Im kirschroten Silo der Literatur: Wenn Self-Publisher & Verlage erfolgreich zusammenarbeiten

Hugh Howey hat alles erreicht, wovon Self-Publishing-Autoren träumen: erst wurde seine Sci-Fi-Romanserie „Wool“ zum E-Book-Bestseller, dann kaufte 20th Century Fox die Filmrechte, nun bringt der renommierte US-Verlag Simon&Schuster die gedruckte Fassung der Originalversion heraus. Die deutsche Übersetzung unter dem Titel „Silo“ kann man ab 2013 ebenfalls auf Papier lesen, sie wird bei Pipererscheinen, während die E-Book-Serie bereits vom Berlin-Verlag herausgebracht wurde. Die E-Book-Rechte des englischen Originals bleiben dagegen auch weiterhin beim Autor – was sich als äußerst lukrativ erweisen dürfte: „Wenn Simon&Schuster die Printversion mit ihrer Marketingmaschine zwei Millionen mal verkaufen, heißt das vielleicht auch, dass Howey selbst eine halbe Million, vielleicht sogar 700.000 E-Books zusätzlich absetzen kann“, so E-Publishing-Experte Mike Shatzkin. „Die Nachricht wäre dann: große Verlage können etwas, was Autoren selber nicht schaffen, und auch Amazon nicht. Das würde es leichter machen, andere Schriftsteller davon zu überzeugen, nicht alle Rechte zu behalten, weil sich über eine Verlagspublikation ein deutlicher Mehrwert erwirtschaften lässt.“

„Die alten Annahmen über Indie-Bücher sind ungültig“

Die Story von Wool erinnert ein wenig an „Hunger Games“: In Howeys postapokalpytischem Sci-Fi-Thriller leben die restlichen Menschen allerdings nicht oberirdisch, sondern in einem riesigem unterirdischen Bunker, genannt das „Silo“. Als schlimmste Strafe gilt es, in die lebensfeindliche Außenwelt verbannt zu werden. Die erste Folge von Wool kam im Sommer 2011 als Kurzgeschichte im Kindle-Store heraus. Motiviert durch viele positive Reviews veröffentlichte Howey dann in den folgenden Monaten weitere vier Teile. Die als „Omnibus Edition“ ebenfalls via Self-Publishing vermarktete Gesamtausgabe wurde wiederum zum Bestseller. Wie beliebt Wool beim Publikum ist, zeigen fast 700 Rezensionen und eine Bewertung von 4.9 von 5 Sternen. Überzeugt sind aber auch die professionellen Kritiker von Wired.coms GeekDadReview: „Die alten Annahmen über Indie-Bücher sind nicht länger gültig, Leser müssen ihre (Vor-)Urteile den neuen Gegebenheiten anpassen. Die Omnibus-Ausgabe von ‚The Wool‘ ist ein großartiges Buch und verdient Anerkennung als ein vollwertiger Beitrag zum Science-Fiction-Genre.“

„Kirschroter Sommer“: Rowohlt schätzt Indie-Autoren

Die wachsende Bedeutung der Self-Publishing-Literatur hat mittlerweile auch große deutsche Verlage auf den Plan gerufen. Bestes Beispiel ist der jüngste Coup von Rowohlt – die Hamburger schnappten sich die Rechte für „Kirschroter Sommer“ von Carina Bartsch, und bringen ihn Anfang 2013 parallel mit dem Nachfolgeroman „Türkisgrüner Winter“ gedruckt heraus. Die Backstory kommt bekannt vor: Anfänglich erntete das ambitionierte Liebesroman-Debut der jungen Autorin nur Absagen. Dann gründete Bartsch kurzerhand das Indie-Label „Schandtaten Verlag“, brachte ihr Werk selbst heraus, und landete einen Bestseller. Im Kindle-Store erreichte „Kirschroter Sommer“ die Top 10. Plötzlich änderte sich die Situation: „Keiner wollte es, das akzeptierte ich, und wie man sah, ging es auch ohne. Nun ja, ich habe wohl unterschätzt, wie viel Aufmerksamkeit Erfolg doch mit sich bringt. Auf einmal kamen die Verlage nämlich auf mich zu“, schreibt Bartsch auf ihrem Blog. Mit Hilfe eines Literaturagenten wurde am Ende der Deal mit Rowohlt daraus. Mit interessanten Details: Die E-Book-Version wird nämlich auch weiterhin im Selbstverlag erscheinen. Für in der Wolle gefärbte Self-Publisher könnte diese Doppelstrategie in Zukunft durchaus zur goldenen Regel werden.

Abb.: Gari Baldi/Flickr

Verlagsbranche bremst Kindle aus: E-Books erscheinen mit 3 Monaten Verspätung

Bild_flickr_CarbonNYC.jpgErst Hardcover, dann E-Book, dann Taschenbuch: Führende US-Verlage wollen ab 2010 die Erstveröffentlichung von E-Books auf dem Kindle für drei Monate hinausschieben. Sowohl Simon&Schuster wie auch die Hachette Book Group haben entsprechende Pläne angekündigt. Sie wollen damit verhindern, dass Romane ihrer Bestseller-Autoren von Anfang an zu dem von Amazon durchgesetzten Schwellenpreis von 9,99 Dollar zu haben sind.

Nicht E-Books, sondern Hardcover-Ausgaben sind bisher die Cash-Cow der Verlage


E-Books auf dem Amazon Kindle haben sich in den USA zum echten Schlager entwickelt – mittlerweile kommen auf 100 verkaufte Print-Bücher fasf fünfzig elektronische Versionen. Für viele große Verlage wird dieser Erfolg allerdings zum Ärgernis – sie fürchten um die Einnahmen, die sich mit hochpreisigen Hardcover-Versionen erzielen lassen. Viele Neuerscheinungen mit steifem Rücken gehen traditionell für 20 bis 30 Dollar über den Ladentisch. Für E-Books hat Amazon dagegen den niedrigen Schwellenpreis von 9,99 Dollar durchgesetzt. Mittlerweile gehen selbst Bestseller wie Dan Browns Freimaurer-Thriller Lost Symbol gleichzeitig als Hardcover und E-Book an den Start. Nun wollen allerdings zwei große Verlage ausscheren: Simon&Schuster wie auch die Hachette Book Group treten kräftig auf die Bremse. „Der richtige Platz für das E-Book ist nach der Hardcover-Ausgabe und vor dem Taschenbuch“, so Carolyn Reidy, Vorstandschefin von Simon & Schuster gegenüber dem Wall Street Journal. Drei Monate sollen die Leser in Zukunft warten, bevor sie einen Bestseller auch auf ihren E-Book-Reader laden können.

„Wir müssen jetzt handeln, bevor zu viele E-Reader auf dem Markt sind“


„Natürlich werden einige Leser enttäuscht sein“, räumte Reidy gegenüber dem Wall Street Journal ein. Und legte eine etwas abenteuerliche Begründung nach: „Es ist aber leider so: die E-Book-Verkäufe boomen, und es kommen immer mehr Reader auf den Markt. Deswegen müssen wir jetzt handeln, sonst werden so viele Geräte auf dem Markt sein, dass dieser Schritt nicht mehr möglich ist.“ Tatsächlich dürften allein in diesem Jahr wohl bis zu drei Millionen E-Reader in den USA verkauft worden sein. Der E-Book-Anteil am gesamten Buchmarkt liegt in den USA allerdings bisher erst bei etwa einem Prozent. Die Verlage übertreiben aber offenbar gerne ein bisschen:
„Wir tun das nur, um unsere Branche zu erhalten“, so David Young, Vorstandschef von Hachette. „Ich kann mich ja nicht einfach zurücklehnen und untätig zuschauen, wie über Jahre aufgebaute Autoren plötzlich zu Dumping-Preisen über den Tresen gehen.“ Ob das im Interesse der Autoren liegt, bleibt aber zweifelhaft: denn gerade Bestseller lassen sich natürlich als E-Book in kurzer Zeit in viel größeren Dimensionen absetzen als Print-Ausgaben. Es handelt sich hier wohl um eines der Rückzugsgefechte des Gutenberg-Zeitalters. Wie mächtig die Beharrungskräfte sind, zeigt nicht zuletzt das deutsche Beispiel. Im hiesigen Leseland wären viele Kunden froh, wenn es drei Monate nach dem Erscheinen der Hardcover-Ausgabe eine epub-Version zum Download gäbe. Bisher heißt die Reihenfolge zumeist: Erst Hardcover, dann Taschenbuch, und dann irgendwann E-Book.

Verlage lernen von iTunes: Simon&Schuster verkauft E-Books kapitelweise

verlage-lernen-von-itunes-simonschuster-verkauft-jetzt-e-books-kapitelweise_bild_pixelio_hofschlaegerE-Books von Simon&Schuster kann man ab jetzt auch kapitelweise kaufen. Die neue E-Commerce-Lösung wird mit Sachbüchern aus dem Bereich Medizin und Gesundheit ausprobiert: wer auf der „Ask Doctor Oz„-Seite die Antwort auf eine medizinische Frage in einem bestimmten Text findet, kann das betreffende Kapitel herunterladen und spart Geld. Das erfolgreiche Vorbild ist iTunes: in Apples Online-Store kann man zu günstigen Preisen einzelne Songs herunterladen.

Lernen von der Musikindustrie: das E-Book-Kapitel ist die „Single“ der Buchbranche

Wer sagt denn, dass die Verlage nicht doch von der Musikindustrie lernen? Der Preis für ein ganzes Album ist vielen zu hoch, doch wenn man sich für 99 Cent genau den Song herunterladen kann, den man hören möchte, ist das ein faires Angebot. Lange Zeit wurden schließlich auch mehr Singles als LPs verkauft. Nun steigt der amerikanische Verlag Simon & Schuster in das Geschäft mit „ausgekoppelten“ E-Book-Kapiteln ein – eine gute Idee. Zumindest für die gewählte Sparte: Sachbücher haben eine thematische Gliederung, die das Auskoppeln sinnvoll erscheinen lässt. Außerdem ist das gesamte Werk oft so teuer, dass man vor dem Kauf zurückschreckt. Die Wahl traf hier eine Ratgeber-Serie der telegenen Star-Ärzte Mehmet Oz und Micheal Roizen. Oz wurde äußerst populär durch regelmäßige Fernsehauftritte etwa in der Oprah-Winfrey-Show. Auch im Internet ist Oz mit einer aufwändig gestalteten Service-Seite präsent. Ein spezielles Web-Widget auf der Ask Dr. Oz-Website erlaubt nun den Kauf einzelner Kapitel seiner Ratgeberreihe zum Preis von 2 bis 3 Dollar. Die Kapitel-Option gibt es nur direkt auf der Oz-Site – hinter der ShareCare Inc. steht. „Hier öffnet sich eine ganz neue Welt der Möglichkeiten für die Distribution und den Verkauf digitaler Möglichkeiten“, so Simon & Schusters Medien-Chef Ellie Hirschhorn. „Unser Plan ist, den kapitelweisen Verkauf mit Hilfe des E-Commerce-Widgets nun auch auf andere Bereiche auszudehnen.“

Why some ideas survive and others die…

Ganz neu ist die Idee freilich nicht: Eine ähnliche Strategie hat im Jahr 2008 schon das Verlagshaus Random House verfolgt, sinnigerweise mit dem Bestseller von Dan&Chip Heath „Made to Stick„, Untertitel: „Why Some Ideas Survive and others Die“. Die Idee hat bisher überlebt, aber richtig lebendig ist sie nicht. Das zeigt auch der Blick nach Europa.
Im deutschsprachigen Raum ist das neue Kapitel im E-Book-Publishing nämlich schon aufgeschlagen worden. Vor allem kleinere Anbieter wie ciando.de und exlibris.ch werben mit dem kapitelweisen Verkauf von Fachbüchern. Es gibt jedoch ein großes Problem: Bisher spielen nur wenige Verlage mit, so dass die Zahl „Single-Auskopplungen“ noch sehr überschaubar ist (siehe Beispiel). Das ist schade, denn als Marketing-Instrument sollte man das Aufsplitten von Content nicht unterschätzen. Bis zum echten iTunes für E-Books ist es offenbar noch ein weiter Weg…

Bild: Pixelio/Hofschlaeger