Die große, bunte Weltverschwörung – Johannes Thumfart: Der Katechon [Leseprobe]

thumfart-der-katechonAm Anfäng jeder Verschwörungstheorie steht das Credo: “I want to believe”. Der Rest wird dann frei Haus geliefert: alle Informationen sind schon da, man muss nur die richtigen Verbindungen ziehen. Auch Johannes Thumfarts Verschwörungs-Thriller „Der Katechon“,erschienen bei Shelff, führt in eine scheinbar vertraute Gegenwart. Aus einer postakademischen Callcenter-Existenz im angentrifizierten Berlin-Neukölln wird der Protagonist namens Tim in den Dunstkreis finanzstarker neukonservativer Kreise gezogen. Ernst Jünger spielt eine Rolle, der Ökostrom-Anbieter Greenergy, die Werbeagentur Brainmob, ebenso ein französisches Kuturinstitut namens “Action Parallèle”. Am Ende der Geschichte sitzt Tim als Apparatschik der Kommunistischen Internationale 2.0 in Mexiko City, und zeichnet Todesurteile ab. Doch eigentlich interessiert ihn nur der “Katechon”, eine mysteriöse Entität, die dem Apostel Paulus, aber auch Carl Schmitt zufolge in immer wieder neuer Form erscheint und im Dienste der göttlichen Suspense das Ende aller Zeiten aufschiebt. Eine Spur, auf die Tim ausgerechnet Ikea-Gründer Ingvar Kamprad bringt – in einer kryptischen Antwort auf eine radebrechende englische Beschwerdemail, mystisch aufgepeppt durch die Rechtschreibkorrektur von Word. Alles klar? “Der Katechon – Groß-Germanien”ist Teil 1 einer insgesamt fünfteiligen Serie. Bis es zum Showdown im Schatten des Berliner Stadtschloss-Wiederaufbauprojekts kommt, darf man sich auf viele Wendungen und Wirrungen freuen. Unsere Leseprobe führt an das Ende der Story – und zugleich an den Anfang des Romans.

Johannes Thumfart, Der Katechon

1. Kapitel
Schild und Schwert

Die Eschen am Kybele-Brunnen wiegen sich im Wind. Es ist das Ende der Regenzeit. Die untergehende Sonne taucht die Zwillingsvulkane Popocatépetl und Iztaccíhuatl in purpurnes Licht. Man kann sie jetzt wieder von der Stadt aus sehen, die sich während der letzten Jahrzehnte zu einem smogumnebelten Moloch entwickelt hat. Nur über den Vierteln der Reichen auf den feuchtgrünen Hügeln von Chapultepec schweben noch einige Rauchfahnen, aber das wird sich geben.

Da ist nicht mehr viel zu holen.

Tim sitzt in seinem Büro zwischen Bergen von Akten in dem Hochhaus mit den Bronze verspiegelten Scheiben und unterschreibt mehrseitige Formulare, die sich schlangenhaft über seinen Schreibtisch winden. Obwohl es spät ist, trinkt er Kaffee.

Draußen ist es ruhiger geworden. Das Geld macht nicht mehr weiter, die Arbeiter machen nicht mehr weiter. Vorbei der Hokuspokus der Invisible Hand.

Seit der Revolution fahren weniger Autos, es wird weniger telefoniert, gemailt und getwittert, es gibt weniger sinnlose Zirkulation. Ein großer Sabbat hat sich über das Land gelegt, ein mystischer Zustand beinah, dabei ist schlicht alles effizienter organisiert. Die Händler, die früher an jeder Ecke verzweifelt ihren Nippes feilboten, sind von den Straßen verschwunden. Die Nutten ebenso, vor der Revolution Blaupausen menschlicher Existenz. Die adretten Angestellten machen keine Überstunden mehr, um, möglicherweise, irgendwann einmal befördert zu werden. Selbst der Strom von Gonzo-Reportagen aus den Grenzstädten ist versiegt. Die Luft ist klarer, fast kristallin.

Was von der Bourgeoisie, den in ihrem Auftrag arbeitenden Kartellen und den deutschen Waffenhändlern noch übriggeblieben ist, muss durch Exekutionen erledigt werden. Ein dreckiges Geschäft. Da der bourgeoise Menschenkehricht über kein Geschichtsbewusstsein verfügt, hängt er kläglich am eigenen Überleben wie eine Kakerlake, die bekanntlich Widerhaken an den Beinchen hat. Täglich muss man überführen, verurteilen und ausradieren. Stündlich wird geflennt, gelogen, laue Entschuldigungen folgen auf notdürftige Ausreden, manch einer nervt gar mit Psychologie und Familiengeschichte. Die meisten der Anarchisten entpuppen sich bei den Verhören als V-Leute und entblöden sich nicht, das auch noch als mildernden Umstand einzubringen; kaum einsichtiger sind die Sozialdemokraten. Die arbeitsscheuen Kulturmenschen wiederum haben nichts gegen eine Internierung, solange es keine Arbeitslager sind. Einige von ihnen träumen schon davon, als Dissidenten im Stile Pussy Riots’ mit talentlosen Ausfällen über Nacht weltbekannt zu werden. Andere faseln vom „urplötzlichen Enjambement in der immateriellen Poetik des Kapitals“, um sich alle Optionen offenzuhalten.

Aber es ist noch immer nicht genug Blut geflossen.

Im Moment befasst sich Tim, Schild und Schwert der Komintern, mit der Hinrichtung eines Deutschen, qua Ungnade seiner Geburt sein Ressort. Der Mann von Ratter & Schmauch hat, gestützt von einer Sondergenehmigung der Bundesregierung, Waffen geliefert, mit denen Tausende erschossen wurden – Sturmgewehre des Typs G36. Von dem Erlös konnten dann am Bodensee wieder ein paar Villen mit dem neuesten Luxus ausgestattet werden – Badezimmer mit Analduschen und namibischem Marmor, begehbare Kleiderschränke, angolanische Diamanten für die Dame und Walfisch-Steaks für die Atkins-Diät des übergewichtigen Hausherrn. Der Schieber soll dem Bericht eines inoffiziellen Mitarbeiters zufolge auch an Enthauptungen beteiligt gewesen sein.

Der Bericht scheint glaubwürdig, daher geht alles seinen geregelten Gang. Tim hat deswegen keinerlei Gewissensbisse. Je weniger es von der Art gibt, desto besser – weniger Lebensmittelspekulation, weniger Rohstoffkriege, weniger faule Kredite, weniger Menschenhandel und weniger witzigerweise legale Lohnsklaverei. „+50“ notiert er lapidar auf der Aktenmappe, was bedeutet, dass fünfzig weitere aus dem Umfeld des Schiebers hingerichtet werden sollen. Es gehe auch um Symbolpolitik, schärft die Partei immer wieder ein. (…) Horror and moral terror are your friends.

(Weiterlesen im Kindle-Shop)

Copyright Cover & Leseprobe: Shelff/Johannes Thumfart
Publikation mit frdl. Genehmigung der Rechteinhaber.

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Johannes Thumfart, Der Katechon – Fünfteilige Serie
E-Book (Kindle) 0,99 Euro (pro Band)
E-Book (epub) 0,99 Euro (pro Band)

[e-book-review] Kein Land für Schlaffis (Katharina Enzensberger, Stufen)

Der Zauber wohnt immer Parterre, so auch der, den man gleich auf den ersten Seiten von Katharina Enzensbergers Erzählband „Stufen“ verspürt, unlängst beim Berliner Startup-Label shelff erschienen. Und sei es nur in Form von duftenden Quitten eines längst vergangenen Sommers auf dem Land. Dann geht es Stufe um Stufe weiter. Die zehn Geschichten gleichen Schnappschüssen aus unterschiedlichen Lebensaltern, und am Beginn steht – natürlich – Kindheit und Jugend. Erzählt in einer klaren, unverfälschten Sprache, wie es sie eigentlich gar nicht mehr gibt.

Wenn die Geschichten selbst schon nicht in jedem Fall autobiografisch sein mögen, die Chronologie ist es: die 1949 geborenen Autorin führt den Leser stufenweise von der frühen Nachkriegszeit bis in die Gegenwart.

Im Zentrum der Sammlung stehen nicht allein Coming-of-Age-Geschichten, sondern eine autobiografisch gefärbte Skizze, die selbst den Titel „Stufen“ trägt: sie spielt im teuersten Hotel Venedigs, man ist zu Gast auf einer Geburtstagsparty, zu der vor allem Schriftsteller und Lyriker geladen sind, „ergraute Herren, jeder sein eigener Planet, deren einzige Gemeinsamkeit darin bestand, um die Sonne – den Verleger – zu kreisen“. Der Verleger ist niemand anderer als Siegfried Unseld, weiland Suhrkamp-Chef.

Eine verlorene Welt aus schranzig versnobten, ver- und eingebildeten Typen, die gefühlt schon soweit entfernt scheint wie die fast hundert Jahre zurückliegenden Tischgespräche aus Canettis „Fackel im Ohr“. Letztlich ist die umfangreiche Geburtstags-Story wirklich ein Grabstein, bezieht sich doch die Überschrift „Stufen“ auf das gleichnamige Hermann Hesse-Gedicht, welches auf Unselds Epitaph prangt.

Das wiederum ruft dazu auf, nicht stehenzubleiben, sondern Mut zur Veränderung zu haben. „Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen, nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise, mag lähmender Gewöhnung sich entraffen“. Und so weiter. No Country for Schlaffis also. Die Figuren in Enzensbergers Geschichten halten sich an diese Devise – sie überschreiten Grenzen, stehlen Antiquitäten, begehen Ehebruch, verwandeln sich zur Zentaurin, schlucken Zyankali, sie steigen die Stufen der Leiter nach oben, oder auch nach unten. Sich selbst bezeichnet die Autorin übrigens als „konservative Anarchistin“ – da kann man nur sagen: touché.


Katharina Enzensberger,
Stufen. Zehn Erzählungen.
epub / Kindle 7,99 Euro

[e-book-review] Die große, bunte Weltverschwörung, oder: Larp pour Larp (Johannes Thumfart, Der Katechon)

Umberto Eco hat’s schon immer gewusst. „Come giocare seriamente con Altavista“ war Ende der Neunziger Jahre eine seiner Kolumnen für das italienische Wochenmagazin L’Espresso betitelt, „Wie man ernsthaft mit Altavista spielt“. Der Google-Vorgänger wartete schon damals mit einer Übersetzungsmaschine auf, die der Romancier für seine Zwecke einspannte, um durch rekursive Stille-Post-Spielchen wundersames Kauderwelsch à la Salvatore zu produzieren. Nebenprodukt war die Erkenntnis: das Netz ist immer schon komplett, alles, was an Sinn und Unsinn von außen hinzukommen könnte, kann es auch selbst produzieren. Erst recht gilt das wohl für Verschwörungstheorien – alle Informationen sind schon da, man muss lediglich Verbindungen ziehen. Dann fehlt nur noch jemand, der sagt: “I want to believe”.

Katechon, oder: Die Strategie der Spannung

Was der studierte Philosoph und Historiker Johannes Thumfart für Poster an der Wand hängen hat, wissen wir nicht. Doch das Credo von Thumfarts Alter Ego im Verschwörungsthriller „Der Katechon“ geht deutlich in diese Richtung: aus einer prekären, postakademischen Callcenter-Existenz im angentrifizierten Berlin-Neukölln wird der Protagonist in den Dunstkreis ebenso finanzstarker wie obskurer neukonservativer Kreise gezogen. Ernst Jünger spielt eine Rolle, aber auch der Ökostrom-Anbieter Greenergy, die Werbeagentur Brainmob, ebenso ein französisches Kuturinstitut namens „Action Parallèle“. Am Ende der Geschichte, das ganz am Anfang steht, sitzt Tim als Apparatschik der wiedergegründeten Kommunistischen Internationale in Mexiko City, und zeichnet Todesurteile ab. Doch eigentlich interessiert ihn nur eins: die Rolle des „Katechons“ in der Weltgeschichte, einer mysteriösen Entität, die dem Apostel Paulus, aber auch Carl Schmitt zufolge in immer wieder neuer Form erscheint und im Dienste der göttlichen Suspense das Ende aller Zeiten aufschiebt.

Showdown im Schatten des Stadtschlosses

Eine Spur, auf die Tim ausgerechnet Ikea-Gründer Ingvar Kamprad gebracht hat – in einer kryptischen Antwort auf eine radebrechende englische Beschwerdemail, mystisch aufgepeppt durch die deutsche Rechtschreibkorrektur von Word. Alles klar? Bisher sind nur zwei Folgen des insgesamt 5-teiligen „Katechons“ erschienen, „Groß-Germanien“ und „Die Parallelaktion“. Viele Verschwörungszusammenhänge, die der Klappentext verspricht („Gladio – Stay Behind“, NSU, „Empört euch-Manifest“, „Gaspipeline-Projekte“), stehen noch aus, bis Ende Juni der Showdown stattfindet, passenderweise im Schatten des Berliner Stadtschloss-Wiederaufbauprojekts. Schon jetzt darf man aber sagen, dass dem Digital-Startup Shelff da ein richtig großer Wurf gelungen ist – was natürlich auch an der Methode liegt: wie ein großer Staubsauger hat sich „Katechon“ nicht nur Versatzstücke eines explodierten akademischen Zettelkastens, sondern auch der ubiquitären Netzkultur einverleibt und äußerst clever collagiert.

Wer hat das Regelwerk geschrieben?

Die oft geradezu Dejà-Vu-artige Präsenz der zunächst in Berlin spielenden Handlung hat mich dabei an Ulrich Peltzers „Teil der Lösung“ erinnert, das akribisch unterlegte Faktengerüst mit seinen immer wieder sehr ironischen Pointen an Carl Amerys „Königsprojekt“. Und nicht zuletzt steht wohl Umberto Ecos „Foucaultsches Pendel“ Pate. Allerdings fügt unsere merkwürdig verdoppelte Netz-Gegenwart solchen Plots noch einen ganz besonderen Flavor zu: Die Offline-Existenz erscheint plötzlich nur noch als ein groß angelegtes „Live Action Role Play“ (auch im „Katechon“ wird gelarpt…), dessen Regelwerk von dunklen Mächten diktiert wird, die sich in der Anoymität des Netzes verbergen. Oder werden die Rules of Engagement vom virtuellen Worldbrain schon selbständig erzeugt? Nicht umsonst lautet der Leitsatz aller Regisseure mit der Hand im Weltspiel: All the world’s a stage.

(Erscheinungstermine: Teil 1 ab 1. Mai, Teil 2 ab 15. Mai, Teil 3 ab 29. Mai, Teil 4 ab 12. Juni, Teil 5 ab 26. Juni)

Johannes Thumfart,
Der Katechon (fünfteilige Serie)
E-Book (Shelff.de) pro Band 0,99 Euro (Kindle/epub)