Kindle Storyteller Award geht in die heiße Phase: die Shortlist steht fest

storyteller-award-finalistenÜber 1.000 Titel verschiedener Genres wurden in den letzten Monaten via KDP und Createspace eingereicht, nun haben die Leser entschieden: die fünf Finalisten für den neuen Self-Publisher-Award „Kindle Storyteller“ stehen fest, darunter zwei Autoren aus Österreich und drei aus Deutschland. Mit dabei: das Autorenduo B.C. Schiller (siehe das Indie-Lounge-Interview) mit dem Thriller „Totes Sommermädchen“. Vertreten sind daneben auch die Genres Sci-Fi-Romance, Sci-Fi-Thriller sowie Biografie (vollständige Shortlist s.u.).

Preisgeld von 30.000 Euro winkt

Den endgültigen Gewinner bestimmt nun bis Mitte Oktober eine Promi-Jury. Dem Preisträger winkt nicht nur viel Aufmerksamkeit, sondern auch geldwerte Vorteile im Gesamtwert von 30.000 Euro. Neben dem eigentlichen Preisgeld von 10.000 Euro kommt nämlich noch ein Marketing-Paket im Wert von 20.000 Euro hinzu. Außerdem wird der Bastei Lübbe Verlag das gedruckte Gewinnerbuch im deutschsprachigen Raum verlegen und vertreiben. Letztlich haben aber alle fünf schon jetzt gewonnen: die Shortlist-Titel werden für Amazons Hörbuch-Sparte Audible von bekannten Synchronsprechern eingelesen.

Preisverleihung auf Frankfurter Buchmesse

Bekanntgegeben wird der Gewinner bzw. die Gewinnerin des ersten „Storyteller-Awards“ im Oktober 2015 auf der Frankfurter Buchmesse. Komplettes Neuland betritt Amazon mit dem neuen Award nicht, mittlerweile haben sich längst andere Self-Publishing-Preise etabliert, insbesondere der auf der Leipziger Buchmesse verliehenen „Indie-Auto-Preis”, der von der Self-Publishing-Plattform neobooks unterstützt wird. Das Preisgeld ist beim „Indie-Autor-Preis” jedoch mit 3.000 Euro deutlich niedriger.

Die Finalisten des Kindle Storyteller Award:

Von High Fantasy bis Horror: Nautilus-Shortlist benennt zwölf Indie-Finalisten

Langer Titel, kurze Liste: Der „Self-Publisher-E-Book-Leseproben“-Wettbewerb von Nautilus geht in die zweite Runde – zwölf deutschsprachige Indie-AutorInnen haben es in die Shortlist geschafft, darunter Susanne Gerdom („Der Blaue Tod“), Markus Tillmanns („Teufel“) und Simone Keil („Patient Zweiundvierzig“). Die eingereichten Leseproben wurden anonymisiert und allein auf der Basis der Qualität der Texte von einer Experten-Jury aus Fantasy-Autoren, Büchermachern, Journalisten und Bloggern bewertet. Im nächsten Schritt werden nun drei Sieger ausgewählt, deren Leseproben dann in den kommenden Ausgaben des Magazins für Abenteuer und Phantastik veröffentlicht werden.

Das Who is Who der deutschen Indie-Phantastik

Das Spektrum der Shortlist (komplette Liste siehe unten) reicht von Fantasy, High Fantasy, Weird Fantasy und Steampunk bis zu Mystery und Horror: „Die Romane belegen damit die Vielfalt und Eigenständigkeit der deutschsprachigen Independent-Phantastik“, so Nautilus-Chefredakteur Jürgen Pirner, der den Wettbewerb organisiert hat. „Unabhängig von den Programmen der etablierten Buchverlage und des Mainstreams zeigen hier zwölf Autoren aus Deutschland, Österreich und der Schweiz ihren Mut, neue und frische Geschichten zu erzählen“, so Pirner. Neun der zwölf Shortlist-Titel sind bereits veröffentlicht und via Kindle Shop lieferbar.

Nautilus-Magazin liebt’s crossmedial

Das vom Abenteuer Medien Verlag herausgegebene Magazin „Nautilus“ möchte nicht nur inhaltlich das gesamte Phantastik-Genre abdecken, auch medial wird von Kino/DVD über Roman und Hörbuch bis zu Online-Rollenspielen der gesamte Markt berücksichtigt. Die monatlich erscheinende Zeitschrift gibt es klassisch auf Papier, daneben kann man via Nautilus-App für Apple und Android die Inhalte auf Tablet und Smartphone konsumieren. Das jeweils aktuelle Heft lässt sich zudem auch online durchblättern.

Hier die komplette Nautilus-Shortlist:

[e-book-review] Sex, Prag, Barock&Roll: Jan Faktors schelmischer Rückblick auf Realsozialismus & 60er Jahre

jan-faktor-georgs-sorgen-vergangenheit-e-book-shortlist-buchpreis-bestseller1Nicht nur der Titel klingt barock: Jan Faktors Roman „Georgs Sorgen um die Vergangenheit oder im Reich des heiligen Hodensack-Bimbams von Prag“ ist tatsächlich eine Art Simplizissimus des tschechischen Realsozialismus. Mit mehr als 600 Seiten ist es außerdem das gewichtigste Buch auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis – zum Glück gibt’s aber auch eine E-Book-Version. Heide Reinhäckel hat Faktors autobiografisch geprägtes Schelmenstück für uns gelesen.

Das Romanprojekt brauchte 25 Jahre Anlaufzeit

In den Siebziger Jahren tauschte Jan Faktor die Lochkarte gegen das Versmaß – der Programmierer wurde zum Texter von experimenteller Lyrik. Im Vergleich zum nächsten Schritt ging das relativ schnell. Faktors Romanprojekt „Georgs Sorgen um die Vergangenheit oder im Reich des heiligen Hodensack-Bimbams von Prag“ hat nicht nur einen sehr langen Titel, sondern brauchte eine Anlaufzeit von 25 Jahren. In dieser Zeit sammelte Faktor Material für eine große Erzählung, die um Kindheit und Jugend im Realsozialismus kreist. Entstanden ist nun ein großartig groteskes Buch über eine bizarre Familie, über Prag und über den Prager Frühling – und damit auch eine Art Mentalitätsgeschichte über die Tschechoslowakei von den 1950er bis 1970er Jahren.

Von der Informatik zur Lyrik, von Prag nach Berlin

Jan Faktor wurde 1951 in einen liberalen Prager Haushalt hineingeboren. Seine Mutter war eine engagierte Journalistin, im Haus gingen berühmte Reformer ein und aus. Faktor brach ein Studium der Informatik ab, arbeitete dann als Programmierer. 1978 siedelte er nach Ostberlin über, aus privaten Gründen: er hatte sich in die Psychoanalytikerin Anette Simon, eine Tochter von Christa Wolf, verliebt und heiratete sie. In Ostberlin verdingte er sich als Schlosser und Kindergärtner, war in der Untergrundliteraturszene tätig und schrieb experimentelle Texte und Lyrik. 1989 schrieb Faktor für den Rundbrief des Neuen Forums, seit den 1990er Jahren etablierte er sich als freier Autor.

Frühlingserwachen und Prager Frühling

Georg, der Held des Romans, wächst in einem jüdischen Frauenhaushalt in einer verwinkelten Prager Altbauwohnung auf. Das Matriarchat herrscht in der dunklen, mit einem Sammelsurium an schweren Möbelstücken vollgestopften Wohnung – Erbstücke von nach dem Krieg ausgewanderten Bekannten und Verwandten. Neben der Mutter leben noch mehrere Großmütter und Tanten in der Wohnung, bei manchen überblickt Georg die Verwandtschaftsverhältnisse gar nicht. Frauen, so Georg lakonisch, hätten die Konzentrationslager und den Krieg besser überstanden. Die Mutter badet Georg bis in die Pubertät, er teilt mit der „Hauptgroßmutter Lizzy“ ein Zimmer. Den einzigen Ausweg aus der weiblichen Bevormundung bietet die Erotik, die konsequenterweise mit einer älteren Freundin der Tante entdeckt wird. Das Frühlingserwachen wird allerdings durch den Prager Frühling überschattet. Doch trotz der Repressionen glaubt Georg an eine bessere Zukunft, er betrachtet sein Leben als „eine permanente Geschichte des Verliebtseins“ – und zieht damit die Liebesneurose jeglichen Ideologien vor.

Zwischen Soldat Schwejik und Henry Miller

Faktor übertreibt und übersteigert autobiographische Muster und Bausteine ins Humoreske und Groteske. Besonders die Fabulierwut gehört zu Faktors bzw. Georgs Stärken und erinnert an den braven Soldaten Schwejk, der im Simulieren von Naivität die Unerhörtheiten der Welt entblößte. Georgs Körper, der sich immer wieder dem Sex, dem Schmutz und dem Ekel hingibt, kommt schon nahe an Michail Bachtins Idee des grotesken Körpers heran, der nur an In- und Output interessiert ist, auch die Erotismen eines Henry Millers liegen nicht fern. Daneben bilden das Lachen und der Humor eine wichtige erzählerische Säule. Wer schon beim barocken Titel an die Tradition des Schelmenromans denkt, liegt wohl nicht ganz falsch. Für die erzählerische Rückabwicklung des Realsozialismus scheint die Picaro-Perspektive sich offenbar zu lohnen. Honni soit qui mal y pense…

Autorin & Copyright: Heide Reinhäckel

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Jan Faktor,
Georgs Sorgen um die Vergangenheit oder im Reich des heiligen Hodensack-Bimbams von Prag,
Hardcover (Kiepenheuer&Witsch), 24,95 Euro
E-Book (epub-Format), 24,99 Euro

[e-book-review] „Ich trage mein Thema wie einen Bombengürtel“: Auf den Spuren einer beschädigten DDR-Kindheit („Rabenliebe“)

rabenliebe-wawerzinek-e-book-buchpreis-shortlist-bestsellerEs gibt dunkle Wörter, die gerade für Kinder ein ungeheures Drohpotential besitzen: das Wort Kinderheim gehört dazu. Um das Heim als Ort einer verlorenen Kindheit kreist Peter Wawerzineks autobiographischer Roman „Rabenliebe“, der zu den drei auf auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises gelangten E-Books gehört. Gelingt Wawerzinek die Verwandlung der beschädigten DDR-Kindheit in Literatur? Das verrät im folgenden unsere Rezensentin Heide Reinhäckel.

Peter Runkels unheimliche Reisen

Peter Wawerzinek, 1954 als Peter Runkel geboren, kam mit zwei Jahren in ein Kinderheim. Seine damals neunzehnjährige Mutter hatte ihn und eine Schwester 1956 in einer Rostocker Altbauwohnung zurückgelassen, um dem Vater der Kinder in den Westen zu folgen. Nachbarn entdecken die verwahrlosten Kinder Tage später, sie werden ins Krankenhaus gebracht, dann in unterschiedliche Heime. Wawerzinek verbringt seine Kindheit in verschiedenen Institutionen. Mit der Ablieferung im Heim beginnt auch der Roman. Bereits die Eingangsszene symbolisiert Verlorenheit und Isolation, die das Kind Peter bei der Odyssee durch die sozialisierenden Instanzen begleiten wird. Eingebrannt ins Gedächtnis hat sich ein Mann im schwarzem Ledermantel, ein dunkler Wagen, ein Schneegestöber. Die Sprache des Romans ist verdichtet, die Erinnerungen werden von Kinderreimen und Gedichten durchbrochen. Das Kind flüchtet sich in Phantasiewelten und bleibt bis zum Alter von vier Jahren stumm, spricht nur mit dem Meer und den Vögeln.

Mutterbilder zwischen Hoffnung und Horror

Die Köchin des Heims wird zu einer Art Ersatzmutter. Später wird Peter von einem Lehrereherpaar adoptiert. Doch nicht Mitgefühl und Liebe sind die Beweggründe, sondern Peters gute Schulzeugnisse, die in einem Schaukasten des Kinderheims ausgestellt sind. Die Erziehungsdressur misslingt, der jugendliche Peter zeigt keinen beruflichen Ehrgeiz. Die fehlende Mutter bestimmt als Motiv den ersten Teil des Romans, der „Mutterfindung“ lautet. Dass in dem Wort auch ‚Erfindung‘ steckt, verdeutlichen die Phantasien des Kindes über die gänzlich unbekannte Mutter. Sie wird zur Figur einer uneinlösbaren Sehnsucht, aus der das Kind seine Kraft schöpft. Im Gegensatz zu Wolfgang Koeppen oder Alfred Döblin, in deren Texten der abwesende Vater eingeschrieben ist, ist es bei Wawerzinek die Mutter, um die alle Erzählstränge kreisen. Dass die Mutterfigur durchaus ambivalent ist, wird bereits vom Anfang an durch montierte Zeitungsmeldungen über Fälle von Kindesmisshandlungen und Kindstötungen deutlich, durch die Auflistung von Taten ‚monströser‘ Mütter.

Da bist Du ja – Wiederbegegnung nach 50 Jahren

Der zweite Teil des Romans lautet „Da bist Du ja“. Genau das war auch die lapidare Begrüßung der Mutter, als Peter Wawerzinek nach über 50 Jahren vor ihrer Tür stand. Dem Wiedersehen stand eigentlich schon mit dem Mauerfall nichts mehr im Weg. Doch der Autor trägt die recherchierte Telefonnummer zunächst drei Jahre lang mit sich herum, ohne sie benutzen. Die Vergangenheit lässt den Autor allerdings nicht los. Noch mit über 50 quält es ihn, die eigene Mutter nicht zu kennen: „Ich trage mein Thema wie einen Bombengürtel“, schreibt Wawerzinek. Dann überwindet er sich und reist nach Eberbach am Neckar, wo die Mutter lebt. Das Zusammentreffen wird zur Enttäuschung. Wawerzinek erfährt, dass er noch acht Halbgeschwister hat. Auch deren Kindheit war keine glückliche. Nach dem ersten und einzigen Zusammentreffen ist für Wawerzinek klar: das Kind in ihm wird ein „ewiges Winterkind“ bleiben. Doch dem Autoren-Ich gelingt in dem furiosen sprach- und erinnerungsgewaltigen Buch die Umwandlung des beschädigten Lebens in Literatur. Die Homepage des Autors zeigt einen Videofilm, in dem Wawerzinek ein Kinderheim seiner Kindheit besucht, mittlerweile ein verlassenes, baufälliges Haus. Bedrückt schleicht der Autor mit einem kleinen braunen Lederschulranzen durch die Räume. In der anschließenden Einstellung spielt er am naheliegenden Ostseestrand auf einen Keyboard – ein gelungenes Bild für die Verwandlung der Erinnerungen in eine eigene Lebensmelodie.

Autorin & Copyright: Heide Reinhäckel

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Peter Wawerzinek,
Rabenliebe (August 2010)
E-Book (epub-Format), 22,99 Euro
Hardcover (Galiani Verlag) 22,95 Euro

Deutscher Buchpreis unter Strom: Hälfte der Shortlist-Titel ist elektronisch lieferbar

shortlist-buchpreis-e-book-bestsellerDie Shortlist ist da – damit gibt es noch sechs AnwärterInnen auf den deutschen Buchpreis. Die Liste birgt einige Überraschungen, so sind etwa Favoriten des Feuilletons wie Thomas Hettche („Die Liebe der Väter“) oder Kristof Magnusson („Das war ich nicht“) nicht in die engere Auswahl gekommen. Der E-Book-Anteil hat sich zudem deutlich erhöht. Mit den Romanen von Jan Faktor, Peter Wawerzinek und Thomas Lehr ist immerhin die Hälfte der nominierten Titel in elektronischer Form lieferbar. Der Name des endgültigen Preisträgers wird im Oktober auf der Frankfurter Buchmesse verkündet.

“Welthaltigkeit“ der Literatur – von 1968 bis Nine Eleven

„Poetisch, komisch und experimentell“ seien die Romane auf der Shortlist, so Jurysprecherin Julia Encke zur Auswahl der Finalisten. Das Gemeinsame an den sechs nominierten Titeln sei „in ihrer Welthaltigkeit zu finden“, fügte die FAS-Literaturkritikerin hinzu. In besonderem Maße dürfte das wohl für Thomas Lehrs Post-Nine-Eleven-Roman „September.Fata Morgana“ gelten (siehe unsere E-Book-Review). Skurrile Rückblicke in das Prag der Sechziger Jahre bietet dagegen Jan Faktors eigenwilliger Entwicklungsroman „Georgs Sorgen um die Vergangenheit oder Im Reich des heiligen Hodensack-Bimbams von Prag“. „Ein Buch wie ein Erdbeben“ ist laut Verlagsprospekt Peter Wawerzineks „Rabenliebe“ – der autobiographische Roman kreist um das Kindheitstrauma des Autors, der bei der Republikflucht seiner Mutter als Waise in der DDR zurückblieb.

Wird der Buchpreis 2010 auch ein E-Book-Preis sein?

Die drei Romane von Lehr, Faktor und Wawerzinek bilden zugleich die elektronische Hälfte der Shortlist – sie sind sämtlich als E-Book im epub-Format lieferbar. Damit steigen zugleich die Chancen, dass der deutsche Buchpreis am Ende auch ein E-Book-Preis ist. Für die Popularisierung qualitativ hochwertiger Gegenwartsliteratur ist das eine wichtige Voraussetzung – gerade Nachwuchsleser nutzen E-Reader oder Smartphones für die Lektüre genauso selbstverständlich wie Hardcover oder Taschenbuch. Leider wurden sie bisher in den meisten Fällen von den Verlagen nicht einmal nachträglich bedient. Von den bisherigen Preisträgern der seit 2005 verliehenen Auszeichnung „Deutscher Buchpreis“ sind bisher nur zwei Titel auf dem E-Reader lesbar – Julia Francks „Mittagsfrau“ (2007) und Kathrin Schmidts „Du stirbst nicht“ (2009). Immerhin gibt es in diesem Jahr bei Libreka eine eigene Buchpreis-Seite mit elektronischen Leseproben aller Titel, die auf die Longlist gelangt sind. In Zukunft sollte sich elektronisches Lesen allerdings nicht nur auf kurze Appetizer beschränken – schließlich enden Taschenbücher ja auch nicht auf Seite 20.


Die Shortlist in alphabetischer Reihenfolge:

  • Jan Faktor,
    Georgs Sorgen um die Vergangenheit oder im Reich des heiligen Hodensack-Bimbams von Prag
  • Thomas Lehr,
    September. Fata Morgana
  • Melinda Nadj Abonji,
    Tauben fliegen auf
  • Doron Rabinovici,
    Andernorts
  • Peter Wawerzinek,
    Rabenliebe
  • Judith Zander,
    Dinge, die wir heute sagten

(Hier findet man zum Vergleich die E-Books auf der Longlist)

Longlist als Shortlist: Nur 6 Anwärter auf Deutschen Buchpreis als E-Book im epub-Format lieferbar

longlist-buchpreis-e-books-audiobooks-bestsellerDie Longlist ist da – zwanzig RomanautorInnen sind damit Anwärter auf den deutschen Buchpreis 2010. Darunter etwa Thomas Hettche (Die Liebe der Väter), Kristof Magnusson (Das war ich nicht) oder Alina Bronsky (Die schärfsten Gerichte der tatarischen Küche). Das Buchhandelsportal Libreka bietet aus diesem Anlass elektronische Leseproben zu allen 20 Longlist-Titeln an. Sechs Titel kommen im September in die Endauswahl (Shortlist), der Name des Preisträgers wird im Oktober auf der Frankfurter Buchmesse verkündet. Als E-Book im epub-Format erschienen sind lediglich sechs der zwanzig nominierten Titel – Zufall oder Vorentscheidung?

Preisverleihung als Marketingaktion „bestsellersüchtiger Buchhandelsketten“?

Anderswo haben Buchpreise klingende Namen: Prix Goncourt oder Booker Prize etwa. Für Deutschland fehlte so etwas nach Ansicht des Börsenvereins des deutschen Buchhandels. Deswegen wurde im Jahr 2005 der „Deutsche Buchpreis“ ins Leben gerufen. Zur Jury gehören vor allem hauptamtliche Literaturkritiker, diesmal etwa Ulrich Greiner (Die Zeit) oder Julia Encke (FAZ), aber mit Ulrike Sander von der Osianderschen Buchhandlung auch eine Vertreterin der Sortimenter. Die Vorschläge für Nominierungen selbst stammen von Verlagen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Von Schriftstellern und Journalisten gab es immer wieder mal Kritik an den „außerliterarischen“ Kriterien dieser Auswahl. Nach Ansicht der Kritiker handelt es sich um einen Marketingpreis, der „vor allem den bestsellersüchtigen Buchhandelsketten“ nütze. Mediale Aufmerksamkeit ist dem Auswahlverfahren gewiss, die Etappen zwischen Longlist, Shortlist und Siegerehrung während der Buchmesse liefern einen idealen Spannungsbogen. Doch wenn die Verlage wirklich an maximaler Reichweite ihrer Bestseller interessiert wären, hätte man wohl etwas mehr auf die elektronische Verfügbarkeit der Romane geachtet. Der Buchpreis ist aber offenbar kein E-Book-Preis. Denn nur sechs Titel aus der Longlist sind als E-Book im epub-Format lieferbar, zwei weitere lediglich als E-Book-App für iPhone und iPod Touch bei textunes. Ausschließlich als Hörbuch erhältlich sind zusätzlich zwei von zwanzig Longlist-Titeln. Nur bei Michael Köhlmeiers „Madalyn“ hat man die volle Auswahl: der Roman ist sowohl als epub wie auch auf Audio-CD zu haben.

Ohne E-Books wird die Popularisierung von Gegenwartsliteratur nicht gelingen

Die Einmauerung der Premium-Literatur im Bücherschrank der Gutenberg-Galaxis scheint Methode zu haben. Selbst von den bisherigen Preisträgern der seit 2005 verliehenen Auszeichnung „Deutscher Buchpreis“ sind nur zwei Titel auf dem E-Reader lesbar – Julia Francks „Mittagsfrau“ (2007) und Kathrin Schmidts „Du stirbst nicht“ (2009). Das ist nicht nur eine äußerst magere Ausbeute, sondern für die Popularisierung von qualitativ hochwertiger Gegenwartsliteratur eine regelrechte Katastrophe. Und fast schon so absurd, als würde man aus Gründen der kulturellen Distinktion absichtlich Paperback-Ausgaben von Literaturpreisträgern verhindern. Für den Mangel an Hörbuch-Versionen mag es bei brandneuen Romanen, die erst seit Wochen oder Monaten auf dem Markt sind, technische und finanzielle Gründe geben. Für parallele E-Book- und Print-Auflagen gibt es solche Gründe jedoch nicht. Außerdem sind manche Titel wie etwa Kristof Magnussons „Das war ich nicht“ oder Mariana Leky „Die Herrenausstatterin“ bereits seit Anfang 2010 in die Regale gelangt. Viele Verlage sehen offenbar digitale Vertriebskanäle nur als Werbe-Plattform für verstaubte Printauflagen. Leseproben dienen als Appetizer, so wie jetzt bei Libreka, doch die komplette Ware gibt’s nur auf Papier. Die eigentliche Rolle von Verlagen und Buchhändlern müsste allerdings im 21. Jahrhundert die Verbreitung von Literatur sein, nicht die Verbreitung von gedruckten Büchern. Aber bis diese Einsicht wirklich angekommen ist, sollte man vielleicht doch erst mal einen Deutschen E-Book-Preis ausloben.


Die Longlist in alphabetischer Reihenfolge:

  • Alina Bronsky,
    Die schärfsten Gerichte der tatarischen Küche
  • Jan Faktor,
    Georgs Sorgen um die Vergangenheit oder im Reich des heiligen Hodensack-Bimbams von Prag
  • Nino Haratischwili,
    Juja
  • Thomas Hettche,
    Die Liebe der Väter
  • Michael Kleeberg, Das amerikanische Hospital
  • Michael Köhlmeier,
    Madalyn
  • Thomas Lehr,
    September. Fata Morgana
  • Mariana Leky,
    Die Herrenausstatterin
  • Nicol Ljubić,
    Meeresstille
  • Kristof Magnusson,
    Das war ich nicht
  • Andreas Maier,
    Das Zimmer
  • Olga Martynova,
    Sogar Papageien überleben uns
  • Martin Mosebach,
    Was davor geschah
  • Melinda Nadj Abonji,
    Tauben fliegen auf
  • Doron Rabinovici,
    Andernorts
  • Hans Joachim Schädlich,
    Kokoschkins Reise
  • Andreas Schäfer,
    Wir vier
  • Peter Wawerzinek,
    Rabenliebe
  • Judith Zander,
    Dinge, die wir heute sagten
  • Joachim Zelter,
    Der Ministerpräsident