Auf den dunklen Seiten der Macht: Silke Nowak, Nocturna – Tödliche Schrift [Leseprobe]

Nocturna_IntroEin mysteriöses Findelkind steht am Anfang von Silke Nowaks neuem Thriller „Nocturna — Tödliche Schrift“. Die Ravensburger Polizei steht vor einem Rätsel, die Spuren führen ins Nichts. Zur selben Zeit bekommt Privatdetektivin Ruby Fuchs Besuch von einer geheimnisvollen Fremden, die sich Madame de Rochat nennt. Sie behauptet, das Kind sei Teil einer Prophezeiung aus dem 16. Jahrhundert, der sogenannten Nocturna des Nostradamus. Der Prophet habe dort vier Morde vorhergesehen – und der erste habe sich bereits ereignet. Die Polizei hält sie für verrückt. Auch Ruby lehnt den Auftrag ab. Als dann aber der zweite Mord wie angekündigt stattfindet und Nummer drei bedrohlich naherückt, gibt es keine Wahl mehr. Ruby und ihr Kollege John stecken bereits mitten in einer Geschichte, die sich nicht erfüllen darf. Wie wahnsinnig ist die Idee einer tödlichen Schrift wirklich? Unsere Leseprobe führt ins erste Kapitel, noch etwas mehr verrät die „Blick ins Buch“-Funktion im Kindle Shop.


Silke Nowak, Nocturna. Tödliche Schrift

1.


Mit ihrer Stimme fing alles an. Sie war warm und melodiös und vereinte die Kraft der Verführung des französischen Akzents mit dem tiefen, rauen Klang des Schweizerdeutschen.
„Guten Abend“, sagte sie, „spreche ich mit Ruby Fuchs, der Privatdetektivin?“
„Am Apparat“, erwiderte ich.
Es war Donnerstag, der 3. Januar, als mich ihr Anruf spät abends erreichte. Ich lag in der Badewanne, plätscherte mit den Zehen im Wasser und schaute Sam beim Pizzabacken zu. In meiner Dachgeschosswohnung spielte sich alles in einem einzigen, großen Raum ab, von dem nur eine Toilette abgetrennt war – und mein Herz, wenn man es genau nahm. Denn diese Wohnung hatte ich damals zusammen mit meinem Verlobten bezogen, der kurz darauf im Polizeieinsatz erschossen worden war.
Um mich herum glitzerte der Schaum.
Wie lange war das jetzt her? Vier Jahre? Fünf? Wieder plätscherte ich mit den Zehen im Wasser. Egal, dachte ich. Letztlich war es egal; die Zeit lief nicht mehr geradeaus seitdem, sie war vielschichtiger geworden, tiefer.
„Es tut mir leid, wenn ich so spät noch störe“, hörte ich die Stimme der unbekannten Anruferin wieder. „Aber es ist wichtig.“ Plötzlich wechselte sie ins Französische und fügte hinzu: „C’est très important.“
Mein Französisch war nicht das Beste, aber dass es anscheinend sehr wichtig war, verstand ich.
„Um was geht es denn?“, fragte ich. Das Handy hielt ich einen Zentimeter vom Ohr entfernt, damit es nicht nass wurde.
„Ich habe einen Auftrag für Sie“, kam die Unbekannte zur Sache. Dann wurde ihre Stimme leiser, zugleich noch rauer, als sie wieder auf Französisch hinzufügte: „C’est une question de vie ou de mort.“
De vie ou de mort.
Eine Frage von Leben und Tod.
Das Unheilvolle und zugleich Zärtliche, das in ihrer Stimme mitschwang, alarmierte mich. Tief in mir drin löste dieser Sound etwas aus; etwas, das auf meinen Armen eine Gänsehaut hinterließ. Ich blickte zu Sam hinüber. Seit einem halben Jahr waren wir jetzt zusammen, ein halbes Jahr, in dem meine Gefühle für ihn mit jedem Tag gewachsen waren, ebenso wie meine Angst, ich könnte auch ihn wieder verlieren.
Das Badewasser war plötzlich kalt.
Die kleinen Schaumblasen zerplatzten.
Wenn meine Ängste überhandnahmen und ich beim kleinsten Geräusch ans Revers nach meiner Waffe griff, dann war es Sam, der mich mit seinem Lachen runterholte. Denn ich trug schon lange kein Revers mehr. Ich hatte meine Dienstwaffe abgegeben, nachdem ich meinen Job als Kriminalkommissarin gekündigt hatte.
„Fuchs & Bentwood soll die beste Detektei weit und breit sein, habe ich gehört“, sagte die Frau am Telefon.
„Mag sein“, antwortete ich, ohne Sam aus den Augen zu lassen.
Sam war ein Singer-Song-Writer, der mit seiner Gitarre und den goldbraunen Locken so sorglos durch die Welt ging, als bestünde sie nur aus Licht und Liebe. Auch jetzt summte er etwas vor sich hin, während er mit kurzen, kräftigen Bewegungen den Teig knetete, bis sich das Mehl, Wasser, Salz und Öl zu einer geschmeidigen Masse verbanden. In rhythmischen Abständen trat sein Bizeps deutlich hervor.
„Mit wem spreche ich denn?“, konzentrierte ich mich wieder auf das Telefonat.
„Mein Name ist Madame de Rochat“, antwortete sie. „Ich rufe aus Lausanne an.“
„Aus Lausanne“, wiederholte ich durchaus überrascht. Das erklärte zwar ihre deutsch-französische Zweisprachigkeit, doch zugleich warf es neue Fragen auf.
Sam knetete den Teig.
Die Detektei Fuchs & Bentwood lag in Ravensburg in der Nähe des Bodensees und damit am Dreiländereck Deutschland, Österreich und der Schweiz. Schweizer Kunden waren somit nichts Besonderes, doch bisher waren sie immer aus den angrenzenden, deutschsprachigen Gebieten gekommen. Dass sich jemand aus der französischen Schweiz an uns wandte, war ungewöhnlich.
Ich stieg aus der Wanne.
Ebenso ungewöhnlich wäre es, wenn diese Madame de Rochat wirklich einen großen Auftrag für die Detektei Fuchs & Bentwood hätte, geschweige denn einen, in dem es um Leben oder Tod ging. Denn die Zeiten, in denen sich Privatdetektive mit wirklich großen Dingen beschäftigten, waren längst vorbei. Das Hauptgeschäft von Detektiven bestand heutzutage in der Überwachung von Ehepartnern, Kindern oder Angestellten, deren größtes Verbrechen es war, die Schule zu schwänzen, eine Geliebte zu haben oder Urlaub zu nehmen, wenn er nicht zustand.
„Um was geht es denn genau?“ Ich stand nackt auf dem Teppich, das Wasser lief an mir herab. Ungeduldig wechselte ich die Hand, in der ich das Handy hielt.
„Einen Moment, bitte“, sagte Madame de Rochat. „Ich muss nur mal eben kurz … “
Dann waren schleppende Schritte zu hören, gefolgt von einer männlichen Stimme, die etwas sagte, das ich nicht verstand.
Ich angelte mir ein Handtuch vom Stuhl.
Sam wirbelte den Pizzateig durch die Luft.
Die Trivialität meiner Aufträge machte mir nichts aus. Im Gegenteil. Als ehemalige Kriminalkommissarin in der Abteilung für Organisiertes Verbrechen war ich viel zu lange in den Krisengebieten dieser Welt unterwegs gewesen. Dort endeten Konflikte nicht mit einer Abfindung oder Scheidung, sondern mit dem Tod. Mit einem grausamen Tod, der dunkle Löcher in den Körpern und Seelen der Menschen hinterließ.
„Hallo?“, fragte ich. „Sind Sie noch dran?“
Keine Antwort. Mir gegenüber stand ein großer Spiegel mit einem Rahmen aus Blattgold. Ich ließ das Handtuch sinken und blickte hinein. Viel zu tief hatte ich schon in das Schwarze, das Hässliche der menschlichen Natur hineingeblickt. Manchmal, wenn ich wie jetzt mein Spiegelbild betrachtete, blickte es noch zurück.
Es ist vorbei, sagte ich mir.
Die Zeit spielte keine Rolle mehr, aber dass es vorbei war, war gut.
Meine langen, dunklen Haare hingen seitlich über meine Schulter nach vorne. Sie waren nass. Ein kleines Rinnsal floss herab. Die feuchte Spur führte über meine Brüste hinab über die Innenseite meiner Schenkel bis zu der Narbe, die rot und hässlich meinen rechten Fußknöchel entstellte.
Es ist vorbei.
„Frau Fuchs?“, hörte ich Madame de Rochat wieder. „Können wir das persönlich besprechen?“ Mit gedämpfter Stimme fügte sie hinzu: „Ich möchte nicht, dass Jakob etwas mitbekommt.“
„Natürlich“, entgegnete ich und legte mich aufs Bett.
Sam strich den Teig auf das Blech, seine Daumen arbeiteten flink, als er die Ecken festdrückte.
„Ich möchte Jakob erst damit konfrontieren, wenn ich mir ganz sicher bin“, sagte Madame de Rochat. Als ich nicht sofort antwortete, fragte sie nach: „Vous comprenez?“
„Ich verstehe“, antwortete ich.
Es handelte sich also um ein Eheproblem. In meiner Phantasie war Madame de Rochat nun die schöne Ehefrau eines Schweizer Millionärs namens Jakob, der sie mutmaßlich betrog. Ich sah diese Frau in ihrer Villa mit Blick auf den Genfer See sitzen, einen Martini in der Hand, die Leere im Blick, das Misstrauen im Herzen. Natürlich würde das kein großer Auftrag werden; abgesehen von der Summe, die Madame de Rochat zu bezahlen bereit war. Zumindest hoffte ich das.
„Dann kommen Sie doch einfach bei mir in der Detektei vorbei“, schlug ich vor. „Sie wissen aber schon, dass wir in Ravensburg sind? Von Lausanne aus ist das ein Stück.“
„Je sais“, sagte sie und übersetzte sogleich selbst: „Ich weiß.“
Sam schob die Pizza in den Ofen und sah mich dabei an. Seine Augen waren Meeraugen, die hell wie das Wasser der Südseestrände funkeln konnten, doch manchmal, so wie jetzt, waren sie dunkel wie das tiefere Gewässer weit draußen.
„Ich habe in nächster Zeit ohnehin in Ravensburg zu tun“, fügte Madame de Rochat noch hinzu.
Auf Sams Wange und auf seinem T-Shirt waren weiße Mehlflecken. Als er herüberkam, bemerkte ich, dass auch seine Jeans voller Mehl war. Er zog Shirt und Jeans aus, bevor er sich zu mir auf das Bett legte.
„Ich kann morgen früh um zehn bei Ihnen sein“, schlug Madame de Rochat vor. „Passt das? Ça vous va?“
„Morgen früh um zehn?“, wiederholte ich.
Sam leckte mir den letzten Wassertropfen aus dem Bauchnabel.
„Okay, ja, das ist gut“, sagte ich schließlich und beendete das Gespräch. Dann schloss ich meine Augen, während sich der Duft von Oregano und Rosmarin im Raum ausbreitete.

2.



Am nächsten Morgen hing ein eisgrauer Himmel über der Stadt. Es war Freitag, der 4. Januar. Die Detektei Fuchs & Bentwood lag nur ein paar hundert Meter von meiner Wohnung entfernt. Der Weg führte über Kopfsteinpflaster durch die verwinkelten Gassen der Altstadt, vorbei an Bäckerläden, aus denen es nach frischgebackenen Brezeln duftete. In den Cafés wurden um diese Uhrzeit bereits die Stühle zurechtgerückt und Tafeln neu beschriftet. Nur vor den kleinen Boutiquen waren die Gitter noch heruntergelassen.
Es war 09:25 Uhr.
Ich atmete die kalte Morgenluft ein. John Bentwood, mein Partner in der Detektei, war über Neujahr bei seiner Familie in England gewesen und kam erst heute Abend wieder zurück. So fand ich die Räume der Detektei Fuchs & Bentwood leer vor, als ich die Tür aufschloss. John fehlte ebenso wie die Risse in der Wand. Denn vor Weihnachten hatten wir die Räume frisch gestrichen; seitdem waren sie ungewöhnlich glatt, auch kahl. Bis auf das Foto meiner Mutter hatte ich noch keine Bilder aufgehängt.
Ich drehte die Heizung hoch. Es waren noch alte, weiße Heizkörper, die sofort zu gluckern begannen.
In einer halben Stunde würde meine Kundin aus Lausanne kommen. Ich stellte Getränke in der Sitzecke bereit, überprüfte die Infomappe und holte mir, nachdem alles zu meiner Zufriedenheit war, eine Tasse Kaffee aus der Küche. Damit setzte ich mich an den Schreibtisch und checkte meine Whatsapp-Nachrichten.
Warum kommt die extra aus Lausanne?, wollte John wissen.
John saß bereits am Flughafen in London Heathrow und wartete auf das Boarding.
Weiß ich auch noch nicht, antwortete ich. Dann fügte ich hinzu: Weil wir die Besten sind?!
John antwortete mit einem zwinkernden Smiley.
Ich nahm einen Schluck Kaffee und schickte einen lachenden Smiley zurück, gefolgt von einem angespannten Bizeps. Dann fragte ich: Wann landest du genau?
15:35 Uhr Zürich, kam die Antwort.
Und wann ist noch mal dein Vortrag?, fragte ich.
18:30 Uhr, schrieb er zurück.
Vor ein paar Wochen hatte John eine Anfrage aus Zürich erhalten, ob er vor jugendlichen Schulabgängern einen Vortrag über das Berufsbild des Privatdetektivs zu Beginn des 21. Jahrhunderts halten könne. Er hatte seinen Flug extra so koordiniert, dass er die Veranstaltung auf dem Rückweg mitnehmen konnte.
Guten Flug, wünschte ich ihm. Und viel Spaß heute Abend!
Thanks, schrieb er zurück.
Bis morgen früh, tippte ich noch. Gibt übrigens viel zu tun!
Dann beendete ich den Chat mit einem Kussmund.
John schickte einen angespannten Bizeps hinterher.
Nachdenklich legte ich das Handy beiseite und schmiegte beide Hände um die noch warme Kaffeetasse. Über Weihnachten und Neujahr war nicht viel los gewesen in der Detektei, doch in den ersten Januartagen hatte das Geschäft merklich angezogen. Bei vielen Leuten schienen die Feiertage nicht nur ein paar Kilo mehr auf den Hüften hinterlassen zu haben, sondern auch Zweifel an der Echtheit der Gefühle des Partners oder an der Herkunft des neuen Geländewagens des Schwagers.
Ich nahm einen Schluck Kaffee.
Es war 09:58 Uhr.
Vom Zweifel bis zur Überwachung war es dann nur noch ein kleiner Schritt – und der führte direkt zu uns: Sie wollen Klarheit? Sie wollen endlich die Wahrheit wissen?, stand auf unserer Seite im Internet. Die Detektei Fuchs & Bentwood ist immer für Sie da!
Ich trank den Kaffee leer.
Es war gut, dass John endlich zurückkam, zumal man seine versnobte Familie ohnehin nicht länger als drei Tage ertragen konnte. Sein Vater hatte mir bei unserer ersten Begegnung erzählt, dass der Stammbaum der Bentwoods bis zu Heinrich dem VIII. zurückreiche. Beeindruckend, hatte ich gesagt. Johns Familie schrieb ihm seit jeher vor, was sich für einen Bentwood gehörte – und was nicht. Privatdetektiv zu sein gehörte sich jedenfalls nicht; aber es war allemal besser als drogenabhängig auf Partys herumzulungern, was Johns alternativer Lebensplan gewesen wäre, wenn ich ihn damals nicht unter meine Fittiche genommen hätte. Damals, das war jetzt zehn Jahre her, hatte er unmotiviert eine Ausbildung zum Polizisten begonnen. Ich war seine Ausbilderin gewesen.
Draußen schlug die Liebfrauenkirche zehn Uhr.
Leise zählte ich mit.
Es waren vier helle und zehn dunkle Schläge, die durch die Gassen der Altstadt hallten und nun von den leicht verspätet einsetzenden Glocken der evangelischen Stadtkirche begleitet wurden. Ich trat ans Fenster und ließ meinen Blick über den Marienplatz schweifen. Unsere Detektei lag im zweiten Obergeschoss eines dreistöckigen Eckhauses, das nach vorne schmal zulief wie der Bug eines Schiffes. Von meinem Büro aus sah man auf den weitläufigen Marienplatz hinab, die Küche und Bad gingen aber nach hinten hinaus und gaben den Blick auf die enge, dunkle Rosmarinstraße frei, in der es immer ein wenig nach Neapel roch, vor allem im Sommer.
Unten eilten die Leute vorüber.
Um mich herum standen die Türme still. Ravensburg galt als Stadt der Tore und Türme, von denen einige schon im Mittelalter erbaut worden waren. Ich ließ meinen Blick über den Grünen Turm gleiten, das Frauentor und hinauf bis zum sogenannten Mehlsack, einem dicken, runden Turm mit weißem Verputz.
Mehlsack – so hatten wir früher zu den Kindern gesagt, die fett und plump gewesen waren. Kinder konnten grausam sein.
Nur Erwachsene waren noch grausamer.
Fast direkt vor der Detektei Fuchs & Bentwood lagen mehrere Bushaltestellen, zwei auf unserer Seite und eine gegenüber. Dort warteten die Leute mit grauen Gesichtern und eingezogenen Köpfen, die Hände in den Jacken vergraben und die Sehnsucht tief in ihrem Inneren. Ein Bus kam um die Ecke gerollt, langsam fuhr er durch den Schneematsch und hielt an der vorderen Haltestelle. Die Scheiben waren beschlagen. Leute stiegen aus, andere stiegen ein. Nachdem der Bus wieder abgefahren war, bemerkte ich vier Gestalten, die die Straße überquerten. Sie trugen dunkle Umhänge mit Kapuzen, die ihnen weit ins Gesicht fielen.
Wie riesige Raben ragten sie aus der Menge.
Die Menschen machten ihnen Platz.
Plötzlich drehte sich der Größte von ihnen um. Ich stutzte. Er sah direkt zu mir hoch. Sein Blick war wie eine Rasierklinge, scharf und aggressiv. Instinktiv trat ich einen Schritt vom Fenster zurück. Mein Herz begann schneller zu schlagen. Mir war sofort klar, dass dieser Blick kein Zufall gewesen war. Es war eine Drohung; auch Snajdrom hatte mich so angesehen, als er versprach, mich zu töten.
Es ist vorbei.
Snajdrom war tot.
Trotzdem scannte ich im Geiste alle Auftragskiller des organisierten Verbrechens durch, von Ost nach West, alphabetisch von oben bis unten, aber das Gesicht des Rabenmannes war nicht dabei. Ich hätte es wiedererkannt, da war ich mir ganz sicher. Wie sein Blick war auch sein Gesicht auffällig scharf gezeichnet, die Nase sprang hervor wie ein Klappmesser, die Augenbrauen waren zwei spitze Bögen.
Das Vierergespann verschwand in Richtung Fußgängerzone aus meinem Blickfeld. Hinter ihnen her wehten die schwarzen Umhänge, die aussahen, als kämen sie aus einer vergangenen Zeit.
Ein Klingeln erlöste mich aus meiner Erstarrung.
„Fuchs & Bentwood“, sagte ich betont tatkräftig in die Sprechanlage, dann: „Hallo?“
Und da war sie wieder, diese dunkle, raue Stimme, die sagte: „Hier ist Madame de Rochat. Ich habe einen Termin bei Ruby Fuchs.“

3.



Ich hatte mich geirrt. Madame de Rochat war keine Frau, die ihren Mann überwachen ließ. Das war mir sofort klar, als ich sie sah. Sie hatte die schräg stehenden Augen einer Jägerin, den Mund einer Femme fatale und die Stirn einer Nonne. Zweifellos war sie schön, sehr schön sogar. Aber mehr noch als ihre Schönheit faszinierte mich die Intensität, die sie ausstrahlte – etwas, das mich in ihren Bann zog, ohne dass ich gewusst hätte, warum.
„Ich hoffe, Sie hatten eine gute Anreise?“, fragte ich, nachdem wir in der Sitzecke Platz genommen hatten.
„Haben Sie von dem Kind gehört?“, fragte sie unvermittelt zurück.
Ich nickte. Wahrscheinlich hatte sie in der Presse davon gelesen oder eines der Plakate gesehen, die überall in der Stadt aushingen. Wenn jemand in diesen Tagen von „dem Kind“ sprach, dann konnte es sich nur um den Säugling handeln, der am Morgen des 27. Dezembers auf dem Marienplatz ausgesetzt worden war. Eine gute Woche war seitdem vergangen. Jemand hatte das Baby in einem Weidenkorb an der Bushaltestelle abgestellt. Eine anonyme Hinweisgeberin rief daraufhin bei der Polizei an und meldete den Fund. Als die Polizei eintraf, war die Anruferin bereits verschwunden. Der Verdacht stand im Raum, dass es sich bei der Person um die Mutter handelte, über die allerdings nichts bekannt war, außer dass sie mit einem ausländischen Akzent gesprochen hatte. Mit hoher Wahrscheinlichkeit hatte ihr Anruf dem Säugling das Leben gerettet, denn an diesem Morgen hatte das Thermometer minus 14 Grad angezeigt. Wenn das Neugeborene auch nur eine Viertelstunde länger in der Kälte gelegen hätte, wäre es vermutlich erfroren. Aktuell befand es sich mit einer Lungenentzündung im St. Elisabethen-Klinikum. Jeden Tag wurden Geschenke und Blumen auf der Station abgegeben. Ganz Ravensburg fieberte mit dem Kind. Auf den Plakaten bat die Polizei die Bürger um Mithilfe. Es ging darum, Hinweise auf die Identität des Kindes zu erhalten, aber auch darum, ein Verbrechen aufzuklären. Laut Paragraph 221 des Deutschen Strafgesetzbuches wurde der Tatbestand der Aussetzung mit bis zu 15 Jahren Haft bestraft, wenn der Tod von Schutzbefohlenen dabei in Kauf genommen wurde.
„Sie meinen sicher das Neugeborene, das unten an der Bushaltestelle ausgesetzt wurde“, sagte ich schließlich.
„Finden Sie das nicht seltsam?“, fragte Madame de Rochat.
Ich sah sie an. Sie hatte helle Augen, die im Treppenhaus noch grünlich geleuchtet hatten, doch jetzt, da ein Sonnenstrahl sie traf, wie patiniertes Gold glänzten. Der Kontrast zu den roten, schulterlangen Haaren fesselte meinen Blick.
„Das ist doch seltsam“, sagte sie wieder.
„Was?“
„Dass uns das Kind ausgerechnet an Weihnachten geschenkt wurde“, antwortete sie. „Dass dieses Wunder geschieht! Ich kann das ja selbst kaum glauben! C’est vraiment incroyable. Eigentlich kann das doch gar nicht sein! Aber das Kind wurde uns tatsächlich geschenkt!“
„Geschenkt?“ Ich stutzte. Die Formulierung war seltsam. „Wenn eine Frau so verzweifelt ist, dass sie ihr Kind aussetzt“, erwiderte ich, „dann tut sie das doch nicht, um irgendjemand ein Geschenk zu machen. Aber wenn Sie damit meinen, dass es besser ist, ein Kind auszusetzen als es gleich bei der Geburt zu töten, dann gebe ich Ihnen recht.“ Nach ein paar Sekunden fügte ich hinzu: „Leben ist ein Geschenk.“
Etwas an ihrem Lächeln irritierte mich.
„Auch Moses wurde in einem Weidenkorb ausgesetzt“, sagte sie und strich sich das rote Haar aus der Stirn.
„Moses?“ Ich griff nach der Wasserflasche und fragte: „Meinen Sie den aus der Bibel?“
„Exactement“, antwortete sie auf Französisch. Dann fuhr sie fort: „Moses ist die zentrale Gestalt des Pentateuch, der ersten fünf Bücher des Alten Testaments. Er war ein Prophet Gottes, dem es bestimmt war, sein Volk aus der Sklaverei zu führen.“
Ich sah sie an.
Meine Irritation wuchs. Vorsichtig fragte ich: „Wollen Sie Kaffee?“ Die Thermoskanne stand bereits auf dem Tisch, doch Madame de Rochat schüttelte den Kopf.
„Sie kennen ja sicher die Geschichte aus der Bibel“, sagte sie. „Moses wurde nach seiner Geburt in einem Weidenkorb im Nil ausgesetzt, wo ihn die Tochter des Pharaos fand. Die Prinzessin nahm ihn als ihr eigenes Kind an und rettete ihm damit das Leben. Moses ist also ein Geretteter, der später selbst zum Retter wurde. Comme on dit en français: il est devenu le Sauveur.“
Der Retter. Le Sauveur.
Es zischte, als ich die Wasserflasche öffnete.
Plötzlich kamen mir die Wände der Detektei noch kahler vor, aber vor allem weißer. Denn Madame de Rochat war ganz in Schwarz gekleidet, sie trug eine einfache, schmal geschnittene Hose und einen enganliegenden Rollkragenpullover, die ihre schlanke Figur gut zur Geltung brachten. Der Pullover war aus einem edlen Material, ich schätzte, Kaschmir.
„Damit deutet Moses bereits auf Jesus voraus“, fuhr sie fort, während ich mir einschenkte. „Auch Jesus musste als Kind vor Herodes gerettet werden, und auch er, der Gerettete, wurde später zum Retter, zu unserem Erlöser.“
Ich nahm einen Schluck Wasser.
„Doch der Bund, den Gott mit den Menschen durch seinen Sohn Jesus Christus vor zweitausend Jahren schloss, hat sich aufgelöst“, erklärte sie. Ihre Hände waren dauernd in Bewegung, sie fuhren durch die Luft wie Schwerte, doch jetzt zog sie damit einen waagrechten Strich, einen Cut, als sie sagte: „Durch die Gräueltaten des zwanzigsten Jahrhunderts hat sich unser Bund mit Gott gelöst. Die Christenheit befindet sich in einer tiefen Krise. Und spätestens zur Jahrtausendwende hat der Teufel durch einen Trick die Weltherrschaft übernommen.“
Ich trank das Wasserglas in einem Zug leer.
Meinte sie das ernst? Noch bevor ich wusste, was ich entgegnen sollte, fuhr sie auch schon fort: „Wissen Sie, dass wir uns mitten in einer der größten Umwälzungen der Menschheitsgeschichte befinden? In einer Revolution?“
Perplex schüttelte ich den Kopf.
„Den meisten ist ja gar nicht bewusst, wie sehr sich ihr Leben gerade verändert“, sagte Madame de Rochat. „Das Internet und vor allem diese kleinen Computer, die wir ständig mit uns herumtragen, also diese Handys, die sind doch schon fast ein körperlicher Teil von uns und wir von ihnen. Der Mensch, so wie wir ihn kennen, hat ausgedient.“ Plötzlich lachte sie, als hätte sie einen Scherz gemacht.
Ich sah sie einfach nur an.
„Zweitausend Jahre nach der Menschwerdung seines Sohnes Jesus Christus hat uns Gott deshalb ein zweites Kind geschickt“, sagte sie. „Sein Name ist Soterias. Das kommt aus dem Griechischen und bedeutet der Retter, der Erlöser.“ Dann fragte sie: „Verstehen Sie? Vous comprenez?“
Ich starrte auf ihren Mund, der rot und feucht glänzte, und suchte nach einer Erklärung. War Madame de Rochat etwa Mitglied einer religiösen Sekte?
„Sie meinen also“, fragte ich vorsichtshalber noch einmal nach, „dass das neugeborene Kind unten von der Bushaltestelle ein Heiland ist, der Messias oder was weiß ich, auf jeden Fall jemand, der uns erlösen wird? Von was auch immer? So wie Moses und Jesus?“
„Exactement“, sagte sie und lächelte wieder, doch jetzt war es eindeutig: Etwas stimmte nicht mit diesem Lächeln.
Oder war es mein Lächeln, das flackerte?
„Wissen Sie, ich glaube nicht an so etwas“, sagte ich, drehte das leere Wasserglas in meiner Hand hin und her und überlegte, wie ich die Frau wieder loswerden konnte. Demonstrativ blickte ich auf mein Handy. Dann setzte ich mein schönstes und unverbindlichstes Lächeln auf und sagte: „Aber Sie sind doch sicher nicht extra aus Lausanne hierhergekommen, um mit mir über religiöse Fragen zu sprechen. Dafür gibt es ja andere Profis. Ich bin Privatdetektivin, und am Telefon meinten Sie, Sie hätten einen Auftrag für meine Detektei. Wenn das nicht der Fall ist, dann muss ich Sie leider bitten“, wieder blickte ich auf mein Handy, „also ich habe viel zu tun und …“
„Mein Auftrag hängt mit dem Kind zusammen“, unterbrach sie mich schroff. Und dann war sie es, die mir ihr schönstes Lächeln zeigte, als sie hinzufügte: „Um das zu erklären, muss ich allerdings etwas ausholen. Ich hoffe, Sie können noch fünf Minuten Ihrer Zeit erübrigen.“
Ich hob das Glas gegen das Licht, blickte hindurch und murmelte: „Selbstverständlich.“
„Es ist nämlich so“, fuhr sie in der Art der besten Schulfreundin fort, die einem gleich ihr größtes Geheimnis anvertrauen wird. „Die Ankunft dieses Kindes wurde uns bereits vor fünfhundert Jahren prophezeit“, sagte sie mit leicht nach vorne gebeugtem Oberkörper, „und zwar von keinem Geringeren als von Nostradamus.“ Sie sah mich an, als erwartete sie eine heftige Reaktion.
Ich blickte durch das Glas und beobachtete die Lichtreflexe. Kein Zweifel, vor mir saß eine Verrückte, die meine Zeit verschwendete.
„Sicher haben Sie schon von Nostradamus gehört“, setzte sie nach. „Er war ein Prophet, ein Visionär des 16. Jahrhunderts, gesegnet und gestraft mit der Gabe, die Zukunft vorherzusehen. Eigentlich war er Apotheker, arbeitete aber als Astrologe. Heute ist er vor allem für seine prophetische Schrift der Centurien berühmt.“
Ich sah sie aufmerksam an.
Ihre Augen funkelten.
„Doch Nostradamus hat noch eine zweite Schrift verfasst“, sagte sie jetzt. Sie blickte sich um und sprach leiser, als sie hinzufügte: „Er nannte sie Nocturna, die Nächtliche. Diese Schrift war aber nur für einen kleinen Kreis an Auserwählten bestimmt.“
Ich schenkte mir Wasser nach.
Madame de Rochat griff ebenfalls nach der Flasche, schenkte sich ein und trank gierig zwei Schlucke. Dann griff sie nach der roten Ledertasche, die neben ihr auf dem Boden stand, und holte eine Mappe heraus.
„Insgesamt gab es nur drei Exemplare von dieser Schrift“, erklärte sie. „Alle drei sind von Nostradamus selbst geschrieben worden, natürlich von Hand, damals gab es ja noch keinen Computer.“ Wieder erschien dieses Lächeln auf ihren Lippen, während sie die Mappe öffnete und sagte: „Napoleon Bonaparte ließ ein Exemplar der Nocturna verbrennen, nachdem er darin von seiner Verbannung auf die Insel St. Helena erfuhr. Wahrscheinlich dachte er, so seinem Schicksal entgehen zu können.“
Sie schüttelte den Kopf wie über ein törichtes Kind und fügte beinahe zärtlich auf Französisch hinzu: „Quel imbécile!“
„Imbécible?“, wiederholte ich.
„Kleiner Dummkopf“, sagte sie lächelnd. „Das zweite Exemplar der Nocturna befand sich noch in den 1920er Jahren im Privatbesitz von Professor Jakobsen“, fuhr sie dann fort. „Das war ein namhafter Theologe aus Berlin. Doch die Nazis verbrannten seine gesamte Bibliothek. Also blieb nur noch das dritte Exemplar, das aber lange Zeit als verschollen galt.“
In der Mappe befanden sich mehrere Papiere. Madame de Rochat strich zärtlich über das Titelblatt und sagte: „Doch vor zehn Jahren im Sommer 2008 entdeckte eine Wissenschaftlerin dieses letzte Exemplar der Nocturna im Keller des ehemaligen Archivs der Stadt Lyon.“
Sie sah mich auf eine Weise an, die keinen anderen Schluss zuließ.
„Und das waren Sie?“, fragte ich.
„Exactement“, entgegnete sie triumphierend. Dann fügte sie hinzu: „Sie sind wirklich schlau, Frau Fuchs. Très intelligente.“ Wieder dieses Lächeln, dann: „Für die altehrwürdige Nostradamus-Gesellschaft war dieser Fund natürlich eine Sensation. Sie haben lange geprüft und getagt. Doch schließlich konnte Professor Didier, der Leiter der Gesellschaft, die Echtheit des Manuskripts bestätigen. Seitdem befindet sich das Original im Besitz eines Schweizer Unternehmers und Geistesgelehrten, der es vorzieht, anonym zu bleiben.“ Wieder strich sie über das Papier, als sie sagte: „Ich habe nur noch diese Kopie.“
Sie blätterte durch die Papiere.
„Und ich soll jetzt nachforschen, ob Napoleon das andere Original vielleicht doch nicht verbrannt hat? Ob es sich vielleicht auf St. Helena befindet? Oder ob es sich einer der Nazis vielleicht doch unter den Nagel gerissen hat?“, fragte ich ungeduldig nach. „Oder wollen Sie herausfinden, wer dieser anonyme Schweizer ist?“
War es das, was sie wollte? War sie eine Exzentrikerin mit einer Obsession für alte Bücher?
„Nein“, entgegnete sie und sah mich an. „Darum geht es nicht.“
„Worum dann?“ Wieder blickte ich auf mein Handy.
„Sie sollen einen Mord verhindern“, sagte sie.
„Ich soll … wie bitte was?“
„Einen Mord verhindern“, wiederholte sie bestimmt.
Draußen schlug die Liebfrauenkirche halb elf.

(Weiterlesen)

Autorin & Copyright: Silke Nowak

Nocturna_Cover_klein


Silke Nowak,
Nocturna. Die tödliche Schrift.
E-Book (Kindle Shop) 0,99 Euro
Taschenbuch (Createspace) 11,90 Euro

Wenn das Eis des Schweigens bricht: Silke Nowak, Alinas Grab [Leseprobe]

alinas-grab-introKurz nach ihrem achten Geburtstag wird der Kinderstar Alina Odermatt ermordet im Garten ihrer Eltern gefunden. Obwohl die Ermittlungen unter Hochdruck laufen, kann der Fall nicht aufgeklärt werden — er bleibt eines der großen Rätsel der deutschen Kriminalgeschichte. Jahre später wendet sich der Vater der getöteten Eisprinzessin an die Ravensburger Detektei Fuchs & Bentwood mit dem Auftrag, Alinas Bruder Mark ausfindig zu machen. Der damals Elfjährige stand zeitweise selbst unter Tatverdacht, später brach er den Kontakt zur Familie ab. Ruby Fuchs und John Bentwood machen sich auf die Suche nach dem jungen Mann. Schnell wird klar: Sein Verschwinden hängt mit dem Geheimnis um den Mord an Alina zusammen. Zwölf Jahre nach der schrecklichen Tat bricht das Eis des Schweigens — und der Alptraum beginnt erneut. Wie weit darf man für die Wahrheit gehen? Unsere Leseprobe führt direkt ins erste Kapitel…


Silke Nowak, Alinas Grab

1. Kapitel — 1. Juli 2006 —


„Mark“, rief Alina. „Schau doch mal!“
Seine Schwester stand in ihrem roten Glitzer-Kostüm am Pool. Die Pailletten reflektierten das Sonnenlicht, leuchtende Punkte tanzten über das Wasser. Alina liebte dieses Kostüm. Es war das Kostüm aus Lea, die kleine Eisprinzessin. Mit diesem Film war seine Schwester berühmt geworden.
„Was ist denn, Prinzessin?“, rief Mark.
Alina trat jetzt vor bis zum Beckenrand. Dann schloss sie für einen Moment die Augen, sprang in die Höhe, drehte sich anderthalbmal um die eigene Achse und glitt beinahe lautlos ins Wasser.
„Cool“, rief Mark. Er klatschte in die Hände.
„Toll, Schatz!“, rief auch die Mutter von der Terrasse herüber. „Ein richtiger Axel!“
Anderthalb Jahre war es jetzt her, dass die Mutter mit Alina zum Casting nach München gefahren war, eigentlich nur aus Spaß. Man hatte Mädchen gesucht, die gut Schlittschuhlaufen können. Alina konnte das. Sie trainierte täglich unten im Eiskunststadion. Trotzdem hatte niemand damit gerechnet, dass sie die Rolle bekam. Es gab viele Mädchen, die gut Schlittschuhlaufen konnten. Aber die Jury hatte sich für Alina entschieden, weil Alina noch mehr konnte als Schlittschuhlaufen. Alina verzauberte die Menschen mit ihrem Lachen. Sie könne ängstlichen Menschen Mut machen, hieß es in der Begründung der Jury. Der Film war ein Riesenerfolg geworden. Die Dreharbeiten für Teil 2 begannen in wenigen Wochen.
„Huhu“, rief Alina und spritzte ihn nass.
„Na warte.“ Mark zog sein T-Shirt aus. Dann nahm er Anlauf, sprang ab und knallte mit einer Arschbombe ins Wasser, seine Spezialität.
Whom. Wie das klatschte!
Mark sank im Wasser nach unten. Die Welt da draußen wurde leiser, sein Körper schwerelos. Die Sonne schnitt wie ein goldenes Schwert durch die Oberfläche. Mark berührte mit der Hand den Boden und stellte sich vor, er wäre ein Hai. Über ihm zappelten zwei kleine Mädchenfüße. Die Schwester strampelte heftig und riss sich los, als er sie packen wollte.
„Kommt jetzt raus“, rief die Mutter. „In einer Stunde werden die Gäste da sein.“
Die Mutter stand bereits mit einem großen Badehandtuch am Pool, in das sich Alina sogleich schmiegte.
Mark tauchte wieder ab.
Es war Samstag, der 1. Juli 2006. Seine Mutter hatte heute Geburtstag. Wenn Alina kein Kaiserschnitt gewesen wäre, sagte Hedi immer, dann wäre sie vermutlich auch am 1. Juli geboren. Hedi war ihr Kindermädchen. Sie fand, man solle der Natur nicht ins Handwerk pfuschen. Doch weil Marks Mutter das anders sah, hatte Alina schon am 29. Juni das Licht der Welt erblickt. Vorgestern war seine Schwester acht Jahre alt geworden. Zwanzig Mädchen hatte sie zu einer Einhorn-Party einladen dürfen. Es hatte Einhorn-Torte gegeben, eine Einhorn-Hüpfburg und Ponyreiten. Das Pony hatte ein weißes Horn zwischen die Ohren geklemmt bekommen.
„Mark“, schimpfte die Mutter. „Raus jetzt!“
Mark hievte sich aus dem Wasser und legte sich, nass wie er war, auf die immer noch warmen Fliesen. In der Ferne schlug eine Kirchturmuhr halb sieben. Es war ein heißer Tag gewesen. Mark hatte sich fast nur von Eis ernährt. Hedi hatte gesagt, es sei der heißeste erste Juli seit hundert Jahren gewesen. Das habe sie im Radio gehört.
„Die Sessel bitte da hin“, hörte er die Stimme seiner Mutter.
Schon seit Stunden schleppten die Männer von Festland Stühle und Tische durch den Garten. Der Schweiß lief ihnen über die Gesichter. Der dunkle Mann wischte sich mit dem Ärmel über die Augen; Mark sah die schwarzen Haare unter den Achseln. Festland war eine Partyagentur. Heute Abend kamen 145 Leute, das schaffte seine Mutter nicht allein. Mark wunderte sich, wie man so viele Freunde haben konnte. Er selbst hatte nur zwei: Jonas und Finn.
„Zieh endlich das nasse Ding aus, Schatz“, hörte er die Mutter zu Alina sagen. Dann vernahm er das Summen einer Biene, die dicht an seinem Ohr vorbeiflog.
Mark blickte in den Himmel hinauf. Auf einem hellblauen Grund bewegten sich zwei Wolken. Als Überraschung für seine Mutter sollte es an diesem Abend einen Schlumpf-Tanz geben. Den hatte Marks Vater mit ein paar Kumpels einstudiert, weil seine Mutter die Schlümpfe wahnsinnig süß fand. Auch Felix machte mit bei dem Tanz. Felix war der Chef von Marks Vater und zugleich Marks Taufpate. Die Männer trugen Kostüme aus Plüsch. Darin sahen sie aus wie echte Schlümpfe, nur größer.
„Creme dich ein, Schatz“, sagte die Mutter zu Alina.
Alina sollte als Schlumpfine auftreten und am Ende von den Männern in die Luft gehoben werden. Bei den Proben hatte das nicht immer geklappt.
„Mark“, sagte die Mutter. „Du liegst ja immer noch rum.“
Mark setzte sich auf.
„Wow“, sagte er zu Alina, die nackt vor ihm stand. „Kriegst ja langsam echte Titten.“
Alina streckte ihm die Zunge heraus. Seine Schwester war dürr und flach wie ein Knabe. Trotzdem verschränkte sie die Arme vor der Brust und sagte: „Gar nicht wahr!“
„Mark, bitte“, ermahnte ihn die Mutter. „Nicht so eine Ausdrucksweise. Ich will das Wort nicht hören!“
„Welches Wort?“, fragte Mark schelmisch. „Du meinst Ti…?“
„Titikakasee, genau“, sagte die Mutter. Dann packte sie Mark und kitzelte ihn aus.
„Titikakasee“, wiederholte Alina und kicherte.
Mark japste nach Luft und flehte um Gnade, doch die Mutter ließ nicht locker. Dann kam auch noch Alina dazu und half mit. Seine Schwester lachte laut und rief immer wieder: „Titikakasee!“
„Was geht denn hier vor?“
Plötzlich stand der Vater am Pool. Mark hatte ihn nicht kommen hören. Er trug noch den Anzug und die Krawatte vom Büro. Sein Vater musste immer lange arbeiten. Eigentlich sei Marks Vater ja der Chef der Trapp-Werke, sagte seine Mutter immer. Aber die Firma gehörte trotzdem Felix.
„Du siehst phantastisch aus“, sagte der Vater zur Mutter.
Die Mutter war schon für die Party gerichtet. Sie trug ein langes, rotes Abendkleid mit vielen Glitzersteinen und sah aus wie die Frauen, die immer in den Modezeitschriften waren. Marks Freunde pfiffen durch die Zähne, wenn sie über seine Mutter sprachen.
„Ist dir nicht heiß?“, fragte die Mutter, ging zum Vater und schmiegte sich an ihn.
„Verdammt heiß“, entgegnet der Vater und grinste. Dann küsste er die Mutter inniger, als er es sonst zur Begrüßung tat.
„Bäh!“, schrien die Kinder im Chor.
Mark wendete sich ab. Er war elf Jahre alt, fast zwölf. Er mochte es nicht, wenn seine Eltern sich küssten, und schon gar nicht mit der Zunge, das war doch voll ekelig. Wie zwei Tiere, sagte Hedi immer.

Um kurz nach 19:30 Uhr kam Mark auf die Terrasse herunter. Er fühlte sich unwohl. Nur seiner Mutter zuliebe hatte er das Hemd und die Fliege angezogen. Die ersten Gäste verteilten sich bereits über den Garten. Unter der Trauerweide saßen zwei Frauen und spielten Cello. Seine Mutter und Jutta standen am Buffet und luden sich die Teller voll.
„Schick siehst du aus“, sagte Jutta und zwinkerte ihm zu. Sie war blond und hatte Riesentitten – und sie war Felix’ Frau.
„Möchtest du nicht wenigstens mal probieren?“, fragte die Mutter und deutete auf die Muscheln und Krabben.
„Igitt“, sagte Mark. „Krieg ich Chips, Mama? Bitte!“
Jutta lachte und sagte: „Kinder! Das ist doch überall dasselbe.“
Der Garten füllte sich. Mark schlängelte sich zu Alina durch. Sie hatte schon mehr Geschenke als die Mutter bekommen. Mark half ihr, die Sachen nach oben in ihr Zimmer zu tragen. Dort rissen sie das Papier auf. Puppen, Bücher, Kuscheltiere, Puzzles. Alina jubelte über eine rosafarbene Kinderkamera. Mark schnappte sich ein Legoschloss und baute es für seine Schwester zusammen. Er war froh, wenn er seine Ruhe hatte. Die Erwachsenen sagten immer dasselbe: „Du bist aber groß geworden!“ Oder sie fragten: „Na, wie läuft es in der Schule?“
Mark mochte das nicht.
Trotzdem ließ er sich später von Hedi dazu überreden, wieder mit runterzugehen. Da war es draußen schon dunkel geworden. Die Fackeln leuchteten. Auf dem Pool schwammen Boote mit Kerzen. Auf der Terrasse machte jemand Fotos von den Gästen, die sich dafür mit Masken verkleideten. Alina ließ sich mit einer Micky-Maus-Maske fotografieren. Mark wählte eine schwarze Zorromaske. Dann setzte er sich zusammen mit Hedi und Alina auf die Treppenstufen der Terrasse. Auch Felix setzte sich zu ihnen. Plötzlich gab es einen lauten Knall und die erste Feuerwerksrakete schoss nach oben. Ihr Licht hinterließ ein großes, leuchtendes Herz im Himmel.
„Oh“ und „Ah“ sagten die Leute.
Felix legte seinen Arm um Marks Schulter. Gemeinsam blickten sie in den Himmel hinauf. „So sieht das Glück aus“, flüsterte Felix und deutete auf die flüchtigen Bilder aus roten Linien, goldenen Punkten und grünen Kreisen. Auch Mark und Felix sagten „Ah“ und immer wieder „Oh“.
Alina schoss mit ihrer neuen Kamera ein paar Bilder.
Nach dem Feuerwerk hielt Marks Vater eine Rede. Er sprach in ein Mikrofon, das seine Stimme noch tiefer machte. Mark hielt sich die Ohren zu. Nur die Worte „Erfolg“ und „Familie“ drangen immer wieder zu ihm durch.
„Außerdem möchte ich Sie noch auf einen besonderen Programmpunkt hinweisen“, sagte sein Vater nach einer Ewigkeit. „Um Punkt elf wird das legendäre Männerballett der Trapp-Truppe die Tanzfläche eröffnen. Danach wird DJ Rafi Yes für Sie auflegen. Sie dürfen gespannt sein.“
Die Leute spendeten Beifall.
Auch Felix klatschte.
„Und nun“, fuhr der Vater fort: „Erheben wir das Glas auf meine liebe Frau!“ Er überreichte der Mutter einen Strauß Rosen und sagte: „Ich liebe dich, Kitty!“
Noch einmal applaudierten die Leute.
Hedi band Alina die Schleife im Haar.
DJ Rafi Yes spielte Mamas Lieblingslied, Wonderful dream von Melanie Thornton.
„Komm“, flüsterte Alina nah an seinem Ohr. „Wir gehen.“
Die Kinder schlüpften durch ein Loch in der Hecke auf das benachbarte Grundstück hinüber. Das Zirpen der Grillen wurde lauter. Mark hatte seine Taschenlampe dabei, Alina die Kamera. Das Nachbargrundstück gehörte auch der Familie, der Vater hatte es gekauft, falls Mark oder Alina später hier bauen wollten. Bisher standen aber nur Apfelbäume darauf. Ganz hinten, auf dem ältesten und größten Baum, befand sich ihr Baumhaus. Es war ein richtiges kleines Häuschen mit zwei Zimmern, einer Veranda rundum und rot-weiß karierten Vorhängen. Es gab sogar kleine Fensterläden aus grünem Holz, die man öffnen und schließen konnte.
A wonderful dream of love and peace for everyone…
Die Musik wurde leiser. Die Kinder schlichen durch das hohe Gras. Der Gärtner mähte die Wiese hier drüben nur alle sechs Wochen. Marks Turnschuhe wurden feucht und färbten sich an der Lederkappe dunkel.
A wonderful dream of love and peace for everyone …
Sie hatten das Baumhaus erreicht, als Alina fragte: „Hörst du das?“
Etwas hatte geraschelt. Er hatte es auch gehört.
„Vielleicht Molly?“, fragte Mark. Er leuchtete mit der Taschenlampe ins Gras. Molly war die Katze von Hagers, ihren Nachbarn. Doch Molly war nirgends zu entdecken.
Plötzlich knackte es. Das Geräusch war von oben gekommen, diesmal deutlich. Beide blickten hoch zum Baumhaus. Mark richtete den Strahl der Taschenlampe hinauf. Doch nur das dunkle Rechteck mit der Luke war zu erkennen. Eine stabile Holzleiter führte hinauf. Die Kinder bevorzugten die Strickleiter, die daneben baumelte.
„Eichhörnchen sind auch nachtaktive Tiere“, erklärte Alina altklug. „Ihr Nest nennt man Kobel.“
„Na, dann klettere mal hoch, du Eichhörnchen“, sagte Mark.
Alina war geschickt im Klettern. Ihr rosafarbener Schlüpfer blitzte unter dem Kleid hervor, während sie eine Stufe nach der anderen nahm. Nachdem die Schwester durch die Luke verschwunden war, stieg Mark hinterher. Die Taschenlampe steckte er sich vorne in den Hosenbund.
Oben hatte Hedi schon alles hergerichtet. Ein Nachtlicht leuchtete schwach rötlich. Zwei Matratzen lagen da, darauf die Schlafsäcke und Jogginganzüge. Sogar an die Chips hatte Hedi gedacht. Die Tüte steckte im Kopfteil seines Schlafsacks. Mark griff danach und drückte die Tüte zusammen. Es gab einen dumpfen Knall. Der würzige Geruch stieg ihm in die Nase. Schnell zog sich Mark die Klamotten aus, fluchte über den Verschluss der Fliege, der klemmte, und kämpfte mit den Knöpfen an seinem Hemd. Währenddessen stopfte sich Alina bereits eine Handvoll Chips in den Mund.
„Alina!“, rief er wütend. „Das sind meine Chips!“
Und plötzlich ging alles ganz schnell.
Es polterte. Mark drehte sich um und sah den Mann. Er trug eine Zorromaske. Alina sagte, er solle sofort verschwinden. Das sei ihr Baumhaus. Doch der Mann verschwand nicht. Er kam näher.
Mark war wie erstarrt.
Alina schrie. Sie hob ihre Arme schützend über den Kopf, dünne Mädchenarme, und rief: „Aufhören!“, doch der Mann hörte nicht auf. Mit der Taschenlampe schlug er Alina auf den Kopf, bis sich ihre blonden Haare rot färbten.
Mark konnte nichts dagegen tun. Es war, als blickte er von oben auf alles herab. Als wäre er außerhalb von sich. Obwohl er dabei war, konnte er sich später nicht mehr daran erinnern, was folgte – außer an einen eigenartigen Schmerz, der seinen mageren Körper zu zerreißen schien.*

* Text von Peter Redlich, Rekonstruktion der Tatnacht im Fall Alina O., veröffentlicht auf www.peter-redlich.de und www.wahre-kriminalfälle.de

2. Kapitel — 12 Jahre später —

Ich überwachte die beiden jetzt schon seit Monaten.
Doch da lief nichts.
Der Mann hieß Sam Weber, er war ein Singer-Songwriter, der seine eigenen Lieder vortrug und sich dabei auf der Gitarre begleitete. Am Vorabend hatte er ein kleines Konzert im Café Central gegeben. Ich hatte mich ganz hinten an einen runden Marmortisch gesetzt, zwei Gläser Rotwein getrunken und über fünfzig Fotos mit dem Handy geschossen. Doch da lief absolut nichts zwischen den beiden, keine Umarmung, kein Kuss, nicht einmal Händchen hatten sie gehalten.
Ich gähnte.
Es war Montagmorgen, der 25. Juni, kurz nach zehn. Während mein Computer die Fotos hochlud, ging ich in die Küche und machte mir einen Kaffee.
Die Frau, um die es ging, hieß Eva Müller-Horgau. Sie war eine Elfe, blond, zierlich, hübsch. Ihre Haut und ihre Haare sahen weich aus, nur der Ausdruck um ihren Mund wirkte hart. Eva hatte Sams Lieder laut mitgesungen. Dabei hatten ihre Augen geleuchtet, und auch das Harte um ihren Mund war weicher geworden; ein bisschen zumindest.
Ich mochte Eva.
Und ich mochte Sams Lieder. Er hatte eine warme und zugleich raue Stimme, die voller Leben war, selbst wenn er vom Tod sang. Irgendwann hatte auch ich den Refrain von Countdown mitgesungen, seinem bisher erfolgreichsten Lied:
Du hast mein Herz, verdammt, mit deinem Lächeln gerammt.
Und ich seh’s in deinem Blick, unser Countdown, der macht Tick:
10, 9, 8. Alle Toten sind erwacht.
Der Haken an der Geschichte war, dass Eva Müller-Horgau die Ehefrau von Sven Müller-Horgau war, meinem Auftraggeber. Sven Müller-Horgau war der Leiter einer großen Personalabteilung, er war träge, und er war eifersüchtig. Natürlich war er das. Mit der Tasse Kaffee in der Hand ging ich zurück an den Schreibtisch.
Ich hatte nichts gegen eifersüchtige Ehemänner. Im Gegenteil. Schließlich war ich Privatdetektivin. Ich lebte davon, Ehefrauen zu überwachen, aber auch Ehemänner, Kinder, Angestellte und vieles mehr. Sogar einen Hund hatte ich schon überwacht. Tatsächlich stellte sich der Vierbeiner am Ende als der Übeltäter heraus, der immer in Nachbars Rabatte kackte.
Ich ließ die Jalousie herunter.
Der Download war abgeschlossen und ich öffnete das erste Foto. Ich hatte die Sonne ausgesperrt, aber auf meinem Bildschirm leuchtete Sams Gesicht. Mein Blick glitt über seine Lippen, den Dreitagebart, die Narbe am Kinn. Aber das Beste waren seine Augen, die direkt in meine Kamera blickten.
Ich nahm einen Schluck Kaffee.
Eva war um 01:07 Uhr mit dem Taxi nach Hause gefahren. Zum Abschied hatte sie Sam auf die Wange geküsst, einmal rechts, einmal links. Sven Müller-Horgau verschwendete nur sein Geld, wenn er seine Frau weiterhin überwachen ließ. Und ich meine Zeit.
Ich nahm noch einen Schluck Kaffee.
Sie wollen die Wahrheit wissen? Dann sind Sie bei uns richtig, stand auf der Internetseite der Detektei Fuchs & Bentwood. Ich hatte die Detektei zehn Monate zuvor gegründet. Vorher war ich Polizistin gewesen, Hauptkommissarin in der Kriminalinspektion für Organisierte Kriminalität. Doch bei einem Großeinsatz, bei dem ich die Leitung gehabt hatte, waren zwei Männer erschossen worden. Narkas und Snajdrom waren international gesuchte Verbrecher gewesen, die selbst ohne mit der Wimper zu zucken hunderte von Menschen ermordet hatten, aber der Aufschrei war trotzdem groß gewesen. Nach dem Fiasko hatte ich einen Monat im Krankenhaus verbracht; Trümmerbruch des rechten Fußknöchels. In meinem Einzelzimmer mit Blick auf den Klinikpark hatte ich viel Zeit zum Nachdenken gehabt. Danach war ich nicht mehr zurückgekehrt in den Polizeidienst.
Für einen Moment starrte ich ins Leere.
Dann blickte ich wieder in Sams Gesicht. Er habe mich in letzter Zeit öfter gesehen, hatte Sam gesagt, als wir nachts um halb zwei vor dem Café Central gestanden hatten. Was ich denn so mache? Ich sei Privatdetektivin, hatte ich wahrheitsgemäß geantwortet. Spannend, meinte er, und was mache man so als Privatdetektivin? Die Wahrheit herausfinden, hatte ich geantwortet. Was die Wahrheit sei, hatte Sam gefragt.
Und dann hatte er mich angesehen.
Die Wahrheit war, dass ich mich längst in Sam verliebt hatte. Ich starrte auf die Sonne, die zwischen den Lamellen der Jalousie festklemmte. Dann schloss ich die Augen.
Du hast mir den Verstand geraubt,
hast Raketen auf mein Herz gebaut.
Komm, wir schießen uns ins All.
Nur wir zwei im freien Fall.
Es war 10:25 Uhr, als es unten an der Tür klingelte.
Die Detektei Fuchs & Bentwood lag mitten in der Altstadt von Ravensburg, im zweiten Obergeschoss eines vierstöckigen Geschäftshauses, in dem auch ein Spielwarengeschäft und ein Metzger untergebracht waren. Ich stand auf, drückte den Türöffner und blickte aus dem Fenster auf den Marienplatz hinab. Ravensburg war eine Stadt, von der ich als Kind immer geglaubt hatte, sie wäre das Vorbild für die Playmobil Ritterburg gewesen. Türme, Zinnen, Fahnen und Reste der Stadtmauer bestimmen bis heute das Stadtbild, so als habe es nie ein zwanzigstes Jahrhundert gegeben, keine Weltkriege, keine Bomben. Unten eilten Herren mit Aktentaschen vorüber, Frauen schoben Kinderwagen über die Trottoirs oder trugen prall gefüllte Tüten nach Hause. An einem sonnigen Vormittag wie diesem hätte man annehmen können, dass auch die Geschlechterkämpfe des 20. Jahrhunderts hier kaum nennenswerte Spuren hinterlassen hatten.
Es klopfte. Ich öffnete die Tür.
Ein großer, massiger Mann stand vor mir. Ich schätzte ihn auf Ende fünfzig. Er sah aus, als wäre er früher mal sportlich gewesen, Rugby-Spieler oder so. Doch die Proportionen waren bereits im Umbruch. Bald würde nicht mehr der Brustbereich die breiteste Stelle seines Körpers sein, sondern der Bauch. Das rosafarbene Hemd spannte über dem braunen Ledergürtel, der in einer blauen Anzughose steckte. Ein feines Aftershave stieg mir in die Nase.
„Guten Morgen“, sagte ich und streckte ihm meine Hand entgegen. Ich konnte den lukrativen Auftrag förmlich riechen. Wahrscheinlich sollten wir seine um zwanzig Jahre jüngere Ehefrau überwachen. „Mein Name ist Ruby Fuchs“, stellte ich mich vor. „Was kann ich für Sie tun?“
„Sehr erfreut“, sagte er und zerquetschte mir fast die Hand. „Thomas Odermatt.“ Dabei blickte er mich an, als müsste ich ihn kennen.
Odermatt. Odermatt.
Etwas klingelte da bei mir.
„Oh Gott!“, rief ich bestürzt, als wir bereits Platz genommen hatten, ich hinter meinem Schreibtisch, er davor. „Sind Sie etwa der Vater des kleinen Mädchens, das damals ermordet wurde?“
„Alina war meine Tochter“, sagte er. „Richtig.“
Schweigen. Dann bot ich ihm einen Kaffee an, er bevorzugte ein Glas Wasser. Nachdenklich ging ich in die Küche. Wie lange war das jetzt her? Zehn Jahre? Länger? Der Fall Alina O. hatte damals ganz Ravensburg in Angst und Schrecken versetzt. Darüber hinaus war er deutschlandweit mit großem Interesse verfolgt worden, vor allem im Internet hatten sich unzählige Foren und Seiten über Alina O. herausgebildet. Spekulationen darüber, wer das Mädchen getötet hatte, legten zeitweise ganze Server lahm. Obwohl ich mit den Ermittlungen nichts zu tun gehabt hatte, erinnerte ich mich gut an die vielen Diskussionen, die damals in Polizeikreisen zum Thema digitale Aufklärung geführt worden waren. Mein damaliger Arbeitsplatz war dreißig Kilometer von Ravensburg entfernt in Friedrichshafen gewesen, doch meine Einsatzgebiete hatten sich über ganz Osteuropa bis hin in die arabische Welt erstreckt.
Ich drehte den Wasserhahn auf, füllte ein Glas und ging damit zurück.
„Bitte.“ Ich stellte Odermatt das Wasser hin.
„Meine kleine Prinzessin“, sagte er mit regungsloser Miene. „Alina war das reinste Geschöpf, das man sich vorstellen kann. Und das perverse Schwein, das sie auf dem Gewissen hat, läuft immer noch frei herum.“
Ich griff nach meiner Kaffeetasse. Ja, der Fall war nie aufgeklärt worden. Es hatte zwar einen Prozess gegeben, bei dem der Angeklagte aber freigesprochen worden war. Der Mord an dem kleinen Mädchen gehörte zu den größten Rätseln der deutschen Kriminalgeschichte.
„Die Polizei verdächtigte uns“, sagte Odermatt. Er blickte mich offen an, aber seine Hand schloss sich zur Faust, als er hinzufügte: „Uns, die Familie! Das muss man sich mal vorstellen! Die Bullen waren so verbohrt in ihrem Sozialneid, dass wichtige Spuren jahrelang nicht ausgewertet wurden.“
„Das war sicher nicht einfach für Sie“, sagte ich.
„Es war ein Albtraum.“
„Das kann ich mir vorstellen.“
„Können Sie nicht!“ Wieder schloss sich seine Hand zur Faust. Dann klingelte sein Handy und er sagte zu mir: „Entschuldigung, aber ich muss kurz ran.“
Ich nahm einen Schluck Kaffee.
An der Wand hing ein Foto von meiner Mutter aus der Zeit, als sie noch mit Blumen im Haar und der Gitarre im Arm gegen den Vietnamkrieg protestiert hatte. Ihre Augen lächelten. Heute lebte sie mit vier anderen stark gealterten Hippies auf einem Bauernhof im Allgäu und protestierte vor allem dann, wenn ich sie zwang, die Medikamente zu nehmen, die der Arzt ihr verschrieben hatte. Dass ausgerechnet ich, ihre Tochter, nach der Schule bei der Polizei angefangen hatte, war nie leicht für sie gewesen. Jahrelang hatte sie es vor ihren Freunden verheimlicht.
„Ich möchte, dass Sie meinen Sohn finden“, sagte Odermatt, nachdem er aufgelegt hatte. „Mark war damals ja selbst noch ein Kind, gerade mal elf. Mit achtzehn hat er dann seine Sachen gepackt und ist verschwunden. Wir haben gehofft, dass er eines Tages zurückkommt, aber …“
„Seit wann ist er weg?“
„Seit sechs Jahren“, sagte Odermatt. „Im August 2012 wurde er achtzehn. Im September ist er gegangen.“
Während Odermatt von seinem Sohn erzählte, googelte ich im Internet nach einem Foto von Alina. Sofort kamen hunderte Bilder. Ich klickte auf das erste, das Alina mit ihrer Mutter zeigte. Die Mutter war eine klassische Blondine, die durch das zu dick aufgetragene Make-up stark an Ausstrahlung verlor. Alina hingegen war klar und frisch und verfügte über eine Schönheit, die mitten ins Herz traf.
„Die Ermittler haben sich damals viel zu lange auf meinen Sohn konzentriert“, sagte Odermatt. „Dabei gab es nie hinreichende Beweise. Aber den Leuten ist das egal. Für viele ist und bleibt Mark der Mörder seiner Schwester. Schauen Sie doch mal ins Internet. Dieser ganze Dreck.“
Odermatt verschränkte die Arme.
Unten hupten mehrere Autos.
„Es ist der Neid“, sagte Odermatt. „Die Leute wollen, dass wir es waren. Damit ihre eigene ärmliche Existenz erträglicher wird.“
Odermatt hatte kurze, graue Haare, die sich an der Stirn stark lichteten.
„Wissen Sie, wie viele Pädophile und Kriminelle in unserer Gesellschaft frei herumlaufen?“, fragte er.
Draußen schlug eine Kirchturmuhr. Vier helle Schläge, elf dunkle. Das bedeutete, es war jetzt elf.
Odermatt öffnete seine Ledertasche, nahm ein Foto heraus und schob es mir über den Tisch. Das Foto zeigte einen hübschen Jungen mit dunklen Haaren und einem klaren, symmetrischen Gesicht. Nur das Lächeln wirkte, als wäre es tiefgefroren.
„Das war vor sechs Jahren an Marks achtzehntem Geburtstag“, sagte Odermatt. Und dann: „Bitte finden Sie meinen Sohn. Meine Frau hat Krebs. Sie will Mark noch einmal sehen, bevor sie …“
Er schwieg.
„Haben Sie jemals die Polizei eingeschaltet?“, fragte ich.
„Die Polizei hat mein Vertrauen verspielt“, sagte Odermatt.
Ich nickte und fragte: „Gab es seit Marks Verschwinden irgendwelche Lebenszeichen?“
Wieder klingelte sein Handy. „Entschuldigung“, sagte Odermatt, drehte sich von mir weg und nahm das Gespräch an.
Ich stand auf, trat ans Fenster und blickte auf die Stadt hinaus. Ravensburg hatte 50.000 Einwohner, 17 Türme und 750.000 Leichen. Die Zahl der Leichen ergab sich aus einer Sterberate von einem Prozent und der Stadtgeschichte seit dem Jahr 1088. Aus dieser beeindruckenden Masse von Tod, Krankheit und Verbrechen erhoben sich die 17 Türme so unschuldig, als wüssten sie von nichts. Dabei standen die meisten schon seit dem Mittelalter da. Der Grüne Turm zum Beispiel, der sich schräg gegenüber von Fuchs & Bentwood erhob, diente über fünfhundert Jahre als Gefängnis, zuletzt noch bis 1943. Sein Name kam von den grün glasierten Dachziegeln.
Grün, wie das Leben.
Grün, wie die Natur, die am Ende über alles wächst.
„Entschuldigung“, sagte Odermatt noch einmal, nachdem er aufgelegt hatte. Dann nahm er einen dicken DIN-A4-Umschlag aus der Tasche, legte ihn auf den Schreibtisch und sagte: „Darin finden Sie alles, was Sie brauchen. Auch einen Text von Peter Redlich. Peter ist Journalist, er hat sich damals lange mit Mark unterhalten und die Polizeiakten eingesehen. Auf dieser Grundlage hat er aufgeschrieben, was wirklich in der Tatnacht geschah. Ich rate Ihnen, lesen Sie diesen Text zuerst, bevor Sie sich an die Arbeit machen.“
Ich nickte wieder.
„Mark schreibt ab und zu eine Postkarte“, fuhr Odermatt fort. „Außerdem bekomme ich die Abrechnung seiner Kreditkarte, die über mich läuft. Daher wissen wir, dass er ein paar Semester Informatik in München studiert hat. Danach ist er nach Mallorca. Die letzte Abbuchung fand im Mai dieses Jahres in Manacor im Osten der Insel statt.“
„Also vor sechs Wochen ungefähr?“
Odermatt nickte. „Ende Mai hat Mark sich Wanderschuhe in einem Sportladen in Manacor gekauft“, sagte er. „Die Abrechnung für Juni ist noch nicht gekommen.“
Plötzlich klopfte es.
Odermatt und ich blickten uns überrascht an. Beide hatten wir kein Klingeln gehört und auch keine Schritte im Treppenhaus. Ein bisschen fühlte es sich so an, als wären wir belauscht worden. Ich öffnete. Vor der Tür stand eine große, abgemagerte Frau mit einem schmalen Gesicht. Ihre Haare waren kurz. Als sie mich ansah, wusste ich sofort Bescheid. Das war zwar nicht mehr die hübsche, naive Blondine von dem Foto, aber der durchdringende Blick aus den großen, dunklen Augen war noch immer derselbe.
„Frau Odermatt?“, fragte ich.
Sie reichte mir eine kalte, knöcherne Hand und sagte: „Nennen Sie mich Kitty.“
„Ruby“, entgegnete ich.
„Was machst du hier?“, fragte Odermatt, der sofort aufgestanden war und seine schwer atmende Frau zu dem Stuhl führte, auf dem er eben noch gesessen hatte.
„Hat er Ihnen den Auftrag gegeben?“, fragte sie mich, ohne auf ihren Mann zu achten.
Ich setzte mich wieder hinter den Schreibtisch und nickte ihr zu. Dann fragte ich an Odermatt gewandt: „Warum fliegen Sie eigentlich nicht selbst nach Mallorca und suchen Ihren Sohn?“
Odermatt stand hinter seiner Frau. Er hatte seine riesigen Hände auf ihre schmalen Schultern gelegt und lächelte. Es war dasselbe eingefrorene Lächeln, das Mark auf dem Foto zeigte. Doch plötzlich brach das Lächeln, als er sagte: „Ich kann hier nicht weg. Meine Frau braucht mich jetzt. Sie steht die Strapazen einer Reise nicht mehr durch.“
Kitty senkte den Blick.
„Und all die Jahre vorher?“, fragte ich.
„Wir hatten Angst“, antwortete sie. „Angst, dass unser Sohn uns nicht sehen will.“
Wir schwiegen alle drei.
„Da drin“, sagte Kitty schließlich und deutet auf den DIN-A4-Umschlag, „da drin finden Sie einen Brief von mir. Er ist für Mark.“
Odermatt blickte zur Decke hinauf, die mit Rissen durchzogen war, und fügte wie beiläufig hinzu: „Ich bezahle Ihnen dreißigtausend Euro, wenn Sie meinen Sohn in den nächsten drei Wochen finden. Und fünfzigtausend, wenn Sie ihn in den nächsten zehn Tagen haben.“
Ich schnappte nach Luft. Und wenn ich Mark nicht fand? Mit Blick auf Kittys schmales Gesicht beschloss ich, die Frage später zu stellen.
„Das ist viel Geld“, sagte ich bloß.
„Wir haben Geld“, entgegnete Odermatt.
„Aber nicht mehr viel Zeit“, fügte Kitty hinzu.

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Autorin & Copyright: Silke Nowak

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E-Book (Kindle Shop) 0,99 Euro
Taschenbuch (Createspace)
in Kürze verfügbar

Geboren aus dem Schlaf der Vernunft: Silke Nowak, Patient 211 [Leseprobe]

nowak-patient-211Schuldfähig oder nicht? Für Gutachter Dr. Julian Kraft normalerweise eher eine Routinefrage — doch im Fall von Linda Fallersleben kommt der forensische Psychologe an die Grenzen seines Fachs. Hat die Patientin ihren Mann – ausgerechnet einen Psychoanalytiker – gar nicht selbst erstochen? Gibt es einen mysteriösen Serienmörder, der nun auch in der Klinik Marienberg sein Unwesen treibt? Denn immer wieder verschwinden des Nachts Patientinnen aus dem Institut, und niemand weiß, was mit ihnen passiert ist. Die allgemeine Verunsicherung in Silke Nowaks neuestem Thriller Patient 211 ist der einzige fixe Punkt. Die Welt des Mediziners gerät dagegen langsam aber sicher aus den Fugen: wem kann er überhaupt noch trauen? Am Ende nur Linda Fallersleben selbst? Und welche Spur verfolgt Kommissar Hanta in den endlosen Fluren der Klinik? Bald wird es wieder Nacht auf Marienberg — und alle fragen sich: Ist da noch jemand? Unsere Leseprobe führt direkt ins erste Kapitel… noch etwas mehr verrät die „Blick ins Buch“-Funktion im Kindle Shop.


Silke Nowak: Patient 211

1


Sie konnte ihn riechen.
Er war hier.
Noch bevor Linda ganz erwacht war, wusste sie, dass jemand an ihrem Bett saß. Es roch nach Zigarre. Ihr Herz schlug schnell, als der Rauch durch ihre Nase eindrang, tief bis in ihre Lunge hinein und von dort direkt in das Angstzentrum ihres Gehirns, die Amygdala. Schweißperlen bildeten sich auf ihrer Oberlippe. Instinktiv wusste Linda, dass es der Rauch einer Romeo y Juliet war. Das war seine Lieblingsmarke gewesen.
„Benjamin?“, wollte sie fragen.
Doch nur ein dumpfes Stöhnen kam aus ihrem Mund.
„Es tut mir leid“, wollte sie sagen, aber ihre Zunge gehorchte nicht.
Wieder einmal war sie in diesem quälenden Zustand zwischen Schlafen und Wachen gefangen, ein Durchgangsstadium, dem sie früher kaum Beachtung geschenkt hatte. Doch seit sie die Tabletten nahm, um überhaupt noch schlafen zu können, zog sich das Erwachen hin, manchmal bis zu einer Stunde, vielleicht waren es auch nur Minuten, sie konnte es nur schwer einschätzen. Drei Melperon schluckte sie jeden Abend, drei kleine, weiße Tabletten mit gewaltiger Wirkung: Die Zeit wurde flüssig, Sekunden wurden zu Kaugummi und Minuten zu einer Ewigkeit, in der unheimliche Kreaturen erwachten. Klagend, flehend, schön oder hässlich waren diese Kreaturen – wie auf den Gemälden der surrealistischen Maler.
Linda hörte das Schlagen einer Turmuhr.
Wieder roch sie den Rauch einer Romeo y Juliet, der sich mit dem Geruch des Putzmittels vermischte.
Benjamin?
Sie träumte, eine Treppe nach oben zu steigen, die aus Knetmasse war und das Geräusch ihrer Schritte verschluckte. Köpfe tauchten aus der Masse auf, auch Schlangen, auf die sie treten musste. Doch das war nicht das Schlimmste. Das Schlimmste war, dass Benjamin oben an der Treppe auf sie wartete und lächelte; aber je näher sie kam, desto mehr löste er sich auf in einem gelblichen Nebel, der ihn umgab.
Warte! Benjamin! Ich muss mit dir reden.
Linda ging schneller. Ihre Beine rutschen unter ihr weg wie weichgekochte Spaghetti.
Warte!
Seit Linda in Marienberg war, musste sie dafür kämpfen, aufwachen zu können. Obwohl ihr Körper währenddessen ruhig im Bett lag, war die Prozedur für sie anstrengender als ein Zehnkilometerlauf. Wenn sie erwachte, war sie schweißgebadet. Wenn sie erwachte, wusste sie, dass ihr Unbewusstes mit dieser Knetmasse ein treffendes Bild für den chemisch herbeigeführten Schlaf gefunden hatte, der sie für ein paar Stunden die Hölle vergessen ließ, in der sie seit Monaten lebte.
Seit fünf Monaten, um genau zu sein.
Seit dem 8. März. Niemals würde sie diesen Tag vergessen, an dem ihr Mann tot auf dem Diwan in seinem Behandlungszimmer gelegen hatte.
Benjamin?
Wieder schlug die Turmuhr.
Und dann hörte sie dieses seltsame Geräusch.
Bitte nicht.
Es war sein Atem. Langsam, sehr langsam sog er die Luft ein. Ein Röcheln folgte. Dann, einen quälenden Moment lang, passierte gar nichts. Er schien die Luft anzuhalten. Stille trat ein, jene Stille, die unheilvoll war wie der Moment, in dem sich alles veränderte – aber nicht zum Guten.
O Gott, Benjamin, ich habe dich geliebt, bitte glaub mir das!
Dann, endlich, atmete er wieder aus. Sie hörte ein langgezogenes Zischen, mit dem die angestaute Luft entwich. Doch ihre Erleichterung hielt nicht lange an. Denn im selben Moment, in dem er ausatmete, traf ein Hauch auf ihren Hals. Linda erstarrte. Dieser Atem war böse, auf eine erotische Weise böse, als säße ein Fremder an ihrem Bett, der Benjamins Körper nur als Versteck benutzte.
„Linda“, flüsterte er.
Nein! Lass mich!
Sein Atem war ganz nah an ihrem Ohr. Und dort flüsterte er beinahe zärtlich: „Linda.“
Lindas Nackenhaare stellten sich auf. Sie fühlte die feinen Härchen überdeutlich, jedes einzelne Härchen richtete sich auf, zuerst in ihrem Nacken, dann auf ihren Armen und zuletzt auf der Innenseite ihrer Schenkel. Sie erschauderte.
„Gefällt dir das?“
Nein! Geh weg. Lass mich!
Der Mann, der an ihrem Bett saß, war Benjamin. Das war seine Stimme. Sie bildete sich das nicht ein.
„Linda“, hauchte er. Er sagte: „Meine Linda.“
Doch etwas an seiner Stimme war anders. Nur was? Was? Linda wusste, dass Benjamin tot war, selbst im Halbschlaf wusste sie das, aber der Mann, der an ihrem Bett saß, roch nach seiner Zigarre und nach seinem Aftershave, Taylor of Old Bond Street. Das war eindeutig der Geruch des Mannes, mit dem sie fast zwanzig Jahre verheiratet gewesen war.
Wieder schlug die Turmuhr.
Wieder seine Stimme: „Linda.“
Benjamin?
Diesmal kam bereits ein Lallen aus ihrem Mund. Lindas Beine zitterten, als sie versuchte, sich aufzurichten. Gleich hast du es geschafft! Ihre Augenlider begannen zu zucken, die Decke zur realen Welt wurde dünner.
„Linda“, flüsterte er und schob eine Hand unter ihr T-Shirt. Sein Daumen glitt über ihre Brustwarze.
Was tust du? Lass das.
Linda fühlte seinen Pullover auf ihrer Haut, 80 Prozent Kaschmir, 20 Prozent Baumwolle. Sie selbst hatte Benjamin diesen Pullover geschenkt. Der weiche Stoff verursachte ihr eine Gänsehaut, wieder richteten sich die Härchen auf ihrer Haut wie Tänzer auf. Nur dass es keine Tänzer waren, sondern Dämonen aus Goyas Höllenbildern, Schmerzen, Sehnsucht.
Oh Gott.
Etwas in ihr stöhnte auf, etwas, das sie weggesperrt hatte, um zu überleben. Sie wünschte sich so sehr, dass Benjamin es war, der sie berührte, und zugleich betete sie, dass er es nicht war.
Bitte, lieber Gott, lass das nur ein böser Traum sein.
Als er seine Hand nach oben wandern ließ, wusste sie, weshalb er gekommen war.
„Warum hast du mir das angetan?“, fragte er.
Im Traum stand Linda jetzt ganz oben an der Treppe – mitten in dem gelblichen Nebel – und bekam keine Luft mehr.
„Habe ich nicht immer gut für dich gesorgt?“, fragte er. Dann schlossen sich seine Finger um ihren Hals.
„Nein!“, schrie sie und …
Plötzlich saß Linda aufrecht in ihrem Bett. Gierig rang sie nach Atem, keuchte, hustete und riss die Augen weit auf. Der Puls hämmerte in ihren Ohren. Das T-Shirt klebte an ihrem Körper, sie war nassgeschwitzt und verstört und blickte sich ängstlich um.
„Benjamin?“, fragte sie in die Dunkelheit hinein.
Sie lauschte.
Vom Park her fiel das milchige Licht der Gaslaternen ein. Die Rollläden blieben über Nacht oben, darum hatte sie gebeten. Linda starrte in das Halbdunkel hinein. Die Konturen des Zimmers nahmen langsam Gestalt an. Sie erkannte das Fenster, den Schreibtisch und die Stehlampe, sogar die einzelnen Glasstücke des Lampenschirms erkannte sie. Nur ihn erkannte sie nirgends.
„Ist da jemand?“, fragte sie.
Der Radiowecker auf ihrem Nachttisch zeigte 05:12 Uhr. Es war Sonntagmorgen, der 20. August, es war 05:12 Uhr, und sie war in der Klinik Marienberg. Linda wusste das, sie war nicht verrückt.
Zitternd schlang sie ihre Arme um den Oberkörper. Am liebsten wäre sie wieder in das große, dunkle Loch gefallen, das man Schlaf nannte. Doch sie befahl sich: Bleib wach! Denk nach! Sie schnupperte. Das war doch Rauch, der sich in den allgegenwärtigen Geruch des Desinfektionsmittels mischte, oder nicht? Die Tür war geschlossen. Linda blickte sich um. Wenn er also wirklich hier gewesen war, dann müsste er jetzt noch hier sein.
„Ist da jemand?“, fragte sie wieder.
Ein großer, dunkler Schatten wanderte über ihre Bettdecke. Das war nur das Fensterkreuz, das im Scheinwerferlicht eines vorbeifahrenden Autos wanderte, sagte sie sich.
Aber im Park fuhren keine Autos.
Linda sah sich um. Im Zimmer gab es nicht viele Möglichkeiten, sich zu verstecken: nur unter dem Bett, im Schrank oder hinter dem Paravent.
„Benjamin?“, fragte sie wieder.
Etwas knarzte.
Linda blickte zum Schrank hinüber. Es war ein großer, moderner Einbauschrank, in dem ein erwachsener Mann locker Platz gefunden hätte. Die rechte Schiebetür stand offen. Linda starrte auf den dunklen Spalt. Etwas blitzte hervor. Waren das Augen? Mit zitternden Fingern tastete sie nach der Taschenlampe, die sie für solche Fälle im Nachttisch bereithielt. Sie knipste sie an. Gespenstisch huschte der Strahl durch das Zimmer.
„Wer ist da?“, fragte sie und richtete die Taschenlampe auf den Schrank.
Es war nur ihr Gürtel mit der silbernen Schnalle. Linda lachte, aber ihr Lachen klang seltsam.
In diesem Moment raschelte es hinter dem Paravent.
„Benjamin?“, fragte sie und richtete die Taschenlampe auf den Raumteiler. Bei Tag erinnerte sie der Paravent mit dem Blumenmuster an glückliche Zeiten. Es war ihr eigener Paravent, den sie mit in die Klinik genommen hatte. Jetzt wirkte das Gestänge aus schwarzem Metall wie ein Skelett. Linda ließ den Strahl tiefer wandern. Zwischen dem Paravent und dem Fußboden war ein Spalt von etwa fünfzehn Zentimetern.
Ihre Hand zitterte.
Sie erkannte keine Schuhe.
„Du hast geträumt“, sagte sie laut zu sich selbst. Und dann: „Benjamin ist tot.“
Der 8. März war eigentlich ein ganz normaler Mittwoch gewesen. Wie oft hatte sie sich schon gewünscht, die Zeit zurückdrehen zu können.
„Benjamin“, flüsterte sie und spürte Tränen in ihren Augen. Sie ließ den Arm mit der Taschenlampe sinken und starrte auf den Lichtkegel, der auf das Parkett fiel.
An jenem Mittwoch war Linda den ganzen Tag über im Atelier gewesen. Das Atelier lag knapp zwei Kilometer von ihrem Haus entfernt in einer ehemaligen Scheune. Zweimal die Woche, immer mittwochs und freitags, hatte Benjamin Privatpatienten zu Hause. Deshalb blieb Linda an diesen beiden Tagen länger als sonst im Atelier. Sie mochte es nicht, wenn Patienten bei ihnen zu Hause waren.
Der Lichtkegel verschwamm vor ihren Augen.
Nein, es gab keine Zeugen, die sie im Atelier gesehen hatten.
Linda fror.
Erst gegen halb acht war sie nach Hause gekommen. Nein, sie hatte sich nicht gewundert, dass ihr Mann nicht im Wohnzimmer gewesen war und auch nicht in der Küche. Und nein, sie hatte nicht sofort nach ihm gesehen. Erst als er gegen acht immer noch nicht auftauchte, war sie in sein Zimmer gegangen.
Ihre Zähne begannen zu klappern.
Linda betrat das Büro. Sie öffnete die Tür. Seit dem 8. März öffnete sie immer wieder diese schwere, lederbespannte Tür, die zu Benjamins Allerheiligstem führte, in sein Behandlungszimmer. Das Behandlungszimmer eines Psychoanalytikers. Und da lag er: auf seiner Couch, blutüberströmt. Diesen Anblick würde sie nie mehr vergessen. Ebenso wie den Klang der Stimme ihrer Tochter Delphine, als sie gefragt hatte: „Mama?“
Nur deshalb war Linda froh, auf Marienberg zu sein, wegen Delphine. Es tat gut, wenn ihre Tochter an ihrem Bett saß und ihre Hand hielt.
Ein kalter Hauch streifte Lindas Hals.
Linda wischte sich die Tränen ab und richtete die Taschenlampe zum Fenster hinüber. Konnte das sein? Erst jetzt bemerkte sie, dass das Fenster offenstand.
Niemand durfte das Fenster öffnen.
Zu ihrer eigenen Sicherheit.
Linda drückte die Klingel über ihrem Bett. Dann stand sie auf. Ihre Beine waren noch schwach, sie zitterte, aber sie musste es nur bis zum Fenster schaffen. Hinter ihr knarzte es, doch sie drehte sich nicht um. Benjamin war tot. Es gab keine Gespenster! Linda ballte die Hand zur Faust. Wie naiv war sie doch gewesen, zu glauben, dass ihr der Gerichtsprozess das zurückgeben würde, was man ihr genommen hatte:
Ihre Würde.
Ihr Zuhause.
Ihr Kind.
Doch das Letzte, was sie ihr nehmen wollten, würden sie nicht bekommen: Ihren Verstand.
Wieder knarzte es.
Nein, sie war nicht verrückt.
Zumindest hatte sie das geglaubt – bis zu diesem Augenblick, in dem sie sich doch umdrehte.

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Autorin & Copyright: Silke Nowak

patient-211-cover
Silke Nowak,
Patient 211
E-Book (Kindle Shop) 0,99 Euro

Rache ist der Reißzahn im Nacken: Silke Nowak, Die Tigerin [Leseprobe]

die-tigerin-introEin neuer Fall für die SOKO „Tigerin“: diesmal hat es Bela Titus erwischt. Das Oberhaupt eines mafiösen rumänischen Familienclans wird ermordet in einem Hotel in der Ulmer Innenstadt aufgefunden. Eine Stichwaffe ähnlich dem Reißzahn eines Tigers hat seinen Nacken zerfetzt. Für die frischgebackene Kommissarin Anna Gaspar ist die Mordserie im Rotlicht-Milieu der erste große Einsatz, und zugleich ein Déjà-Vu: vor ihrer Polizeikarriere hatte Gaspar in Bukarest Material für einen Dokumentarfilm zum Thema Prostitution und Menschenhandel gesammelt. Film und Fall scheinen zusammenzuhängen, denn plötzlich erhält die Kommissarin eine mysteriöse Einladung nach Rumänen: in einem abgelegenen Karpaten-Hotel soll sie ihren Doku-Streifen vor ausgewähltem Publikum zeigen… Steckt die „Tigerin“ dahinter? Was ist ihr Motiv? Ist Gaspar in Gefahr? Silke Nowaks neuer Krimi „Die Tigerin“ führt in die Abgründe der menschlichen Seele, und beleuchtet zugleich einen realen Skandal: jedes Jahr werden mehr als 100.000 Mädchen und Frauen aus aller Welt nach Westeuropa verschleppt und zur Prostitution gezwungen. Unsere Leseprobe führt direkt ins 1. Kapitel…


Silke Nowak, Die Tigerin

1. Kapitel
Bela Titus, Geschäftsführer der Unternehmensgruppe Atlanta Limited, lag bäuchlings auf dem Bett seines Hotelzimmers. Er war nackt. Außerdem war er tot. Die Tigerin hatte mit ihm geschlafen und ihn danach durch einen Biss in den Nacken getötet.
„Man kann das wirklich nicht anders bezeichnen“, sagte Richard Parker, der Leiter der Sonderkommission Die Tigerin. „Zumal der Nackenbiss die bevorzugte Tötungsart dieser Raubkatze ist.“ Er blickte in die Runde. „Aber natürlich hat sie den Mann nicht mit den Zähnen erlegt“, fuhr er mit der nüchternen Stimme des Kriminalbeamten fort. „Tatwerkzeug war eine Stichwaffe ähnlich dem Reißzahn eines Tigers: zehn Zentimeter lange Klinge, runder Durchmesser, leicht gebogen.“
Der Raum war abgedunkelt. An der Wand leuchtete ein Foto des Toten. Es zeigte seine Rückseite: Die Haut war weiß, ein käsiges Weiß, das zwischen den Pobacken ins Bräunliche überging. Aus der Ritze wuchsen Haare den Rücken hinauf, sie waren dick und schwarz.
Mir wurde schlecht.
Ich blickte auf mein Handy: Es war 09.53 Uhr.
Die Sitzung dauerte schon über zwanzig Minuten.
„Die Frau war unter dem Namen ‚Tigerin‘ im Smartphone des Opfers abgespeichert“, hörte ich Parker wieder. „Die beiden trafen sich in der Tatnacht im Maritim, einem Hotel direkt an der Donau in der Nähe der Altstadt von Ulm. Das Setting war nicht gerade typisch, das Maritim ist kein Stundenhotel. Ungewöhnlich außerdem, dass die Tigerin ihr späteres Opfer kontaktierte, nicht umgekehrt. Aufgrund der Milieunähe gingen wir aber dennoch von Anfang an davon aus, dass es sich bei der Tigerin um eine Prostituierte handelt.“
Es klickte.
Das Foto an der Wand wechselte.
Diesmal lag der Tote auf dem Rücken. Sein Körper war klein und gedrungen, die Vorderseite genauso stark behaart wie das Hinterteil. Der Kopf erinnerte an einen Klotz, in den ein Steinmetz achtlos ein paar Kerben geschlagen hat. Das Gesicht spiegelte ein geistloses, primitives Leben wider. Beim Anblick seines Geschlechts, das blau herabhing, wurde mir wieder übel, diesmal glaubte ich sogar, kotzen zu müssen.
Endlich ist das Schwein tot.
Ich wandte den Blick ab.
Ich dachte, es müsste mir doch Genugtuung bereiten, ihn so liegen zu sehen, aber das tat es nicht.
„Eine Reinigungskraft hat den Mann am nächsten Tag gefunden“, sagte Parker. „Da war er bereits über zwanzig Stunden tot.“
Mein Blick glitt durch den Raum. Im Dämmerlicht erkannte ich die Umrisse von etwa dreißig Personen. Die meisten Anwesenden waren Polizisten und alte Hasen im Geschäft. Auch ich war Polizistin, aber ich hatte meine Prüfung zur Kommissarin erst wenige Wochen zuvor abgelegt. Zweieinhalb Jahre hatte ich die Polizeischule in Biberach besucht und danach noch ein Studium an der Fachhochschule in Villingen-Schwenningen absolviert. Anschließend hatte ich Glück gehabt und sofort diese Stelle in Ulm bekommen.
„Glück nennst du das?“, hatte Eli gefragt und gelacht.
Eli war mit mir auf der Fachhochschule gewesen, ihre unbeschwerte Art hatte mich oft genug davor bewahrt, auf meinem Zimmer dunklen Gedanken nachzuhängen. Dennoch war nie eine echte Freundschaft daraus geworden, vor allem, weil ich während meiner Ausbildung wie eine Besessene gearbeitet und Sport getrieben hatte. Natürlich hatte Eli gewusst, dass ich früher mal Journalismus studiert hatte. Sie hatte auch gewusst, dass ich früher mal mit Parker zusammen gewesen war. Wahrscheinlich glaubte sie, dass er mich nach Ulm geholt hatte. Wahrscheinlich glaubten das alle. Weil ich das Studium aber als Jahrgangsbeste abgeschlossen hatte, schien das niemanden zu stören. Früher oder später hätte ich überall eine Stelle bekommen.
Es war 09.55 Uhr.
Ich schnupperte. Männerschweiß lag in der Luft, Aftershave und Nikotin.
Parker stand da vorne und erzählte etwas über Geschlechtsverkehr ohne Kondom.
Ich massierte meine Schläfen.
Der Fall der Tigerin war mein erster großer Einsatz: Die letzten neun Tage und Nächte hatten wir die Rotlichtbezirke von Ulm und Stuttgart durchkämmt. Wir hatten die Frauen gebeten, ihre Münder zu öffnen. Wir hatten ihnen Speichelproben entnommen, wir hatten Wattestäbchen durch hunderte von Lippen geschoben, die fast immer zu stark geschminkt und manchmal auch blutig gewesen waren. Und während wir das getan hatten, hatte Nena von der Liebe gesungen; ausgerechnet dieser Song schien das Lieblingslied so vieler Prostituierten zu sein. Gefühlt war er in jedem zweiten Bordell gelaufen.
Liebe will nicht, Liebe kämpft nicht, Liebe wird nicht, Liebe ist.
Wenn ich nach einer Nachtschicht dann für ein paar Stunden in einen unruhigen Schlaf gefallen war, hatte ich von diesem Lied geträumt. Aber auch von diesen Mündern, die mit dunkelroten Konturstiften hart umrandet waren. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass die Frauen das schön fanden. Vielmehr glaubte ich, dass es ein Versuch war, eine Grenze zu ziehen, wenigstens hier. Eine Grenze, die in ihrem Leben bereits hundertfach überschritten worden war – von prügelnden Zuhältern und von Freiern, die glaubten, für dreißig Euro alles mit ihnen machen zu dürfen. Aber auch von den Ehefrauen dieser Männer, die den Prostituierten die Schuld daran gaben, dass ihre Männer das taten.
Wieder klickte es.
Zu sehen war jetzt die vergrößerte Nackenpartie des Toten, in der ein dunkles Loch klaffte.
Ich fröstelte.
Es war 10.02 Uhr.
Gestern Abend war dann die Nachricht gekommen: Die Tigerin war gefasst worden! Niemand hatte so schnell damit gerechnet, am allerwenigsten ich. Eine DNA-Probe hatte sie überführt. Die ganze letzte Nacht hatte ich nicht geschlafen. Auch Parker klang müde, als er sagte: „Die Klinge hat das Rückenmark durchtrennt. Gleich beim ersten Stoß. Daran dürfte das Opfer fast augenblicklich gestorben sein.“
Wieder fröstelte ich.
Es war Parkers Stimme, die mich frösteln ließ.
Das Schlimmste war, dass seine Stimme so zärtlich klang, selbst wenn er von Toten sprach.
Parker war mittlerweile ein hohes Tier am Landeskriminalamt in Ulm. Erst vor einem halben Jahr war er zum Polizeirat befördert worden. Und er war noch nicht am Ende seiner Karriere. Für die Neubesetzung der Stelle des Vizepräsidenten der Polizei von Baden-Württemberg gab man ihm gute Chancen. Auch die heutige Sitzung war mehr Show für die Oberen, um den schnellen Ermittlungserfolg zu präsentieren; uns Polizisten waren die Informationen längst bekannt.
„Nervenstränge … Spinalkanal …. zwischen dem zweiten und dritten Nackenwirbel“, hörte ich Parker aus dem pathologischen Bericht zitieren.
Alle nannten ihn Parker, seine Kollegen, seine Freunde, selbst ich. Um die gemeinsame Arbeitssituation erträglich zu machen, hatten Parker und ich vereinbart, alles zu vermeiden, was Intimität zwischen uns herstellen könnte: Keine Vornamen, keine Berührungen, keine Erinnerung.
„Bela Titus war mit Handschellen an das Bett gefesselt gewesen, als der tödliche Stoß erfolgte“, hörte ich ihn wieder. „Außerdem hatte er 1,6 Promille Alkohol im Blut. Das Opfer hatte keine Chance.“
Das Opfer –
Ich presste meine Hände zusammen. Bela Titus war alles andere als ein Opfer gewesen. Okay, er war tot, aber gerade in meinem Job war das keine Entschuldigung: Trotzdem war er ein Schwein gewesen. Man konnte das leider nicht anders sagen.
Bela Titus war das Oberhaupt einer der mächtigsten Familien-Clans in Rumänien gewesen. Seine Schergen nannten ihn „King“ oder auch „King Kong“, was bei dem Affengesicht und der üppigen Körperbehaarung nahelag. Solche Familien-Clans bildeten den Kern der organisierten Kriminalität, in der es auch um Waffen und Drogen ging. Aber ihre Haupteinnahmequelle waren immer noch Frauen und Mädchen. Aufgrund ihres Geschlechts galten Frauen weltweit immer noch als Menschen zweiter Klasse, vor allem in den armen Ländern. Frauen und Mädchen waren die billigste Ware. Man brauchte sie nur so lange zu schlagen und zu vergewaltigen, bis sie keinen Widerstand mehr leisteten. Früher oder später fügte sich jede in ihr Schicksal.
Und die, die es nicht taten, starben.
Es gab nur ganz wenige, die da wieder rauskamen.
Erneut massierte ich meine Schläfen.
Bela Titus hatte sich vom Zuhälter zum Unternehmer hochgearbeitet. Die Atlanta Limited Gruppe war eine Tochter der EroFi GmbH, die ihren Firmensitz irgendwo in Afrika hatte. Auf diesem Weg entzogen sich die Menschenhändler der staatlichen Kontrolle oder erschwerten diese zumindest. Neben ein paar Russen und Arabern dominierte der Titus-Clan die Sexbranche in Europa. Sie betrieben Eros-Center, Massagesalons, Striptease-Bars, produzierten Pornos und distribuierten die Filme über das Internet.
„Herr Parker hat das ganz richtig zusammengefasst“, sagte die neue Rechtsmedizinerin und trat ans Rednerpult. Dann begann sie über Details der Blutanalyse zu sprechen.
Das Problem mit der Prostitution war, dass fünfundachtzig Prozent aller Frauen dazu gezwungen wurden. Das hieß umgekehrt, dass nur etwa fünfzehn Prozent ihren Job freiwillig taten. Und selbst hier zweifelten Psychologen den Aspekt der Freiwilligkeit an, da meist psychische Zwänge und Traumatisierungen in der Kindheit vorlagen.
Natürlich gab es Frauen, die Spaß am Sex hatten. Anscheinend gab es sogar welche, die sich sagten: oh prima, wenn ich dafür noch Geld bekomme, umso besser. Voraussetzung dafür war allerdings ein selbstbestimmtes Leben, eine körperliche und geistige Freiheit, die eine Zwangsprostituierte nie kennengelernt hat. Eine Zwangsprostituierte hatte nie eine Wahl gehabt, höchstens die zwischen Leben und Tod.
Die Rechtsmedizinerin sprach über das Sperma von Bela Titus.
Liebe will nicht, Liebe kämpft nicht, Liebe wird nicht, Liebe ist.
Bela Titus war gebürtiger Rumäne, doch Anfang 2000 hatte er seinen Wohnsitz nach Ulm verlagert. Das Deutsche Prostitutionsgesetz von 2002 war ihm entgegengekommen. Seitdem galt Prostitution in Deutschland nicht mehr als sittenwidrig und „Nutte“ war ein Beruf wie jeder andere.
Ich begann zu schwitzen.
Aber nein, war es nicht. Wer seinen Körper verkaufte, musste ihn zu einem Ding machen, abtöten. Und den Geist gleich dazu. Die Prostitution machte Frauen zu Sklavinnen und Männer wie Titus reich. Seine Villa an einem exponierten Hanggrundstück über der Donau konnte sich sehen lassen. Ihm gehörte auch das Eroscenter Sexy Girls in Stuttgart Echterdingen, ein hässlicher, billiger Bau mit dem Charme eines Lagerhauses in unmittelbarer Nähe zum Flughafen. Die meisten Mädchen, die dort arbeiteten, kamen aus Osteuropa und aus Verzweiflung.
„Das Band der Hotelkamera lag uns zwar vor“, hörte ich Parker wieder, „doch die Aufnahme war schlecht. Ausgerechnet ab 21 Uhr gab es dann noch einen Kurzschluss.“ Er klickte auf das Video und kommentierte den Film: „Um 20.11 Uhr verließ eine dunkel gekleidete Gestalt den Aufzug. Sie geht auf die Juniorsuite am Ende des Gangs zu, klopft und wird eingelassen. Ihr Gesicht hält sie von der Kamera abgewandt. Das ist alles.“
Der Film stoppte.
Ich starrte auf das verschwommene Profil einer Frau. Es waren ein paar helle Pixel vor einem dunklen Hintergrund, mehr nicht. Trotzdem begannen meine Hände zu zittern.
Reiß dich zusammen.
Ich war die vielen Diskussionen mit Parker so leid, in denen er mir erklärte, dass der Polizei im Kampf gegen die Prostitution die Hände gebunden seien. Wie oft hatte ich ihn angeschrien, dass er verdammt noch mal etwas tun solle? Zu oft. Denn Parker tat seit Jahren sein Bestes. In der Verfolgung der illegalen Prostitution galt er als unerbittlich. Wo es ging, ließ er Razzien durchführen, auf den Straßen, in Bordellen und sogar in Privatwohnungen. Doch sobald die Frauen dann behaupteten, über achtzehn Jahre alt und freiwillig im Bordell zu sein, verlief sich alles wieder im Sande. Das war das eigentlich Perverse an dieser Art von Geschäft: Die Frauen wurden zu Komplizinnen ihrer Peiniger. Das war ein ganz normaler Überlebensreflex, der auch bei Kindern von gewalttätigen Eltern zu beobachten war. Trotzdem deprimierend. Das war alles so verdammt deprimierend.
Wieder klickte es.
Parker blendete ein neues Foto ein. Diesmal war eine junge Frau zu sehen, die verstört in die Kamera blickte.
„Bei der Täterin handelt es sich um die 28-jährige Oxana Popescu“, sagte er. „Oxana Popescu ist eine Prostituierte aus Rumänien, sie arbeitete seit drei Monaten im Eroscenter in Echterdingen. Das Motiv ist noch unklar, die Frau war bisher nicht vernehmungsfähig.“ Parker räusperte sich, dann fuhr er hastig fort: „Oxana Popescu wurde durch eine Speichelprobe überführt. Die DNA ist identisch, es gibt keinen Zweifel. Über das Motiv kann an dieser Stelle nur spekuliert werden. Der Drogentest war positiv. Zurzeit wird Oxana Popescu im Universitätsklinikum behandelt, unter anderem wegen einer akuten Lungenentzündung. Sie bekommt Methadon und psychologische Betreuung.“
Es war dunkel, doch ich spürte Parkers Blick.
Ich spürte es immer, wenn er mich ansah, selbst wenn es dunkel war. Selbst wenn ich meine Augen schloss, spürte ich seinen Blick.
Liebe will nicht, Liebe kämpft nicht, Liebe wird nicht, Liebe ist.
„Nein“, hörte ich Parker. Jemand schien eine Frage gestellt zu haben. „Das Handy der Täterin wurde bisher nicht sichergestellt.“
Es war 10.39 Uhr.
„Wenn keine weiteren Fragen sind“, sagte Parker endlich, „möchte ich die Sitzung jetzt schließen. Das ganze Team hat hervorragende Arbeit geleistet. Vielen Dank!“
Alle applaudierten, auch ich.
Die Jalousien fuhren hoch. Im heller werdenden Raum verblassten die Bilder an der Wand. Parker lachte, er schüttelte ein paar Hände, auch die von Klaus Mittelberg, der als engster Vertrauter des Polizeipräsidenten galt.
Der Raum leerte sich langsam.
Ich packte meine Sachen zusammen.
Parker unterhielt sich mit der Rechtsmedizinerin. Sie war verdammt hübsch mit ihren kurzen, blonden Haaren und dem engen Rollkragenpullover. Ihre Augen klebten an seinem Mund.
Ich wandte mich zum Gehen.
„Ach, Frau Gaspar“, hörte ich Parkers Stimme.
Ich drehte mich um und sagte: „Ja?“
„In einer Viertelstunde in meinem Büro.“
Ich nickte nur. Er hatte unsere Verabredung um elf also nicht vergessen.

2. Kapitel

Das Polizeipräsidium lag mitten in der Altstadt von Ulm, direkt am Münsterplatz. Ich stand an einem Fenster im dritten Stock und blickte hinaus. Gegenüber glänzte das Ulmer Münster in der Sonne. Bis zu meinem Termin mit Parker waren es noch gut zehn Minuten. Noch immer versuchte ich, dieses verdammte Lied von Nena aus meinem Kopf zu bekommen, doch es war sinnlos.
Liebe sucht nicht, Liebe fragt nicht, Liebe ist, so wie du bist.
Parker und ich hatten uns in Rumänien kennengelernt, da war ich gerade mal sechzehn gewesen. Obwohl ich in Rumänien geboren wurde, wuchs ich in dem Bewusstsein auf, mehr deutsch als rumänisch zu sein. Denn die Vorfahren meiner Mutter waren sogenannte Donauschwaben, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts von Ulm nach Rumänien ausgewandert waren. Für meine Mutter hießen die Städte in Siebenbürgen nach wie vor Temeschburg (und nicht Timisoara), Hermannstadt (und nicht Sibiu) oder Kronstadt (und nicht Brasov). In unserem Esszimmer hatte ein Kupferstich vom Ulmer Münster gehangen, der noch von der Großmutter meiner Mutter stammte. Für meine Mutter hatte das Ulmer Münster denselben Symbolgehalt gehabt wie die Freiheitsstatue von New York.
„Wenn wir nur schon in der Bundesrepublik wären“, hatte meine Mutter immer gesagt.
Bereits kurz nach meiner Geburt hatte sie den Antrag auf die Ausreise in die Bundesrepublik Deutschland gestellt. Das war 1981 gewesen. Seitdem hatten wir auf ein Visum gewartet. Es war nie gekommen.
Noch immer blickte ich zum Münster hinüber. Es hatte drei spitze Türme, einen großen vorne und zwei kleine hinten. Der große Turm war mit seinen 161 Metern der höchste Kirchturm der Welt. Das Münster sah aus als hätte es keine Angst, weder vor Gott noch vor dem Teufel. Das hatte mir schon als Kind imponiert.
Es war 10.52 Uhr.
Der Name meiner Mutter war Mira Einhorn. Das war ein wunderbarer Name, fand ich. Doch die Liebe zu meinem Vater war das größere Wunder gewesen. Mein Vater war ein freidenkender Mensch gewesen, doch in Liebesdingen eher konservativ. Alle sollten wir so heißen wie er: Gaspar.
Liebe sucht nicht, Liebe fragt nicht …
Meine Mutter war Architektin und entstammte einem gebildeten Elternhaus. Ihr Leben schien vorgezeichnet, doch dann verliebte sie sich in einen Mann, der alles andere als einfach war. Mein Vater war Journalist und hatte gegen das kommunistische System Ceausescus angeschrieben. Meine Mutter sagte immer, die Liebe sei stärker als der Hass und die Vernunft besiege die Dummheit.
Doch sie hatte sich getäuscht.
Im Juni 1990 hatten meine Eltern zur falschen Zeit am falschen Ort gegen das kommunistische System und für die Freiheit demonstriert. Ceausescu war zu diesem Zeitpunkt zwar schon hingerichtet worden, doch sein ehemals engster Vertrauter Iliescu hatte die Nachfolge angetreten. „Wenn wir jetzt nicht aktiv werden, verändert sich wieder nichts“, hatte mein Vater gesagt. Und meine Mutter war mitgegangen. Zuletzt waren meine Eltern auf dem Universitätsplatz von Bukarest gesehen worden, wo sie mit anderen gezeltet hatten. Der Platz war von uniformierten Soldaten mit Helmen und Schlagstöcken geräumt worden. Niemand wusste, wo diese Soldaten plötzlich hergekommen waren. Erst später stellte sich heraus, dass es Bergarbeiter aus dem Jiu-Tal gewesen waren. Iliescu hatte sie dafür bezahlt, dass sie nach Bukarest marschierten und die Demonstranten verprügelten. Seitdem waren meine Eltern verschwunden. Einfach weg. Es gab Leute, die glaubten, meine Eltern seien tot. Meine Eltern seien noch in derselben Nacht in Rumänien erschossen worden. Ich glaubte das nicht. Darüber hätte ich längst Klarheit haben müssen. Mittlerweile hätten die Behörden mich informiert, aber die Namen meiner Eltern tauchten in keinem Archiv auf. Andere Leute behaupteten, dass meinen Eltern die Flucht nach Serbien gelungen sei, dass sie über die Donau hatten fliehen können.
1990 war ich elf Jahre alt gewesen.
Seitdem wusste ich, dass man kämpfen musste, um zu überleben.
Es hatte zwar noch eine Schwester meines Vaters gegeben, doch der Kontakt war nie sehr eng gewesen, und Tante Mara hatte selbst vier Kinder gehabt, die sie nur mit Mühe versorgen konnte. An die Jahre im Waisenhaus erinnerte ich mich kaum noch. Ich hatte viel gelesen. Ich war eine gute Schülerin gewesen. Ich hatte alles getan, um so schnell wie möglich wieder rauszukommen. Nur an die Mädchen, die von der Polizei ins Heim gebracht worden waren, meist nachts, an die erinnerte ich mich heute noch. Sie hatten Suzana geheißen, Bredica oder Dorina. Nutten seien das, hatte es dann geheißen, auf Rumänisch: gospodinele. Ich erinnerte mich an ihr Weinen in der Nacht und an ihre verstörenden Blicke bei Tag. Meistens waren die Mädchen nach einer Woche wieder fort. Damals hatte ich nicht gefragt, wohin sie verschwanden. Damals war mir aber klar geworden, dass ich nicht die Einzige mit einem harten Schicksal war.
Ich hielt mein Smartphone fest in der Hand. Es war 10.56 Uhr.
Liebe kämpft nicht, Liebe wird nicht, Liebe ist, so wie …
Verdammt! Wieder presste ich beide Hände gegen die Schläfen, als ob das etwas nützen würde.
Der Himmel über dem Ulmer Münster war blau.
„Der Mensch ist frei wie der Vogel, der seine Kreise am Himmel zieht“, hatte mein Vater immer gesagt. „Du musst nur lernen, zu fliegen.“
Mein Vater war ein Mensch, der aufgrund seines Charakters nicht in einer Diktatur leben konnte. Ein mutiger Mann sei er gewesen, sagten seine Freunde. Ein Querulant, ein Staatsfeind, die anderen. Ich weiß, dass er ein Träumer war. Bereits als kleines Mädchen hatte ich mit ihm viel zu ernste Gespräche über die Liebe geführt, über Politik und vor allem über Freiheit. Aber die Freiheit, die er meinte, war mir mit den Jahren immer unheimlicher geworden. Letztlich war er es gewesen, der mir die Flügel gebrochen hatte, noch bevor sie mich trugen.
768 Stufen hatte das Ulmer Münster. Als ich sie zum ersten Mal hinaufgestiegen war, hatte ich bei jedem Schritt an meine Eltern gedacht. Wie gerne hätte ich meiner Mutter gesagt, dass ich jetzt hier war, in Ulm, dass ich es geschafft hatte.
Ich blickte hinab. Auf dem Platz vor dem Präsidium jagten Kinder ein paar Tauben hinterher.
Weil ich eine so gute Schülerin war, hatte ich später ein Stipendium an der Universität in Bukarest bekommen. Ich entschied mich für Volkswirtschaft und für Journalismus. Erst da, sechs Jahre nach dem Verschwinden meiner Eltern, in meiner ersten eigenen Wohnung, stürzte ich ab. Das aber verdammt gründlich. Jede Nacht zog ich durch die Straßen von Bukarest. Ich trank wie ein Kerl und weinte wie das Kind, das ich nicht mehr war. In dieser Zeit lernte ich Parker kennen. Damals hatte er noch lange Haare gehabt. Wir hatten uns angesehen und alles war klar gewesen, einfach so. Ich hatte ihm eine Strähne aus dem Gesicht gestrichen und er war mitgekommen, einfach so.
Liebe sucht nicht, Liebe fragt nicht, Liebe ist, so wie …
Mein Studium war den Bach runtergegangen, und das Einzige, was mich neben Parker noch über Wasser gehalten hatte, war mein Filmprojekt gewesen. Jahrelang hatte ich an einem Dokumentarfilm über Zwangsprostitution in Rumänien gearbeitet. Natürlich hatte ich die Welt damit verändern wollen, ich dachte, mein Film sei ein Paukenschlag, der die internationale Politik aufrütteln würde. Doch das Projekt war mir immer weiter entglitten. Am Ende hatte ich nicht einmal mehr eine Finanzierung dafür bekommen, keine Fördergelder, kein Stipendium, nichts. Am Ende war ich es gewesen, die sich verändert hatte. Ich war zu einem Schatten meiner selbst geworden.
Einfach so.
Ich blickte in den Himmel. Freiheit war nichts für Schwächlinge, die glaubten, sie bräuchten nur die Tür zu öffnen und da draußen warte etwas Großes auf sie. Die glaubten, wenn sie das taten, was verboten war, bereits frei zu sein. Oh nein. Freiheit war ein verdammt kreativer Prozess. Ich wusste das. Das Problem dabei war, dass du deine Welt erschaffen musst, bevor sie dir die Kraft dazu rauben. Auch das wusste ich. Denn ich hatte es nicht geschafft.
Ich hatte es einfach nicht geschafft.
Vielleicht hätte ich es geschafft, wenn meine Eltern nicht verschwunden wären. Oder wenn ich es zugelassen hätte, Parker zu lieben.
Ein heller Ton ließ mich zusammenfahren. Ich blickte auf mein Handy, eine WhatsApp.
Alles klar?, schrieb Lars.
Danke, ja, schrieb ich zurück.
Kommst du zum Abendessen? Dann koche ich etwas.
Okay, 19 Uhr.
Super, freu mich.
Ich mich auch, tippte ich und steckte das Handy wieder ein.
Lars war mein Freund. Er war ein erfolgreicher Steuerberater, und wir waren schon seit einem Jahr zusammen. Und ja, wir waren glücklich.
Meine Beziehung zu Parker war nie linear verlaufen. Phasen großer Leidenschaft und Nähe hatten sich mit eher schwierigen Phasen abgewechselt, die immer wieder bis zum Kontaktabbruch geführt hatten. 2001 war Parker dann ganz nach Deutschland zurückgegangen. Anfangs hatte ich mich gesträubt, doch als es mir immer schlechter in Bukarest gegangen war, hatte ich sein Angebot schließlich angenommen: „Komm nach Deutschland und werde Polizistin“, hatte er gesagt. Und ich hatte „Ja“ gesagt.
Einfach so.
Denn es war mir klar geworden, dass ich auf diesem Weg Mädchen wie Bredica oder Dorina besser helfen konnte als mit meinem Film.
Ein letztes Mal blickte ich zum Münster hinüber, dann löste ich mich vom Fenster und ging den Gang entlang. Nachdem meine Vorfahren vor über 150 Jahren ausgewandert waren, war ich nun also wieder da. Das letzte Einhorn war zurückgekehrt.
Um 11.06 Uhr klopfte ich an Parkers Bürotür.

3. Kapitel

Parker saß schweigend hinter seinem Schreibtisch. Ich saß ihm gegenüber und drückte den Plastikbecher in meiner Hand zusammen. Dann ließ ich ihn wieder los. Es knackte. Wir sahen uns an. Beide bemühten wir uns um neutrale Gesichter, kein Lächeln, keine Erinnerung, keine Gefühle.
Sein Aftershave und der Geruch von Kaffee lagen in der Luft.
Parker hatte ein klares Mönchsgesicht, das nur durch seinen sinnlichen Mund Lügen gestraft wurde. Über seiner Oberlippe war die kleine Narbe, die ich so gut kannte. Mehr als ein Jahr war es jetzt her, seitdem wir uns zuletzt geküsst hatten, doch in diesem Moment fühlte es sich an wie gestern.
Ich räusperte mich und sagte: „Ich bin froh, dass er tot ist.“
„Ich weiß“, sagte Parker.
„Er war ein Schwein“, sagte ich und fügte auf Rumänisch hinzu: „Porcul.“
„Darum geht es nicht.“
„Sondern?“
„Wir sind das Gesetz.“
„Ach ja, natürlich.“
Parker faltete seine Hände. Während er mir erklärte, dass der Anwalt von Oxana Popescu mit Sicherheit auf Schuldunfähigkeit oder Notwehr plädieren würde, womit sie gute Chancen habe, glimpflich davonzukommen, starrte ich auf das Foto an der Wand. Es war Bela Titus – schon wieder dieses Affengesicht, das mir den Magen umdrehte.
Ich starrte auf Parkers Mund.
Keine Erinnerung!
Der Mund von Oxana Popescu war klein gewesen, herzförmig und mit einer harten Linie umrandet. Als ich sie gebeten hatte, ihn zu öffnen, hatte sie mir ihre entzündete Kehle präsentiert. Die gesamte Mundhöhle war mit Ekzemen bedeckt gewesen, mit knorpelartigen, blutigen Geschwülsten, aus denen der Eiter gekommen war.
Ich versuchte, das Bild zu verdrängen.
„Du fährst doch morgen?“, fragte er.
Auf diese Frage hatte ich gewartet. Ich nahm noch einen Schluck Kaffee, bevor ich sagte: „Ich weiß nicht. Ich habe kein gutes Gefühl.“
„Aber den Flug hast du gebucht?“
„Schon vor drei Wochen.“
Am nächsten Morgen würde ich von Stuttgart nach Hermannstadt (Sibiu) fliegen. Zumindest war es so geplant. Von dort aus würde es mit dem Auto weitergehen in Richtung Kronstadt (Brasov) in ein Hotel in den Karpaten.
Und wenn ich nicht flog?
Wer zwang mich dazu?
Noch konnte ich alles absagen.
Vor vier Wochen hatte ich eine Einladung erhalten. Sie war an das Präsidium adressiert gewesen, Parker hatte sie mir überreicht. „Was ist das?“, hatte ich gefragt. Es war das erste Mal gewesen, dass ich überhaupt Post über das Präsidium bekommen hatte. „Keine Ahnung, mach’s auf“, hatte Parker geantwortet und mich dabei angesehen. Bereits damals hatte ich das Gefühl gehabt, dass etwas nicht stimmte. Für den Bruchteil einer Sekunde hatte ich geglaubt, dass Parkers Maske verrutscht war. Der Blick, den er mir zugeworfen hatte, war aus der Vergangenheit gekommen.
„Du wirst das Flugticket doch nicht verfallen lassen?“, fragte Parker.

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Autorin & Copyright: Silke Nowak

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Silke Nowak, Die Tigerin
Kriminalroman
E-Book (Kindle Shop) 0,99 Euro
Taschenbuch (Createspace) in Kürze erhältlich

Wer liebt, muss Opfer bringen – Silke Nowak, Penelopes Tod [Leseprobe]

penelopes-tod„Nur der Zufall entscheidet, ob du lebst oder stirbst“ – so fasst Silke Nowak ihren neuen Thriller „Penelopes Tod“ im E-Book-News Interview zusammen. Erzählt aus der Ich-Perspektive, taucht der Leser ein in das Leben von Penny, das durch einen Schicksalsschlag völlig verändert wird: Ihr Freund Chris erleidet beim Segeln durch die Karibik einen Schlaganfall. In der Folgezeit stößt Penny auf seltsame Dinge: offenbar hat Chris ein Doppelleben geführt – und war in den Drogenhandel verstrickt. Dieses Wissen bringt beide in große Gefahr. Erfolgsautorin Silke Nowak ist nicht nur Expertin für das Schreiben von Literatur: bevor sie Krimis entwarf, unterrichtete die promovierte Literaturwissenschaftlerin an der FU Berlin und der TU Chemnitz. Dann folgte der Sprung von der Theorie in die Praxis: Schon 2013 schaffte es ihr Roman „Schneekind“ bis auf Platz 3 der Kindle Charts, auch „Penelopes Tod“ bewegt sich schon auf die Top 100 zu. Unsere Leseprobe führt an den Beginn der Handlung – noch mehr verrät die „Blick ins Buch“-Optionim Kindle-Store.

Silke Nowak, Penelopes Tod


„Sie liebte ihn […]. Sie war zu allem bereit. Und das war ihr Tod.“
Agatha Christie, Das Schicksal in Person


1

Es war der 6. Februar, ein Montag. Diesen Tag werde ich wohl niemals vergessen. Es war der letzte schöne Tag in meinem Leben.
„Penny“, rief Chris. „Komm doch rein!“
Wenn ich heute meine Augen schließe, sehe ich Chris, wie er mir aus dem Wasser zuwinkt, bevor er untertaucht. Ich sehe sein Lächeln und seine rote Badehose, die unter der Oberfläche zu zerfließen scheinen. Ich höre wieder seine Stimme:
„Penny! Nun mach schon! Komm rein!“
Der Himmel war blau, die Sonne schien, und das Meer gab einem die Illusion, frei zu sein. Wir ankerten vor Petite Asjombra, einer kleinen, unbewohnten Insel in der Karibik. Der Name war ein Mix, wie vieles in der Karibik, in dem das spanische Wort asjombra steckte: das Erstaunen. Denn die Insel war auf der einen Seite sanft und zugänglich – es gab dort eine Bucht mit weißem Sand, funkelndem Wasser und sich wiegenden Palmen, die zu den schönsten auf den Kleinen Antillen zählte. Auf der anderen Seite war sie tödlich. Eine Steilküste aus schwarzem Vulkangestein türmte sich dreißig Meter in die Höhe. Es hieß, früher hätten die Piraten hier ihre Gefangenen in den Tod geschickt.
„Das Wasser ist ganz warm“, hörte ich Chris wieder.
„Später“, rief ich und gähnte. Ich hatte es mir in der Trampolinfläche am Bug bequem gemacht und döste vor mich hin. Unser Katamaran lag ruhig im Wasser, es war elf Uhr vormittags, und die Wellen plätscherten gegen den Rumpf.
Irgendwo schrie ein Vogel.
Ich war müde.
Am Tag zuvor war ich über fünfzehn Stunden unterwegs gewesen. Trotz der Zeitverschiebung war ich erst spät abends auf St. Barth gelandet. Die Insel konnte von Europa aus nicht direkt angeflogen werden, weil die Landebahn hinter einer Hügelkette lag, nur 640 Meter lang war und direkt im Meer endete. Also war ich von Zürich über Paris nach St. Martin geflogen, eine Nachbarinsel, auf der eine Boeing 747 eigentlich auch nicht landen konnte, es aber trotzdem tat. Deshalb gehörte der Princess Juliana International Airport auf St. Martin zu den gefährlichsten der Welt: Die Landebahn betrug nur 2180 Meter und begann unmittelbar hinter einem öffentlichen Strand. Es war jedes Mal ein Erlebnis, wenn so eine Boeing über die Köpfe der Badenden hinwegdonnerte. Die Piloten brauchten eine spezielle Lizenz, um dort landen zu dürfen, und die Flugbegleiterinnen gute Nerven.
„Penny, rette mich!“
„Später“, rief ich, ohne nach Chris zu sehen. Ich war Flugbegleiterin, und ich hatte gute Nerven.
Von St. Martin nach St. Barth war es nur noch ein Katzensprung. Chris hatte mich mit der Cessna eines „Freundes“ abgeholt, wie er den Mann nannte, den ich noch am selben Abend kennenlernen sollte: Gerrit Huisman. Bis dahin wusste ich nur, dass er ein reicher Niederländer war, der ab und zu geschäftlich in der Karibik zu tun hatte. Das Übliche eben. Allein die Ehrfurcht, mit der Chris über seinen neuen Freund sprach, war ungewöhnlich. Heute weiß ich, dass es Angst war.
Ein leichter Wind kam auf.
St. Barth galt als die Insel der Prominenten und Superreichen. Was er denn da wolle, hatte meine Schwester Sandra gefragt, als ich ihr von Chris’ neuestem Winterquartier erzählt hatte. Segeln, hatte ich geantwortet. Segeln könne man auch auf dem Bodensee, hatte sie gemeint.
Alles war ruhig. Nur das Wasser plätscherte.
Meine Schwester war vier Jahre älter als ich und schon immer die Klügere gewesen. Sandra war Politikwissenschaftlerin an der Universität Konstanz und verbrachte ihre Urlaube meist in der Nähe des Bodensees. Als Wissenschaftlerin war sie in die Fußstapfen unserer Mutter getreten, die Gräzistik studiert hatte, bevor sie Hausfrau geworden war. Trotzdem hatte meine Mutter uns nie das Gefühl gegeben, wegen uns auf etwas verzichtet zu haben. Allein der Umstand, dass sie meine Schwester Kassandra und mich Penelope taufen ließ, gab mir zu denken. Manchmal kam es mir fast wie ein Protest gegen das schöne Leben vor, das sie doch geführt hatte. Als Kinder waren uns die Namen einfach nur peinlich gewesen. In dem oberschwäbischen Dorf, in dem wir aufgewachsen waren, hieß man damals Julia, Nadine oder Tanja. Für meine Schwester war es leicht gewesen, anstatt Kassandra nur Sandra genannt zu werden, zumal sie sich schon als Kleinkind geweigert hatte, die Vorsilbe Ka- auszusprechen. Mich retteten die Comics, die monatlich bei der Volksbank zu haben waren: Marc & Penny. Mein Spitzname erhielt dadurch eine gewisse Popularität, und bald wusste niemand mehr, wie ich wirklich hieß.
Heute frage ich mich, ob unsere Namen mich und meine Schwester nicht stärker prägten, als uns lieb war.
Kassandra, die stets das Unheil voraussah.
Penelope, die zehn Jahre auf die Rückkehr ihres Mannes gewartet hatte.
Die Sonne stieg immer höher. Obwohl ich im Schatten lag, wurde es langsam heiß. Doch die Hitze machte mir nichts aus, im Gegenteil, nach den langen, kalten Wintermonaten in Deutschland sehnte ich mich nach der Wärme.
Und nach Chris.
Ich lauschte. Nur das Schreien der Vögel war zu hören.
Ich setzte mich auf. Mit der Hand schirmte ich meinen Blick gegen die Sonne ab, doch ich konnte ihn nirgends mehr entdecken. Irgendwo schlug ein Seil gegen einen Pfosten, es war ein helles, metallisches Geräusch. Wahrscheinlich war Chris auf die Insel geschwommen und hatte sich dort in den Schatten einer Palme gelegt und …
„Bist du verrückt!“, schrie ich.
Chris war unter dem Trampolin aufgetaucht und spritzte mich nass. Seine kalte, feuchte Hand griff nach meinem Fuß.
„Verrückt nach dir“, sagte er.
Ich sagte nichts, aber ich öffnete mein Bikinioberteil. Dann legte ich es ab, danach das Höschen und zuletzt das Geständnis, dass ich ihn immer noch liebte. Und dass ich ihn vermisst hätte in den letzten Wochen.
Chris zog sich auf das Trampolin hoch und fiel keuchend und nass neben mir ins Netz. Dann zog er seine Badehose aus. Hier, mitten im Paradies, sechzig Kilometer vor dem Hafen von St. Barth, waren wir vollkommen ungestört.
„Ach Penny“, seufzte er und sah mich an.
Chris war im Sternzeichen Wassermann geboren, ich im Widder. Eine Wahrsagerin hatte uns vor Jahren auf einem Markt in Marokko eine ungewöhnlich glückliche Ehe prophezeit – und sie hatte recht behalten. Obwohl wir seit zehn Jahren verheiratet waren, brachte es mich immer noch aus dem Konzept, wenn er mich so ansah, als wäre ich eine Fremde. Seine Augen waren von einem hellen, intensiven Blau und wirkten wie zwei Fenster zum Himmel.
„Müssen wir da heute Abend wirklich hin?“, fragte ich.
„Huisman ist nicht irgendwer“, sagte er und begann, meine Schulter zu küssen. „Ihm gehört die halbe Insel.“
„Und wenn schon.“
„Du wirst ihn mögen“, versprach Chris und küsste meine Brüste. „Und seine Frau auch.“
Ich schloss meine Augen und flüsterte: „Kommst du zu Papas Geburtstag nach Hause?“
„Ach Penny“, sagte er wieder. Dann legte er sich auf mich und drang langsam in mich ein.

2

Um kurz nach acht saßen Chris und ich in einem der Hafen-Cafés von St. Barth und tranken einen Hibiscus zur Einstimmung auf den Abend. Der Hibiscus war damals der Kult-Cocktail auf St. Barth, eine Mischung aus Rum, Baileys, Kokos und Grapefruit. Chris und ich hielten uns an den Händen wie ein frisch verliebtes Pärchen. Gegenüber lagen die Millionärs-Yachten, ihre weißen, glatten Flächen ragten in den Abendhimmel. Die untergehende Sonne ließ sie glutrot aufleuchten.
Wenn heute die Sonne untergeht, schließe ich meine Augen und bete zu Gott.
„War das nicht eben Kate Moss?“, fragte ich.
Chris verdrehte die Augen. Die Diskretion gehöre zum Verhaltenskodex der wirklich reichen Leute hier, erklärte er mir. Da gehören wir ja zum Glück nicht dazu, erwiderte ich und lachte. Früher hätte Chris mit mir zusammen gelacht, an diesem Tag schwieg er. Mit Sorge beobachtete ich, wie er sich immer mehr am Lebensstil dieser Leute orientierte. Deshalb stand ich dem Abend auch skeptisch gegenüber.
„Da drüben liegt sie“, sagte er.
„Wer?“
„Die Yacht von Huisman.“
„Du meinst aber nicht die Sanlorenzo?“, fragte ich.
„Genau die.“
Yachten bedeuteten mir nichts, aber seit Chris zum Seemann geworden war, wusste ich, was eine Sanlorenzo war. Die Schiffe wurden in Italien gebaut und waren so etwas wie die Ferraris unter den Yachten. Diese hier hatte eine elegante, aber geschlossene Form. Die Fenster waren Schlitze aus schwarzem, verspiegeltem Glas. Die niederländische Fahne war gehisst.
„Beeindruckend“, sagte ich und schnalzte mit der Zunge.
Chris ließ meine Hand los. Etwas stimmte nicht mit ihm.
„Alles in Ordnung?“, fragte ich.
Er gab keine Antwort. Stattdessen zündete er sich einen Zigarillo an und zog gierig daran. Damals fiel mir auf, dass die Hand, mit der er den Zigarillo hielt, leicht zitterte. Ich schüttelte stumm den Kopf, mehr brauchte es nicht, um meine Missbilligung zum Ausdruck zu bringen. Chris’ Blick war stur in die untergehende Sonne gerichtet. Dass er zu viel rauchte, wusste er, und ich hatte es aufgegeben, ihn daran zu erinnern.
„Warum hat dieser Huisman uns eigentlich eingeladen?“, fragte ich. „Gibt es etwas Besonderes?“
„Er will dich kennenlernen.“
„Mich?“
„Er hat dich gesehen“, sagte Chris und starrte in den Himmel. „Letzten Sommer. Auf der Party von Álvarez.“ Dann öffnete er seinen Mund und ein dicker, gelblicher Rauch kroch hervor. Ansonsten bewegte sich sein Gesicht nicht, als er fragte: „War da was zwischen euch?“
„Bist du verrückt! Ich erinnere mich nicht mal an ihn.“
Die Partys von Álvarez waren legendär. Im vorherigen Sommer hatte er seinen sechzigsten Geburtstag mit einer Pyramide aus sechzig Flaschen Champagner gefeiert. Seine viel zu junge zweite oder dritte Ehefrau hatte in einem goldenen Bikini Happy Birthday gesungen. Daran erinnerte ich mich noch, aber an einen Niederländer nicht.
„Simon und Jasmin sind übrigens schon in Florida“, wechselte ich das Thema. „Er redet von nichts anderem.“
Chris nickte. Die Männer planten eine Atlantiküberquerung, Chris, Simon und noch zwei Kumpels. Vier Wochen später sollte es losgehen. Jasmin und ich würden zusammen zurückfliegen. Der Langstreckentörn war als eine Art Junggesellen-Abschied gedacht, weil Simon und Jasmin im September in Zürich heiraten würden.
„Hast du für die Hochzeit schon einen Flug gebucht?“
Chris schwieg.
„Du kommst doch?“
„Wann genau ist das im September?“, fragte er zurück.
„Der neunte Neunte.“
Wieder schwieg er.
„Simon ist dein bester Freund“, setzte ich nach. „Das kannst du nicht bringen.“
Über uns kam Musik aus einem Lautsprecher.
Als ich Chris vor über fünfzehn Jahren kennengelernt hatte, war Simon fast immer dabei gewesen. Die zwei waren schon zusammen zur Schule gegangen. Simon war der sensiblere der beiden, ein eher ruhiger, melancholischer Typ, der BWL studiert und eine Firma gegründet hatte. Die Turox 3000 spürte Trends und Produkte der Zukunft auf. Ein paar Jahre zuvor hatte Simon mit einer Mikro-Batterie viel Geld verdient – und seitdem lief es auch mit den Frauen besser. Jasmin sei endlich die Richtige, meinte er, und dass ich mir wegen Chris nicht so viele Sorgen machen solle: Chris befinde sich in einer Art Midlife-Crisis, alles halb so wild, ich bräuchte einfach nur Geduld zu haben, irgendwann komme er von allein wieder nach Hause.
Drei Jahre war Chris da schon unterwegs gewesen.
Ich sah ihn von der Seite an.
Somebody that I used to know, sang eine Männerstimme.
Als wir uns kennenlernten, war ich gerade mal neunzehn gewesen und Chris unerreichbar. Ich hatte meine Ausbildung zur Flugbegleiterin eben erst begonnen, er war bereits Pilot gewesen und mit einer bildhübschen Frau verheiratet, die ihn manchmal vom Flughafen abholte. Anfangs hatte mich das abgeschreckt, ihre Küsse, ihr Lachen, und ich hatte nicht verstehen können, warum alle meine Kolleginnen trotzdem von Chris schwärmten. Okay, er hatte diese hellen, durchlässigen Augen und immer ein Kompliment auf den Lippen. Außerdem war er groß und seine schwarzen Locken waren im Kontrast zu den blauen Augen außergewöhnlich. Aber er war verheiratet, und ich wollte sein Leben nicht zerstören, das hatte ich ihm auch gesagt, damals, in unserer ersten Nacht in Paris, doch er hatte nur gelächelt: „Du zerstörst mein Leben nicht, Penny“, hatte er gesagt, „du rettest es.“ Acht Monate später heirateten wir in Las Vegas, es war eine total verrückte Zeit gewesen, in der es nur uns beide gab. Jetzt war Chris 47 und ich 34. Wenn wir noch ein Kind wollten, mussten wir uns langsam beeilen.
„Simon hat einen Prototyp der Oxygenius dabei“, sagte ich.
Die Oxygenius war eine innovative Atemmaske, die Sauerstoff aus dem Wasser filterte und zum Atmen bereitstellte. Das Ding war kaum größer als eine Banane. Chris und ich hatten vor, in das Produkt zu investieren, für das Simon fantastische Gewinne vorhersagte. Normalerweise begeisterte sich Chris für das Thema, doch jetzt zog er sein Smartphone hervor und checkte die Nachrichten. Am Nebentisch nahmen ein älterer Herr und eine junge Frau Platz. Er schwieg und sie lachte viel, ein ganz junges Ding, kam wahrscheinlich von einer der Inseln, Haiti oder Dominikanische Republik, schätzte ich.
„L’addition, s’il vous plaît“, sagte Chris.
Bereits damals, in unserer ersten Nacht in Paris, hatte Chris gesagt, dass er aussteigen wolle. Dass er sich eine Segelyacht kaufen und ein freies Leben führen wolle. Damals dachte ich: Das sind Träume. Wer verwirklicht die schon?
Die Frau blickte zu uns herüber.
An dem Deckenventilator fehlte ein Flügel.
Kurz vor seinem 43. Geburtstag hatte Chris sich das Boot dann gekauft. Der Katamaran war vierzehn Meter lang, acht Meter breit, und verfügte über 160 Quadratmeter Wohnfläche, 120 Quadratmeter Segelfläche, vier Kabinen und zwei 48-PS-Motoren. Der Vorbesitzer habe das Schiff Sky getauft, hatte Chris gesagt, was ich davon halte? Der Name gefiel mir. Aber es gefiel mir nicht, dass Chris mich vor dem Kauf nicht gefragt hatte. Er habe einfach Angst gehabt, ich könnte Nein sagen, meinte er. Und glauben müsste ich ihm, dass er mich liebe wie er noch nie eine Frau geliebt habe, aber trotzdem dürfe ich ihn nicht einsperren. Ich dürfe nicht von ihm verlangen, wie ein Schoßhündchen zu leben.
„Bin gleich wieder da“, sagte er.
Ich achtete nicht darauf, als Chris den Tisch verließ.
Kurz nach seinem 44. Geburtstag ließ mein Mann sich frühpensionieren und segelte los. Seitdem lebte er hauptsächlich in der Karibik. Ab und zu nahm er Touristen auf einen Segeltörn mit und verdiente sich so etwas nebenher. Die Yacht zahlten wir noch immer ab, auch ein Teil meines Gehalts ging dafür drauf.
„Hasta pronto”, hörte ich eine hohe, etwas unangenehme Stimme. Sie kam von der Frau am Nebentisch. Wie ich vermutet hatte, sprach sie spanisch. Sie gab dem Mann, einem Franzosen, schätzte ich, einen Kuss auf die Glatze und verließ das Café. Mein Blick fiel auf ihre hohen Pumps. Sie waren aus weißem Kunstleder mit Tigermuster. Als ich wieder aufsah, starrte mich der Mann an. Seine Augen waren klein und verrieten keine Regung.
Ich wendete mich ab.
Und schüttelte den Kopf.
Okay, ich war ebenfalls jünger als Chris, ganze zwölf Jahre, und Sandra sagte, ich hätte ihn nur geheiratet, weil er unserem Vater so ähnlich sähe. Vielleicht stimmte das sogar. Und ja, Chris hatte sich wegen mir scheiden lassen, aber trotzdem war ich nie so gewesen wie diese Mädchen, die nichts hatten außer einer guten Figur und der Hoffnung, von einem Europäer oder Amerikaner geheiratet zu werden. Ich liebte Chris nicht wegen seines Geldes. Ich hatte selbst einen Beruf und außerdem ein Haus am Bodensee mit einem zauberhaften Garten, der von griechischen Göttern und Halbgöttern besiedelt war, die meine Mutter gesammelt hatte. Für mich war immer klar gewesen, dass Chris und ich eines Tages dort zusammen alt werden würden.
Ob mein Mann schon bezahlt habe, fragte ich.
Der Kellner, der aussah wie Captain Jack Sparrow, nickte.
Draußen stand Chris und rauchte. Das Mädchen stand neben ihm und tat dasselbe. Als ich kam, warf sie ihre Zigarette auf den Boden und ging zurück ins Café. Ich bemerkte die Schweißperlen auf Chris’ Stirn.
„Kennst du sie?“, fragte ich.
„Nur flüchtig“, sagte er. Und dann: „Wir müssen.“
Mein Vater und meine Freundinnen glaubten, Chris befinde sich beruflich in der Karibik. Sie glaubten, er baue dort eine Schule für junge Piloten. Wenn mein Vater mich fragte, wann Chris denn zurückkomme, sagte ich, bald. In Wahrheit hatte ich Chris nie gefragt, wie lange er vorhatte, auf dem Schiff zu leben. Ich hatte Angst, dass er mir antworten könnte, es sei für immer.

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Autorin & Copyright: Silke Nowak

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Silke Nowak,
Penelopes Tod. Thriller
E-Book (Kindle) 0,99 Euro
Taschenbuch (Createspace) 9,95 Euro

Der Zufall kann dein Killer sein: Thriller-Autorin Silke Nowak im Interview

silke-nowak-thriller-autorin-im-interviewSeit ihrem Krimi-Debüt mit „Schneekind“ und „Spiel Ende“ gehört Silke Nowak zu den Shooting Stars im deutschen Kindle-Store – mit „Penelopes Tod“ legt die studierte Literaturwissenschaftlerin jetzt einen neuen Thriller vor. Erzählt aus der Ich-Perspektive, taucht der Leser ein in das Leben von Penny, das durch einen Schicksalsschlag völlig verändert wird: Ihr Freund Chris erleidet beim Segeln durch die Karibik einen Schlaganfall. In der Folgezeit stößt Penny auf seltsame Dinge: offenbar hat Chris ein Doppelleben geführt, und dieses Wissen bringt beide in große Gefahr. E-Book-News sprach anlässlich des Buch-Starts mit der Autorin.

E-Book-News: Was ist das Thema, die Essenz von „Penelopes Tod“ – in einen twitterfähigen Satz zusammengefasst?

Silke Nowak: Nur der Zufall entscheidet, ob du lebst oder stirbst.

Ihre Romane werden von den Lesern in verschiedenster Weise gelobt, besonders interessant fand ich unter den ersten Rezensionen von „Penelopes Tod“ dabei die Bemerkung, der Text würde das „Kopfkino“ in Gang bringen. Wie schafft man so etwas?

Das ist ein interessanter Punkt. Denn es gibt Komponenten des Schreibens, bei denen ich mir – durch das Schreiben – tatsächlich eine Art Technik angeeignet habe, etwa in der Plotentwicklung oder Dialoggestaltung. Aber für das bildliche Schreiben ist das nicht der Fall. Das passiert mir einfach so. Allerdings bin ich ein Augenmensch und habe einen Hang zum Bild. Vielleicht deshalb.

Weibliche Hauptpersonen wie etwa eine ermittelnde Kommissarin gab es bisher schon in Ihren Krimis, „Penelopes Tod“ wird nun aus der Ich-Perspektive von Penny erzählt – warum war Ihnen das bei dieser Geschichte so wichtig?

Die Ich-Perspektive hat einfach funktioniert. Manchmal gibt es das: Du hast eine Figur und du hast ihre Stimme – und dann folgst du ihr wie einem Blindenhund.
Natürlich ist die Ich-Perspektive auch ideal für eine Geschichte, in der Dinge passieren, die unheimlich sind oder unerklärlich scheinen. Denn man weiß ja immer nur so viel wie das erzählende Ich.
Außerdem ist die Ich-Perspektive ein tolles Mittel, um die Leser zu täuschen. Denn Leser/Menschen vertrauen einem erzählenden Ich, zumal wenn man es mit sympathischen Merkmalen ausstattet. Bis sie merken, dass da etwas nicht stimmt …

Für den Plot sehr wichtig ist die Tatsache, dass Pennys vermeintlicher Traummann einen Schlaganfall erleidet, und viele Details sind hier sehr realistisch erzählt, was die Leser ebenfalls loben. Welche Rolle spielt eigentlich die Recherche bei der Vorbereitung eines Thrillers?

Ich bin von Haus aus Wissenschaftlerin und da gehört für mich Recherche selbstverständlich dazu. Wenn ich über das Thema Schlaganfall schreibe, lese ich mich in das Thema ein, spreche mit Ärzten und vor allem mit Betroffenen. Aber meine Bücher leben nicht von der Recherche. Der Schwerpunkt liegt eindeutig auf einer stimmigen Geschichte – und da müssen halt auch die Fakten stimmen.
„Penelopes Tod“ war für mich allerdings etwas Besonderes, was die Fakten betrifft. Denn der Roman beruht auf einer wahren Geschichte: Das, was Chris Winter in diesem Roman passiert, ist dem Mann einer Freundin von mir wirklich passiert. Indem ich Anteil an ihrem Schicksal genommen habe, habe ich hautnah Erfahrung im Umgang mit Betroffenen gesammelt.


Weitere Infos zur Autorin & ihren Büchern gibt’s auf http://silkenowak.de/

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Silke Nowak,
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