[book-review] Mordje Marx Moos, oder: Korrektur eines Familienportraits

Das habe ich nicht gewusst! Das haben wir nicht gewusst! In der Nachkriegszeit wurde kaum ein Satz im familiären Zusammenhang stärker strapaziert. Umso verblüffender, wenn dieselben Worte im 21. Jahrhundert plötzlich in einem Dokumentarfilm auftauchen, der den Titel “Auf der Suche nach dem letzten Juden in meiner Familie” trägt. Die Berliner Dokumentarfilmer Peter Haas und Silvia Holzinger wollten es wissen: sie haben über fünf Jahre und sieben Länder hinweg die biografischen Spuren des Großvaters Eduard Haas verfolgt, geboren 1884 in Trier, ermordet 1942 in Buchenwald.

„Auf dem Bild fehlen Personen, es stimmt nicht“

Auftakt der Dreharbeiten bildet ein Familientreffen im Jahr 2009, das erstmals die Mitglieder der weit verstreuten Verwandtschaft wieder zusammenbringt. Zugleich wird es zum Anstoß der vertieften Recherche. Denn mit dieser Familienaufstellung ist Peter Haas nicht einverstanden. In “Mordje Marx Moos”, dem Buch zum Film schreibt er: “Unwillkürlich denke ich: Das Bild stimmt nicht, es gaukelt eine Normalität vor, die es nicht gibt … Auf dem Bild fehlen Personen, es ist unvollständig”

Der Eindruck einer ganz normalen, inzwischen römisch-katholischen Familie, von der Elterngeneration bis zum Grad der Selbsttäuschung aufrecht erhalten, basiert eben unter anderem auf der Ausrottung der jüdischen Verwandschaft durch die Nazis. An der Vergangenheit vor 1945 wagt (fast) niemand zu rühren.

Making-Of inklusive: Doku- plus Meta-Fiktion

Dabei liegen die Spuren der Geschichte gar nicht mal so verborgen, wenn man nur hinschauen möchte. Recht schnell landen Haas und Holzinger in Hottenbach, einem kleinen Dorf mitten auf dem Hunsrück. Der Besuch eines überwucherten jüdischen Friedhofs bringt unter vermoosten Grabsteinen immer wieder den Namen Haas zum Vorschein. Der Besuch bei einer Heimatforscherin belegt: genau hier wurde zu Napoleons Zeiten aus einem Mordje Mendel, Sohn von Mendel Marx, ein amtlich registrierter Benjamin Haas. Zur Auswahl standen auch Namen wie Jacoby, Wolf oder Moos.

Wäre die deutsche Geschichte an mindestens zwei Stellen anders abgebogen, könnte Peter Haas auch Mordje Marx Moos heißen. Der Titel des Buches ist Programm: immer wieder wird nicht nur familiäre Geschichte rekonstruiert, sondern auch fingiert, um Leerstellen mit möglichen oder wahrscheinlichen Details zu füllen. “Mordje Marx Moos” ist also Doku-Fiktion, zugleich aber Meta-Fiktion, denn man begleitet die Erzähler bei den Recherchen, die den Plot erst möglich machen.

Immer wieder treiben dabei Zufälle die Handlung voran, fast wie bei einer klassischen Schatzsuche tauchen neue Hinweise auf, verloren geglaubtes Material, Umwege führen überraschend zum Ziel.

Topografische Zufälle, historische Abgründe

So stellt sich heraus: Das ehemalige Haus des Großvaters, der bis zur Wirtschaftskrise 1929 eine Drogerie führte, steht noch mitten in Trier. Es wurde nie zerstört, aber baulich stark verändert, und beherbergt heute, wie passend, ein Kino. Am Ende wird dort auch die Premiere des Films stattfinden. In Schweden wiederum, Fluchtort für einen Teil der Familie, findet sich ein Koffer voller wertvoller historischer Dokumente, verwandtschaftliche Bezüge verweisen auf eine unbekannte Lyrikerin namens Elise Haas und auf … Karl Marx.

Andere Wege führen in historische Abgründe. Im Gebäude des Berliner Brüdervereins, wo Großvater Eduard Haas in den goldenen Zwanzigern mit seiner aus Posen stammende erste Frau den Hochzeitswalzer aufs Parkett legte, residierte nach 1933 ausgerechnet Adolf Eichmann. Und der Name des Großvaters, so stellt sich heraus, taucht im Jahr 1942 an prominenter Stelle in den staatspolizeilichen Meldungen des Reichssicherheitshauptamtes auf – im Zusammenhang mit der Organisation “illegaler Fluchthilfe”. Wenige Monate später erhält die Witwe Post vom Lagerkommandanten aus Buchenwald: ihr Mann ist „verstorben“, “gegen die Ausfolgung der Urne bestehen keine Bedenken”.

“Mordje Marx Moos” ist nicht einfach nur ein Buch zum Film, sondern enthält ganz dem Trend zum Transmedia Storytelling folgend auch viel neues Material und zusätzliche Erzählstränge. Zugleich findet der Text aber auch eine ganz eigene Bildsprache, man kann das Buch wirklich – wie im Klappentext behauptet – als “literarisches Debüt” von Haas und Holzinger bezeichnen.

Das Zittern der hellen Kreidelinie

Über die Abfahrt zu den schwedischen Verwandten der Familie Haas von Rügen aus heißt es z.B.: “Während die Fähre sich vom Festland entfernt, nimmt das Deck die Schwingungen der Dieselaggregate und den Wellengang der Ostsee auf, sodass unser Stativ vibriert und die Kamera nichts als Erschütterungen aufnimmt. Ich zeichne das Zittern der hellen Kreidelinie seismografisch auf, den bröckelnden Saum Deutschlands, an welchem halbe Buchenwälder ins Meer stürzen und das Land für immer verloren geht”.

Eigene Wege gehen die Autoren-Filmer auch bei der Vermarktung – den Doku-Streifen gibt es nur live auf einer Filmtournee quer durch Deutschland zu sehen, so möchte es die Familie. Das Buch wiederum erscheint Print Only, herausgegeben im Eigenverlag. So möchten es Haas und Holzinger (vgl. das Interview auf E-Book-News): “Der Film ist nicht anders als die brüchige Erinnerung, von der er erzählt. Wenn der Film wieder verschwunden ist, bleibt wenigstens das Buch. Verknappung macht die künstlerische Arbeit wieder ein Stück wertvoller”.

Hinweis: „Mordje Marx Moos“ ist im Eigenverlag erschienen, ebooknews press – das Verlagslabel von E-Book-News – leistet Vertriebsunterstützung und tritt als Wiederverkäufer auf, deswegen kann man das Buch auch direkt in unserem E-Store kaufen (s.u.).


Silvia Holzinger & Peter Haas,
Mordje Marx Moos
Taschenbuch, 230 Seiten
14,90 Euro (lieferbar via ebooknews press)

Print only plus Live-Performance: „Verknappung macht künstlerische Arbeit wertvoller“

„Mordje Marx Moos“ von Silvia Holzinger & Peter Haas, das klingt fast so, als gäbe es einen neuen Stern am Himmel des Regio-Krimis. Was das Berliner Dokumentarfilmer-Paar zunächst im Film, nun auch im Buch zum Film erzählt, hat allerdings mit der Vorgeschichte und den Auswirkungen eines sehr realen Mordes zu tun. Bei der „Suche nach dem letzten Juden in meiner Familie“, so der Filmtitel, geht es um die Geschichte von Eduard Haas, den Großvater von Peter Haas, von den Nazis 1942 im KZ Buchenwald ums Leben gebracht. Buch und Film sind deutlich persönlicher als alles, was die beiden Filmemacher bisher angepackt haben – dem Prinzip der konsequenten Direktvermarktung, wie sie es in ihrem Ratgeber „Kann man denn davon leben“ beschrieben haben, folgen Holzinger & Haas aber auch jetzt. Mehr dazu im folgenden Interview, das ich mit Peter Haas anlässlich des Buch-Launchs in dieser Woche geführt habe.

E-Book-News: Seit einiger Zeit tourt ihr mit eurem neuen Film „Auf der Suche nach dem letzten Juden in meiner Familie“ (siehe Terminübersicht) durch Deutschland. Nun gibt es auch das Buch zum Film – was wird darin erzählt, wie unterscheidet es sich vom Doku-Film? Und wie kommt der ungewöhnliche Titel „Mordje Marx Moos“ zustande?

Peter Haas: Das Buch ist zum Film komplementär, hier liegt der Schwerpunkt auf den historischen Forschungen und unserer Recherchereise durch immerhin 7 Länder und 5 Jahre. Der Titel ist ein Spiel mit den Namen, die auch meine hätten sein können. Das wird aber schon in den ersten Kapiteln aufgeklärt.

Unsere Recherche umfasste irgendwann etwa 5.000 Aktenseiten und Bilder, die für den Film natürlich zu umfangreich waren. Daher mussten wir noch das Buch verfassen, damit unser Archiv Verwendung findet. Familienforschung kann sehr kompliziert sein, nicht nur wegen der vielen Funde und Versatzstücke, die wir in Archiven fanden, sondern auch wegen der eigenen Familie. Davon handelt unter anderem der Film.

„Mordje Marx Moos“ macht einen sehr professionellen Eindruck:  gut gemachtes Cover, Qualitätspapier, stabile Bindung, ansprechendes Layout. Ihr seid aber Self-Publisher. Wie habt ihr das hinbekommen?

Danke für die Blumen! Ja, diesmal haben wir versucht, alte Self-Publishing-Fehler zu vermeiden. Wir haben in ein professionelles Lektorat investiert, unsere Lektorin Heide Reinhäckel hat den gesamten Entstehungszeitraum des Buches begleitet und unsere Texte kapitelweise lektoriert. Das hat uns enorm weitergebracht. Stattdessen haben wir bei diesem Buch das Cover selbst layoutiert, wir konnten ein alternatives Filmplakat verwenden, da haben wir einiges eingespart. Natürlich gibt es einen professionellen Satz mit InDesign, auch hier haben wir uns verbessert. 

Bindung, englisch Broschur, das weiche Papier, das hat schon ein wenig gekostet, aber wir glauben, dass unser Buch diese Kosten wieder einspielt. Wir wollten unbedingt vermeiden, dass unser Buch in irgendeiner Weise „schlechter“ wirkt, als ein herkömmliches Verlagsprodukt. Aber schliesslich drucken wir in den gleichen Druckereien, wie Verlage, wir kooperieren mit den selben Lektoren, haben mit den gleichen Tools den Satz gemacht. Wie soll man ein Buch dann noch vom Verlagsbuch unterscheiden? Wir hatten sogar ein Korrektorat, heute keine Selbstverständlichkeit.

Ihr verkauft auch euer neues Buch konsequent über den Weg der Direkvermarktung, die Startauflage beträgt 1.000 Stück. Nun sagt sich Direct-to-Customer sehr leicht. Aber was bedeutet das konkret für euren Alltag? 

Wir haben eine gut organisierte Filmtour mit unserem Dokumentarfilm „Auf der Suche nach dem letzten Juden in meiner Familie“. Die Tour und die Aufmerksamkeit, die wir in den Kinos und Städten erhalten, die wir besuchen, ist die Trägerwelle für den Buchstart. Ausserdem verkaufen wir unsere Bücher im Rahmen unserer Veranstaltungen, das hat sich schon bewährt. Unser letztes Buch hat sich etwa 1.200 Mal verkaufen lassen, ca. 500 Print-Bücher, der Rest E-Books. Diesmal gibt es kein E-Book, wir werden sehen, wie es dem Vertrieb bekommt. Bei 250 – 300 abgesetzten Büchern sind wir break-even, das sollte zu machen sein.

Den Film gibt es nur live auf organisierten Vorführungen zu sehen, bei denen ihr auch anwesend seid, eine DVD kann man nicht kaufen. Das Buch schon, allerdings nur gedruckt. Dahinter scheinen ja ganz bewusste strategische Entscheidungen zu stecken – welche?

Eine DVD hätten wir gerne gemacht, aber die Protagonisten des Filmes waren damit nicht einverstanden. Daher brauchten wir etwas, was wir im Rahmen der Tournee verbreiten können. Das Buch ist auch inhaltlich komplementär zum Film: Es macht auf den Film neugierig. So gesehen versprechen wir uns von der Verbreitung des Buches einen gewissen Effekt für die Zukunft der Filmtournee. Im Internet und ganz allgemein setzen viele Filmemacher, Autoren und Künstler auf die Verfügbarkeit ihrer Arbeiten, möglichst auf allen Kanälen, auf allen Medien, vielfach umsonst.
Wir gehen bewusst einen anderen Weg: Wir verfolgen eine Strategie der gezielten Verknappung. Unseren Film sieht man nur, wenn man eine Veranstaltung besucht. Veranstaltungen gibt es nur, wenn wir entsprechend von Institutionen eingeladen werden, wir zeigen den Film zum Beispiel nicht auf Festivals. Film und anschließende Diskussion mit dem Publikum wird zu etwas ganz anderem als bloßer digitaler Content.
Unsere Veranstaltungen sind einmalige Performances, wenn keine Filmvorführungen veranstaltet werden, verschwindet der Film wieder und kann nicht gesehen werden. Der Film ist also nicht anders als die brüchige Erinnerung von der er erzählt. Wenn der Film wieder verschwunden ist, bleibt wenigstens das Buch. Wir wollen auch Lesungen veranstalten, um das Buch zu bewerben. In dieser Hinsicht sind wir ganz traditionell. Verknappung macht die künstlerische Arbeit wieder ein Stück wertvoller, das grundsätzliche Problem, aus dem Hintergrundrauschen herauszutreten und Aufmerksamkeit zu binden, bleibt in jedem Fall, leider auch uns.

Die Erfahrungen mit der Selbstvermarktung als Filmemacher habt ihr ja schon vor einiger Zeit in eurem Ratgeber „Kann man denn davon leben?“ in sehr griffige Thesen verwandelt – z.B. die vom „Slow Budget Funding“. Wie ordnet sich da ein so persönliches Projekt ein, das viel zusätzliche Arbeit erfordert, sich aber irgendwie auch rechnen muss?  

Das Buch bringt das Familienfilmprojekt erst zu einem Abschluss. Es vervollständigt diese Arbeit. Außerdem fügt es sich in unsere Offline-Strategie ein, unsere Filmtournee zu bewerben. Die Community, die wir mit unserem Film ansprechen, ist weniger online als die Leser von „Kann man denn davon leben?“. Jetzt erreichen wir tatsächlich mehr Menschen mit Postkarten, Filmplakaten, gedruckten Pressemappen und eben auch mit Büchern. Wir verschicken gern Rezensionsexemplare unseres Buches, damit wir die mediale Reichweite des Projektes erhöhen. Die zusätzliche Arbeit war schon gemacht worden, wir haben die beinahe 5-jährige Recherche hinter dem Film in dem Buch erzählt und verarbeitet. In einem Jahr sind wir klüger, ob unsere Pläne funktioniert haben oder nicht. Die Slow-Budget-Self-Funding Prinzipien entwickeln wir ständig weiter, einfach weil der Wertverlust geistiger, künstlerischer Arbeit so dramatisch ist. 


Silvia Holzinger & Peter Haas,
Mordje Marx Moos
Taschenbuch, 230 Seiten
14,90 Euro (Il Mare Film Edition)

Kann man denn davon leben? Slow Budget Funding trifft Speed Publishing

Kann man denn davon leben? Die in punkto Selbständigkeit allgegenwärtige Frage steht bei Silvia Holzingers und Peter Haas‘ Ratgeber (Untertitel: „Erfolgreiche Eigenvermarktung und Internetökonomie“) sogar schon im Titel. Und Peter und Silvia geben zugleich eine handfeste Antwort. Denn nicht nur das Buch selbst findet sein Publikum sehr gut ohne Verlag, sowohl digital wie auch gedruckt (>> 2. Auflage jetzt lieferbar). Die eigentliche Domäne des Berliner Autoren-Duos ist der Dokumentarfilm. Dort haben sie das Prinzip Selbstvermarktung ebenfalls erfolgreich praktiziert – ganz ohne Filmförderung oder Verleih. „Wir haben aus der Not ein Prinzip entdeckt“, so Haas gegenüber E-Book-News. Schon vor einigen Jahren drehten die beiden einen Doku-Streifen über den Grandfather-Nerd Joseph Weizenbaum. Es gab zwar einen Return-On-Investment, aber nicht unmittelbar: „Weil das Geld langsam, über einen langen Zeitraum zurückfloss, haben wir das ganze ‘Slow Budget-Funding’ genannt. Denn uns ging es ja darum, nicht nur Geld zurückzubekommen, sondern Geld zu haben für das nächste Projekt“.

„Wir haben es einfach gemacht“

Zentrale Rolle beim selbst organisierten Vertrieb spielten die neuen Medien: „Wir hätten den Film nie zeigen können, wenn wir nicht das Internet gehabt hätten, um auf uns aufmerksam zu machen. In klassischer Weise hätten wir Rebel at Work weder bewerben noch zeigen können. Wir haben ihn dann als digitales Kino in der Hochschule angepriesen und über den DVD-Verkauf vermarktet.“ Die langsamen, aber stetigen Rückflüsse aus dem Slow-Budget-Funding haben anschließend den Dreh eines neuen Documentarys ermöglicht, inklusive aufwändiger Recherchen und zahlreicher Auslandsaufenthalte. Derzeit touren die beiden mit „Auf der Suche nach dem letzten Juden in meiner Familie“ durch die Off-Kino-Szene der Republik. Noch vor der Post-Production des aktuellen Streifens brachten die Filmemacher ihre Erfahrungen mit dem Slow Budget-Prinzip in Buchform. Ganz so weit weg von der bisherigen Arbeit sei das selbst verlegte Buch gar nicht, findet Peter Haas: „Durch die neuen Medien sind immer wieder Lücken da, die wir schnell besetzen können, wie jetzt mit E-Book und Self-Publishing. Da herrscht bei vielen eine gewisse Unsicherheit: was wird werden? Vier Wochen später sind wir fertig und haben es gemacht.“

Pitch & Co.: Tipps zur Eigenvermarktung

Wie bisher auch stecken die beiden dabei allerdings einen wichtigen Teil ihrer Arbeitszeit in Vermarktung und Vertrieb: „Der Anteil der Eigenvermarktung, Community-Arbeit oder Werbung in eigener Sache gegenüber der eigentlichen Kreation ist insgesamt vielleicht drei zu eins“, gibt Haas zu bedenken. Wie wichtig bei der Eigenvermarktung dann die richtige Strategie ist, zeigen die beiden in „Kann man denn davon leben“ mit Tipps zum Sales-Pitch und zu Honorarverhandlungen. Besondere Aufmerksamkeit schenken die Autoren aber auch der Rolle der Crowd: „Das Community-Building hat großen Raum in unserem Buch“, so Silvia Holzinger gegenüber E-Book-News. „Wie baut man eine Community auf, wie pflegt man eine Community? Wem gehört eigentlich eine Community? Wir haben bei unserer Arbeit die Erfahrung gemacht, dass die Community ein sehr flüchtiges Wesen ist. Community ist nicht mit Stammkundschaft gleichzusetzen.“

„Man kann davon leben, aber…“

Die Erstauflage von 500 Printbooks war bereits nach einem Jahr ausverkauft. Nun ist „Kann man denn davon leben“ via ebooknews press wieder lieferbar. Tipp: Wer direkt beim neuen Verlags-Label von E-Book-News bestellt, erhält gratis die Film-DVD „Weizenbaum – Rebel at Work“ dazu. Weiterhin lieferbar ist natürlich auch die E-Book-Version, sie gibt’s direkt auf der Buch-Webseite von Peter Haas und Silvia Holzinger. Ach ja, und kann man denn nun davon leben? Wer eine ehrliche Antwort auf die Frage sucht, wird sie hier finden – die beiden Autoren zeigen nicht nur, wie es geht, sondern auch, wie gut, denn das gerne verschwiegene Thema Geld wird sehr offen behandelt. „Wir leben von unserer Kreativarbeit, und das schon seit etwa acht Jahren. Man kann also davon leben, aber es ist ein harter Weg“, so Haas gegenüber E-Book-News. Gleichzeitig hat das Leben als selbständiger Kulturarbeiter aber auch angenehme Seiten – schließlich kann man genau das machen, was man will. Oder nicht? Zumindest hat man die Freiheit, alles auszuprobieren, meint Silvia Holzinger: „Wenn’s gelingt, ist es gut und schön, wenn’s nicht gelingt, dann muss man sich eben etwas neues ausdenken.“

Peter Haas & Silvia Holzinger,
Kann man denn davon leben? Erfolgreiche Eigenvermarktung und Internetökonomie
Taschenbuch (ebooknews press) 17,90 Euro
E-Book (epub/mobi/PDF) 8 Euro

„Wir setzen auf Slow-Budget-Self-Funding“


Eine neue Gründerzeit ist angebrochen – Trend-Hauptstadt der Entrepreneurs des 21. Jahrhunderts ist Berlin. Zum Know-How der jungen Kreativen gehört nicht nur Self-Marketing, sondern oft auch Selbst-Publishing. E-Book-News-Autorin Heide Reinhäckel sprach mit Günter Faltin, Gründer der legendären Tee-Kampagne, Professor für Entrepreneurship & Autor des Buches „Kopf schlägt Kapital“, sowie den Dokumentarfilmern Silvia Holzinger und Peter Haas. Das produktive Duo bringt gerade ein E-Book zum Thema Eigenvermarktung in der community-basierten Internetökonomie heraus, Titel: „Kann man denn davon leben?“

„Schneller gründen, mit weniger Kapital“

Berlin eilt der Ruf als Hauptstadt der Gründer und Selbstständigen voraus. 2010 verzeichnete die Stadt die höchste Anzahl an Unternehmensgründungen seit 1989. Mit 124 Gründungen auf je 10.000 Einwohner führte damit die Stadt das Ranking der Bundesländer erneut an. Die Pionierstimmung der letzten Jahre ist ungebrochen: „Man kann heute schneller gründen, mit weniger Kapital“, erläutert Günter Faltin. Der Professor für Entrepreneurship an der Freien Universität (FU) Berlin ist seit über 25 Jahren als Wissenschaftler und Unternehmer in der Berliner Gründerszene aktiv. Mit der Teekampagne gründete er bereits 1985 ein erfolgreiches Unternehmen, das zugleich als Studienobjekt für Studierende dient. Vor zehn Jahren rief er die Stiftung Entrepreneurship ins Leben. Seitdem lädt er Gründungsinteressierte in das „Labor für Entrepreneurship“ ein, hört sich Konzepte an, berät. Über sein Konzept eines zeitgemäßen Unternehmertums hat Faltin ein Buch geschrieben. Es heißt „Kopf schlägt Kapital“ und ist auch als E-Book & Hörbuch erhältlich.

Baukastensystem für Gründer

Für Faltin haben sich die objektiven Bedingungen für Einsteiger radikal verändert: „Wir brauchen ein zeitgemäßes Gründen. Die Vorstellung, dass der Gründer ein Alleskönner sein muss, hat ausgedient. Heute ist es möglich, vieles an professionelle Dienstleister abzugeben. Man kann sogar mit bereits vorhandenen Komponenten gründen und sie neu kombinieren. Auch die Gründer von Skype oder Facebook haben mit Komponenten gearbeitet.“ Für Faltin steht die Innovation als unternehmerische Funktion im Mittelpunkt. Buchführung, Marketing und Vertrieb können delegiert werden, elektronische Büros helfen. Für diese neue Art des Gründens sei jedoch eine geeignete Beratung nötig: „Immer noch scheitern 80 Prozent der Neugründungen nach fünf Jahren. Wenn wir anders gründen, nicht konventionell, haben wir große Chancen, nicht im Prekariat oder in der Insolvenz zu landen.“

“Rebel at work“: Self-Marketing, Self-Publishing

Wie Entrepreneurship in Zeiten des Internets im Kreativsektor ganz praktisch funktioniert, zeigen Silvia Holzinger und Peter Haas von Il Mare Film. Ihr zweiter gemeinsamer Dokumentarfilm „Weizenbaum. Rebel at work“ über den Informatiker, Provokateur und MIT-Professor Joseph Weizenbaum entstand 2006 als Eigenproduktion innerhalb eines Jahres. „Die Idee war, einen Film über die grandfather nerds zu machen, über den Fortschrittsmythos aus der Sicht der greisen Männer der Computerpioniere“, erzählt Haas. Doch die Realisation war ein Kampf: „Der Film ist ohne Fernsehunterstützung oder Filmförderung entstanden, quasi aus dem Dispo.“ Im Anschluss haben die beiden den Film selbst vermarktet, sich eine Community aufgebaut, eine Filmtournee durch Österreich, Deutschland und die Schweiz unternommen, die übers Netz verkauften DVDs selbst zur Post gebracht. Mittlerweile sind es 16.200 verkaufte Exemplare. „Wir setzen auf Slow-Budget-Self-Funding. Es ist zwar ein weiter Weg mit viel Einsatz. Oft ohne Netz und doppelten Boden, mit Risiken und Nebenwirkungen. Doch wir glauben an unabhängige Kreativarbeit“, so Haas.

“Kann man denn davon leben!?“

Der gebürtige Osnabrücker und die Wienerin haben sich bewusst für Berlin als Arbeitsort entschieden: „In Berlin kann man mit knapper Eigenvermarktung weiter kommen als in teuren Städten. Ich hoffe, dass es so bleibt“, sagt Haas. Die beiden haben jetzt ein Buch über unabhängige Kreativarbeit geschrieben. Ihrem Geschäftsmodell folgend, vermarkten sie es auf ihrer gleichnamigen Website kann-man-denn-davon-leben.de zuerst als E-Book. Bei über 100 Bestellungen soll es dann auf der Verlagsplattform Euryclia als Printausgabe erscheinen. Darin haben sie die ihnen oft auf Events gestellte Frage in ein Handbuch und zugleich Manifest für eine Community-basierte Eigenvermarktung im Internet verwandelt. „Das Buch zeigt 1.000 Handgriffe für Freiberufler“, so Haas. Neben Best-Practice-Beispielen, einem Abc des Internets und dessen Ökonomie von PayPal über Crowdfunding bis Postproduction enthält das Buch auch ihren Film „Weizenbaum. Rebel at work“ als Fallbeispiel. Denn die beiden Filmemacher legen detailliert die Kosten, Kalkulationen und Erlöse des Doku-Streifens offen. Letztere ermöglichten ihnen die Produktion eines dritten Films, der gerade im Schnitt ist. Mit der Darlegung der Innenperspektive ihres abgeschlossenen Projekts brechen die beiden Doku-Filmemacher auch ein Tabu. Denn über Geld, Finanzierungsspielräume und -schwierigkeiten wird häufig nicht gesprochen. Damit helfen sie auf ihre Weise mit, den Start-up-Mythos in der Kreativwirtschaft auf den Boden der Tatsachen zu bringen.

Autorin & Copyright: Heide Reinhäckel

Fotos: Thomas Angermann (flickr/angermann)