[e-book-review] Impfung gegen den Dumpfsinn-Virus? Michael Jürgs & die medialen „Seichtgebiete“

jurgs-seichtgebiete-verbloden-e-book-bestseller_bild_pixelio_jenzig71Nach den „Feuchtgebieten“ nun die „Seichtgebiete“? Auch Sachbuchautor Michael Jürgs will offenbar einen Skandal anzetteln – mit einer ebenso schonungslosen wie unterhaltsamen Kritik der Unterhaltungsmedien. Gebasht werden nicht nur die „Blöden“, die durch Talkshows und Dschungelcamps stolpern, sondern auch die „Blödmacher“ in den Agenturen, Redaktionen und Sendeleitungen. Ganz so blöd kann das Buch nicht sein – es steht seit Wochen in den Bestseller-Listen.

Das E-Book als Impfstoff? Der „Dumpfsinn“-Virus, so Jürgs, bedroht uns alle

Sind wir gerade dabei, hemmungslos zu verblöden? Michael Jürgs muss es wissen – er kommt vom Fach. Der ehemalige Tempo-Chefredakteur und Talkshow-Moderator ist aber zugleich ein medialer Renegat – vom leichten und seichten ist er längst in die Sparte der Hochkultur gewechselt. Der Grass-Biograf und seriös gewordene Sachbuchautor hat nun die „Seichtgebiete“ unserer Medienwelt besichtigt. Jene Orte, wo für das soziale und geistige Prekariat „gezotet und gequotet“ wird, „pralle Prolo-Möpse“ wackeln und „Bohlen unterm Teppich pupst“. Dank einem Berliner Historiker gibt es dafür mittlerweile ja einen Sammelbegriff – das „Unterschichtenfernsehen“. Doch der „Dumpfsinn-Virus“, so befürchtet Jürgs, bedroht uns alle – fast so wie die Schweinegrippe. Mit den „Seichtgebieten“ will er uns deswegen alle immunisieren – in dem er in seinem Buch die Blöden lächerlich macht. Mit einer klugen Taktik – denn denn um Gehör zu finden, darf man sich nicht als Oberlehrer der Nation aufführen. „Operation Klugscheißer“ ist abgeblasen. Stattdessen setzt Jürgs auf „sprachgewaltige, laufstarke Guerillataktik“. Wenn man die Blöden aus dem Dschungelcamp befreien will, muss man die Blödmacher eben auf unterhaltsame Weise lächerlich machen.

Jürgs ist nicht blöd – die angestrebte Quote hat das Buch zumindest erreicht

„Populäre Formate klauen und listig mit anderen Inhalten füllen“ – genau das ist Jürgs mit den „Seichtgebieten“ tatsächlich auch gelungen. Im ruppigen Stil einer nachmittäglichen Freak-TV-Show werden Formate und Institutionen vorgeführt: Privatsender & öffentlich rechtliche, der Dudelfunk, die Yellow Press sowie die globale Sudelmaschine namens Internet. Nicht zu vergessen die persönlich Veranwortlichen: Prominente, Politiker, Eliten, und natürlich auch: Journalisten. Alle bekommen ihr Fett weg. Die Sätze sind kurz wie in einem TV-Manuskript, die Begriffe mundgerecht, die Sprache schäumt über wie Brausepulver. Das mag alles Teil der Entlarvungs- Strategie sein, doch am Ende fragt man sich, ob das wirklich so aufgeht. Sind die „Seichtgebiete“ noch ein Teil der Lösung, oder selbst schon ein Teil des Problems? Immerhin nutzen sie ja genau das, was sie kritisieren, als wirkungsmächtiges Sprungbrett, um Aufmerksamkeit zu erzeugen. Jürgs ist nicht blöd, so viel steht fest. Die angestrebte Quote hat das Buch erreicht – es rangiert seit Wochen unter den Top 10 der Spiegel-Bestsellerliste. Mit der E-Book-Version könnte man rein technisch ohne Probleme die ganze Nation gegen Verblödung impfen. Doch ob die Pandemie sich ausgerechnet mit diesem Cocktail aufhalten lässt!?

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Michael Jürgs, Seichtgebiete. Warum wir hemmungslos verblöden,
(C. Bertelsmann 2009)
Preis: 12,95 Euro (epub)

Bild: Pixelio/Jenzig71