung im gestreamten Text sehr schwer, und die Lesegeschwindigkeit kann nicht flexibel dem jeweiligen Schwierigkeitsgrad eines Satzes oder Satzteils angepasst werden – bisher regelt man das ja ganz einfach durch die Augenbewegung. Die „Taylorisierung“ des Lesens setzt zudem eine Taylorisierung der Textproduktion voraus – ein Spritz-Text muss noch stärker als es beim Schreiben für das Web ohnehin schon üblich ist strukturell vereinfacht werden. Für bestimmte Einsatzorte kann man sich das Verspritzen von Content aber durchaus vorstellen – etwa im Rahmen von dynamischen Werbetexten, interaktiven Hinweisschildern, Texteinblendungen bei Head-Mounted-Displays im zivilen wie militärischen Bereich, oder als Lese-App für die kurz vor der Marktreife stehenden Smart Glasses & Smart Lenses.

(via Meedia)