Sir Galahad und seine außerirdischen Hohlköpfe: Hologrammatica, ein Sci-Fi-Thrill aus dem Jahr 2080

hologrammatica-coverTom Hillenbrand schreibt Gastro-Krimis, schmeckt aber auch gerne in Zukunfts-Tatorte hinein. Nach dem nahen „Drohnenland“ der 2040er Jahre visiert „Hologrammatica“ nun die fernen 2080er Jahre an: der Londoner Quästor Galahad Singh ermittelt im Fall einer verschwundenen Expertin in Sachen Gehirn-Upload.

Doch die Wahrheit ans Licht zu bringen, das ist nicht so einfach in einer Welt geprägt von 3D-Totalsimulationen, AI-Intrigen und den Machenschaften von ebenso superreichen wie unerreichbaren Asteroiden-Fürsten im Hintergrund.

Den Leser erwartet hier ein cleveres Potpourri aus Arjounis Sci-Fi-Krimifarce „Chez Max“, Halluzinations-Strategien wie in Lems „Futorologischem Kongress“ und einer Prise interplanetarischer Visionen à la Kim Stanley Robinsons „2312“.

Sehr schön auch die sprachlichen Annäherungen an die zivilisatorisch weit fortgeschrittene Zukunft: da wird der digitale Assistent zum „Amanuensis“, Privatdetektive, siehe oben, nennen sich nun ebenfalls neulateinisch „Quästoren“, enhancede Quantenchip-Cyborgs und organische Old-School-Menschen beschimpfen sich derweil gegenseitig als „Schwammköpfe“ bzw. „Hohlköpfe“, und die zwecks temporärem Identitätstausch geklonten Gast-Körper mutieren zu „Gefäßen“.

Und dann ist da auch noch ein merkwürdiges Leuchtphänomen im Mittelmeer, das niemand erklären kann — sind am Ende auch Außerirdische ein Teil des Verschwörungszusammenhangs? Wurden die technisch hochgerüsteten Menschen des späten 21. Jahrhunderts am Ende gar von ihnen gehackt? Für mich ist Hologrammatica auf jeden Fall der Sci-Fi-Thriller des Jahres 2018…

Millionen-Deal: John Scalzi schreibt 13 neue Romane für Tor Books – bis 2025

tor science fiction verlag verzichtet auf drm bei ebooksWow, das erinnert doch entfernt an die legendären Plattenverträge der Rolling Stones: Sci-Fi-Autor John Scalzi („Old Man’s War“) hat mit seinem Hausverlag Tor Books einen Zehnjahres-Deal abgeschlossen, der es in sich hat: für die Gesamtsumme von 3,4 Millionen Dollar wird der Hugo-Award-Preisträger bis zum Jahr 2025 gleich 13 neue Titel produzieren.

„Ja, es ist eine Menge Geld…“

Das war sogar der New York Times eine fette Schlagzeile wert. In einem sehr unterhaltsamen Selbst-Interview auf seinem populären Blog „Whatever“ betreibt Scalzi nach dem Bekanntwerden des Millionen-Deals dagegen eher ironisches Understatement: „Es ist eine Menge Geld. Aber, wohlgemerkt: es verteilt sich ja auch über ein Jahrzehnt und 13 Bücher. Und außerdem bekomme ich das Geld auch nur, wenn ich die Bücher wirklich schreibe. Yeah.“

Neue Space-Opera-Serie geplant

Zugleich verriet Scalzi auf seinem Blog schon mal, was in diesem projektierten Lektüre-Paket alles enthalten sein wird: unter anderem ein Sequel von „Lock in“, aber auch eine neue ganz Space-Opera-Serie, ein weiterer Band der „Old Man’s War“-Serie, sowie neben einigen Solo-Titeln gleich drei Romane aus dem Bereich „Young Adult Fiction“, letzteres ist für Scalzi absolutes Neuland.

Scalzi schon als Vielschreiber bekannt

Ansonsten kann der Anfang der Nuller Jahre mal als Online-Self-Publisher gestartete (und darüber von Tor Books entdeckte) Autor jedoch durchaus auf seinen bisherigen Produktions-Erfahrungen aufbauen: zwischen 2005 und 2015 hat er insgesamt 17 Titel veröffentlicht, elf Romane, fünf Sachbücher und eine Anthologie. Wie bei Tor Books schon seit einiger Zeit Usus, werden übrigens auch die zukünftigen Scalzi-Titel als E-Books ohne Kopierschutz erscheinen.

Der Zorn des Korgh – Klaus Seibel, Die dunkle Seite des Erbes [Leseprobe]

dunkle-seite-des-erbesEs begann mit einer uralten Schraube auf dem Mond, zufällig entdeckt durch einen NASA-Rover. Die Spur führte zu gezielt platzierten Artefakten der ersten Menschheit, ausgestorben durch einen Meteoriteneinschlag vor 65 Millionen Jahren. Die heutige Menschheit hat in Klaus Seibels Serie „Das Erbe der ersten Menschheit“von diesem künstlichen Baum der Erkenntnis ausgiebig gekostet, und mit der fortgeschrittenen Biotechnologie aus der Vergangenheit die „Lantis“ wiederauferstehen lassen. Neben Yra, die ebenso gutmütige wie grünhäutige Frau mit telepathischen Fähigkeiten trat in Teil 2 („Die erste Menschheit lebt“) ein zweiter Lanti namens Korgh. Yras böswilliger Gegenspieler nutzt die Differenzen zwischen den Supermächten, die das Erbe der Lantis verwalten, und verlässt mit chinesischer Hilfe Lantika, die neu entstandene Wissenschaftsstadt in der nordafrikanischen Wüste. Doch in Teil 3 („Die dunkle Seite des Erbes“) müssen die neuen Freunde, aber auch die Amerikaner bald erkennen: Korgh verfolgt ganz eigene Pläne. Will der wiederauferstandene Lanti mit Hilfe der Lanti-Technologie selbst eine neue Supermacht aus dem Boden stampfen? Unsere Leseprobe führt an den Beginn der Handlung – mehr über Korghs Pläne verrät die Blick-ins-Buch-Optionim Kindle Shop.

Klaus Seibel: Die dunkle Seite des Erbes

1. NSA-Hauptquartier in Lantika
Das Gebäude sah belanglos aus, ein Materialschuppen wie viele andere auf dem militärischen Bereich des Flughafens von Lantika. Die Planer kannten anscheinend nur die Form eines Schuhkartons, der sich von der gelbbraunen Umgebung auch durch die Farbe nicht abhob.
General Myers steuerte seinen Wagen direkt darauf zu, während er ununterbrochen Befehle in sein Headset sprach. Myers besaß wesentlich mehr Kompetenzen, als Anne vermutet hatte. Nur einmal hatte es eine kurze Diskussion gegeben, als er einen Flottenverband auf einer Fahrt zu einem geplanten Manöver mit Südkorea wenden lassen wollte. Sie sollten den Punkt im Indischen Ozean ansteuern, an dem das Flugzeug von General Haishan von den Radarschirmen verschwunden war. Haishan war Myers‘ chinesisches Gegenstück, aber nicht der Grund, warum Myers nicht nur den Flottenverband, sondern ein gutes Dutzend weiterer Schiffe in den Indischen Ozean beorderte. Der wirkliche Grund war Korgh.
Nach Yra war Korgh der zweite Lantis, den man aus einer Genschablone der Lantis erschaffen hatte. Myers hatte Yra gehen lassen müssen, umso wertvoller war Korgh für ihn. Außer einer kleinen Gruppe Eingeweihter wusste niemand davon. Und dann war der Lantis aus dem geheimen Labor entkommen und hatte sogar noch wichtiges Gerät mitgehen lassen.
Ob Myers jetzt von der Gefährlichkeit Korghs überzeugt war, wusste Anne nicht. Sie hatte Myers gewarnt, aber der hatte sie nicht ernstgenommen. Was sollte ein kleiner, nackter, grüner Lantis, der vollkommen allein und ohne Ressourcen war, schon gegen die mächtige NSA ausrichten? Und dann hatte er sie doch alle überlistet.

Gerade sprach Myers mit dem Kommandeur des amerikanischen Stützpunkts auf Guam. Alle verfügbaren Flugzeuge sollten das Gebiet um die Absturzstelle absuchen, unterstützt durch mehrere Spionagesatelliten.
Anne saß neben Yra im Fond des Wagens. Sie hielten sich an der Hand und Anne versuchte so gut wie möglich, Yra zu erklären, was Myers in die Wege leitete. Sie tat es auf ihre spezielle Weise über einen direkten körperlichen Kontakt zu Yras Nervensystem. Das ging einfach schneller und war vor allem unauffälliger. Myers musste nicht wissen, dass sie auf diese Art kommunizieren konnten. Auf dem Beifahrersitz saß Walter Bullrider. Er schwieg, aber Anne wusste, dass auch er auf jedes Wort von Myers achtete. Die beiden kannten sich von früher, waren aber unterschiedliche Wege gegangen. Seit dem Walter herausgefunden hatte, wie sehr Myers ihn und seine Umgebung manipulierte, war das Verhältnis alles andere als freundschaftlich. Charlotte Fuller, Myers‘ rechte Hand, war im Labor geblieben, überwachte die Spurensicherung und wartete darauf, dass die kurzzeitig gelähmt herumliegenden Wissenschaftler aufwachten.
Vor dem Gebäude standen vier Soldaten lässig in einer der wenigen schattigen Stellen herum, als ob sie gerade Pause hätten, wie man es vor einem bedeutungslosen Lager öfter sah. Als sie Myers‘ Wagen erkannten, verschwand die Lässigkeit. Sie passte auch gar nicht zu der schweren Bewaffnung, die Anne jetzt aus der Nähe erkennen konnte.
Myers parkte seinen Wagen unmittelbar vor dem Eingang, die Soldaten salutierten.
Myers sagte nur: „Alle durchlassen. Sie gehören zu mir.“

Anne, Yra und Walter folgten ihm ins Gebäude. Anne konnte die Verwunderung der Soldaten förmlich spüren. Zivilisten wurden hier selten gesehen, und dann auch noch eine solche Gruppe wie die Drei. Walter besaß zwar die Statur eines Elitesoldaten, aber mit seinem Hawaii-Hemd, der Baseballkappe und den Shorts wirkte er wie ein harmloser Tourist. Anne hatte sich dieser Verkleidung angepasst und spielte die Ehefrau, die mit ihrem Mann und ihrer Tochter einen Urlaub in Lantika verbrachten. Allerdings war der vermeintliche Teenager grün. Yra hatte auf die Tarnung durch dick aufgetragene Theaterschminke verzichtet und zeigte sich in der Farbe, die ihre Haut nach der Behandlung mit Chlorophyllgenen angenommen hatte.
Damit musste auch dem letzten Soldaten klar sein, dass es sich bei den Dreien keinesfalls um eine gewöhnliche Touristenfamilie handelte. Eine Lantis war nicht normal, auch in Lantika nicht. Am Ausdruck in ihren Gesichtern sah Anne, dass die Soldaten jetzt auch sie und Walter erkannten. Ihre Fotos waren unzählige Male in allen wichtigen Medien der Welt erschienen. Jeder wusste, dass sie die entscheidenden Personen waren, denen die Menschheit das Erbe der Lantis verdankte.
Die Blicke der Soldaten folgten ihnen, bis sie die Tür durchschritten.
Auch von innen wirkte das Gebäude wie ein gewöhnliches Materiallager. Fenster gab es keine, an den Wänden und mitten im Raum standen deckenhohe Regale, voll mit Kisten und Fässern. Die Beschriftung bestand ausschließlich aus Zahlen-Buchstaben-Kombinationen, aus denen Anne nicht auf den Inhalt schließen konnte. Wenn überhaupt etwas darin war und die Kisten nicht nur zur Tarnung hier herumstanden.

Myers ging zielstrebig den zweiten Gang bis nach hinten durch. Er zog eine Karte durch einen Schlitz und öffnete die Tür. Der Raum, den sie dann betraten, hätte auch im Keller einer Bank sein können, die rechte und die linke Seite bestanden nur aus Schließfächern.
Myers öffnete eines der Fächer. „Legen Sie alle elektronischen Geräte und metallischen Gegenstände hier hinein!“
Walter und Anne besaßen eine Smartwatch, Yra hatte keine Uhr. Als Myers das Fach zurückschob, hörte Anne ein leises Klicken. Ohne Myers würden sie ihre Geräte wohl nie wieder sehen.
Anne spürte einen Luftzug.
Sie prüfen die Luft auf Sprengstoffpartikel und Spuren von Giftstoffen.
„Kann man von Misstrauen eigentlich krank werden?“, fragte Walter.
Myers ignorierte ihn. Er beschäftigte sich mit Iris-Scanner, Handflächen-Scanner und Stimmerkennung. Erfolgreich, denn die Rückwand des kleinen Raums glitt zur Seite.
Myers drehte sich zu den Dreien um. „Was Sie gleich sehen werden, ist nicht für die Öffentlichkeit gedacht.“
Er trat vor Anne und fixierte sie mit seinem Blick. „Damit meine ich ganz besonders Sie, die die Öffentlichkeit so lieben. Ich kann es nicht leiden, damit erpresst zu werden.“
Anne hielt seinem Blick stand. „Ich tue nur, was nötig ist, und für hier habe ich Ihnen zugesagt zu schweigen. Dann werde ich mich auch daran halten. Im Übrigen sollten wir uns beeilen, Korgh wird nicht in der Sonne liegen und faulenzen.“
Myers nickte und sagte laut: „Abwärts!“
Die Wand schloss sich, die Kabine, in der sie sich offensichtlich befanden, bewegte sich nach unten.
Wie weit es in den Untergrund ging, konnte Anne nicht feststellen. Vom Gefühl her waren es zehn Meter, aber es konnten auch mehr sein.
Unten wurden sie von neuen Wachen empfangen. Als sie Myers erkannten, nahmen sie Haltung an.
„Willkommen, Sir!“
„Danke. Besondere Vorkommnisse?“
„Nein, Sir.“
„Folgen Sie mir!“, sagte er zu Anne, Yra und Walter.

Sie kamen an weiteren Aufzügen entlang, die in tiefergelegene Abschnitte führten, rechts und links zweigten Seitengänge ab.
„Hat die NSA ganz Lantika unterkellert?“, fragte Anne, aber Myers reagierte nicht darauf.
Am Ende des Hauptgangs glitt eine Tür zur Seite. Vor ihnen lag ein Raum, groß wie eine Turnhalle, er erinnerte Anne an die Steuerzentrale der ESA. Die Front war komplett mit Bildschirmen ausgefüllt, davor standen Arbeitsgruppen mit weiteren Monitoren. Myers steuerte auf eine Art Leitstand zu, der etwas erhöht lag und von dem aus man alles überblicken konnte.
„Das Allerheiligste der NSA“, flüsterte Walter. „Myers muss verstanden haben, dass die Sache mit Korgh ernst zu nehmen ist.“
„Briggs, zeigen Sie mir die letzten zwanzig Minuten des Fluges von Haishans Flugzeug. Die ersten zehn Minuten im Zeitraffer.“
Der Mann am Hauptbildschirm des Leitstands machte einige Eingaben. Ein schwarzer Bildschirm erschien, auf dem mit dünnen, weißen Linien die Umrisse des Festlands eingezeichnet waren. Anne erkannte die Arabische Halbinsel mit dem Horn von Afrika darunter. Auf der anderen Seite war die Küste des indischen Subkontinents zu sehen. Überall verstreut gab es kleine Punkte, die, wenn man genau hinsah, sich langsam bewegten.
„Blenden Sie alle anderen Flugzeuge aus und zoomen Sie so nah ran wie möglich.“
Ein Klick, und die Punkte verschwanden. Die Küstenlinien Afrikas und Arabiens wanderten nach links, die Indiens nach rechts. Übrig blieben ein schwarzes Nichts und zwei verwaschene Punkte. Sie näherten sich, bis sie zu einem einzigen Punkt verschmolzen.
„Keine optische Erfassung?“, fragte Walter.
„Eine geschlossene Decke aus Cirruswolken“, sagte Briggs. „Wir hatten keine Veranlassung, einen tieffliegenden Satelliten einzusetzen. Deshalb gibt es auch keine Infrarotbilder. Das Einzige, das wir haben, sind diese Radaraufnahmen, und die sind schon aufbereitet.“
Die verschmolzenen Punkte trennten sich wieder. Der etwas größere Fleck entfernte sich Richtung Nordosten, der kleinere bewegte sich nur wenig. Schließlich stand er still und wurde schwächer.
Briggs blendete Zahlen ein, die schnell kleiner wurden. Bei fünfhundertsechsundsiebzig blieben sie stehen.
„Was bedeutet das?“, fragte Anne.
„Das sind die Höhenmeter, die unser Satellit gemessen hat. Die Anzeige ist stehengeblieben, als der Satellit kein Signal mehr erfassen konnte.“
„Weil es zu schwach war, oder weil das Flugzeug explodiert ist?“
Briggs drehte sich um und sah sie an. „Wahrscheinlich, weil es zu schwach war, aber das andere kann man nicht ausschließen.“
„Kann man aus der Fallgeschwindigkeit und den Eigenschaften von Haishans Flugzeug schließen, ob es abgestürzt ist, oder ob sie uns nur ausgetrickst haben?“
Briggs rieb sich mit einem Finger an der Nase. „Schwer zu sagen. Falls sie uns austricksen wollten, können sie den Flieger nicht schon bei fünfhundert Metern abgefangen haben. Sie wissen ja nicht, wann wir kein Radarsignal mehr auffangen. Aber darunter …? Ein normaler Flieger hätte die Kurve nicht mehr gekriegt, aber Haishan hat keinen normalen Flieger. Er verfügt über das Beste, was die Chinesen zu bieten haben. Emissionsarme Triebwerke, Antiradarbeschichtung, weshalb wir gerade mal schwache Flecken sehen, keinerlei automatisiert abgesetzte Positionsdaten. Einfach nichts, was uns helfen würde. Eine gut getarnte Militärmaschine eben. Über die tatsächlichen Flugeigenschaften in Extremsituationen wissen wir nichts.“
„Aber Sie wissen, dass es Haishans Flugzeug war?“
Briggs drehte sich wieder zu seiner Konsole. Das Bild zoomte zu einem größeren Ausschnitt. Eine unterbrochene Linie erschien, die von Lantika bis zu dem Punkt über dem Indischen Ozean führte, an dem sie die Maschine zum letzten Mal geortet hatten.
„Über der Sahara gibt es deutliche Lücken“, sagte er. „Auf den Luftverkehrsstraßen ist die Überwachung okay, aber daneben …“
„Verstehe“, sagte Anne. „Haishan ist nicht auf den allgemeinen Strecken geflogen, und wegen der Tarnung seiner Maschine hat man ihn nur gelegentlich auf dem Schirm gehabt. Theoretisch könnte er also auch schon über der Sahara abgebogen sein, während ein anderes Flugzeug eine falsche Spur gelegt hat.“

Briggs schien dieser Gedanke nicht zu gefallen. Er sah zu Myers hinüber, der mit ausdruckslosem Gesicht der Diskussion folgte.
„Die Wahrscheinlichkeit dafür ist äußerst gering“, sagte Briggs. „Die tatsächliche Flugzeit stimmt exakt mit der rechnerischen Flugzeit überein. Außerdem wäre das Flugzeug dann irgendwo nördlich oder südlich der Sahara aufgefallen. Da wird die Überwachung wieder dichter.“
„Dass die Flugzeit übereinstimmt, ist kein Argument“, sagte Anne. „Sowas gehört zu einem vernünftigen Plan. Und über Wahrscheinlichkeiten können wir gerne diskutieren. Wenn Sie auf der Flucht sind und Feinden entkommen wollen, würden Sie dann immer den wahrscheinlichsten Weg nehmen?“
„Nein“, gab Briggs zu.
„Wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, spielt kaum eine Rolle. Es gibt sie jedenfalls, und sie scheint mir größer als die Wahrscheinlichkeit, dass ein einsamer, kleiner Lantis aus einem militärisch gesicherten Labor ausbricht.“
Myers verstand diese Andeutung als Wink, sich einzumischen. „Was wissen wir über Haishans Flugzeug? Wie weit kann es mit vollem Tank fliegen?“
Briggs holte ein Datenblatt auf den Schirm. Myers und die anderen überflogen die Angaben.
„Zu weit“, sagte Myers. „Auch wenn wir keine genauen Daten haben, wissen wir, dass Haishan beim Hinflug nach Lantika nonstop von Beijing aus geflogen ist.“
Walter deutete auf einen Bildschirm, auf dem sich ein Globus langsam drehte. „Mit anderen Worten: Er könnte jeden Fleck auf diesem verdammten Planeten erreichen, außer vielleicht Hawaii und Australien.“
Für einen Moment war es still.
„Er ist dir entwischt“, sagte Yra zu Myers. „Etwas anderes hätte ich von Korgh auch nicht erwartet.“
Myers sah sie missbilligend an.
Yra zuckte mit den Schultern, drehte sich um und ging auf die Stufen zu, die vom Leitstand herunter führten.
„Wo wollen Sie hin?“, fragte Myers.
„Mich umsehen, mir ist langweilig.“
Myers schwieg verblüfft, solche Antworten war er nicht gewohnt. Sein Gesicht wurde eine Nuance dunkler.
Bevor er etwas sagen konnte, griff Walter ein. „Lass sie! Sie wird sich niemals einem Befehl unterordnen. Du kannst nur verlieren. Sie braucht dich nicht, aber du brauchst sie.“
Myers‘ Kiefer mahlten. „Mir gefällt es nicht, dass sie hier einfach so herumläuft.“
„Was sollte sie anrichten? Das Wesentliche hat sie schon gesehen, und den Rest …“ Walter deutete auf den Monitor mit Korghs möglicher Fluchtroute. „Yra wird dir bestimmt nicht entwischen und zu den Chinesen überlaufen. Wir haben wichtigere Probleme als eine gelangweilte Lantis.“
Myers sah Yra hinterher und dann Anne und Walter an. „Ich würde euch am liebsten alle rauswerfen lassen.“
„Du hast uns nicht hierhin mitgenommen, weil wir dir sympathisch sind, sondern weil du unsere Unterstützung willst.“
„Bei der nächstbesten Gelegenheit werde ich das Rauswerfen nachholen.“
Walter zuckte lässig mit den Schultern. „So viel Mühe musst du dir gar nicht machen, wir würden sogar freiwillig gehen. Aber bis es so weit ist, lass uns den ausgebüxten Lantis einfangen.“
Myers sog hörbar die Luft ein.
„BRIGGS!“
Briggs hatte so getan, als würde er irgendetwas an seinen Kontrollen arbeiten, aber es war ziemlich offensichtlich, dass er die Diskussion aufmerksam verfolgte.
Er zuckte zusammen.
„Ja, Sir?“
„Sie werden alles vergessen, was Sie gehört haben. Haben Sie das verstanden?“
„Jawohl, Sir!“

Yra hatte den laut gewordenen Myers gehört. Sie sah zum Leitstand herauf – und winkte.
Anne kannte Yra sehr gut, trotzdem wusste sie nicht, ob Yra einfach so war, oder ob sie ab und zu ganz bewusst etwas anstellte, was aus dem Rahmen fiel.
„Lantis-Pack“, schimpfte Myers leise.
Aber Walter hatte es gehört. „Du konntest es nicht erwarten, dir einen eigenen zu erschaffen.“
„Du bist auch nicht besser. Ich hätte dich doch ruinieren sollen, anstatt dir durch meine beste Agentin eine Karriere zu verschaffen.“
„Zu spät“, sagte Walter.
„Mir wird was Neues einfallen.“ Myers sah auf den virtuellen Globus. „Briggs, geben Sie alle Infos an unsere Jungs in Fort Meade. Die sollen die Air Force, die Navy und alles, was wir haben, dransetzen, um einen Hinweis auf Haishans Flugzeug zu finden. Sie sollen auch die Daten von Eurocontrol anzapfen. Dann leiten Sie die Namen von allen Personen weiter, die wir in Haishans Flugzeug vermuten. Wenn einer davon irgendwo auf der Welt auftaucht, will ich das sofort wissen. Starten Sie das volle Programm. Gesichtserkennung, Stimmerkennung, Bewegungsmuster. Über alle sozialen Medien, Webcams und Überwachungskameras.“
„Ich bin dafür, die Sache öffentlich zu machen“, sagte Anne. „Die Gefahr ist zu groß, als dass wir irgendetwas unversucht lassen sollten.“
Myers sah Anne an, als zweifelte er an ihrem Verstand. „Öffentlich? Definitiv nein! Soll ich im Fernsehen verbreiten lassen, dass ein wildgewordener Lantis durchgebrannt ist? Einer, der vielleicht ein Massenmörder ist? Und der die Weltherrschaft an sich reißen will?“
„Man könnte es geschickter formulieren …“
„Nein! Wenn Sie auf Öffentlichkeit bestehen, ist unsere Zusammenarbeit sofort beendet.“ Er sah Anne herausfordernd an.
„Okay. Wir werden sehen, wie weit Sie kommen.“ Anne war zwar anderer Meinung als Myers, aber sie konnte ihn nicht zwingen. Und zusammenarbeiten mussten sie, wenn sie Korgh stoppen wollten. Anne hatte einen Sekundenbruchteil in Korghs Innerstes sehen können, als sie Yras Gedächtnis nach ihm durchforscht hatte. Was sie dort gesehen hatte, jagte ihr jedes Mal Schauder über den Rücken, wenn sie daran dachte. Und sie dachte oft daran. Myers ahnte nicht, welches Monster er in seinem Labor erschaffen hatte.

(Weiterlesen im Kindle Shop)

Copyright Cover & Leseprobe: Klaus Seibel
Publikation mit frdl. Genehmigung des Autors.

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Klaus Seibel, Die dunkle Seite des Erbes
E-Book (Kindle Shop) 2,99 Euro
Taschenbuch (Createspace) 8,99 Euro

Hinweis: Klaus Seibel ist Mitglied unserer Redaktion, Gastgeber der Indie-Lounge und mit seinem Label “Seibel Digital” Medienpartner von E-Book-News.

Der Feind von morgen, das sind wir selbst – Christian Schuetz, „Temporales Dilemma“ [Leseprobe]

temporales-dilemma-introEin Zufallsfund stellt die Welt des Frankfurter Physik-Professors Arno Brugger auf den Kopf: Sind Zeitreisen doch möglich? Merkwürdige Datenreihen, die sein verstorbener Kollege Thorwald Magnussen erhoben hat, scheinen das zu belegen. Brugger reist nach Norwegen, begleitet von Erik, einem Patienten seiner als Neurochirurgin tätigen Tochter Emma. Eine Gehirnanomalie verleiht dem technikaffinen Wunderkind außergewöhnliche Fähigkeiten. Zusammen entdecken sie in Magnussens Nachlass einen Gegenstand aus der Zukunft, deponiert von einem Zeitreisenden aus dem 25. Jahrhundert – für Erik! Langsam wird klar: ihr Schicksal wird von Wissenschaftlern aus der Zukunft manipuliert. Erik ist auserkoren worden, Korrekturen an der Zeitlinie vorzunehmen, was auch beinhaltet, Menschen zu eliminieren. Die Agenda der Zukunft wird offenbar nicht mehr nur von Wissenschaftlern bestimmt, sondern vom Militär. Was tun? Christian Schuetz lässt im Sci-Fi-Thriller „Temporales Dilemma“ das Ad-Hoc-Team aus Physiker, Hacker und Neurochirurgin kurzentschlossen den Kampf mit einem scheinbar übermächtigen Gegner aufnehmen – und damit zugleich den Kampf gegen die Zeit selbst. Unsere Leseprobe führt an den Beginn der Handlung, noch etwas mehr verrät die Blick ins Buch-Option im Kindle-Shop. (Übrigens, im gerade erschienenen zweiten Teilgeht der Kampf noch weiter…)

Christian Schuetz, Temporales Dilemma

Prolog

Marit Magnussen stand auf dem Holzbalkon ihres Hauses am Ufer des Vestvannet, eines Sees circa vierzig Kilometer östlich von Oslo gelegen, und wartete auf die Ankunft ihrer Gäste. Es waren für sie seltsame vier Tage gewesen, seit die Assistentin dieses Professors aus Deutschland angerufen hatte. Anfangs dachte Marit, es sei das Normalste auf der Welt, einem Kollegen ihres verstorbenen Mannes Einblick in dessen Unterlagen und damit Zugang zu seinem Arbeitszimmer zu gewähren.
Erst nach dem Gespräch war ihr so richtig bewusst geworden, wie selten sie diesen Raum seit dem tragischen Unfall betreten hatte. Für Ordnung sorgte dort zwar regelmäßig die Putzfrau, aber Marit konnte die Zahl ihrer eigenen Besuche in diesem Zimmer an beiden Händen abzählen. Monatelang hatte sie mit dem Schicksal gehadert und sich selbst die Schuld für Thorwalds Tod gegeben. Natürlich war das unbegründet, aber dies einzusehen hatte sie viele Sitzungen bei einer Psychologin gekostet.
Zumal das nicht ihr erster Verlust war. Ihr Sohn Leif war gestorben, als er gerade mal drei Jahre alt war. Das war eigentlich ein viel schlimmerer Schicksalsschlag für Marit gewesen, aber damals war sie noch jünger und sie hatte einen Mann, mit dem sie den Schmerz teilen konnte.
Es war für Marit leicht, sich einzureden, dass das Schicksal es für sie nicht vorgesehen hatte, ein glückliches Leben zu führen, da sie zunächst den Sohn und dann auch noch den Ehemann verloren hatte. Über ihre Depressionen war sie mittlerweile aber hinweg.
Durch diesen angekündigten Besuch kam das alles aber wieder hoch und sie musste auf ihr Leben und ihre Verluste zurückblicken. Dieser Professor konnte natürlich nichts dafür, aber sie wünschte sich doch, er hätte Thorwalds Studie ruhen lassen. Die letzte Arbeit ihres Mannes war sowieso für alle seine Kollegen rätselhaft geblieben.
Marit hatte sich zwar stets für die Arbeit ihres Mannes interessiert, aber ihr reichten oberflächliche Erklärungen, wie „Polarforschung“ oder „Neue Energien“ oder „Magnetfeldphysik“. Thorwald hatte ihr trotzdem immer alles genauer erklärt, was er gerade erforschte und er hatte ein feines Gespür dafür, wie detailliert er in seinen Ausführungen werden konnte.
Aber seine letzte Studie wollte oder konnte er ihr nicht näherbringen. Nahezu beunruhigend war seine Erklärung: „Ich mache das für Leif! Irgendwann wirst du es verstehen!“ Sie hatte es danach vermieden, ihn nochmal darauf anzusprechen.
Auch an seiner Uni schien man ihm ungeahnte Freiheiten zu gewähren, obwohl keiner dort wirklich wusste, was er vorhatte. Dann, etwa zwei Monate vor dem Unfall, begann er eigenartig, ja gar schwermütig, zu werden. Aus heiterem Himmel fing er an, von seinem Lebenswerk zu sprechen, obwohl sich dies noch im Entstehungsprozess befand. Wenn sie ihn fragte, ob ihm etwas fehlte, sagte er stets, dass alles in Ordnung sei. Ihm ginge nur Vieles im Kopf herum.
Und dieser Ausflug zum Ski-Trekking war auch etwas, das er bis zu diesem Zeitpunkt noch nie gemacht hatte. Marit hatte gehofft, dass der Trip sein Gemüt erhellen und seinen Akku auffüllen würde. Thorwald war schon immer ein geborener Naturmensch, aber er hatte vor dieser Trekking-Tour nur wenig frische Luft schnuppern können, weil er sehr viel Zeit an der Uni oder in seinem Arbeitszimmer verbracht hatte.
Sie machte sich zwar Sorgen, als er aufbrach, aber sie hoffte einfach, einen erholten Mann zurückzubekommen, der wieder mehr Freude am Leben zeigte. Vielleicht sogar ein wenig von dem Mann, den sie mit gerade einmal zwanzig Jahren kennengelernt hatte…

Er war damals Gast in einer Fernsehshow, bei der sie als Assistentin fungierte. Mit sechzehn hatte sie von einer Karriere als Model geträumt. Der Traum blieb nicht völlig unerfüllt. Sie posierte in Sommerkleidern für Kataloge und durfte sogar eine hübsche Leiche in einem Fernsehkrimi spielen. Später folgten Werbe-Spots für Zahncreme und Tampons, aber die großen Laufstege der Welt blieben ihr verwehrt. Ein Agent sagte ihr, sie wäre zwar sehr hübsch, aber einfach nicht markant genug.
Zu dem Zeitpunkt, als Professor Thorwald Magnussen seinen Auftritt als Experte für Polarlichter und die arktische Flora und Fauna in einer Samstag-Abend-Quiz-Show hatte, war Marit am Tiefpunkt ihrer Karriere. Sie hatte den Job nur über die Besetzungscouch bekommen können und hatte sich bereits entschlossen, dem Showbusiness den Rücken zu kehren.
Da lief ihr bei den Proben dieser Mann über den Weg. Für ältere Männer hatte sie schon immer ein besonderes Faible, was vielleicht der Tatsache zu schulden war, dass sie ohne Vater aufgewachsen war. Klischee oder nicht, es hatte sofort gefunkt.
Natürlich war sie nicht die Einzige, die begeistert von ihm war. Das Publikum liebte ihn, wie er mit einfachen Worten die Entstehung von Polarlichtern erklären konnte. Oder wie er Filmaufnahmen von spielenden Polarfuchswelpen kommentierte und von einer Begegnung mit einem ausgewachsenen Eisbären berichtete.
Thorwald hatte den Zuschauer im Sturm erobert und man wollte von ihm mehr sehen. Es folgten Einladungen zu einer Late-Night-Show und einer Experten-Diskussion, und Marit gelang es zumindest immer, als Hostess an den Produktionen beteiligt zu sein.
Sie flirteten hinter den Kulissen, aber er schien, vielleicht aufgrund des Altersunterschieds von dreiundzwanzig Jahren, etwas zurückhaltend zu sein. Doch dann wurde sie eines Tages in das Büro eines der Produzenten gerufen. Ihr Vertrag lief aus und sie befürchtete erneute Avancen, auf die sie nicht eingehen wollte.
Sie dachte, der Abschied vom Showbusiness wäre nun gekommen, doch dann sagte ihr dieser Produzent, er bereite eine dreiteilige Serie vor und sie wäre explizit als Moderatorin angefordert worden.
„Vom wem?“, platzte es aus ihr heraus und die Antwort machte sie einfach nur glücklich.
„Dieser Professor Magnussen, Polarforscher! Sie haben doch schon mit ihm gearbeitet. Sie scheinen einen gewissen Eindruck bei ihm hinterlassen zu haben.“
Das Konzept war Thorwalds Idee und er hatte sich damit durchgesetzt, weil der Sender ihn schlichtweg haben musste. Koste es, was es wolle! Sie reisten fast drei Monate mit einer Aufnahmecrew durchs winterliche, nördlichste Norwegen und die Sendungen waren so aufgebaut, als würde der Professor der netten, jungen Moderatorin die Welt erklären. Oder zumindest diesen kleinen Teil der Welt.
Prinzipiell war es auch genau das. Manchmal musste sie eben nur so tun, als hätte sie etwas Spezielles noch nie gesehen, auch nicht bei den Proben. Die Sendungen waren jedes Mal soziales Gesprächsthema und selbst die kühlen norwegischen Klatschblätter hatten schnell ihren Aufmacher: „Das Model und der Professor! Wie heiß wurde es in der Arktis?“
Marit hätte ihnen schon sagen können, dass es sehr heiß geworden war, aber die beiden ließen den Rummel an sich abprallen. Das ruhige Gemüt der Skandinavier sorgte wohl dafür, dass das öffentliche Interesse auch nie zu groß wurde.
Als sie mit einem Fernsehpreis ausgezeichnet wurden, waren sie bereits verheiratet und Marit im dritten Monat schwanger. Ihre Karriere hatte sie an den Nagel gehängt und wollte einfach nur Ehefrau und Mutter sein. Für dreieinhalb Jahre waren beide so glücklich wie man nur sein konnte.

Dann kam die Nacht, die alles veränderte. Ein Geräusch hatte sie geweckt. Alles war dunkel. Ihre Hand suchte auf der anderen Seite des Betts nach ihrem Mann, aber der war nicht dort. Sie blickte zum Babyphone. Das Lämpchen flackerte leicht, aber es war nichts zu hören.
Sie drehte sich gerade wieder zurück und wollte weiterschlafen, als sie aus dem Gerät einen Schrei hörte: „Nein!“
Sie fuhr herum. Das Adrenalin schoss durch ihren Körper und sie saß bereits aufrecht, als sie Thorwald zum zweiten Mal schreien hörte. Sie sprang auf und rannte zum Kinderzimmer, ohne sich vorher anzuziehen.
Als sie an die Tür kam, sah sie als erstes ihren Mann über Leif gebeugt, wie er zweimal mit der Faust auf den Brustkorb des Jungen schlug. Völlig schockiert dachte Marit, ihr Mann würde dem Kind etwas antun.
„Was machst du da?“, rief sie entsetzt, aber Thorwald antwortete nicht, weil er zu konzentriert und auch offensichtlich selbst zu schockiert war. Dann erst erkannte Marit den Versuch einer Herzmassage und dass sich Thorwald hinuntergebeugt hatte und seinen Sohn künstlich beatmen wollte. Als er sich aufrichtete und wieder begann den Brustkorb zu bearbeiten, gehorchten Marits Beine wieder.
Sie stürzte zu Leif und presste ihre Lippen auf die ihres Sohns. Marit hatte keinerlei Ausbildung in Rettungsmaßnahmen, aber sie wollte alles in ihrer Macht Stehende für ihr Kind tun. Sie presste so oft und so heftig Luft in die Lungen ihres Sohnes, bis ihr schwindlig wurde und sie neben dem Bett auf die Knie ging.
„Ein Mann war hier drin bei ihm!“, sagte Thorwald plötzlich. Marit hörte die Worte, aber verstand sie nicht. Sie sprang wieder auf und wollte Leif weiter beatmen, aber ihr Mann packte sie bei den Schultern und zog sie an sich.
„Marit! Nicht! Er ist tot!“ Sie wollte sich mehrmals losreißen und schrie vor Verzweiflung, schrie ihren Mann an, schrie ihren Sohn an und schrie bis sie nicht mehr konnte.
Dann ließ Thorwald sie los und Marit umarmte ihren toten Sohn. Dass ihr Mann das Zimmer verließ und die Polizei rief, hörte sie nicht mehr. Erst als fast zehn Minuten später das Blaulicht durch das Fenster flackerte, ließ sie ihren Sohn los. Thorwald legte ihr seinen Morgenmantel um, als der Notarzt bereits die Treppe hoch stürmte. Sie fühlte sich in diesem Moment absolut leer und betrachtete das Geschehen, als würde vor ihr ein Film ablaufen. Ihr Mann hielt sie im Arm, als der Arzt den Tod ihres Kindes feststellte.
Es war ihnen vorher schon bewusst, aber es so ausgesprochen zu hören, besiegelte das Drama einfach endgültig. Thorwald führte sie ins Schlafzimmer und setzte sie aufs Bett. Sie saß dort einige Minuten, bevor ein Polizist zu ihr kam und sie fragte, ob sie Hilfe brauchte.
Sie öffnete den Mund und ohne wirklich zu wissen, was sie da von sich gab, sagte sie: „Mein Mann hat gesagt, da wäre ein fremder Mann bei meinem Sohn gewesen!“
Der Polizist zuckte zusammen. Er war nicht gekommen, um sie irgendwie zu befragen. Der Professor hatte ihn einfach gebeten, doch bitte nach ihr zu sehen. Mehr wollte der Polizist gar nicht, doch plötzlich klang das nach einem Mordfall und er musste es melden.

Die Eheleute wurden getrennt voneinander aufs Revier gebracht und befragt. Marit konnte es nicht glauben. Gerade hatte sie ihren Sohn verloren und nun stellte man ihr Fragen, die darauf hindeuteten, dass die Polizei zumindest einen Verdacht gegen Thorwald hegte.
„Gab es Anzeichen?“, fragte eine Kommissarin sie. „Hat ihr Mann jemals die Hand gegen den Jungen erhoben? Oder gegen Sie?“
Marit antwortete fast apathisch auf die Fragen, die allesamt mehrfach gestellt wurden, so als ob man ihr etwas in den Mund legen wollte. Irgendwann schrie sie die Kommissarin dann an: „Lassen Sie mich endlich in Ruhe! Mein Mann ist kein Schläger! Kein Mörder!“
Marit war weinend zusammengebrochen. Der Anwalt der Familie war mittlerweile eingetroffen und sorgte dafür, dass die Magnussens wieder nach Hause durften. Die zuständigen Beamten entschuldigten sich für die Befragung. Dennoch war ihnen das Misstrauen gegen Thorwald anzusehen.
Zu Hause erzählte Thorwald ihr dann in Ruhe, was geschehen war: „Ich bin aufgewacht und musste zur Toilette. Da habe ich das grüne Licht aus Leifs Zimmer gesehen. Ich ging auf die Tür zu und sah durch einen Spalt diesen Mann, diesen Fremden!“
Marit zitterte. Ein Fremder im Haus machte ihr Angst, aber fast noch mehr Angst machte ihr die Möglichkeit, dass Thorwald sich das unter Stress eingebildet hatte oder gar, dass er Leif wirklich etwas angetan und sein Unterbewusstsein diesen Fremden erfunden hatte. Die Kommissarin hatte so etwas in der Art als typisches Verdrängungsverhalten angedeutet.
„Der Mann hatte ein Gerät in der Hand!“, fuhr Thorwald fort. „Das grüne Licht kam aus diesem Ding und er hat damit Leif angestrahlt. Ich bin losgerannt, aber dann hat ein Luftzug die Tür zugeschlagen. Als ich sie wieder aufgerissen habe, war der Mann weg. Keine Spur von ihm und Leif lag tot …“
Thorwalds Stimme brach in einem Schluchzen ab und Marit verschwand im Schlafzimmer und sperrte sich ein. Sie wollte davon nichts mehr hören. Am nächsten Tag sagte dann Thorwald, dass es ein schlimmer Traum gewesen sein muss, der ihn zu Leif geführt hatte. Er schien selbst akzeptiert zu haben, dass es Einbildung war.
Aber zwei Tage später nahm die Polizei Thorwald in Untersuchungshaft, nachdem der erste pathologische Befund als Todesursache die Schläge auf den Brustkorb genannt hatte. Die Medien hatten auch davon erfahren und Marit konnte die nächsten Tage nur mit heftigen Beruhigungsmitteln überstehen.
Nach etwa einer Woche kam die Rettung in Form des Abschlussberichts aus der Pathologie. Bei Leif wurde eine sehr seltene Erbkrankheit festgestellt, die die Zellstruktur geschwächt hatte. Dies hatte sich anscheinend über Monate auf sein Herz ausgewirkt, das dann einfach kollabiert war.
Die Krankheit wäre ohne spezielle Untersuchungen und Verdachtsmomente nicht festzustellen gewesen. Dass die Eltern nicht an der Krankheit litten, wäre nicht ungewöhnlich, weil der Fehler im Erbgut gerne mal zwei oder drei Generationen übersprang. Man entschuldigte sich für den Verdacht gegenüber Thorwald, aber auf den ersten Blick schien das Herz aufgrund heftiger Schläge auf den Brustkorb geschädigt worden zu sein.

Die folgenden Wochen waren für das Ehepaar trotzdem die Hölle. Beide gingen gemeinsam zur Therapie, verbrachten mehrere Wochen in einer speziellen Kureinrichtung für Traumapatienten, bis Thorwald endgültig davon überzeugt war, dass dieser fremde Mann nur Ergebnis seiner Fantasie war.
Ihre gemeinsame Therapeutin sprach davon, dass Thorwalds Unterbewusstsein einen Hilferuf aus Leifs Unterbewusstsein aufgefangen und so den Traum erzeugt haben könnte. Darauf hatte sie sich dann gemeinsam am Ende verständigt.
Wirklich glauben mochte Marit diese Erklärung allerdings nicht. Was sagte das denn über sie als Mutter aus? Thorwald hatte den Hilferuf gehört, sie aber nicht? Dennoch war es besser, die Ereignisse ruhen zu lassen, als ständig nach Antworten zu suchen.
Thorwalds berufliches Leben litt weiter. Er hatte jeden Antrieb verloren, aber seine Uni war geduldig, beurlaubte ihn und gab ihm viel Zeit, seine Angelegenheiten zu klären. Sechs Monate nach dem Tod von Leif fuhr Marit zu ihrer Mutter, weil es auch dieser nicht besonders gut ging.
Als sie nach drei Wochen wiederkam, war Thorwald wie ausgewechselt. Seine Papiere waren nicht nur in seinem Arbeitszimmer verstreut, sondern flogen bis in den Flur. Es war anscheinend seine Art und Weise, endlich den Verlust zu kompensieren. Er kehrte auch wieder an die Universität zurück und da er sein Leben scheinbar wieder in den Griff bekommen hatte, indem er sich in seine Arbeit stürzte, suchte auch Marit eine Beschäftigung.
Wirklich gelernt hatte sie nichts, aber sie konnte repräsentieren und so engagierte sie sich für eine Kinderhilfsorganisation. Sie wurde zum Gesicht der Initiative und war sehr erfolgreich in ihren Bemühungen, Geldmittel von Prominenz und Politik zu beschaffen.
Persönlich war ihr der direkte Kontakt zu den Kindern wichtiger. Das war Marits Weg den Verlust ihres Sohnes zu bewältigen. Ihre Organisation kümmerte sich um in Not geratene Kinder und jedes einzelne Lächeln eines dieser Kinder half, ihre Wunden zu heilen.
Der Ehe tat es natürlich nicht gut, dass beide auf unterschiedliche Weisen vergessen wollten und sich deshalb oft tagelang nicht sahen, aber ihr Fundament war dennoch stark genug, dass die Ehe hielt. Die Verliebtheit und vor allem der wilde Sex waren Vergangenheit, aber sie gehörten trotzdem zusammen. Und dann begrub vor sechs Jahren eine Lawine auch diesen letzten Rest ihrer Ehe. (Weiterlesen im Kindle Shop)

Copyright Cover & Leseprobe: Christian Schuetz
Publikation mit frdl. Genehmigung des Autors.

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Christian Schuetz,
Temporales Dilemma
E-Book (Kindle) 3,99 Euro
E-Book (epub) 3,99 Euro

(Fortsetzung: „Temporales Nachbeben“)

Comeback nach 65 Millionen Jahren – Klaus Seibel, Das Erbe der ersten Menschheit [Leseprobe]

erbe-der-ersten-menschheitErst war es nur eine uralte Schraube auf dem Mond, zufällig entdeckt von einem NASA-Rover. In einem globalen Wettlauf bemühen sich die Supermächte, das Artefakt zu bergen, mitten drin ist Anne Winkler, eine junge Astrophysikerin bei der ESA. Als Teil eines internationalen Teams fliegt sie zum Erdtrabanten, und macht eine unglaubliche Entdeckung. Klingt wie der Plot eines Sci-Fi-Thriller aus den USA, stammt aber aus der Feder des deutschen Bestseller-Autors Klaus Seibel. Sein Roman „Krieg um den Mond“ war der Auftakt zu einer neuen Sci-Fi-Serie. In Teil zwei – “Das Erbe der ersten Menschheit” – kehrt Anne Winkler auf den Mond zurück. Dort wartet weitaus mehr als nur eine Schraube. Die prähistorische Zivilisation der “Lantis”, vor 65 Millionen Jahren durch einen Meteoriten ausgerottet, hat in einem Mondkrater Zeitkapseln versteckt, die zahlreiche technische Apparaturen enthalten. Doch die Bergung gerät in Gefahr, als eine der Maschinen ungewollt aktiviert wird… Unsere Leseprobe führt direkt an den Beginn der zweiten Mondmission, noch etwas mehr verrät die „Blick ins Buch“-Option im Kindle-Shop.

Klaus Seibel: Das Erbe der ersten Menschheit

1. Kapitel

„Wenn Sie sich in eine fremde Umwelt begeben, müssen Sie sich in Ihrem Verhalten und vor allem in Ihrem Denken darauf einlassen.“
Dr. Anne Winkler drückte auf einen Knopf und die nächste Folie ihrer Präsentation erschien. Die Studenten sahen an der Stirnwand des Vorlesungsraums ein riesiges Foto. Es zeigte einen vermummten Mann, der neben einem umgebauten Geländewagen mit riesigen Reifen stand. Dahinter breitete sich eine endlos scheinende Eisfläche aus mit Bergen im Hintergrund.
„Nehmen wir an, Sie planen eine Expedition in die Antarktis. Dort ist es kalt. Also sagen Sie sich, dass Sie vor allem warme Kleidung einpacken müssen, um sich gegen die extreme Kälte zu schützen.“
Während Anne redete, ging sie vor den Studenten auf und ab. Die Blicke folgten ihr, vor allem die Blicke der jungen Männer. Anne schmunzelte. Es hatte sich nichts geändert. Vor etwas mehr als zehn Jahren hatte sie selbst noch mitten unter Studenten gesessen und auch einen Dozenten angehimmelt. Jetzt stand sie vorne und unterrichtete angehende Astronauten. Es waren vorwiegend Männer, um so mehr stach sie als weibliches Wesen heraus. Anne war zwar mehr als zehn Jahre älter als der Durchschnitt, was aber kaum auffiel. Sie hatte sich angewöhnt, am Fitnesstraining der Astronauten teilzunehmen und war entsprechend gut in Form.
Anne musste nicht mehr nachdenken, was sie sagen sollte, denn sie hatte diese Vorlesung schon oft gehalten. „Wenn Sie nun losziehen, schön warm eingepackt und mit ihrer gewohnten Ration an Essen und Trinken, was wird dann passieren? Sie werden nie wiederkommen. Jeder Atemzug, den Sie hier kaum spüren, bedeutet in der Umwelt der Antarktis eine Höchstleistung für Ihren Körper. Er muss die Luft von minus dreißig Grad auf plus 37 Grad bringen, und zwar in Sekunden und mehr als tausend Mal in jeder Stunde. Das ist eine enorme Heizleistung, die Ihre Energievorräte sehr schnell schrumpfen lässt. Dazu kommt, dass die Luft, die Sie einatmen, keinerlei Feuchtigkeit enthält, die Luft die Sie ausatmen aber jede Menge. Diese Feuchtigkeit kommt nicht aus dem Nichts. Sie müssen jeden Tropfen vorher trinken. Wenn Sie nicht viel mehr essen und trinken, als Sie es gewohnt sind, können Sie so warm angezogen sein, wie Sie wollen – Sie werden verhungern oder vertrocknen. Robert F. Scott trug bei seiner Antarktis-Expedition in sein Tagebuch ein: Großer Gott! Dies ist ein schrecklicher Ort.“
Anne blieb stehen, drehte sich zu den Studenten und wartete, bis ihr alle in die Augen sahen. „Sie wollen nicht in die Antarktis, Sie wollen auf den Mond. Ich kann Ihnen versichern, gegenüber dem Mond ist die Antarktis eine gemütliche Kuschelecke.“
Stille breitete sich aus.
„Wenn Sie nicht schaffen, das in Ihrem Denken zu realisieren, werden Sie erst gar nicht fliegen, oder, falls doch, werden Sie nicht zurückkommen.“
Fagott meldete sich. Er hieß eigentlich Jochen Schweitzer, aber alle nannten ihn nur Fagott, weil er so dünn war und tatsächlich Fagott spielte. Er wirkte immer etwas geistesabwesend, außer wenn Anne vor ihm stand, wie gerade jetzt.
„Ja bitte?“
Fagott räusperte sich. „Frau Dr. Winkler, wie sind Sie überhaupt auf das Konzept des „mondisch Denkens“ gekommen?“
Ein Raunen ging durch die Reihen. Die Antwort konnte man doch überall im Internet nachlesen und erst recht stand es in Annes Buch, das zur Standardvorbereitung des Kurses gehörte.
Anne beugte sich zu Fagott herunter und stützte sich mit den Händen auf der Tischplatte ab.
„Herr Schweitzer, wenn Sie wissen, dass Sie ohne eine gute Idee nur noch zwanzig Minuten Leben werden, dann glauben Sie gar nicht, wie schnell und kreativ selbst Sie dann denken werden.“
Die anderen Studenten lachten, aber dann wurde ihnen bewusst, dass das nicht nur einfach so dahergesagt war. Ihre Dozentin hatte es genau so erlebt.
Anne richtete sich wieder auf und klatschte zweimal in die Hände. „Fertig für heute. Bis zur nächsten Vorlesung stellt jeder fünf Punkte zusammen, was er bei einem Einsatz auf dem Mond an besonderen Umweltbedingungen zu beachten hat.“
Fagott sah sie zweifelnd an.
„Und wenn einer nur vier Punkte hat, lasse ich ihn den Kurs einer Sonde zum Pluto berechnen.“
Als Anne hinter ihren Studenten den Seminarraum verlassen wollte, stellte sich ihr ein Mann in den Weg.

2. Kapitel

Eine Zehntelsekunde, und Anne wusste, dass ihr dieser Mann unsympathisch war. Er war etwa in ihrem Alter, also Mitte dreißig, trug einen dunkelblauen Anzug mit korrekt sitzender Krawatte und dazu ein falsches Lächeln im Gesicht. Am meisten störte Anne der kaum sichtbare Ohrhörer.
Ein Agent, dachte Anne sofort und trat einen Schritt zurück. Ihre Erfahrungen mit Agenten hatten ihr gereicht, mehr brauchte sie nicht.
„Frau Doktor Anne Winkler?“
„Was wollen Sie?“
„Ich soll Sie abholen. Bitte folgen Sie mir.“
„Ich folge Ihnen keinen Schritt, wenn Sie mir nicht sagen, wohin ich gehen soll und warum.“
Anne blickte ihn kühl an und der Mann schien zu spüren, dass er so nicht weiterkam. Sie ließ sich weder überrumpeln noch einschüchtern. Sein Gesichtsausdruck wurde eine Spur verbindlicher.
„Ich soll Sie zu einem Meeting abholen. Ihr Chef, Dr. Bardouin, wird auch dabei sein.“
Das sollte Anne eigentlich beruhigen, tat es aber nicht.
„Wenn Dr. Bardouin mich sprechen wollte, könnte er mich einfach anrufen.“
„Das kann er Ihnen selbst erklären. Ich habe nur meine Anweisung, dass ich Sie holen soll, und zwar so schnell wie möglich. Wir werden das Gebäude nicht verlassen, falls Sie das beruhigt.“
Das tat es tatsächlich.
„Gehen Sie vor.“
Im Gebäude der ESA fühlte Anne sich sicher, aber diese Behandlung war sehr ungewöhnlich. Dieser Mann war nicht vom Sicherheitsdienst der ESA, die kannte Anne alle. Warum ließ Dr. Bardouin sie von einem Fremden abholen?
Es ging in einen Gebäudetrakt, den Anne nicht kannte. Er gehörte zu dem Komplex, der wegen der starken Ausweitung der Raumfahrtaktivitäten nach ihrem Fund auf dem Mond neu gebaut worden war. Zu Beginn eines neuen Gangs blieb der Mann stehen.
„Geradeaus bis zum Ende, dann die letzte Tür rechts.“
Anne ging allein weiter. An den Wänden hingen noch keine der sonst allgegenwärtigen Bilder von Weltraummissionen. Alles war jungfräulich weiß, die Namensschilder neben den Bürotüren waren leer.
Die letzte Tür rechts befand sich in einer etwa zwei Meter tiefen Nische. Davor stand ein Mann, der der Zwilling dessen hätten sein können, der Anne abgeholt hatte. Sie war offensichtlich per Funk angemeldet worden, denn er war weder überrascht, noch fragte er nach ihrem Namen. Er zeigte nur auf eine Ablage, auf der Handys lagen.
Damit man uns nicht abhören kann. Anne wusste um die Manipulationsmöglichkeiten und Gefahren von Handys. Trotzdem – sowas hatte es bei der ESA noch nie gegeben. Was ging hier vor? Die Antwort lag hinter dieser Tür, die der Mann jetzt für sie öffnete.

(Weiterlesen im Kindle Shop)

Copyright Cover & Leseprobe: Klaus Seibel
Publikation mit frdl. Genehmigung des Autors.

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Klaus Seibel, Das Erbe der ersten Menschheit
E-Book (Kindle Shop) 2,99 Euro
Taschenbuch (Createspace) 8,99 Euro

Hinweis: Klaus Seibel ist Mitglied unserer Redaktion, Gastgeber der Indie-Lounge und mit seinem Label “Seibel Digital” Medienpartner von E-Book-News.

[Sponsored Post]: Andreas Eschbachs „Exponentialdrift“ – Protokoll eines Sci-Fi-Experiments in 42 Folgen

Schon mal was von „Exponentialdrift“ gehört? Wer diese Frage mit „Ja“ beantwortet, könnte entweder „Exponentialdrift“ mit „Kontinentaldrift“ verwechseln. Oder aber er könnte ein Außerirdischer sein, der im Körper eines Erdenmenschen wiedergeboren wurde, doch leider wegen technischer Probleme beim Transfer nicht mehr genau weiß, worin eigentlich seine Mission besteht. Leser der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung kennen das Phänomen schon etwas länger. Was in den meisten Fällen wohl daran liegt, dass Andreas Eschbachs Roman „Exponentialdrift“ dort ab September 2001 genau diesen Plot in 42 (!) Folgen entwickelt hat. Wie die Geschichte enden würde, wusste zu diesem Zeitpunkt niemand, auch Eschbach selbst nicht – denn die einzelnen Folgen entstanden „on the go“. Genau das sah der Deal zwischen FAS-Herausgeber Frank Schirrmacher und dem Sci-Fi-Autor vor.

Fabulieren in Echtzeit – wie Dickens & Co.

So wie Charles Dickens, Eugène Sue oder Wilhelm Raabe in der Epoche des klassischen Zeitungsromans „in Echtzeit“ fabulierten, sollte es auch diesmal passieren. Ein Experiment, das nicht nur der Sonntagszeitung gut zu Gesicht stand, die ab 30. September 2001 deutschlandweit erscheinen wollte. Der Roman sollte im Wissenschaftsteil erscheinen, insofern schien hier ein Science-Fiction-Experte gefragt – und Schirrmacher war nach der Lektüre von Eschbachs Zeitreise-Thriller „Das Jesus-Video“ überzeugt, den richtigen gefunden zu haben. Tatsächlich war auch Eschbach von der Idee sofort fasziniert – und fing nur wenige Wochen nach dem ersten Meeting an, mit Hilfe seines PSION-PDAs den literarischen Kampf gegen den Kalender aufzunehmen.

Wenn der Mann ohne Gedächtnis erwacht…

„Aktuelle Ereignisse schwammen wie Treibgut im Fluß der Erzählung mit, landeten an oder verschwanden, manche blieben Orientierungspunkte bis zuletzt“, schreibt Schirrmacher im Vorwort der Buchversion, die Lübbe Digital als DRM-freies E-Book herausgebracht hat (erhältlich z.B. beim E-Book-News-Sponsor epubbuy.com). Tatsächlich entwickelt die Story auch aus diesem Grund einen merkwürdig realistischen Sog, der noch verstärkt wird durch Nachrichten- Headlines der Post-9/11-Monate, die nachträglich zwischen den einzelnen Folgen eingefügt wurden. Das Setting selbst nutzt einen klassischen Trick zur Leserbindung – den „Mann ohne Gedächtnis“, der seine Identität mühsam rekonstruieren muss – so wie z.B. Johnny Smith in Stephen Kings 70er-Jahre Thriller „Dead Zone“/“Das Attentat“.

Von Johnny Smith zu Bernhard Abel

Doch Johnny Smith bleibt Johnny Smith, wenn sich auch seine Wahrnehmung verändert hat. Eschbachs Held Bernhard Abel dagegen hat etwas andere Probleme. „Stellen Sie sich eine Geschichte vor, die damit beginnt, dass auf einer Pflegestation für Apalliker ein Mann erwacht, der jahrelang im Wachkoma gelegen hat“, beginnt Eschbach sein Exposé für die FAS-Redaktion. Und kommt dann zum zentralen Twist: „Er ist überzeugt, dass der Name, mit dem man ihn nennt, nicht der seine ist.“ Denn schließlich gelangt der Patient zu der Erkenntnis, ein Außerirdischer zu sein. „Mit fremdem Blick beobachtet er das Treiben der Erdbewohner, mit fremdem Gefühl nimmt er auch sich selbst wahr, den Körper, in dem er lebt.“

Was wird am 3. Juni 2002 passieren?

Doch leidet Bernhard Abel vielleicht einfach nur an Wahnvorstellungen? Schon nach wenigen Folgen beginnt der Leser zu ahnen: der wiedererweckte Komapatient ist nicht der einzige Mensch auf der Erde, dem so etwas passiert ist. Es gibt nämlich noch andere Patienten, denen nach dem Aufwachen das Wort „Exponentialdrift“ im Kopf herumgeistert – und einer von ihnen versucht, mit dem „Neuzugang“ Kontakt aufzunehmen. Abels ehemalige Arbeitskollegen sind dagegen brennend an der Erinnerung des echten Abels interessiert – sie brauchen das Passwort für ein geheimes Projekt, das ausgerechnet mit SETI-Forschung zu tun hat, also mit der Suche nach außeriridischem Leben im All. Sie wissen merkwürdigerweise schon im voraus: am 3. Juni 2002 wird etwas passieren, das die Geschichte der Menschheit unwiderruflich verändert.

Abgesetzt nach 42 Folgen

Kurz zuvor trat dann allerdings in der realen Welt ein Ereignis ein, dass auch die Romanwelt erschüttern sollte – nach 35 Folgen mahnte die FAS-Redaktion den Autor, die Geschichte nun so rasch wie möglich zum Abschluss zu bringen. Das ist Eschbach dann auch tatsächlich auf eine Weise gelungen, die alle Verschwörungstheoretiker zufrieden stellen dürfte. Zugleich ereilte „Exponentialdrift“ auf der Plotebene aber auch das Schicksal von Fernsehserien, deren Fortsetzung kurz vor Ende einer Staffel komplett abgesetzt wird: nicht alle Handlungsfäden werden zu 100 Prozent zu Ende geknüpft, nicht alle in den Figuren angelegte Erzählpotentiale können noch ausgespielt werden. Das ist schade. Zugleich kann man aber froh sein, dass Eschbach das in Echtzeit geschriebene Ende für die Buchausgabe nicht noch überarbeitet hat – das ambitionierte Schreibexperiment lässt sich so nun auch 10 Jahre später noch eins zu eins nachvollziehen.

Andreas Eschbach,
Exponentialdrift
(Lübbe Digital 2010)
E-Book (epub/Kindle) 3,99 Euro

Abb.: Flickr/DragonRal (cc)

Mit Warp Neun durch Gutenbergs Galaxis: Wie populäre Genres den E-Book-Boom befeuern

Der E-Book-Boom in den USA hat ohnehin schon ein atemberaubendes Tempo. Doch bei populären Genres wie etwa Science-Fiction, Mystery oder Fantasy geht es quasi mit Warp-Geschwindigkeit voran – sie sind digital weitaus erfolgreicher als klassische Belletristik. Die großen Verlage stellen sich darauf ein, so hat etwa Random House gerade neue Digital-Only-Reihen gestartet wie „Hydra“ (Sci-Fi/Fantasy), „Alibi“ (Mystery) oder „Loveswept“ & „Flirt“ (Herzschmerz), Harper Collins ist mit dem Mystery-Label „Witness“ dabei. Für die Autoren ein lohnendes Geschäft: Random House beispielsweise bietet attraktive Konditionen, entweder einen Vorschuss und 25 Prozent Tantiemen, oder eine 50-Prozent-Beteiligung am Umsatz.

Populäre Genres mit 70 Prozent Marktanteil

Aus klassischer Verlegerperspektive mag das nach blankem Wahnsinn klingen. Doch wie Random House Vizechefin Allison Dobson betont, steckt durchaus Methode dahinter: „Einige E-Book-Kategorien werden deutlich stärker nachgefragt als andere. Die populären Genres haben als erste die Leser zum Umsteigen auf digitale Formate motiviert, und die Quote der E-Leser ist hier weitaus höher.“ Bei manchen dieser Genres soll der E-Book-Anteil auf dem US-Buchmarkt inzwischen bei 60 bis 70 Prozent liegen.

Sci-Fi-Fans als Early Adopter

Gerade bei Sci-Fi scheint es dafür auch eine sehr nachvollziehbare Erklärung zu geben – wer sich mit technologischen Zukunfsvisionen beschäftigt, ist eben auch gegenüber dem elektronischen Lesen deutlich aufgeschlossener als andere. Zugleich sind diese Early Adopter aber besonders kritisch gegenüber Digital Rights Management (DRM), und sie nehmen auch kein Blatt vor den Mund – ein Grund, warum der auf Sci-Fi spezialisierte US-Verlag Tor bereits seit 2012 komplett auf Kopierschutz verzichtet. Vergleichbare Tendenzen sind auch in Deutschland zu beobachten, so bietet etwa Lübbe Digital einige Romane von Bestseller-Autor Andreas Eschbach („Exponentialdrift“, „Herr aller Dinge“, etc.) auch ohne DRM-Schutz an.

„Digital ersetzt Paperback“

Die „Genre Fiction“ profitiert natürlich auch vom Gesetz der Serie. Anhänger populärer Genres gehören zur Spezies der Vielleser, die einerseits auf den Preis schauen, andererseits zeitnah Nachschub brauchen – perfekte Vorassetzungen für drahtlose digitale Vertriebsmodelle. Das Nachsehen haben dabei natürlich die für den Massenmarkt produzierten Taschenbücher: „Digital ersetzt Paperback, auf jeden Fall die Paperback-Erstveröffentlichungen“, so etwa Harper Collins Vizechefin Liate Stehlik. „Wir haben es hier mit lesehungrigen Kunden zu tun, die genreübergreifend mehrere Bücher pro Monat verschlingen.“ Das haben auch deutsche Verlage gemerkt: bei Bastei Lübbe produzieren Autorenteams mittlerweile komplette Staffeln von digitalen Serien wie etwa den Vatikanthriller „Apocalypsis“ oder die Mystery-Serie „Survivor“.

Antwort auf Self-Publishing & Fan-Fiction?

Spätere Printversionen sind hier ebensowenig ausgeschlossen wie bei Random House oder Harper Collins – doch erstmal nutzt man die E-Book-Schiene, um mit neuen Themen, neuem Design und vor allem auch neuen Pricing-Modellen zu experimentieren. Ein Grund für den elektronischen Aktionismus ist dabei wohl auch die Furcht, den Anschluss zu verlieren: Denn gerade bei Sci-Fi, Thriller & Co. brodelt die Self-Publishing-Küche am stärksten. In Großbritannien, nach den USA der am weitesten fortgeschrittene Markt für E-Books, erreichen Indie-Autoren in diesen Sparten schon einen Umsatzanteil von 20 Prozent. Und wie man an Amazons neuer Fan-Fiction-Plattform Kindle Worlds sieht, motivieren populäre Genres sogar die Leser zum Schreiben.

(via Wired.com)

Abb.: Flickr/ x-ray delta one (cc)

„Wir brauchen ein Post-Sci-Fi-Genre“: Alan N. Shapiro übersetzt Klaus Seibels Bestseller „Krieg um den Mond“

Was macht eine uralte Schraube auf dem Erdtrabanten? Als der Mond-Rover der NASA das seltsame Artefakt auf dem Erdtrabanten entdeckt, überschlagen sich die Ereignisse: mit allen Mitteln versuchen die Amerikaner, das Geheimnis für sich zu behalten. Doch die Bilder der Rover-Kamera wurden live ins Internet übertragen – und zu den „Augenzeugen“ gehört Astrophysikerin Anne Winkler, Praktikantin bei der Europäischen Weltraumbehörde ESA. Es beginnt ein globaler Wettlauf um die Daten und ihre Deutung, und zugleich ein neues Wettrennen der Supermächte: wer wird das Artefakt bergen? Neben den Europäern tritt nicht nur Russland, sondern auch China auf den Plan. Es ergeben sich ungewöhnliche Allianzen, und ungeahnte Chancen: die ESA-Praktikantin wird für eine internationale Mondmission nominiert – doch damit beginnt erst das eigentliche Abenteuer.

Transatlantische Sci-Fi-Kooperation

Was wie der Plot eines Sci-Fi-Thriller aus den USA klingt, stammt tatsächlich aus der Feder des deutschen Bestseller-Autors Klaus Seibel: der Roman „Krieg um den Mond“ ist seit letztem Jahr im Kindle-Store von Amazon.de zum Bestseller avanciert. Doch die USA spielt trotzdem eine wichtige Rolle: „Krieg um den Mond“ hat nämlich gerade den Sprung über den großen Teich angetreten – unter dem Titel „The Screw on the Moon“ startete das Buch vor wenigen Tagen im US-Kindle-Store. Besonderer Hingucker: Als Übersetzer konnte Klaus Seibel den prominenten Science-Fiction- und Medientheoretiker Alan N. Shapiro gewinnen, vielen Trekkies bekannt durch den Klassiker „STAR TREK: Technologien des Verschwindens“.

„Ich kannte Alan Shapiro von einem anspruchsvollen technischen Übersetzungsprojekt. Von daher wusste ich, dass er sich wissenschaftlich mit Science Fiction beschäftigt“, so Klaus Seibel über diese ungewöhnliche Sci-Fi-Kooperation quer über den Atlantik. „Ich dachte, jemand, der am MIT studiert hat und ein wissenschaftliches Buch über Star Trek geschrieben hat, muss ein außergewöhnlicher Mensch sein, der auch für ungewöhnliche Ideen offen ist“. Als Shapiro das nächste Mal nach Deutschland kam, stellte ihm Seibel das Projekt vor: „Alan erklärte sich bereit, ‚Krieg um den Mond‘ zu lesen – und für mich begann das spannende Abwarten. Wie würde er es aufnehmen?“

„Gegenwart braucht ein Post-Science-Fiction-Genre“

Tatsächlich gefiel Shapiro nicht nur die Story selbst, sondern auch die Idee, sie zu übersetzen und dem amerikanischen Publikum zugänglich zu machen. „Es ist ein beeindruckend gut geschriebener Roman, ausgedacht von einem Autor, der ganz offensichtlich ein sehr gutes Gespür für Erzähltechniken besitzt“, so Shapiro über Klaus Seibel und dessen Mond-Roman. „Das Buch ähnelt dem Science-Fiction-Genre, unterscheidet sich aber auch zugleich von den meisten Sci-Fi-Narrativen, so wie wir sie kennen“, findet der Übersetzer von „The Screw on the Moon“. Gerade weil Seibels Geschichte nicht in die klassische Schublade passe, habe ihn das Project gereizt: „Ich glaube, genau diese Art der Fiktion brauchen wir in der Gegenwart des Jahres 2013: so etwas wie ein ‚Post-Science-Fiction‘-Genre.“

„Quasi-realistische Gegenwart“

Dazu zählt Shapiro auch Seibels letzten Thriller „Schwarze Energie“, der am Genfer Kernforschungszentrum CERN spielt. Beide Romane würden mit sehr viel Vorwissen an Themen wie Wissenschaft, Technologie, Gesellschaft oder Geo-Politik herangehen, zugleich aber auch an die alltäglichen persönlichen Krisen, wie sie das stressige Leben im 21. Jahrhundert mit sich bringt. „Diese Storys sind in einer quasi-realistischen Gegenwärt angesetzt, nicht in einer imaginären oder fantastischen Zukunft. Sie halten sich bei der Beziehung zwischen dem, was ist, und dem was sein könnte, sehr genau an die komplexe Topologie unserer aktuellen Raum-Zeit-Konfiguration“.

„Deutsche Sci-Fi auf Augenhöhe mit US-Meistern“

Raum und Zeit sind natürlich auch davon beeinflusst, dass Seibel in Europa lebt. So spielt „Krieg um den Mond“ nicht nur im Kennedy Space Center von Cape Canaveral, sondern vor allem im hessischen Darmstadt, Sitz des „European Space Operations Centre“ der ESA. „‚The Screw on the Moon‘ zeigt, dass Sci- Fi in deutscher Sprache, angesiedelt im europäischen Sozial- und Technik-Kontext, sich auf Augenhöhe bewegt mit Werken von Berühmtheiten wie Philip K. Dick, Samuel R. Delany, Arhur C. Clarke oder Isaac Asimov“, lobt Shapiro. Außerdem seien die in Seibels Romanen enthaltenen Ideen eine Inspirationsquelle, um neu über die soziale und technologische Gegenwart nachzudenken: „Deswegen war es wichtig für mich, das Buch selbst zu übersetzen – ich habe mich dabei bemüht, eine Balance zwischen meinem American English und dem Flavor des Originals zu finden.“

[e-book-review] „Marke Eigenbau“, made in USA – Cory Doctorows „Makers“ ist Open Source-Sci-Fi

Makers Doctorow E-Book Bestseller Machine to build everthing.gif„Makers“ heißt der neue Sci-Fi-Roman von Boing-Boing-Blogger Cory Doctorow. Die Cyberpunk-Story über das Amerika der nahen Zukunft liest sich fast wie die Romanform von „Marke Eigenbau“. Wie es sich für einen Digital-Rights-Aktivist gehört, gibt es die E-Book-Version von Doctorows Roman als kostenlosen Download im Netz. „Makers“ macht seinem Namen alle Ehre: Die Creative Commons-Lizenz erlaubt nämlich sogar die Veränderung der Story.

Geld verdienen mit „abstrusen Fantasien von Web-Kommunisten“?

Aus der Sicht des Springer-Vorstandschefs Döpfner wäre so jemand wie Cory Doctorow wohl einer jener „verirrten Web-Kommunisten mit abstrusen Fantasien„. Einer von jenen, die nicht einsehen wollen, das Qualität auch im Netz immer etwas kosten muss. Muss es? Der kanadische Star-Blogger hat einen Weg gefunden, gegen DRM-Beschränkungen bei E-Books zu protestieren und gleichzeitig noch Geld damit zu verdienen. Der Mitgründer von BoingBoing.net ist nämlich ganz einfach selbst zum Romanautor geworden – und nutzt für seine Sci-Fi-Geschichten den Gratis-Download als Marketing-Instrument. Bereits das 2003 veröffentlichte „Down and out in the Magic Kingdom“ stellte der Digital Rights-Aktivist unter einer Creative Commons-Lizenz, die in diesem Fall nicht nur die Weitergabe, sondern auch die Veränderung ermöglichte: „The license agreement
gives you even more rights than you get to a regular book. Every word of it is a gift, not a confiscation. Enjoy“, fordert Doctorow seine Leser auf. Die haben sich daran gehalten und produzierten nicht nur verschiedene Übersetzungen und eine Audio-Version, sondern spannen die Story sogar in einer Art Fan-Fiction weiter. Im Gegenzug verlangte Doctorow von den Nutzern: „Read the book. Tell your friends. Review it on Amazon or at your local bookseller“. Auch diese Rechnung scheint aufzugehen – mit der Hardcover- und Paperpackausgabe konnte er erstaunlich hohe Umsätze erzielen.

„It will make dotcom look like a warmup for the main show“

Vor allem die Kombination Blogger & Autor scheint sich zu lohnen: Mit dem Roman „Little Brother“ schaffte Doctorow es im letzten Jahr sogar bis auf Platz acht der NYT-Bestsellerliste. Ging es bei „Little Brother“ um das Thema Terrorismus und Einschränkung der Bürgerrechte, so steht im aktuellen Roman „Makers“ ein neues Wirtschaftsmodell im Vordergrund – eine industrielle Revolution, die sozusagen in einer Bastler-Garage ihren Anfang nimmt. Gleich nach der nächsten US-Finanzkrise kauft ein britischer Investor namens Kettlewell die Reste von Kodak und Duracell auf. Mit Gadgets wie einem 3-D-Druckers, einer Art „Machine to build everything“, entwickelt von den Tüftler-Nerds Lester & Perry, soll das gesamte Wirtschaftsleben umgekrempelt werden. Wenn man so will, ist „Makers“ die Romanversion von Holm Friebes „Marke Eigenbau“ – schließlich kann mit dieser Maschine jeder Konsument zum Produzenten werden. „It will make dotcom look like a warm up for the main show“, verspricht Investor Kettlewell nicht umsonst – und plant, beim Startup KodaCell überhaupt nur noch Bastler-Genies einzustellen. Schließlich gibt es noch genug andere Ideen, die man nur umsetzen müsste:

„Jeder mäßig begabte Profi kann heutzutage alles mögliche zusammenbauen, ohne große Kosten. Nur hat niemand darüber nachgedacht, alle Konstrukteure zu einem Netzwerk zusammenzufassen, und ihnen ein ganz bestimmtes Ziel zu geben“.

Die eigentliche Heldin der Geschichte ist aber (wen wundert’s) eine Bloggerin namens Suzanne Church, die von Anfang an für die Netz-Community über das „KodaCell“-Projekt berichtet.

Kann der 3-D-Drucker auch eine Kalaschnikow ausdrucken?

Wie (fast) jede Revolution wird auch die Verwirklichung der schönen neuen Arbeitswelt bald von den Kräften der Reaktion gehörig ausgebremst – im zweiten Teil des Romans tritt nämlich der scheinbar übermächtigen Disney-Konzerns als böser Business-Troll auf. Neben Hollywood spielt Disney auch sonst eine wichtige Rolle in den Doctorowschen Zukunftswelten. In „Makers“ kann die Corporation die Gerichte davon überzeugen, dass mit dem 3-D-Drucker auch AK-47-Sturmgewehre für die Urban Guerilla in den amerikanischen Vorstädten produziert werden können – ein echtes Killer-Argument. Wer wissen will, ob die Garagen-Hacker es im dritten und letzten Teil von „Makers“ doch noch schaffen, den kulturindustriellen Komplex zu besiegen, dem bleiben verschiedene Alternativen: Doctorow selbst bietet Plaintext, PDF- und HTML-Versionen zum kostenlosen Download an. Weitere Links auf der Download-Seite verweisen auf „Fan-Conversions“, darunter epub-, Mobi-, Kindle- und weitere Formate. In die Audio-Book-Version, gelesen von Bernadette Dunne, kann man bei Random House hineinhören. Die Paperback-Version kostet bei Amazon 15,95 Euro.

Direkt-Publishing per Kindle & Sony Reader: US-Autoren lassen Verlage links liegen

RocketBoy Direkt-Marketing mit Amazon Kindle US-Autoren pfeifen auf Verlage.jpgEine Gruppe amerikanischer Sci-Fi-Autoren pfeift auf Verlage – und veröffentlicht E-Books ab jetzt direkt bei Amazon als Kindle-Version. Die über den „Book View Café“-Blog organisierte Gruppe bringt als erstes eine elektronische Anthologie mit dem Titel „Rocket Boy and the Geek Girls“ heraus. Das Direkt-Vermarktungs-Modell für E-Books dürfte auch für deutsche Autoren interessant sein – denn hierzulande sind die Honorarsätze für Autoren noch geringer als in den USA.

Die Kindle-Version der E-Book-Anthologie für Sci-Fi-Freunde gibt’s für 4,99 Dollar


Wer braucht noch Verlage, fragen sich derzeit viele Autoren – vor allem, wenn E-Books trotz stark sinkender Produktionskosten für die Urheber nicht deutlich mehr Honorar abwerfen als das gute alte Hardcover? Zuletzt hatte der renommierte MacMillan-Verlag noch Öl ins Feuer gegossen – er senkte die Ausschüttungen für E-Book Titel von 25 auf 20 Prozent. Eine Gruppe von erfolgreichen Sci-Fi Autoren, darunter Ursula K. Le Guin, Vonda N. McIntyre sowie Sarah Smith hat bereits Ende 2008 reagiert – und unter dem Titel „Book View Café“ (BVC) eine E-Publishing-Plattform gegründet. Nun geht das „Online Publishing Venture“ in eine neue Phase – mit der Anthologie „Rocket Boy“ peilt man ein ganz großes Publikum an – die E-Reader-Gemeinde von Amazon, Sony & Co. “Die Infrastruktur für das E-Publishing steht jetzt“, so Autorin und Projektmanagerin Sarah Zettel. “Die BVC-Autoren verfügen über genügend Content und haben auch das notwendige Wissen um davon von zu profitieren“. Um Exklusivität geht es jedoch nicht: Man nutzt zwar den E-Book-Store von Amazon, doch auf der BookViewCafe-Seite gibt es auch einen Download-Bereich für verschiedene andere Formate wie epub, pdf, mobi oder prc. Die Version für den Kindle kostet 4,99 Dollar.

Deutsche Autoren sind magere acht bis zehn Prozent Gewinnbeteiligung gewöhnt – bei Kindle E-Books könnten aber 50 Prozent winken

Das Projekt wird wohl nicht nur in der us-amerikanischen Literatur-Szene für heftige Diskussionen sorgen – schließlich waren viele der insgesamt 26 Mitglieder des BookView-Cafés bisher bei renommierten Verlagen unter Vertrag – z.B. Random House, Tor Books oder Simon&Schuster. Für viele populäre Autoren dürfte ein Direktvermarktungs-Modell auch in Europa interessant sein. Bisher sind bei Hardcoverausgaben hierzulande Honorare von acht bis zehn Prozent des Nettoladenpreises üblich, bei Taschenbüchern gibt’s acht Prozent erst ab einer Auflage von 100.000. In den USA ist man anderes gewöhnt: hier wird bei gebundenen Büchern etwa schon bei geringer Auflage zehn Prozent gewährt, viele Autoren landen schnell bei mindestens 15 Prozent. Andere Größenordnungen versprechen E-Books: Amazon hat keine Probleme, mit Bestseller-Autoren auf dem Kindle einen Fifty-Fifty-Deal zu machen. In Europa dürfte allerdings mittelfristig mangels einer genügend großen Zahl an E-Readern eher die Vermarktung über iPhone und andere Handys im Vordergrund stehen. Derweil haben die Sci-Fi-Autoren des Book View Club schon das nächste Projekt in Angriff genommen: am 15. Dezember erscheint der zusammenhängende Short-Story-Sampler THE SHADOW CONSPIRACY. („set in an alternate Victorian age filled with airships, and automata where a human’s soul can be stolen and a machine’s soul can be born“). Wie bei Rocket Boy gibt es keinen Umweg über Verlage – das Buch landet direkt auf den Displays von Kindle, iPhone & Co.