Kurd Laßwitz, „Bis zum absoluten Nullpunkt des Seins“: Frühe deutsche Sci-Fi von 1871ff.

nullpunkt-lasswitz-cover-350x525Frankreich hat seinen Jules Verne, Großbritannien seinen H.G.Wells, nur die deutsche Science Fiction des 19. Jahrhunderts scheint merkwürdig namenlos zu sein. Gab es sie überhaupt? Für viele fängt Sci-Fi- made in Germany frühestens mit Hans Dominik an. Doch als der in den 1880er Jahren noch die Schulbank des Gothaer Ernestinums drückte, schrieb sein Mathematik- und Physiklehrer – ein Mann namens Kurd Laßwitz (1848 – 1910) — bereits seit vielen Jahren futuristische Kurzgeschichten und Zukunftsromane auf naturwissenschaftlicher Grundlage. Ein besonders früher Roman aus der Feder von Laßwitz – „Bis zum Nullpunkt des Seins“ erschien bereits 1871 – und ist nun Teil des neuen (fast) gleichnamigen Sammelbandes „Bis zum Nullpunkt des Seins“ von ebooknews press. Die im 24. Jahrhundert spielende Story offenbart eine besonders spannende Form der „vergangenen Zukunft“ – einen Blick nach vorn aus der 150 Jahre zurück liegenden Perspektive des Deutschen Kaiserreiches. Die von Laßwitz skizzierte Gesellschaft ist voll globalisiert, gesprochen wird meist in der Universalsprache, Luftvelozipede rattern um riesige Wolkenkratzer, das Wetter wird nach Plan und auf Bestellung produziert, künstliche Sonnen beleuchten die Megastädte, Nachrichten und Literatur werden auf öffentlichen Fernschreibetafeln angezeigt. Nicht zuletzt hat die Erfindung des Geruchsklaviers die Kultur bereichert. Doch manches ist geblieben: Liebeshändel und der leidenschaftliche Streit um politische und kulturelle Fragen. So entspannt sich die dramatische Geschichte um das polyamore Dreiergespann aus Geruchspianistin Aromasia Duftemann-Ozodes, Wetterfabrikant Oxygen Warm-Blasius und dem Dichter Magnet Reimert-Oberton. (An den Doppelnamen sieht man übrigens, wie weit die Gleichberechtigung der Geschlechter in dieser Version 24. des Jahrhundert fortgeschritten ist…) Auch die weiteren hier versammelten Kurzgeschichten haben es in sich – etwa „Seifenblasen“, ein Ausflug in von fremden Wesen bevölkerte Mikrowelten; „Apoikis“, Reisebericht von einer im Atlantik endeckten High-Tech-Zivilisation, gegründet vor 2000 Jahren von griechischen Schiffbrüchigen; „Die Universalbibliothek“, eine informationstheoretische Spekulation, die nicht zufällit an Borges‘ „Bibliothek von Babel“ erinnert.


Kurd Laßwitz, Bis zum absoluten Nullpunkt des Seins. Geschichtens aus der vergangenen Zukunft

Bis zum Nullpunkt des Seins. Erzählung aus dem Jahr 2371

Eine Luftdroschke schwirrte vor das Fenster, Oxygen führte sie. Er stellte die Schraube des Apparates horizontal, so dass die Drehung derselben den Wagen nur schwebend erhielt, ohne ihn fortzutreiben, befestigte das Fahrzeug am Fenster und trat mit freundlichem Gruß ins Zimmer. Aromasia eilte ihm entgegen und begrüßte ihn herzlich. Ihr folgte Magnet. Oxygen näherte sich, Aromasia an der Hand führend, dem Fenster und blickte in ein dort aufgestelltes Mikroskop.
«Allerliebst», sagte er, «ich gratuliere, Aromasia. Selten habe ich einen so vorzüglichen Urschleim gesehen, als diesen hier. Prächtig gelungen.»
«Dir zu Liebe, Oxygen», erwiderte seine Braut. «Ich weiß, wie sehr Du Dich freust, wenn ich mich Deiner kleinen Lieblinge annehme. So habe ich manche Stunde vor dem Mikroskop gesessen und der Zellbildung zugesehen.»
Es war damals Mode, den sogenannten Urschleim, das niedrigste organische Gebilde, aus anorganischen Stoffen zu ziehen. Professor Selberzelle hatte den Triumph gehabt, die erste zweifellose Urzeugung zu beobachten, und statt mit Papageien oder Schoßhündchen spielten Damen und Herren in ihren Mußestunden jetzt unter dem Mikroskop mit den zarten Urschleimtypen.
«Du bist später als gewöhnlich gekommen», fuhr Aromasia fort. «Du hattest viel zu tun?»
«Leider, ich bin sehr mit Bestellungen überhäuft, das Wetter ist bei uns ausnahmsweise trocken und ich habe alle Mühe, Wasser genug zu schaffen. Und heute hatte ich besonders viel zu besorgen, denn ich wollte mich für morgen freimachen. Ich habe Dir nämlich einen Vorschlag mitzuteilen — ich denke, Magnet, Du wirst auch dabei sein?»
Nun entwickelte Oxygen seine Idee.
Oxygen Warm-Blasius war seines Zeichens nichts Geringeres als — Wetterfabrikant; das heißt, er war Besitzer eines großen Etablissements, welches Apparate herstellte und verlieh, um Veränderungen in der Atmosphäre künstlich hervorzurufen. Dies geschah durch chemische und physikalische Kräfte; da wurden Dämpfe entwickelt, große Luftmassen erhitzt oder abgekühlt, obere Luftschichten in niedere Regionen gesogen, tiefere hinaufgepresst, Wolken gebildet und zerstreut. Oxygen’s Geschicklichkeit hatte sein Etablissement zu einem sehr beliebten gemacht.
«Ich habe also für morgen meine Geschäfte bereits geordnet», fuhr er jetzt fort, «um mit Euch eine kleine Partie für den ganzen Tag zu arrangieren. Es ist nämlich gerade morgen einer der so sehr seltenen Tage, an denen die ganze nördliche Erdkugel heiteres Wetter besitzt und wir können daher unsern Ausflug beliebig einrichten, ohne künstlicher Hilfe zu bedürfen oder irgend eine Störung befürchten zu müssen.»
«Und wohin willst du?» fragte Magnet.
«Ich schlage vor, nach dem Niagara-Fall zu fahren. Anfänglich dachte ich an die Nilquellen, aber dort waren wir erst im Winter, und in den Tropen ist auch der Aufenthalt in gegenwärtiger Jahreszeit nicht gerade angenehm.»
«Zum Niagara», rief Aromasia, «das hast du gut ausgedacht, Oxy! Aber da müssen wir wohl zeitig hinaus?»
«Wenn wir um sechs Uhr abfahren, so haben wir genug Zeit, auch ohne unsere Maschine zu sehr anzustrengen. Selbst wenn wir uns vier Stunden* am Falle aufhalten, können wir um 10 Uhr Abends wieder zurück sein. Sechs Stunden brauchen wir zur Hinfahrt. Ich würde aber vorschlagen, lieber schon um vier oder ein halb fünf Uhr, gleichzeitig mit der Sonne, aufzubrechen. Da wir nach Westen fahren, können wir unsere Geschwindigkeit so wählen, dass wir der entgegengesetzten Drehung der Erde ganz genau das Gleichgewicht halten und sie für uns paralysieren. Wir genießen dann, den Blick zurückgewendet, das Schauspiel eines sechsstündigen Sonnenaufgangs, der sich auf dem atlantischen Ozean ganz prachtvoll macht —»
«Vor uns den Tag und hinter uns die Nacht» zitierte Magnet.
«Eigentlich müsste es bei uns umgekehrt heißen», meinte Oxygen, «aber wir müssen die Alten verbrauchen, wie sie
sind.»

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Kurd Laßwitz, Bis zum absoluten Nullpunkt des Seins. Geschichten aus der vergangenen Zukunft
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Retourkutsche aus dem All: Frank Kemper, „Red Bullet“ [Leseprobe]

Red_Bullet_CoverDer Kalte Krieg gibt immer noch guten Stoff für Verschwörungs-Thriller ab. In Frank Kempers Thriller „Red Bullet“gelingt der thematische Re-Entry in Form einer plötzlich im Meer auftauchenden Sojus-Kapsel. Der Münchner Tech-Journalist hat den Plot-Point am Beginn seines Roman-Erstlings „Red Bullet“ geschickt inszeniert: das rostige Artefakt mit CCCP-Abzeichen wird von finnischen Fischern aus dem Meer gezogen – offenbar schwamm es mehr als 40 Jahre durch den Atlantik. In Helsinki identifizieren Fachleute die Kapsel als frühes Modell der Sojus-Landemodule. Es gibt nur ein Problem: von den drei Exemplaren, die jemals gebaut wurden, vermissen die Russen gar keins. Doch wessen mumifizierte Überreste befinden sich dann in den Raumanzügen, die in der Kapsel zu sehen sind? In den USA bricht einigen Veteranen bei NASA, Militär und Geheimdiensten der Schweiß aus. Während der 60er Jahren gab es eine Geheimoperation mit dem Codenamen „Red Bullet“, die weitaus mehr bezweckte als nur Industriespionage. Wie alles anfing, verrät unsere Leseprobe… Noch mehr Sojus-Leaks gibt’s via Blick-ins-Buch-Option im Kindle Shop.

Frank Kemper, Red Bullet

Teil 1
Mittwoch, 12. April 1967, 22.24 Uhr Qyzylorda Time (QYZT) etwa 980 Kilometer nordwestlich von Alma-Ata, Sozialistische Sowjetrepublik Kasachstan.

(…)

Braxley klappte die Lederschnalle auf, die seine Uhr bedeckte. Mit seiner Hand schirmte er das Ziffernblatt ab. Das schwach radioaktive Leuchtmittel auf den Zeigern der Uhr machte es ihm problemlos möglich, auch in dieser Neumondnacht die Zeit abzulesen, aber er wollte auf jeden Fall vermeiden, damit aufzufallen. Wenn ich aus dieser Nummer lebend rauskomme, dachte sich Braxley, dann höre ich auf und mache mit meinem Schwager eine Kneipe auf. Er lachte lautlos – dasselbe hatte er sich damals bei der Sache in Nordkorea auch geschworen, und bei dem Ding in Swerdlowsk. Die Nacht war kalt und trocken. Tagsüber war es in der kasachischen Steppe um diese Jahreszeit rund fünf bis zehn Grad warm, nachts pendelte die Temperatur um den Gefrierpunkt. Seit vier Stunden lagen Braxley und seine elf Kameraden mit ihrer Ausrüstung in diesem Unterschlupf neben der Bahnlinie von Chu nach Karaganda. Hier würde der Zug lang kommen. Sie wussten nicht genau wann, sie wussten nur, dass sie ihn an seinem merkwürdigen Geräusch erkennen würden – er wurde nicht, wie sonst allgemein üblich, von einer Dampflok gezogen, sondern von einer neuen Diesellok, die, so hatte der Agent aus Moskau gemeldet, durch ihren trommelnden Lärm schon kilometerweit zu hören war.
Major Stephen Braxley, 39, war Angehöriger der Streitkräfte der USA, genauer: Der Special Forces der US-Army. Diese Einheit nennt sich selbst auch „Green Berets“, wegen der grünen Barette, die die Mitglieder der USASF im Kampfeinsatz trugen. Doch Braxley und sein Team wollten nach Möglichkeit keinen Schuss abgeben. Sie trugen auch keine grünen Barette, sondern schwarze Sturmhauben. Schwarz wie der Rest ihrer Kleidung. Sie wollten sehen, aber nicht gesehen werden. Aufklärung stand auf dem Programm. „Wir müssen wissen, was in diesem Zug ist“, hatte klipp und klar der Auftrag gelautet. Doch so einfach war die Sache nicht: Zwar wollten die Bürohengste in Washington erfahren, was die Russen da von Moskau nach Kasachstan schafften – nur wollte niemand deshalb einen internationalen Zwischenfall provozieren. Deshalb durfte keiner merken, dass US-amerikanische Truppen auf sowjetischem Boden einen Zug anhalten, seinen Inhalt fotografieren und vermessen – und dann wieder verschwinden. Seit sechs Wochen wusste Braxley von dem Auftrag. Drei Wochen hatten er und seine Leute mit irgendwelchen Typen vom Geheimdienst Pläne entwickelt, wie diese Nummer unbemerkt über die Bühne gehen sollte. Den Rest der Zeit hatte sein Team gebraucht, um mitsamt ihrem Material unbemerkt durch den Eisernen Vorhang bis in diesen Verschlag zu kommen und auf diesen gottverdammten Zug zu warten.
„Es darf nichts schief gehen“, hatte ihm einer von den CIA-Typen in Fort Bragg eingeschärft. „Wenn Sie auffliegen, dann kennen wir Sie nicht. Sie operieren ohne Hoheitszeichen, offiziell haben wir damit nichts zu tun.“ Braxley wusste, dass das nichts anderes bedeutete als: Wenn uns die Commies kriegen, dann sind wir tot.
Ein Knacken aus dem Lautsprecher seines Handfunkgerätes riss Braxley aus den Gedanken. Wenn jetzt noch zwei Knackser kommen, das wussten alle im Team, dann hatte der vorgeschobene Beobachter, der vier Kilometer weiter östlich am Bahndamm lauerte, den Zug identifiziert. Dann musste alles schnell gehen.
Knack. Knack. Der Zug kommt.
Abrupt, aber nahezu geräuschlos, erhoben sich Braxleys Männer aus ihrem Versteck. Sie waren alle schwer mit Ausrüstungsgegenständen bepackt, aber kein Klappern war zu hören – auch das hatte man in Fort Bragg trainiert. Einer der Männer streifte seine schwarze, gefütterte Jacke ab, darunter kam die Uniform eines Sowjetsoldaten zum Vorschein. Die anderen setzen sich Gasmasken auf, vier Mann schulterten Druckflaschen, die wie Tauchgeräte aussahen. Der als Rotarmist verkleidete Soldat rannte auf den Bahndamm zu.
Wassili bemerkte den Soldaten am Bahndamm mit der Laterne als erstes. Reflexartig gab er ein Warnsignal. Der Mann am Bahngleis wedelte mit seinen Armen und bedeutete ihm, sein Tempo zu reduzieren. Nanu, von einem Stopp hatte ihm niemand etwas erzählt. „He, Sergeant, da ist irgendwas los“, rief er gegen den brüllenden Lärm der Maschine. Dann sah Wassili das rote Signal. Er musste den Zug zum Halten bringen, und die kreischenden Bremsen ließen Sergeant Tiskow hochschrecken. „Warum halten wir, du Idiot?“ bellte Tiskow zu Wassili rüber. „Weil da ein rotes Haltesignal ist, sehen Sie doch selbst!“ gab der Lokführer ärgerlich zurück. Tiskow machte sich am Funkgerät zu schaffen: „Das muss ich melden.“ Doch das Gerät schien defekt zu sein, aus dem Lautsprecher kam nur ein sägendes Geräusch.
Wassili brachte den Zug punktgenau vor dem Haltesignal zum Stehen – das korrekte Einleiten eines Haltmanövers hatte ihm sein Kollege Alexej als erstes gezeigt, bevor sie in Moskau aufgebrochen waren. Der Lokführer regelte den Motor herunter, der Lärm im Führerstand nahm merklich ab. Draußen war nichts zu sehen. Die Lampen an der Front der Lokomotive leuchteten in die pechschwarze Nacht – mehr als 15 Meter des Bahndammes wurden vom Lichtkegel der Lok nicht erfasst. Während Wassili in die Finsternis starrte, kämpfte Sergeant Tiskow mit dem Funkgerät.
Das letzte, was Wassili merkte, war der metallisch-süßliche Geruch in der Luft. Dann wurde alles schwarz.

Die Männer mit den Druckgasflaschen auf dem Rücken gaben Braxley Leuchtzeichen mit ihren Taschenlampen. Das Betäubungsgas, das sie in die beiden Führerstände der Lokomotive geleitet hatten, hatte seine Wirkung nicht verfehlt – alle Insassen waren jetzt für mindestens zwei Stunden bewusstlos. Braxley zog eine Trillerpfeife aus seiner Kampfjacke und gab das Signal: Jetzt konnte die Operation beginnen. Zwei Männer rannten auf den hinteren Waggon zu und untersuchten die Verriegelung der Metallhülle. „Mit Vorhängeschlössern gesichert, nicht verplombt“, rief einer der beiden Braxley zu. Glück gehabt, dachte Braxley, das sparte ihnen mindestens zehn Minuten, die sie sonst gebraucht hätten, um das Siegel zu kopieren und anschließend wieder an seinen Platz zu bringen. Schließlich sollte niemand merken, dass sie den Waggon geöffnet hatten. Ein simples russisches Vorhängeschloss zu öffnen, dafür brauchte Hank Nowicky, sein Security-Spezialist, keine zwanzig Sekunden. „Waggon ist offen“, hörte er Nowicky rufen, es klang wie die Bestätigung seiner Gedanken.
Inzwischen hatten andere Männer seines Teams die Tür des vorderen Waggons geöffnet, ebenso leise und spurlos, wie es Hank mit den Vorhängeschlössern gemacht hatte. Vier „Green Berets“ stiegen in den Wagen und machten sich an die Arbeit. Einer der Eindringlinge baute eine Repro-Einrichtung auf: Eine Platte mit zwei Lampen, die eine Fläche von etwa 60 mal 60 Zentimetern ausleuchten. Am Rand der Platte klappte er ein Stativ aus, auf das die Kamera gesetzt wurde, eine Leica MD mit Langfilmmagazin und Motor. Die Bewegungen des Soldaten zeigten, dass er das nicht zum ersten Mal tat: Keine Bewegung war überflüssig, jeder Griff saß. Nach zwei Minuten war er bereit, um Dokumente auf hochauflösenden Lith-Film zu bannen, Dokumente, die seine drei Kameraden in dem Wagen fanden und ihm brachten.
Am hinteren Waggon hatten die Elitesoldaten den hinteren Teil der Metallabdeckung nach vorne geschoben, so dass die Ladung offen lag. Braxley sah in den Himmel. Die Meteorologen hatten klares, trockenes Wetter angesagt, und Braxley hoffte, dass sie recht hatten. Regen könnten sie jetzt absolut nicht brauchen. Wenn die Fracht nass wurde, dann musste das zwangsläufig auffallen. Und auffallen, nein, das wollte Braxley nun wirklich nicht.

(…)

Teil 2
Dienstag, 16. März 2010, 08:43 Uhr Western European Time (WET) Im Nordatlantik, 185 Seemeilen nordöstlich der Faröer Inseln

„Kabeljau wird immer seltener“, dachte sich Matti Kaunismäki, als er sich den Inhalt des Schleppnetzes ansah. Er fuhr bereits seit fast 20 Jahren zur See, seit sieben Jahren auf der Veronica, aber so wenig Kabeljau hatten sie noch nie aus dem Meer geholt. Die Veronica war 35 Meter lang und ein hochseetüchtiges Fischereiboot, registriert in Turku, Finnland. „Wird Zeit, sich nach einem neuen Job umzusehen“, schoss es durch Mattis Kopf, aber wer würde ihn denn noch wollen, mit 42? Außerdem mochte er die Veronica. Er kam gut klar mit den anderen an Bord, und er liebte die See. Gut, die Heuer könnte etwas mehr sein, aber deshalb an Land arbeiten? Matti versuchte, den Gedanken zu verdrängen.
„Na, was haben wir denn im Netz“, rief Björn Vinaas von der Brücke. Vinaas war der Kapitän des Schiffes, er war außerdem einer der drei Eigner der „Veronica“. Der schlaksige Blondschopf kam auf das Achterdeck und begutachtete den Fang, den sie soeben an Bord gezogen hatten. Wenig Kabeljau – weniger als er erwartet hatte. Scheiße. Wenn das so weiter ging, dann würde Björn aus Turku wegziehen und sich eine neue Existenz in Helsinki aufbauen. Das Schiff gehörte ohnehin zu 90 Prozent der Bank – sollten sie doch sehen, wer es kaufen würde. Aber wer kauft schon ein Fischereiboot, wenn es keine Fische mehr…
Ein plötzlicher, schriller Hupton riss beide aus den Gedanken. Jemand hatte den Alarm betätigt. Vinaas rannte zur Brücke „Was ist los?“, rief er in sein Bordfunkgerät.
„Scheiße, Scheiße, eine Mine! Käpt’n, gleich knallt’s!“, schrie Åke Jespersen ins Mikro. Der Steuermann der Veronica hatte die schmutziggraue Metallkugel im Wasser vor dem Bug des Schiffes als erster bemerkt – und versuchte jetzt mit allen Mitteln eine Kollision des Schiffes mit dem Objekt zu vermeiden. Während er mit voller Kraft am Steuerrad drehte und gleichzeitig die Maschinen auf Rückwärtsfahrt schaltete, arbeitete sein Hirn unter Hochdruck. „Ob das wohl gut geht?“ Jespersen hatte Angst. Seeminen gehörten zu den größten Gefahren, die der 2. Weltkrieg den Fischern hinterlassen hatte. In der Ostsee waren die Dinger fast schon an der Tagesordnung. Aber hier?
Die Tür zur Brücke flog auf, Vinaas kam hinein, griff sich einen Feldstecher und brüllte: „Wo ist sie, Åke?“ Während das Schiff brüllend und stampfend nach steuerbord drehte, suchte auch der Steuermann verzweifelt die See ab. Eben war sie doch noch da gewesen…
„Da ist sie, elf Uhr voraus“, rief Vinaas, griff zum Mikrofon des Funkgerätes und wollte gerade einen Notruf absetzen. Jetzt hatte Åke das schwimmende Objekt auch wieder im Blick. Es mochte einen Durchmesser von fast drei Metern haben, schätzte Åke – das war deutlich größer als die Seeminen, die Deutsche und Engländer vor fast 60 Jahren hunderttausendfach ins Meer gekippt hatten. Wirklich rund war es auch nicht, eher wie ein bauchiger Kegel, der an seiner Oberseite abgeflacht ist. Außerdem fehlten dem Ding, das vor der „Veronica“ im Wasser trieb, die charakteristischen „Stacheln“, die Berührungszünder, mit denen eine Seemine auch heute noch jedes Fischerboot auf den Grund schicken konnte. Doch die Veronica würde es nicht treffen, stellte Åke befriedigt fest: Er hatte es geschafft, das Schiff zum Stehen zu bringen, 15 Meter vor der Kugel. „Brauchst nicht Mayday zu funken, Skipper“, sagte er zu Vinaas, ohne seinen Blick von dem schmutziggrauen Objekt abzuwenden, das da vor ihnen im Nordatlantik dümpelte.
War das wirklich eine Mine? Und wenn nicht, was war es dann?
Vinaas fiel der Schriftzug „CCCP“ als erstes auf. Moment, Sowjetunion? Die gab es seit 20 Jahren nicht mehr. Das Objekt trieb träge schlingernd in der See und drehte sich dabei langsam um seine Achse. Jetzt sah auch Åke die sowjetischen Hoheitszeichen, sogar ein roter Stern ließ sich unter der verwitterten Oberfläche erahnen. Eine russische Seemine? Hier im Nordatlantik? Åke hätte gern gewusst, was der Skipper jetzt dachte, aber er traute sich nicht, sein Fernglas abzusetzen und zu Vinaas hinüberzublicken. Irgendwas zwang ihn, die graue Kugel mit dem Sowjetstern anzusehen, damit sie nicht wieder verschwand. „Das ist keine Mine“, hörte Åke seinen Chef sagen. „Und was ist es dann, Skipper?“ „Mensch Åke, überleg’ doch mal. Die Russen sind doch nicht so bescheuert, dass sie Minen in den Atlantik kippen und vorher ihre Flagge drauf malen.“ Das Bordfunkgerät knackste. „Das Ding hat ein Fenster“, hörten sie Matti sagen, der vom Achterdeck auf das Vordeck gegangen war und jetzt am Bug stand, und auf die merkwürdige Kugel starrte. „Ist vielleicht irgendeine Rettungsboje oder so was“, meinte Åke mit ratlosem Unterton. Björn Vinaas hatte einen Entschluss gefasst. Er griff zum Bordfunkgerät: „Skipper an alle. Klar zum Beidrehen, wir holen das Ding an Bord!“ Dann, an seinen Steuermann gewandt: „Los Åke, bring uns in Position, damit wir da rankommen.“
Der Steuermann ging auf Langsamfahrt voraus und steuerte die Veronica so feinfühlig wie einen Kleinwagen beim Einparken. Vinaas sah ihm dabei bewundernd zu. Wenn einer die Veronica im Griff hatte, dann war das Åke Jespersen. Wenige Minuten später dümpelte das geheimnisvolle Objekt zwei Meter neben dem Heck des Fischtrawlers. Vinaas ließ den Bordkran ausschwenken, mit dem sie normalerweise ihren Fang entluden. Am Kranseil hing ein viereckiger Metallrahmen, der sonst große Fischtröge trug, gefüllt mit lebenden Fischen und Wasser. Bis zu drei Tonnen konnte der Kran heben – würde er für dieses Ding ausreichen? Matti ließ das Tragegeschirr neben der Kugel ins Wasser sinken und schwenkte dann den Kran feinfühlig zur Seite. Eine leichte Welle kam ihm zur Hilfe: Der Metallrahmen trieb unter die Kugel, die, jetzt genau zwischen den vier Tragseilen des Rahmens war: „Jetzt hab ich Dich“ zischte Matti durch die Zähne und betätigte mit der drahtlosen Kranfernsteuerung den Seilwindenmotor. Das Objekt hing am Kran, gleich beim ersten Versuch, wie Matti stolz bemerkte.
Zwei Minuten später stand es auf dem Achterdeck, dort wo normalerweise die Fischernetze geöffnet und entleert wurden. An ihrer Unterseite hatte die Kugel einen Metallring, eine Art Kupplung oder so etwas. Ihre Oberfläche war bräunlich-grau und stark verwittert. Doch die Verwitterung sah anders aus als bei Schiffsrümpfen: Diese Kugel sah aus, als habe sie im Feuer gelegen. Während Åke die „Veronica“ auf ihrer Position hielt, war Vinaas auf das Achterdeck gekommen, um seinen merkwürdigen Fund zu untersuchen. Er zog eine kleine Taschenlampe aus der Tasche und leuchtete in eines der kaum handtellergroßen Fenster hinein.
Und dann sah Björn Vinaas, Kapitän der „Veronica“, die Leichen. „Åke“, rief er ins Bordfunkgerät, „ruf mal bei Rauno in Turku an. Ich brauche ihn. Jetzt.“

(Weiterlesen im Kindle-Shop)

Copyright Cover & Leseprobe: Frank Kemper
Publikation mit frdl. Genehmigung des Autors.

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Frank Kemper,
Red Bullet
E-Book (Kindle Shop) 8,00 Euro

Vom Vulkanstaub zu den Sternen: Christian Klemkows „Exploration Capri – Inferno“ [Leseprobe]

Alles beginnt mit einem Ausbruch des Vesuvs im Jahr 2033 – doch „Naturkatastrophe“ wäre das falsche Wort. Die zum Auftakt von Christian Klemkows Sci-Fi-Drama „Exploration Capri“ entfesselten Gewalten sind nicht von dieser Welt: unter dem Golf von Neapel schlummert ein gigantisches außerirdisches Artefakt, das plötzlich zum Leben erwacht und tödliche Strahlen in den Himmel aussendet. Der Zweck der Maschine bleibt jedoch unklar, bis auf die Tatsache, dass sie in Verbindung mit dem Sonnensystem Eta Cassiopeia steht. Ende des 21. Jahrhunderts schickt die Menschheit deswegen eine Expedition auf die knapp 20 Lichtjahre weite Reise. Doch das Raumschiff kommt vom Kurs ab, während sich die Besatzung im Tiefschlaf befindet, so dass die Mission einen völlig unerwarteten Verlauf nimmt. Drei Bände der insgesamt vierteiligen Serie sind bereits im Kindle Shop erhältlich: Teil 1 („Inferno“), Teil 2 („Verschollen“) sowie Teil 3 („Zerstörung“), der letzte Teil erscheint im März 2015. Der folgende Ausschnitt stammt aus dem ersten Teil – und führt tatsächlich mitten ins Inferno – nämlich den Ausbruch des Vesuvs… Wie alles anfängt, verrät die Leseprobe im Kindle Shop.

Christian Klemkow: Exploration Capri

Italien, Neapel
24. Mai 2033, 11:20 AM

Das Grollen des Bebens wurde stärker, Alarmgetöse erfüllte die vom allgegenwärtigen Smog gesättigte Luft, Autos schrillten um die Wette. Francesca blickte über die Stadt, wo sich erste graue Schwaden Betonstaub emporhoben, wo zuvor noch größere Gebäude standen. Deutlich konnte sie auch das Schwanken ihres Hauses fühlen. Reifen quietschten unten an der Straße.
Wiedersehensfreude mischte sich mit Schüben von Angst und Furcht. Francesca blickte zum Berg empor, der sich geradezu aufzublähen schien. Spielten ihr die Sinne einen Streich, oder würde gleich ein Inferno über die Stadt hinwegfegen.
Regungslos stand sie auf ihrem Dach, umgeben von der ihr vertrauten Idylle blühender Rosenbrücken, Blumenrabatten und kleinen Zierbäumchen. Die rufenden Stimmen in ihrem Haus hörte sie nicht mehr.
„Wo ist sie? Such du im Wohnzimmer, ich geh rauf zum Dach“, schallte die männliche Stimme aus dem gläsernen Oberlicht empor.
„Hier ist sie nicht“, rief Elisa von unten. Die Tür zur Dachterrasse stieß ruckartig auf und Lorenzo blickte seiner Mutter entgegen.
„Mama! Da bist du ja. Ich hab sie gefunden“, rief er die Treppe hinunter und rannte sofort auf sie zu. „Komm Mama, wir müssen gehen! Es wird Zeit!“
„Ich geh hier nicht weg!“, antwortete Francesca apathisch.
„Wir müssen aber schnell von hier fort. Er bricht aus!“
Nun kamen auch Lorenzos Schwester und Elisa aufs Dach gerannt.
„Mutter! Zeit zu gehen!“, rief Sara voller Sorge, umarmte sie kurz und packte Francesca an der Hand.
„Ich kann hier nicht weg. Das alles…“
„… wird schon bald nicht mehr existieren! Los!“, rief Lorenzo mit noch mehr Nachdruck.
Sara sah immer mehr Gebäude schwanken und schrak zusammen, als sich im Stadtzentrum eine schwere Explosion ereignete. Kurz nach dem Feuerball erfolgte auch der Knall.
„Mutter!“, schrie sie, „Wir müssen raus aus Neapel!“
Lorenzo ohrfeigte seine eigene Mutter zur Vernunft.
„Reiß dich zusammen, oder willst du, dass deine Enkelin mit dir stirbt?“
„Großmama, bitte komm schnell!“, rief Elisa flehend.
„Nein, natürlich nicht“, antwortete sie abwesend, kaum begreifend, warum ihre Liebsten bei ihr waren. Das durften sie doch nicht. „Was macht ihr hier? Seid ihr verrückt, hier herzukommen? Seht ihr nicht…“       
„Sie ist weggetreten. Du musst sie tragen, Lorenzo!“, rief Sara bestimmend und zuckte zusammen, als sie die Kirche in unmittelbarer Nachbarschaft wie ein Kartenhaus in sich zusammenstürzen sah. „Oh Gott!“
„Nein, nicht ohne meine Katzen!“, brüllte Francesca zurück. „Ich kann sie nicht sterben lassen.“
„Wir können sie nicht alle fangen und retten. Elisa, schnapp dir die Tasche dort“, zeigte Lorenzo auf eine Tragetasche für Katzen und schnappte sich Thai aus Francescas Armen. Hastig stopfte er die Heilige Birma in die Tasche.
„So, ich hab deine Katze. Nun los!“
„Ist dieses Haus erdbebensicher?“, fragte Elisa ängstlich und bereute ihre Entscheidung, heute unbedingt mitkommen zu wollen.
„Nicht sicher genug, fürchte ich. Wir müssen vom Dach runter!“ Lorenzo zerrte seine Mutter hinter sich her und rannte auf den Fahrstuhl zu. Seine Schwester und Elisa folgte ihnen.
„Nicht in den Fahrstuhl!“, rief Sara aus zahlreichen Erinnerungen diverser Katastrophenfilme. Zu oft wurden Fahrstuhlschächte bei Stromausfällen, Feuer und Erdbeben zu lebensgefährlichen Todesfallen.
„Wir haben keine Wahl!“, zog er sie schnell durch die Tür und drückte den Knopf zum Erdgeschoss. Die Tür schloss sich.
Die Angst fuhr mit und pochte jedem bis zum Hals. Ruckartige Erschütterungen brachten sämtliche Verkleidungen des Fahrstuhles zum Klappern. Nur das moderne Licht wollte nicht so flackern wie in den Filmen. Es leuchtete kühl und beständig. Alle starrten auf die Stockwerkanzeige, die sich viel zu langsam dem Erdgeschoß näherte.
„Komm schon, komm schon!“, betete Sara leise vor sich hin.
Als sich schließlich die Fahrstuhltür öffnete und das Tageslicht blendete, rannten sie so schnell sie konnten aus dem Haus.
„Alter, NEIN! Wo ist meine Karre?“, fluchte Lorenzo laut, als ihm einfiel, dass er in aller Eile weder den Zündschlüssel abgezogen, noch den Wagen verschlossen hatte. „Merda, das gibt’s doch nicht. Jemand hat ihn geklaut. Figlia di puttana!“
Ein Blick die leere Straße hinunter machte ihnen deutlich, wie schnell sie ins Freie mussten. Fassade um Fassade krachte zu Boden und begrub Autos wie Bürgersteige mit Steinen und Dachziegeln.
Drei Häuser stadteinwärts eilte eine weitere sechsköpfige Familie vor das Haus und warf Koffer und Kinder in Panik in den bereitstehenden blauen Van. Dachpfannen stürzten vom Dach über den Balkon auf das Auto, so dass die getönten Scheiben barsten. Sara blieb die Luft im Hals stecken, noch ehe sie einen Schrei ausstoßen konnte.
„Achtung! Vorsicht! Das Haus bricht zusa…!“, rief Elisa schockiert. Sie wollte die Familie noch warnen, als sich das marode Mauerwerk löste und auf die neben dem Wagen stehenden Erwachsenen stürzte. Tonnen aus Schutt und Gestein begrub die gesamte Familie, quetschte das Fahrzeug zusammen, dass die Achsen brachen.
Elisa schrie und wandte sich ab. Auch Sara kämpfte mit der Fassung. Noch nie hatten sie dem Tod so nah ins Gesicht sehen müssen. Die Steine verbargen nicht alles.
„Sie sind…“, schluchzte Elisa
„Ich weiß, mein Schatz. Schau nicht hin!“ Doch aus dem begrabenen Van vernahm Sara plötzlich Rufe und weinende Stimmen der Kinder, die offenbar überlebt hatten.
„Hörst du das? Die Kinder im Auto“, horchte Elisa auf.
„Wir müssen hier weg!“, rief ihr Vater mit Nachdruck und sah den blutüberströmten Kopf des Familienoberhauptes auf der anderen Straßenseite. Die Ziegel hatten seinen Schädel bis zur Unkenntlichkeit zertrümmert. Panisch starrte Lorenzo zu den Dächern hinauf. Er hatte nicht vor, der Nächste zu sein.
„Aber sie leben! Wir müssen sie da rausholen!“, protestierte Sara und wollte die Kinder mit bloßen Händen aus dem Geröll befreien.
„In dem Auto sind sie sicherer als wir. Wir müssen hier weg, oder uns passiert dasselbe! Los jetzt! Sie werden sicher befreit, wenn das überstanden ist.“
„Aber der Vesuv. Wenn die Lavaströme bis hier…“
Ehrfürchtig sah Lorenzo zum drohenden Gipfel empor. Dem Himmel sei Dank, passierte dort noch nichts.
„Sieh hin! Nur Rauch. Der bricht nicht aus“, betete er innerlich. Dafür konnte er das Beben spüren, das Haus um Haus zu Boden zwang. Erneut stürzte eine benachbarte Fassade krachend in sich zusammen. Sara erschrak.
„Seht ihr das? Kommt schon! Lava ist unser kleinstes Problem. Wir dürfen nicht stehen bleiben!“
„Bitte Lorenzo, nein! Die Kinder.“
„Wenn wir bleiben, sterben wir alle. Entweder sie oder wir!“
Die schreienden Hilferufe wurden immer lauter und durchdrangen Saras Mutterherz. Sie konnte es nicht zulassen und schüttelte den Kopf. Noch immer fielen Trümmer auf die Straße und den Van.
„Wir können ihnen nicht helfen!“, blickte er verbittert zum Van. Er konnte es sich nicht leisten, Held zu spielen. Er hatte eine Familie. Entschlossen packte er ihre Hände und zerrte alle die Straße hinunter. Vermutlich würde ihn diese Sünde ein Leben lang plagen und in Träumen heimsuchen. Doch dafür mussten sie erstmal überleben.
„Wo sollen wir denn hin? Wie kommen wir aus der Stadt raus?“, rief Sara verzweifelt und umarmte Elisa tröstend. Immer wieder sah sie zu den hilflos weinenden Kindern zurück.
Lorenzo überlegte hastig. Flaches Terrain oder starke Mauern. Wie ein Geistesblitz schoss es ihm durch den Kopf. Es gab nur einen halbwegs sicheren Ort.
„Zum Strand! Lauft! Schnell!“
 
An Bord der Vici
Marion wählte hastig die Nummer des vulkanologischen Observatoriums am Vesuv.
„Ja, Cartright hier, geben Sie mir Doktor Jacobi. Schnell! Es eilt! … Doktor Jacobi, hier ist Marion. Sie müssen die Männer vom Berg …“

 
Die Verbindung brach abrupt ab.
Es war 11:24 Uhr und 48 Sekunden.

 
Das Unfassbare nahm seinen Lauf.

Copyright Cover & Leseprobe: Christian Klemkow –
Publikation mit frdl. Genehmigung des Autors.

Christian Klemkow,
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Ein Jahr ohne DRM – Sci-Fi-Label Tor Books zieht positive Bilanz

Vor einem Jahr sorgte Tor Books für eine kleine Medienrevolution – das auf Sci-Fi und Fantasy spezialisierte Label kündigte an, in Zukunft komplett auf DRM zu verzichten. Mit gutem Grund: “Wir glauben, DRM-freie E-Books sind für unsere Leser das Beste, denn es erlaubt ihnen, legal erworbene Titel auf legalem Wege zu benutzen, also etwa die E-Bibliothek zwischen verschiedenen Lesegeräten hin- und her zu bewegen“, hieß es damals. Vor allem nahm man jedoch auch Rücksicht auf die zahlreichen Beschwerden aus der ebenso technikaffinen wie vernetzten Sci-Fi-Community. Nach einem Jahr zog das zu Macmillan gehörende Imprint nun eine durchweg positive Bilanz: „Der Schritt zu DRM-Freiheit hat uns dabei geholfen, Tor als ein Label zu etablieren, das auf seine Leser und Autoren hört, wenn sie uns mit einem gemeinsamen Anliegen konfrontieren – und wir haben einen überwältigende Menge an Zustimmung und Loyalität durch die Community erfahren.“

„DRM schützt nicht vor E-Book-Piraterie“

Das übliche Branchen-Argument „DRM schützt vor E-Book-Piraterie“ lassen die Tor Books-Machern ohnehin nicht gelten: „DRM-geschützte Titel landen trotzdem auf Tauschplattformen, außerdem glauben wir daran, dass die große Mehrheit unserer Leser genauso gegen Piraterie sind wie die Verleger“, heißt es auf dem Tor-Blog. Außerdem gehören die Sci-Fi-Leser naturgemäß zu den Early Adoptern in Sachen E-Lese-Technologie – sie experimentieren mit zahlreichen mobilen Geräten, und wissen in Zweifelsfall auch, wie man Kopierschutz umgeht. Zugleich seien sie aber äußerst verantwortungsbewusst, was den Umgang mit E-Books angeht: „So wie es bisher aussieht, konnten wir bei unseren DRM-freien Titeln keinen Anstieg in Sachen Piraterie erkennen, obwohl sie bereits seit einem Jahr verfügbar sind“.

Ende der Formatekriege in Sicht?

Die Befreiung der elektronischen Lektüre gilt nicht nur für aktuelle Bestseller wie David Brins „Existence“ oder John Scalzis „Redshirts“, sondern betrifft auch Klassiker wie Douglas Adams „Hitchhiker’s Guide to the Galaxy“. Tor Books ist gerade dabei, ältere Backlistbestände zu digitalisieren, und dann ebenfalls DRM-frei zu veröffentlichen. Der Rest der Branche dürfte das DRM-freie Erfolgsmodell aufmerksam beobachten – schließlich scheinen gewohnte Regeln plötzlich nicht mehr zu gelten. Im Guardian sprach Digital-Rights-Aktivist Cory Doctorow anlässlich der Initiative von Tor Books sogar schon vom „Ende der Formatkriege“ im E-Book-Bereich. Tatsächlich wurde durch den Verzicht auf Kopierschutz ja auch der Wechsel zwischen epub- und Kindle-Welt deutlich vereinfacht.

Nicht nur Digital Natives sind vertrauenswürdig

So kritisiert Tor Books-Autor Charles Stross zu recht: „DRM verhindert keine Raubkopien, es unterwirft dafür aber die ehrlichen Kunden einem Monopol, das von den Besitzern der DRM-Software kontrolliert wird – damit schränkt man die Freiheit und den Wettbewerb ein“. Ermutigend für andere Verlage dürfte am Beispiel Tor Books sein, dass gerade die Autoren mit diesem Schritt in Richtung DRM-Verzicht einverstanden waren, ja ihn sogar mit eingefordert haben. Interessant ist wohl auch, dass Tor Books/Macmillan zur Holtzbrinck-Gruppe gehört, die in Deutschland renommierte Verlage wie S. Fischer, Rowohlt oder Kiepenheuer&Witsch ihr eigen nennt. Zu deren Lesern zählen im Vergleich zu Tor Books vor allem Digital Immigrants & Silversurfer – warum eigentlich wird ihnen weniger Vertrauen entgegenbracht als Digital Natives?

Abb.: Screenshot

„Autoren & Leser wollen es so“: Weltgrößter Sci-Fi-Verlag Tor/Forge verzichtet auf DRM

Die englischsprachige Buchwelt erlebt gerade so etwas wie eine Zeitenwende – die Epoche von Digital Rights Management (DRM) scheint sich dem Ende zuzuneigen. In einem bisher beispiellosen Schritt entschied sich nun Tor, die weltweit wohl wichtigste Adresse für alle Science-Fiction-Fans, auf den lästigen Kopierschutz zu verzichten. Ab Juli 2012 wird das gesamte E-Book-Programm von Tor, Forge und weiteren beteiligten Labels DRM-frei sein. „Unsere Autoren und Leser haben das schon eine ganze Weile von uns verlangt“, so Verlagschef Tom Doherty. „Sie sind ja ohnehin besonders technikaffin, und DRM war für sie ein ständiges Ärgernis. Der Kopierschutz hindert sie daran, legal erworbene elektronische Bücher auf legalem Wege zu nutzen, also etwa von einem Lesegerät zum anderen zu übertragen.“

Eine gewisse Rolle dürfte dabei natürlich auch gespielt haben, dass die technisch versierten Sci-Fi-Leser ohnehin wissen, wie man den Kopierschutz umgehen kann. Die Entscheidung des zur Macmillan-Verlagsgruppe gehörenden Sci-Fi-Labels folgt aber zugleich auch einem neuen Branchentrend, ausgelöst durch die E-Book-Version von Harry Potter: „Es hat teilweise auch mit dem Start von Pottermore zu tun, bei dem J K Rowling komplett auf DRM verzichtet“, gab Jeremy Trevathan von Macmillan gegenüber dem Guardian zu. „So wie es aussieht, konnte die Zahl der Raubkopien dadurch spürbar verringert werden“. An den generellen Abschied von DRM jenseits der Sci-Fi und Fantasy-Sparte denkt man bei Macmillan allerdings bisher noch nicht.

Während viele Buchhändler der Anti-DRM-Politik von Tor eher skeptisch gegenüberstehen, gab es von vielen prominenten Autoren eine Menge Applaus. „DRM hat meine Bücher nicht davor bewahrt, auf der dunklen Seite des Internets aufzutauchen“, so etwa Sci-Fi-Autor John Scalzi auf seinem Blog. „Dagegen wurden meine Fans bestraft, die mich und mein Schreiben mit ihrem Geld unterstützen. Deswegen freue ich mich, dass für alle meine Leser ab Juli gilt: ‚Buy once, keep anywhere’“. Geradezu enthusiastisch äußerte sich Tor-Autor und Digital-Rights-Aktivist Cory Doctorow: „Das könnte die Wasserscheide für DRM bei E-Books sein, der Kippunkt, von dem ab schließlich alle E-Books frei von Kopierschutz sein werden. Es ist ein guter Tag.“

E-Book-Projekt „Über Morgen“: Vier Sci-Fi-Autoren erkunden für Intel die Technik der Zukunft

ueber-morgen-e-book-intel-scifiScience-Fiction-Stories im Auftrag von High-Tech-Unternehmen? Die Idee erinnert entfernt an eine Zeit, als PR-Abteilungen noch „Literarische Büros“ hießen. Doch Intel meint es ernst – das Projekt „Über Morgen“ nutzt Fakten und Fiktion, um Sci-Fi-Prototypen von Zukunfts-Anwendungen aus Bereichen wie Photonik oder intelligenter Sensorik zu entwerfen. Eine Sammlung futuristischen Fallstudien aus der Feder renommierter AutorInnen wie Scarlett Thomas oder Markus Heitz kann man nun kostenlos als E-Book lesen oder als Podcast anhören.

Science-Fiction als literarisches Designwerkzeug

Literatur ist eine Möglichkeitsform, ein Ort, um Dinge auszuprobieren. Nicht nur Boy-meets-Girl-Geschichten, sondern auch technische Visionen. Wenn ein High-Tech-Unternehmen wie Intel das Science-Fiction-Genre zur Exploration von Zukunftstechniken nutzt, ist das allerdings eher ungewöhnlich. Doch die jetzt als E-Book und Hörbuch erschienene Anthologie „Über Morgen“ verfolgt offenbar genau diesen Zweck – mal abgesehen vom PR-Effekt natürlich. Das Projekt begann mit einem Vortrag, den der Futurist & Intel-Mitarbeiter Brian David Johnson vor einigen Jahren auf einer Konferenz zum Thema „Intelligent Environment“ gehalten hat: „Darin schlug ich vor, dass wir Science Fiction als Designwerkzeug für die Entwicklung von Technologien und neuen Produkten nutzen könnten. Die Idee war, Science Fiction-Storys auf Basis wissenschaftlicher Fakten zu schreiben, um deren Auswirkungen auf Mensch und Kultur zu untersuchen“.

„Die Zukunft handelt von Menschen“

Aus dieser Konzept-Idee wurde schließlich ein 90-seitiges E-Book, mit Beiträgen von Zukunftsforscher Ray Hammond und den renommierten AutorInnen Douglas Rushkoff („Cyberpunk“), Scarlett Thomas („PopCo“ & „Troposphere“) & Markus Heitz. Letzterer ist deutschen Lesern etwa durch den Fantasy-Roman „Die Legenden der Albae“ bekannt. Im Vorwort schreibt Brian David Johnson zum Konzept von „Über Morgen“: „Alle vier Geschichten in dieser Sammlung beruhen auf Technologien, die wir derzeit in den Intel Labs entwickeln. Und was daran besonders bemerkenswert ist: Auch wenn es Science Fiction-Geschichten sind, sind es vor allem Geschichten über Menschen. Jede Geschichte vermittelt eine einzigartige Vision, ein greifbares Bild vom Leben in der Zukunft, doch jede schildert auch auf höchst anschauliche Weise die menschlichen Dramen der Zukunft.“

Photonik, Robotik, Telematik als konkrete Utopie

Die angewandte Methode – nämlich aus Fiktion und Fakten eine Art „Science-Fiction“-Prototypen eines Produkts zu entwickeln, hat aber nicht nur den Zweck, das geneigte Publikum zu unterhalten. „Über Morgen“ und ähnliche literarische Experimente soll Intel helfen, die Realisierung von Zukunftstechnologien zu erleichtern. Interessant sind die Stories aber auch im Hinblick auf die Gegenwart – man erfährt schließlich indirekt etwas über die Spannbreite aktueller Intel-Forschungsgebiete, wie etwa Photonik, Robotik, Telematik oder intelligenter Sensorik. Schon die Bezeichnungen klingen ja fast wie aus einem Roman von Stanislaw Lem gesprungen. Ob die körperliche Arbeit tatsächlich bald verschwindet, Verkehrsströme europaweit demnächst automatisch durch die Gegend gelenkt werden oder die SMS per Gedankenkraft bis zur Serienreife gelangt, ist natürlich eine ganz andere Frage. Allerdings ist ja ein via Internet verbreitetes Sci-Fi-E-Book im Auftrag des weltgrößten Halbleiter-Herstellers auch schon eine Art konkreter Utopie.

[e-book-review] Unterm King-Dome – „Die Arena“ von Stephen King startet parallel als E-Book & Print

stephen king under the dome simon&schuscher e-book bestseller.gif„Eine Menge Bäume werden durch meine Hand sterben“ – so kündigte Stephen King Ende 2008 seinen neuen Roman an. Tatsächlich ist „Under the Dome“, zu deutsch „Die Arena“ mit mehr als 1000 Seiten sein bisher zweitlängstes Buch. In dem Sci-Fi-Thriller schließt eine mysteriöse Energiekuppel die amerikanische Kleinstadt Chester’s Mill hermetisch von der Außenwelt ab – in kurzer Zeit brechen Chaos und Anarchie aus. Wer erfahren möchte, wie die Einwohner die Krise bewältigen, muss allerdings kein schlechtes Umweltgewissen haben. Denn „Arena“ ist auch in Deutschland parallel als Print-Version und als E-Book erschienen.

Unterm King-Dome bricht das Chaos aus

Jeder Autor erschafft seine eigene Welt, mit eigenen Gesetzen, und betrachtet sie wie durch eine Käseglocke. Stephen King geht in „Die Arena“ aber einen Schritt weiter – denn die Bedingungen des Experiments sind selbst den Figuren deutlich. Eine Energiekuppel schließt plötzlich eine amerikanische Kleinstadt von der Außenwelt ab. Sie erweist sich als undurchdringlich. Selbst das von Barack Obama herbeigerufene US-Militär schafft es nicht, die Menschen im King-Dome zu befreien. Schnell bricht das Chaos aus, die Guten und die Bösen stehen sich gegenüber, wie man es schon aus älteren Texten des Horror- und Sci-Fi-Meisters gewöhnt ist, etwa „The Stand – Das letzte Gefecht“. In „Under the Dome“ ist die Ursache der Katastrophe allerdings nicht menschengemacht – es steckt eine außerirdische Intelligenz dahinter. Was die Menschen unter der Kuppel tun, hat jedoch viel mit ihnen selbst zu tun. Der korrupte Stadtrat Jim Rennie sieht seine Chance gekommen, zusammen mit dem maliziösen Polizeichef Peter Randolphs greift er nach der Macht. Auf der Seite mit den weißen Hüten schart man sich um den Irak-Veteran Dale Barbara und die Journalistin Julia Shumway.

Bush&Cheney im Reagenzglas: Ein literarisches Post-Nine-Eleven-Experiment

Schon zweimal hatte King das „Projekt Käseglocke“ erfolglos abgebrochen, das erste Mal in den Siebzigern als reißerisches Fragment „The Cannibals“, später mit dem schließlich beibehaltenen Titel „Under the Dome“. Erst nach 2001, in der Welt des „War on Terror“, wagte er einen dritten Versuch. „Die Arena“ als psychologisches Experiment hat tatsächlich sehr viel mit der staatlich verordneten Schock-Therapie nach dem 11. September zu tun: „Manchmal sind genau die falschen Leute in dem Moment an der Macht, wenn man eigentlich genau die richtigen Leute brauchen würde“, so King zu seiner Inspiration. Die bösen Gegenspieler im Roman formte er bewusst nach äußerst realen Vorbildern: „Ich habe die Bush-Cheney-Dynamik genommen und sie auf die Verhältnisse einer Kleinstadt eingedampft“, so King zur Figurenkonstallation. Die ganze Welt unter einer Glasglocke, das hat allerdings für King zugleich auch einen ökologischen Aspekt: „Es ist doch so: letztlich leben wir alle unter der Kuppel. Wir haben nur diesen einen blauen Planeten, mehr nicht.“ Die Überlebenschancen des American Way of Life sind allerdings gemessen am Roman auch in dieser Hinsicht nicht groß. Nur eine kleine Minderheit überlebt das Experiment – am Ende wird „under the dome“ schlicht die Luft knapp.

Rabattschlacht in den USA: den neuen Stephen King als Hardcover gibt’s für 9 Dollar

Erfreulicherweise ist Kings neuer Roman nicht nur auf englisch und deutsch zum selben Zeitpunkt gestartet, sondern auch in Deutschland vom ersten Tag an als E-Book lieferbar. Das hat aber seinen Preis – das E-Book kostet 24,99 Euro, gegenüber der Hardcover-Ausgabe spart man knapp knapp zwei Euro. In den USA haben die Leser dagegen vom Preiskampf zwischen Amazon, Wal-Mart und anderen Playern profitiert – kostet ein Hardcover normaler um die 25 Dollar, endete die Rabattschlacht für King (und andere Autoren) bei knapp 9 Dollar, und das bei einigen Anbietern sogar versandkostenfrei. Auf die E-Book-Ausgabe müssen die amerikanischen Leser sogar noch bis Weihnachten warten – Simon&Schuster hat den Start der Kindle-Ausgabe (Preis: 7,99 Dollar9 bis auf den 24. Dezember verschoben.

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Stephen King, Die Arena,
(Engl.: „Under the Dome“; Heyne Verlag, November 2009)
Preis: 24,99 Euro (epub)