Das beste aus beiden Welten: Bookshout-App importiert epub- & Kindle-Books

Von wegen „Niemand hat die Absicht eine Mauer zu bauen“: die E-Lese-Welt ist schon lange in zwei Hälften geteilt – epub und mobi (alias Kindle-Format). Damit hatte bisher auch die Social Reading-Bewegung zu kämpfen. Denn unterschiedliche Kopierschutz-Standards bei Amazon und dem Rest der Branche verhinderten es, alle E-Books eines Lesers in einem virtuellen Bücherregal zu vereinigen, und so neben mehr Lesekomfort auch mit anderen Lesern ins Gespräch zu kommen. Das US-Startup Bookshout betätigt sich nun jedoch erfolgreich als Mauerspecht: denn die Bookshout-App ermöglicht es, zuvor bei Amazon oder Barnes&Noble erworbene E-Books zu importieren. Auf der Frankfurter Buchmesse wurde die momentan nur für iPhone & iPad erhältliche Anwendung jetzt der internationalen Öffentlichkeit vorgestellt.

Was auf den ersten Blick fast schon nach Napster klingt, ist aber letztlich weitaus weniger subversiv. Die App arbeitet nämlich mit den offiziellen Login-Daten der Benutzer, und checkt auf den Anbieter-Plattformen zunächst, welche Bücher man bereits besitzt. Die E-Book-Daten selbst werden dann aber nicht von Amazon oder B&N gesaugt, sondern von den Servern der mit Bookshout kooperierenden Verlage. Dazu gehören bereits große Player wie Random House, HarperCollins, Macmillan sowie Wiley, mit weiteren Publishern ist man im Gespräch. Die „Zweitauslieferung“ der E-Books an den Kunden erfolgt mit einheitlichem DRM-Schutz. Letztlich wird somit natürlich recht aufwändig ein Problem umgangen, das ohne DRM gar nicht existieren würde – denn grundsätzlich ist es kein Problem, unverschlüsselte epub und mobi-Dateien parallel zu nutzen.

Nach Ansicht von Bookshout-Gründer Jason Illian werden die Rechte von Amazon und B&N bei diesem cleveren Verfahren auf jeden Fall nicht verletzt, genausowenig wie die Lizenzvereinbarungen, die man als Kunde mit diesen Unternehmen eingeht: „Das tolle daran ist ja: es handelt sich um das Buch des Nutzers. Der Kauf selbst bei Amazon oder Barnes & Noble wird nicht beeinflusst“, so Illian gegenüber dem Branchenblog PaidContent. Trotzdem weiß der Social-Reading-Entrepreneur natürlich um seine Rolle als Agent Provacateur: „Werden die versuchen, diese Lücke zu schließen? Vielleicht. Amazon ist ja bekannt dafür, sein Ökosystem zu schützen.“ Vorerst hat Bookshout aber erstmal mit ganz anderen Problemen zu kämpfen – der Import funktioniert bisher natürlich nur bei Büchern solcher Verlage, die bereits mit im Boot sind.

Völlig uneigennützig ist das Angebot der Social Reading-Plattform Bookshout ohnehin nicht. Wichtigster Investor hinter den Kulissen ist der Buch-Distributor Ingram – und die von Ingram vertriebenen Titel kann man auch im Bookshout-eigenen E-Store kaufen. Das dürfte aber auch im Interesse der beteiligten Verlage liegen. Je mehr über bestimmte Bücher in den Lese-Communites diskutiert wird, desto mehr werden sie auch gekauft – alleine schon, um bei angesagten Debatten mitreden zu können. Je nach der gewählten Privacy-Einstellung erlaubt es Bookshelf sogar, in die Regale von Freunden zu schauen. Weiterer Vorteil für die Verlage: sie erhalten durch die App wichtige Informationen über das Leseverhalten, und können ihr Verlagsprogramm besser an die Bedürfnisse der Leser anpassen.

Abb.: Screenshot

Die DNA des Erfolgs: Big Data & die Suche nach dem perfekten E-Book

Wenn 16 Graustufen und 50 Shades of Grey zusammentreffen, kann so einiges passieren. E-Books haben der Buchbranche eine bisher ungekannte Markt-Dynamik beschert – plötzlich gibt es nur noch zwei Größen, den Content und die LeserInnen, und dazwischen das Internet. Umso wichtiger wird es natürlich zu wissen, welche Lektüre beim Publikum besonders gut ankommt. Hier kommt Big Data ins Spiel – denn dank vernetzter Lektüre auf E-Readern, Tablets und Smartphones lässt sich das Leseverhalten immer besser analysieren. Zu den besonders innovativen Akteuren auf diesem Gebiet gehört Hiptype. Das US-Startup bietet ein Plugin für E-Books an, mit dem Verlage dem Durchschnitts-Leser quasi über die Schulter schauen können. Welche Kapitel werden besonders häufig gelesen, welche Gruppen lesen überhaupt welche Bücher? Aus den (anonymisierten) Daten lassen sich dann natürlich Rückschlüsse ziehen, wie ein erfolgreiches Verlagsprogramm aussehen muss.

Großes Vorbild beim Publizieren 2.0 ist für Hiptype-Mitgründer James Levy die Online-Postille Huffington Post: „Dort hat man das daten-gestützte Publishing in voller Breite eingesetzt. Das HuffPo-Team hat mit unterschiedlichen Überschriften oder Abbildungen experimentiert, und eigene Analysetools entwickelt, um Zugriffsquellen, Lesedauer oder Absprungraten zu messen. Mit der Quantifizierung des Leserverhaltens konnte der Wert jeden einzelnen Seitenbesuchers bestimmt werden.“ Am Ende habe die HuffPo sozusagen den genetischen Code für eine erfolgreiche News-Website besessen, und darauf ihr Geschäftsmodell aufgebaut.

In einer aktuellen Infografik hat Hiptype einige Eckdaten für die perfekte E-Book-DNA zusammengestellt. Die Erkenntnisse dürften sich gerade auch für Self-Publishing-Autoren lohnen, die ein neues Buchprojekt planen. So haben etwa Bestseller mit weiblichem Protagonisten eine insgesamt 40 Prozent höhere Erfolgschance. Zielt man jedoch vor allem auf männliche Leser, garantiert unter ihnen ein männlicher Hauptdarsteller immerhin zehnmal mehr Interesse. Eine ebenso wichtige Rolle spielt jedoch das Thema. Frauen lesen laut Hiptype vor allem Herzschmerz-Stories, erotische Romane und Kochbücher, Männer bevorzugen historische Sujets, Science-Fiction sowie Do-it-yourself-Ratgeber.

Aber vorsicht: man kann letztlich über alles schreiben, aber besser nicht über 375 Seiten. Überhaupt steigt den Daten des US-Startups zufolge bereits ein Drittel aller Leser bis Seite 50 aus. Wie schnell gelesen wird, ist übrigens auch eine Altersfrage. Die unter Vierzigjährigen schmökern im Durchschnitt 48 Seiten pro Stunde weg, ältere Semester dagegen nur 33 Seiten pro Stunde. Dafür lesen die Senioren aber auch doppelt so viele Bücher zu Ende, und schaffen insgesamt auch fast doppelt so viele Seiten. Zentrales Kaufargument bleibt am Ende auch der Preis – E-Books für 99 Cent werden 12 mal so häufig gekauft wie teurere Titel. Das meiste Geld verdient wird jedoch mit E-Books zum ebenfalls erstaunlich niedrigen Preis von 3,99 Dollar. (Ob das weltfremde E-Book-Pricing in Deutschland am Ende mit schadhafter DNA der Verleger zusammenhängt?)

Abb.: Hiptype

„Was liest du gerade?“: Readmill will Soziales Lesen neu erfinden

„Was liest du gerade?“: Im Strom der sozialen Medien sind längst auch schon die Lektüre-Erebnisse von E-Book-Nutzern eingemündet. Anbieter wie Amazon, Kobo oder textunes haben Social Reading-Elemente in ihre Lese-Apps integriert. Mit ihnen lassen sich Zitate, Markierungen oder Kommentare mit Freunden teilen. Der schwedische Startup-Unternehmer Henrik Berggren findet jedoch: Bücher haben mehr verdient als bloße Status-Updates bei Facebook und Twitter, und Leser brauchen einen festen Ort zum Gedankenaustausch. Berggrens Lösung heißt Readmill – eine offene Plattform, in der zukünftig alle Social Reading-Ströme zusammenfließen sollen. Zur Zeit läuft die geschlossene Beta-Testphase, in Kürze wird jedoch der offizielle Start erwartet.

Am Anfang stand ein vollgekritzeltes Ulysses-Exemplar

Am Anfang der Readmill-Story steht das gedruckte Wort – genauer gesagt eine Ausgabe von James Joyces ‚Ulysses‘. Berggren endeckte das mit Randglossen vollgekritzelte und Notizzetteln gespickte Exemplar bei einem Besuch der Flickr-Gründerin Caterina Fake. Daraus entstand eine Idee: „Start building a platform that makes it easy for people to share what they think about books, regardless if they are using a Kindle, iPad, Nook, smartphone or any other reading device.“ Das war 2010. Ein Jahr später ist Readmill nicht mehr nur ein Gedankenblitz, sondern ein veritables Startup mitten in Berlin, für Berggren und seinen Mitstreiter David Kjelkerud „the best European start-up hub right now“. Startkapital gibt’s mittlerweile auch zur Genüge – kürzlich gab Readmill bekannt, eine Investor-Finanzspritze von 300.000 Dollar erhalten zu haben.

Readmill-App für das iPad

Wie gut Readmill bereits funktioniert, konnten in den letzten Monaten bereits mehr als 10.000 Beta-Tester weltweit ausprobieren. Im Zentrum steht dabei Readmills eigene E-Reader-App für das iPad. Neben einer komfortablen Leseansicht bietet sie zahlreiche Socializing-Elemente – so lassen sich etwa interessante Passagen highlighten und mit der Readmill-Community teilen. Jedem Zitat wird auf der Readmill-Website eine eigene Unterseite zugeordnet. Dort wiederum können (Mit-)Leser ihre Kommentare hinterlassen. Transparent gemacht wird auf dem persönlichen Readmill-Profil aber auch, welche Bücher man gerade liest und wieweit man bereits gelesen hat. Immer wieder kommen neue Facetten hinzu – neuerdings experimentieren die Readmill-Macher mit einer Art Timeline namens „Bookreport“, auf der die Leseaktivitäten zeitlich und räumlich verortet werden. Ins Netz einspeisen lässt sich dank der Android-App ReadTracker sogar die Offline-Lektüre von Readmill-Lesern.

Bookmarks bleiben im Besitz der Leser

Der Erfolg des Berliner Startups wird wohl auch davon abhängen, ob Gatekeeper wie Amazon oder Apple die firmeneigenen Social-Reading-Kanäle in Richtung offener Plattformen wie Readmill öffnen. Bisher setzt das Readmill-Konzept E-Books ohne DRM voraus – somit beschäftigen sich die digitalen Lesezirkel oft mit Klassiker-Lektüre. Mit von der Partie sind aber auch Gegenwartsautoren wie etwa Cory Doctorow, die ihre Werke unter einer Creative Commons-Lizenz veröffentlichen. Über Dropbox werden solche DRM-freie epub-Dateien ganz einfach in die iPad-App importiert. Die Readmill-Macher haben sich erklärtermaßen die Prinzpien des Open Bookmark-Projekts zu eigen gemacht, wozu unter anderem die Forderung gehört, dass nicht nur E-Books, sondern auch Lesezeichen und Anmerkungen dem Leser gehören sollen und dort geteilt werden dürfen, wo man es wünscht. Bei kommerziellen E-Books sieht das zur Zeit leider völlig anders aus. “Wenn er sich ein E-Book kauft, lädt er es nicht etwa auf einen Kindle, sondern crackt es erst einmal: Er entfernt den Kopierschutz, mit kostenloser Software wie etwa Calibre“, konnte man über Berggren diese Woche in einer Spiegel-Reportage zum Thema Social Reading lesen.

Kobo kommt nach Deutschland: neue Apps, neuer Store, Touch Reader

Erst kommen Apps und E-Books, dann der Reader: kobobooks.de geht heute online. Mit mehr als 80.000 deutschsprachigen Titeln ist der Store des gleichnamigen kanadischen Anbieters gut gefüllt. Im App Store wartet zudem die deutsche Version der Kobo-App, inklusive Social-Reading-Funktionen („Reading Life“). In Kürze soll auch eine sprachlich angepasste Version des neuen Kobo-Readers erhältlich sein. Technisch ist Kobos aktuelles Lesegerät sogar dem Kindle überlegen, denn es kombiniert kontraststarkes Pearl-E-Ink mit Infrarot-Touch-Technologie.

E-Book-Markt neu buchstabiert

Klingt japanisch, kommt aber aus Kanada: Kobo ist ein Anagramm für „Book“. Und hat ab jetzt auch etwas mit dem deutschen E-Book-Markt zu tun. Knapp zwei Monate nach dem Start des Kindle-Stores auf Amazon.de betritt damit nun auch die Nummer drei im amerikanischen E-Book-Business die Arena. Fehlt eigentlich nur noch Barnes&Noble. In den USA wird Kobos hochwertige Reader Touch Edition für 130 Dollar verkauft, liegt also gleichauf mit Amazons Kindle. Analog zu dieser Strategie wäre in Deutschland ein Preis von 139 Euro zu erwarten. Es dürfte also spannend werden auf dem deutschen E-Book-Markt – vor allem, weil Kobo nicht allein einen technischen Trumpf in der Hand hält.

Schöne E-Reader & soziales Lesen

Schon von Anfang an setzten die Kanadier nämlich auf besonders ansprechendes Gerätedesign und ausgesprochen schön gestaltete grafische Benutzeroberflächen. Dazu kam dann 2010 mit „Reading Life“ ein cleveres Konzept zum Sozialen Lesen, das bereits auf der individuellen Nutzer-Ebene ansetzt. Das persönliche Leseverhalten wird aufwändig visualisiert, als Incentives werden für verschiedene Leseleistungen „Awards“ verliehen. Über die sozialen Netzwerke kann man die eigenen Leserfahrungen dann aber auch mit der Community teilen. Gerade im Leseland Deutschland, das via Buchpreisbindung den Wettbewerb stark einschränkt, besitzen solche Alleinstellungsmerkmale besondere Bedeutung.

Erst Deutschland, dann der Rest

Nicht vergessen darf man natürlich auch, dass Kobo den Branchenstandard epub unterstützt. Wer auf den Kobo-Reader umsteigt, hat also keine Format-Probleme. Neben aktuellen E-Book-Titeln findet man im Kobo-Store ähnlich wie bei Amazon eine ganze Menge kostenloser Klassiker. Wie beim Kindle umfasst das „Ökosystem“ des kanadischen Anbieters via Apps zudem bereits zahlreiche mobile Geräte von iPad & iPhone über die Android-Welt bis zum PlayBook von BlackBerry (für letzteres ist die deutsche App zumindest angekündigt). Für Kobo ist der Deutschland-Start nur der Auftakt für den Aufbau einer breiten europäischen Präsenz: lokalisierte Angebote von E-Stores, Apps und Readern sind auch in Spanien, Frankreich, Italien und den Niederlanden geplant.